Uf em Bänkli mit Barbara F. (46) in Brüttisellen

Wir sitzen in einem gemütlichen Landgasthof und haben vorerst das ganze Restaurant für uns allein. Wunderbar, denn so kann Barbara ungestört und in Ruhe erzählen. Zudem müssen wir den Prosecco nicht auf einer Bank draussen frierend trinken. Das Beste daran? Wir sitzen tatsächlich auf einer Bank.

„Früher habe ich immer, ja ausnahmslos, jeden Samstag auf Tele Züri Swissdate geschaut. Keine Folge habe ich verpasst, ich war richtig süchtig danach. Wenn ich am Samstag nicht schauen konnte, dann spätestens am folgenden Sonntag als Aufzeichnung. Aber was rede ich da – alle haben wir es geschaut, alle. Nur hat es keiner zugegeben.

Es war Samstag, ich sass vor dem Fernseher, Swissdate lief und da sah ihn – Ben. Wow, was für ein sympathischer, attraktiver Mann. Gross, sportlich, Velofahrer mit charmantem Solothurner Dialekt. Blond, blaue Augen und eigentlich überhaupt nicht mein Beuteschema. Trotzdem zog er mich in den Bann und dies nicht zu knapp. Ich war total geflasht von ihm. Es war surreal, ich sass vor dem Fernseher und himmelte diesen gutaussehenden, fremden Mann an. Er wohnte in Oensingen, das schien mir dann doch etwas weit weg von meinem Wohnort. Es konnte mich aber nicht daran hindern, Feuer und Flamme für ihn zu sein.

Blöd war, dass er im Fernsehstudio war und die nächsten Stunden mit einer Auserwählten in den Ausgang gehen würde, während ich zu Hause sass. Alles, was ich tun konnte, war ihm eine Nachricht auf die eingeblendete Telefonnummer zu schicken. Das habe ich dann tatsächlich gemacht. Ungefähr mit den Worten, dass er mir sehr gut gefalle und ich ihn charmant fände. Ich habe mich kurz vorgestellt und geschrieben, dass ich mich auf eine Antwort von ihm freuen und ihn gerne kennen lernen würde.

Am nächsten Samstag wurde in einer Rückblende der Ausgangsabend gezeigt. Ein schickes Nachtessen und danach die Nacht in einem angesagten Club. Für mich wirkte es nicht, als hätten die beiden sich gefunden. Sie wirkten einander nicht nah oder vertraut. Ich schaute den beiden gespannt und sehr genau zu. Ich hoffte inständig, dass sie keine Gefühle füreinander hatten und sich nichts zwischen ihnen entwickeln würde. In dieser Woche zwischen der Sendung und dem Rückblick habe ich von ihm keine Antwort auf meine sms erhalten. Das fand ich zuerst befremdend doch eigentlich war es war sehr anständig von ihm. Denn in diesen sieben Tagen war er mit der Kandidatin aus der Sendung beschäftigt.

Dann kam die ersehnte Antwort von Ben. Er schrieb mir, dass meine Worte ihn total berührt hätten. Wir schrieben schnell wild hin- und her, aber nicht sehr lange. Denn wir wollten uns unbedingt hören und haben dann miteinander telefoniert. Stundenlang haben wir über Gott und die Welt gesprochen. Da der Weg von Oensingen nach Geroldswil und umgekehrt kein Katzensprung war, lernten wir uns vorerst per Telefon kennen.  

Doch sehr bald war mir dies zu wenig und ich sagte ihm dass ich nicht siebenmal täglich mit ihm telefonieren wolle. Das reiche mir nicht. Ich wollte und musste ihn persönlich kennenlernen. Ich musste ihn sehen, riechen, halten um herauszufinden und spüren ob es matcht.

Wir haben uns getroffen. Ungefähr in der Mitte des Weges, sehr unromantischen an einer Autobahn Raststätte. Hilfe, das erste Date an einem solchen Ort… Doch wir beide wollten uns auf neutralem Boden und nicht zu Hause bei einem von uns treffen.  Also gingen wir dort etwas trinken. Was passierte? Bäääämm!! Der Blitz hat sofort heftig eingeschlagen, wir haben uns ineinander verliebt. Aber so richtig. Der Fall war für beide klar, wir waren ab sofort ein Paar und wollten den Weg gemeinsam gehen. Als wir uns verabschiedeten haben wir uns zum ersten Mal umarmt und scheu geküsst. Nicht wild und stürmisch sondern wirklich scheu, fein und zart.

Kaum zu Hause angelangt, telefonierten wir schon wieder miteinander und haben gespürt, wir wollten wirklich mit dem anderen zusammen sein und eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Wenn da nur nicht diese grosse örtliche Distanz wäre. Das hat uns beide sehr beschäftigt. Wie konnten wir dies lösen? Beide waren verwurzelt, dort wo wir wohnten und arbeiteten. Trotzdem waren wir überzeugt, dass wir dies versuchen sollten und schaffen würden.

Wir haben uns so oft es ging getroffen, meistens bei ihm. Wir gingen aus, wir verbrachten gemütliche Wochenenden bei ihm, haben zusammen eingekauft, gekocht, gegessen. Wir lernten uns immer besser kennen und fühlten uns einander immer näher. Es wurde uns immer klarer, dass wir zusammenbleiben wollten.

Ich hatte zu dieser Zeit noch einen Hund und der arme Ben hatte eine Tierhaarallergie. Das war nicht ganz einfach. Die Lösung war, schweren Herzens meinen Hund wegzugeben. Zum Glück habe ich für ihn ein schönes neues Zuhause gefunden.

Meine Abende waren ab dann ausgefüllt mit hin- und herfahren, die Wochenenden habe ich irgendwann fast ausschliesslich bei und mit ihm verbracht. Er kam zwar ab und zu auch zu mir, doch seine Wohnung war schöner, grösser, praktischer. Die Umgebung war ansprechender, mit viel mehr Natur rundherum als bei mir. Es schien auch, dass seine Wurzeln stärker waren als meine. Er hatte seine Familie, seine Freunde, den Job, Vereine, Sport, Hobbys etc. und ich verstand, dass er dies vorerst nicht einfach so aufgeben wollte. Es wäre für ihn viel schwieriger gewesen alles zu verlassen als für mich.

So bin ich bei ihm eingezogen. Zuerst bin ich gependelt, da ich meine Arbeit noch im Kanton Zürich hatte. Täglich zweimal auf der A1 durch drei Kantone fahren, belastete mich zunehmend. Dazu kam, dass wir immer wieder zu spüren und hören bekamen, dass Zürcher und Solothurner nicht gleich funktionierten. Vor allem aus seinem Umfeld. Ich musste mir ständig unzählige Sprüche anhören. Was will ein Solothurner mit einer Zürcherin. Was sucht eine Zürcherin bei einem Solothurner. Die Kommentare zu meinem Kontrollschild. Meine Güte. Es war so ermüdend und wiederholend. Manchmal stresste es mich mächtig. Ich meine, es war nun mal so und punkt. Es ging niemanden etwas an, es war unsere Entscheidung.

Weisst Du, ich zog schlichtweg der Liebe wegen dorthin. Offen für alles Neue und ohne Vorurteile. Es erstaunte mich, machte mich traurig, so oft Sprüche über meine Heimat, den Zürcher Snobismus und mein Kontrollschild zu hören. Ich dachte, es würde nie aufhören. Es dauerte einige Zeit, bis man mich annahm wie ich war und feststellte, dass Zürcherin sein nichts Ansteckendes oder Schlechtes war.

Irgendwann hatte ich dann ein Solothurner Kontrollschild, was das Umfeld offenbar besänftigte. Ich fands schräg. Doch was solls, damit war die Kirche wieder im Dorf und die Gemüter beruhigten sich allmählich. Das Traurige daran war, ich fühlte mich dort nicht wohl. Ich kam nie an, ich fühlte mich nicht zu Hause. Deshalb zogen wir schon bald weiter, in den Kanton Zürich. Dort war dann unsere erste gemeinsame Wohnung.

Es kam der 8. Juli 2006 und wir haben geheiratet. Es war eine wunderschöne kirchliche Hochzeit. Eine Märchenhochzeit im Schloss Heidegg, inmitten von Rebbergen. Die Braut in Weiss mit wundervollen Blumen, der Bräutigam elegant im Anzug. Alles hat gestimmt, alles war perfekt.

Zwei Jahre und einige Wohnungen später kam alles anders.

Ich war nicht glücklich. Egal wo wir wohnten, ich war nirgends zu Hause, fühlte mich nie wirklich wohl. Wir zogen diverse Male um, doch an jedem Ort war es das Gleiche. Ben hat damals alles für mich getan, um mich glücklich zu machen. Dieses ewige hierhin und dorthin ziehen war für ihn bestimmt nicht einfach. Schlussendlich hat es doch nicht das gesuchte und gewünschte Glück gebracht. Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass es nicht die Wohnungen, die Orte waren die nicht passten. Sondern unsere Beziehung. Sie war es, die mich nicht erfüllte und unglücklich machte. Ich war nie in unserer Ehe angekommen und ich war bei uns als Paar nicht daheim. Das war unendlich schwierig und traurig.

Ben war so ein lieber Mensch, er hat immer alles für mich gemacht. Er hätte mir die Welt zu Füssen gelegt. Doch es machte mich nicht glücklich. Im Gegenteil, ich fühlte mich immer elender, hatte ein schlechtes Gewissen.

Ich musste mir eingestehen, so geht es nicht weiter. Wir waren an einem Punkt angelangt, wo die Familienplanung zum Thema wurde. Ben wünschte sich ein Kind. Da fragte ich mich, ob ich mit diesem Mann an meiner Seite eine Familie wollte. Ob ich mit ihm gemeinsam alt werden wollte. Nein, das wollte ich nicht, wenn ich ehrlich war. Das alles hat mich komplett erdrückt. Das war sehr schwierig, er stand an einem ganz anderen Punkt als ich. Er war offen und bereit für alles. Aber ich wollte nicht mehr, hatte mich bereits begonnen emotional zu entfernen. Ab dem Moment wo mir klar wurde, dass ich das alles nicht mehr wollte, begann in mir ein Prozess. Ich begann mich abzunabeln, ging wieder öfter alleine aus oder nicht mit ihm. Ich unternahm wieder Sachen ohne ihn, vergnügte mich ohne schlechtes Gewissen. Das tat mir zwar gut, doch ich wusste so sollte es nicht sein. Das ist nicht richtig und nicht fair Ben gegenüber. So konnte und wollte ich nicht mehr mit ihm zusammen sein und weitermachen.

Ich wollte ihm offen und ehrlich sagen, dass ich mich von ihm trennen und die Scheidung wollte. Da kam etwas Unschönes dazwischen. Ich war eines Nachts im Ausgang, meine Kollegin sorgte sich um mich und schrieb Ben, ob ich gut heimgekommen sei. Ich war aber längst noch nicht zu Hause. Morgens um zwei kam ich heim, Ben war wach und erwartete mich mit Tränen in den Augen. Ich war todmüde und wollte nur schlafen, aber er hat gebohrt und gefragt was los sei. Ich verschaffte mir noch die letzten Stunden Aufschub indem ich zwar sagte, dass ich nicht mehr glücklich sei, wir aber gerne am Morgen miteinander sprechen konnten. Da wusste er wohl schon was ihn erwartete. Eigentlich war das dumm, denn dieser Aufschub hat nichts besser gemacht. Geschlafen haben wir nämlich beide nicht.

Tja, am nächsten Morgen platzte dann die Bombe. Ich habe die Karten auf den Tisch gelegt, ihm alles gesagt, was mich belastete, und dass ich nicht länger mit ihm zusammen sein wollte. Die nächtliche Episode habe ich nicht gebeichtet, es war so schon schlimm genug für ihn. Das war hart. Bis gestern war seine Welt noch in Ordnung und ab jetzt nicht mehr. Heute zeigt mir dies, das war ganz typisch für uns. Wir waren nicht auf derselben Ebene. Sonst hätte er längst spüren müssen, dass etwas nicht im Lot ist. Und ich hätte längst mitteilen müssen, dass ich unglücklich war.

Ben’s Welt brach zusammen. Er stand vor einem Scherbenhaufen. Er hat alles in unsere Beziehung investiert. Er zog für mich nach Zürich, nahm hier eine neue Stelle an, baute sich ein neues Umfeld auf. Er war glücklich mit mir und sah eine rosige Zukunft mit Kind, Haus und Trallalla. Ich leider nicht mehr.

Dann ging es darum alles wieder auseinander zu dividieren. Ich wusste, ich konnte nicht mehr dort wohnen. Ich konnte nicht als Kollegin dort in der gemeinsamen Wohnung bleiben. Schon gar nicht, da er noch tiefe Gefühle für mich hegte. Ich rief meinen Vater an und bat ihn um Hilfe. Von jetzt auf gleich durfte ich bei ihm einziehen, er hatte glücklicherweise genügend Platz für mich. Ein Kollege organisierte einen Lieferwagen, damit ich meine persönlichen Sachen zu meinem Vater transportieren konnte.

Das war dann die Trennung, nicht im Streit aber schon im Elend. Es war für uns beide schwierig. Relativ rasch haben wir die Scheidung eingereicht. Insgesamt waren wir ungefähr drei Jahre zusammen. Ich weiss, das ist nicht sehr lange. Doch wenn ich heute zurückblicke und ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, es hat von Anfang an einiges nicht gestimmt. Es gab viele Stolpersteine, die wir oder bessergesagt ich mir schöngeredet habe. Bis dann alles hochkam und mich die Realität brutal eingeholt hatte. Obwohl vieles gut und schön und harmonisch war, es hat einfach nicht gereicht.“

„Vielen herzlichen Dank liebe Barbara für dieses offene Gespräch und Deine nicht ganz einfache Geschichte.“

„Magst Du mir Dein Lieblingszitat verraten?“

„Lebe im Jetzt – das Leben ist vergänglich.“

Hier gehts zu Barbaras Lieblingsessen.

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