„Ich schäme mich noch heute , wenn ich diese Geschichte erzähle.“
Das ist Larissas Einstieg in unser Gespräch, in ihre Geschichte. Das ist ja mal ein guter Anfang, denke ich mir, sage aber nichts. Nach einer kurzen Pause holt sie tief Luft und beginnt.
„Ich war knappe 19 Jahre alt und ein riesiger Fan der Fasnacht. Ich liebte, liebe übrigens heute noch, alles was damit zusammenhing. Die vielen Guggen mit ihrer stimmungsgeladenen Musik, die Kostüme und Maskeraden. Bereits als kleines Mädchen habe ich mich gerne verkleidet und schon damals fand ich die Kinderfasnacht und der Fasnachtsumzug im Dorf etwas vom Grössten überhaupt. Es konnte für mich nie zu laut, zu bunt, zu schrill sein.
Da wir auf dem Land wohnten, waren solche Anlässe und Umzüge hoch im Kurs, gerne gesehen und gut besucht. Jedes Dorf hatte seine Guggenmusik, sein eigener Fasnachtsumzug und natürlich zur Krönung seinen Maskenball. Manchmal sogar zwei, einen am Nachmittag für die Kinder und am Abend für die Erwachsenen. Keinen einzigen habe ich je ausgelassen. Und an jedem nahm ich mit Passion in einem anderen Kostüm teil.
In diesem Jahr wollte ich aber unbedingt eine Steigerung, einen Ticken mehr. Ich wollte einmal ein ganz spezielles Kostüm tragen und meine Idee war, als Prostituierte am Maskenball teilzunehmen. Dies war aus diversen Gründen gar nicht so einfach. Zum einen wusste ich nicht so richtig, was ich tragen sollte. Ich wusste bloss, es musste viel Haut sichtbar sein und ein klein wenig schlampig, billig wirken. Doch wo sollte ich mir solche (Ver)kleidung kaufen? Das noch viel grössere Problem war, dass ich so im Dorf wo ich wohnte, nicht am Maskenball teilnehmen konnte. Gott bewahre, wenn mich Nachbarn, Freunde, oder noch viel schlimmer, jemand aus der eigenen Familie so sehen und erkennen würde. Dieses Risiko wollte ich dann doch nicht eingehen. Also musste ein anderer Plan her.
Dieser war ganz simpel und in meinen Augen perfekt. Einerseits konnte ich mit einer guten Maske mein Gesicht verdecken und anderseits fuhr ich in ein 25 Kilometer entferntes Dorf, wo mich sicher niemand (er)kennen würde. Wunderbar – es konnte losgehen.
Nach diversen Einkaufstouren hatte ich mein Prostituierten Outfit eingekauft und zusammengestellt. Es bestand aus schwarzen Netzstrümpfen mit einer Naht hinten am Bein, einem feuerroten Spitzen BH, einem Pullover mit vielen Löchern, damit der rote BH darunter für jeden gut sichtbar war. Dazu schwarze Samthandschuhe, schwarze Stiefel mit roten, hohen Absätzen, eine rote Federstola, und tonnenweise schwarz, rot und goldener Kitschschmuck. Das absolute Highlight war aber meine Maske. Sie war schwarz, nur Mund und Augen waren knapp sichtbar. Rund ums Gesicht hatte sie viele kleine, feine, schwarze Federn, die glitzerten und funkelten. Hinten am Kopf baumelten neckische Perlenschnüre. Ich habe die Maske übrigens bis heute als Erinnerungsstück aufbewahrt. In einer geheimen Schachtel, damit niemand der spontan zu Besuch kommt, sie sieht. Warum? Das wirst Du am Ende der Geschichte erfahren und verstehen. Eigentlich hätte ich sie heute mitnehmen sollen um sie Dir zu zeigen. Hmmmm, zu schade, dass mir dies erst jetzt in den Sinn kommt. Nun ja, ich bin eben auch nicht mehr die Jüngste.
Also habe ich mich aufwändig zurecht gemacht, schminken musste ich nur die Augen und Lippen, der Rest des Gesichts war ja sowieso durch die Maske verdeckt und Makeup würde unter dieser Maske zerlaufen. So machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof und fuhr zum weit entfernten Maskenball. Ich war richtig aufgeregt, weil ich mich auf den Ball freute und meinen Auftritt schon sehr gewagt fand.
Endlich kam ich an. Es war bereits beste Stimmung, laute Musik und proppenvoll. Der grosse Saal im Hotel war üppig und themenbezogen geschmückt, der Boden war übersät mit Konfetti und es wurde wild getanzt. Ich schaute mich erst mal um, damit ich mich zurechtfand. Ich trank zwei Gläser Prosecco, um in Stimmung zu kommen und beim dritten Glas stürzte auch ich mich ins Tanzgewimmel. Es war herrlich! Die Stimmung war ausgelassen, fröhlich, alle hatten riesigen Spass. Die Musik war dem Anlass angepasst und zwischendurch spielten diverse Guggenbands ihre Lieder.
Plötzlich tanzt mich ein Mann (so hoffte ich) im Robin Hood Kostüm von der Seite an. Richtig sexy. Aber halllooo…. der ging ganz schön ran. Wir tanzten eine Weile und mit jedem Lied kamen wir uns näher und näher. Der Durst lockte uns an die Bar, die nur spärlich beleuchtet war. Wir sahen uns immer tiefer in die Augen und schliesslich küssten wir uns. Und wie wir uns küssten! Heiss, gierig, innig, aufgeladen von zu viel Alkohol, verschwitzt vom Tanzen, aber wir konnten und wollten nicht aufhören.
Er zog mich in eine etwas ruhigere und noch dunklere Ecke und begann zu fummeln, es war so prickelnd. Dort standen wir wie zwei Jugendliche, knutschten, fummelten, erkundeten uns so gut es eben ging in einem öffentlichen Raum. Irgendwann gingen wir wieder tanzen, dann wieder an die Bar. Und bereites war es eine halbe Stunde vor Mitternacht. DER Moment. Demaskierung. Ich stellte mir den Mann wunderschön vor. Wer so toll küssen konnte und mich so heiss machte, musste einfach gut aussehen. Eine sexy Figur hatte er. was ich trotz Kostüm und dank Gefummel bereits feststellen konnte. Wir nutzten diese halbe Stunde dazu, um noch mehr rumzumachen und die Zeit verflog viel zu schnell. Da ertönte über die Lautsprecher bereits einen Countdown von zwanzig bis null. Bei fünf legten alle ihre Hände an die Maske um sie bei null herunter zu reissen.
Mein Herz raste, ich schwitzte, ich war so nervös und gespannt was für ein Mann mich erwarten würde. Wir standen ganzbeinander, die eine Hand an der Maske, mit der anderen hielten wir uns an den Händen. Drei! – Zwei! – Eins! Jeeeeeeetzt! Ertönte es. Wir zogen die Maske herunter.
Vor mir stand… mein Bruder.“
„Ach Du Schreck. Und dann?“
„War der Abend, die Stimmung, die Fasnacht, der Ball im Eimer. Peinlicher gings nicht. Es gab nichts, aber auch gar nichts zu sagen. Wir liessen unsere Hände los. Waren sehr verlegen und hatten beide glühende Wangen.
Nie hätte ich gedacht, dass andere Leute auch in entfernte Orte fuhren, um nicht erkannt zu werden. Heute weiss ich es (besser).
Jeder von uns verliess den Ball. Alleine. Bis heute haben wir nie ein Wort über diese Nacht verloren. Fasnacht mag ich übrigens immer noch, aber ich war nie mehr an einem Maskenball. Das habe ich nie mehr über mich gebracht.“
„Tja dann bleibt mir nur noch die Frage nach Deinem Lieblingszitat.“
„Trau-Schau-Wem“
Vielen Dank liebe Larissa, für diese bunte Geschichte und Dein Lieblingsrezept.