„Darf ich auch eine lustige, anstelle einer tragischen Geschichte erzählen?“ fragt mich Kathrin zu Anfang.
„Ja natürlich, sehr gerne. Es muss bestimmt nicht immer tragisch sein.“
„Vor vielen, vielen Jahren, an einem wunderschönen Spätsommertag, habe ich geheiratet. So richtig romantisch, mit allem drum und dran. In einem cremeweissen, zauberhaften Kleid, Seidenhandschuhen, mit Kopfschmuck, Hochsteckfrisur und Perlenschmuck. Mit festlicher Frisur und Makeup von einer Visagistin.
Dieser wichtige Tag war seit Monaten bis ins kleinste Detail durchgeplant und vorbereitet. Ich würde vom besten Freund meines verstorbenen Vaters zum Altar geführt. Zuvor würde er mich im blutroten Ferrari zur Kirche chauffieren. Nach der Kirche war die Fotosession auf einer Burg geplant und danach eine Kutschenfahrt mit allen Gästen ins Restaurant.
Mein Brautstrauss, der Strauss für meine Brautjungfer, die Kirchenblumen sowie die Blumendekoration fürs Restaurant waren perfekt aufeinander abgestimmt. Es war mir wichtig, dass alles passte, genauestens funktionierte und nichts daneben ging. Denn an diesem einen speziellen Tag wollte ich keinen Stress, keine Hektik und schon gar keine Pannen oder Probleme lösen müssen.
Bereits am Morgen wurde ich zum Coiffeur gefahren, die Visagistin war auch schon dort und sie verwandelten mich in eine Prinzessin. Ich fand, dass ich hinreissend aussah und war sehr aufgeregt. Die Ladies haben mich mit Kaffee, Champagner und Frühstück verwöhnt. Meine Brautjungfer war immer an meiner Seite. Fertig gestylt fuhren wir nach Hause. Dort wartete die Krönung auf mich. Nämlich mein Brautkleid mit seinen vielen Lagen Tüll und Spitzen, sowie Glitzer im Dekolleté. Zuletzt wurde mir noch der Haarschmuck aufgesetzt und festgemacht. Die Braut war fast fertig. Es fehlte nur noch das Blumenbouquet. Es lag auf dem Salontisch bereit und sah phantastisch aus. Wunderschöne cremeweisse Rosen, eingerahmt von sattgrünem Efeu, das unten zu einer Spitze herabhing. Es war so schön, dass ich mich kaum traute es zu berühren. Ganz vorsichtig und zaghaft nahm ich es in die Hand und bewunderte es. Es war wirklich perfekt, genau wie ich es mir vorgestellt und gewünscht habe.
Die Brautjungfer war auch bereit, wunderschön sah sie aus im langen blauen Festkleid und hatte ihren Strauss auch bereits in den Händen.
So, jetzt aber los und mit dem Ferrari zur Kirche. Es war gar nicht so einfach, sich mit diesem voluminösen Kleid und Accessoires in einen Sportwagen zu setzen. Ganz sachte legte ich den Brautstrauss auf die kleine Mauer neben Parkplatz. Nicht, dass ich ihn beim Einsteigen knicken oder Blüten verletzen konnte, das wäre zu schade gewesen. Zu dritt haben wir mich und das Kleid drapiert und festgeschnallt. Endlich, endlich konnte es losgehen. Wow – was für eine Fahrt in diesem sportlichen Auto. Der Motor dröhnte, ich strahlte, der Freund meines Vaters hatte grossen Spass und es war ihm eine Ehre, mich zu begleiten. So fuhren wir ungefähr 35 Minuten bis wir in Regensberg waren.
Regensberg ist ein kleines Dorf, auf einem Hügel den ganz oben eine alte Burg krönt. Das Dorf ist wie eine eigene Insel und verströmt einen altertümlichen Charakter. Man fühlt sich dort wie in einem Mikrokosmos, um Jahrzehnte zurückversetzt. Wir kamen an, stiegen aus dem Auto, da begannen auch schon die Kirchenglocken zu läuten. Es war an diesem Tag bestimmt schon der dritte Moment, wo mir die Tränen in die Augen stiegen. Es war fast zu schön um wahr zu sein. Wir schlossen die Autotüren, drapierten mein Kleid erneut um den kleinen Aufstieg zur Kirche in Angriff zu nehmen. Mit dem Auto darf man in Regensberg nicht bis ganz oben fahren und muss unten eingangs Dorf parkieren. Liebevoll besorgt fragte Fritz mich: „bist Du bereit, für den grossen Moment, können wir los?“ „Ja, unbedingt! – NEIN! Fritz wo sind meine Blumen?“ „Was für Blumen denn?“ „Na mein Brautstrauss natürlich.“ „Ja hast DU ihn denn nicht?“ „Nein… oh nein, nein, nein der Strauss liegt zu Hause auf der Mauer neben dem Parkplatz.“ Mir kamen nun so richtig die Tränen und ich war am verzweifeln.
Ohne Blumen konnte ich nicht in die Kirche. Das ging nicht. Die Kirchenglocken läuteten immer noch geduldig. Nur hatte ich das Gefühl, sie läuten immer lauter. Was natürlich nicht so war. Fritz sagte laut und bestimmt: „Meine Liebe, das ist kein Problem. Wozu fahre ich denn einen Ferrari? Ich rase zurück und wieder hierhin, Du setzt Dich hier auf die Bank und wartest.“ Das war ein guter Plan und ich beruhigte mich etwas. Ich trug keine Uhr und ein Handy hatten wir damals noch nicht. So hatte ich überhaupt kein Zeitgefühl. Irgendwann kam meine Brautjungfer von der Kirche her den Hügel runter zu mir. Sie war ziemlich aufgewühlt. „Was sitzt Du hier auf der Bank? Seit dreissig Minuten läuten die Kirchenglocken, es sind bereits Bewohner aus dem Dorf gekommen, weil sie dachten, es sei etwas passiert. Hast Du Angst, oder Dich umentschieden? Und wo sind denn eigentlich Deine Blumen?“ „Ja eben, das ist es ja. Sie sind nicht mitgekommen. Ohne Strauss kann ich doch nicht in die Kirche. Und da ist Fritz extra nochmals zurückgefahren um sie für mich zu holen.“ „Das ist jetzt nicht Dein Ernst oder? Sag mir, dass das nicht wahr ist. Da oben warten 80 Gäste in der Kirche, mittlerweile sind die meisten wieder aus der Kirche raus gegangen. Es geht bereits das Gerücht um, Du hättest es Dir anders überlegt. Nimm meinen Strauss und wir gehen in diese Kirche rauf.“ „Das geht nicht, ich kann Fritz nicht stehen lassen. Er hat sich so sehr gefreut, mich zum Altar zu führe. Wir müssen jetzt hier warten.“ „Gut, dann warte Du hier und ich gehe wieder rauf und kläre die Gäste auf.“
Wenige Augenblicke später donnert der Ferrari um die Kurve und die Rettung war da. Schon hatte ich meinen Strauss in den Händen und wir liefen zur Kirche. Was für ein Oh, Ah und Hallo uns dort erwartete, war kaum zu glauben. Die Erleichterung stand allen ins Gesicht geschrieben. Am meisten aber meinem zukünftigen Mann, dem Bräutigam. Sogar er hatte sich offenbar einen kurzen Moment gefragt, ob ich davongelaufen war. Im Gegenteil, ich habe auf der Bank gesessen und gewartet. Nun konnten auch die Kirchenglocken verstummen und die Hochzeit begann.
„Heute muss ich so lachen, wenn ich über diese Episode nachdenke oder sie erzähle. Es wäre nämlich so viel einfacher gewesen, den Strauss meiner Brautjungfer auszuleihen und meinen Strauss nach der Trauung zu holen. Dann hätte man die offiziellen Fotos immer noch mit dem richtigen Strauss machen können. Und das Dorf hätte sich nicht versammeln müssen, weil die Glocken nicht mehr aufhörten zu läuten. Und der arme Bräutigam, so wie viele Gäste, hätten sich keine Sorgen machen müssen. Ach… hätte, wäre, würde… Schön wars trotzdem.“
„Wie lange seid ihr denn heute verheiratet?“
„Es hielt fünf Ehejahre…“
„Verrätst Du mir noch Dein Lieblingszitat?“
„Drum prüfe – wer sich ewig bindet.“
„Vielen herzlichen Dank für diese interessante und lustige Geschichte sowie Dein Lieblingsessen.“