„Ich würde gerne davon erzählen, wie ich als ganz junger Mensch ins Berufsleben eingestiegen bin. Denn ich finde, das ist was mich bis anhin am meisten geprägt hat und auch weiterhin prägen wird.
Dabei habe ich unter anderem Dich, Nicole, kennen gelernt. Was diese Begegnung für eine Rolle gespielt hat, erzähle ich etwas später.
Angefangen hat es im zweiten Jahr der Sekundarschule A. Es beginnt so früh mit dem Thema Bewerbungen schreiben, eine Lehrstelle suchen, in die Arbeitswelt wechseln. Wir sind zu diesem Zeitpunkt fast noch Kinder, jedenfalls noch keine Erwachsenen. Wir werden damit intensiv konfrontiert, um im besten Fall am Ende des drittes Oberstufenjahres eine geeignete Lehrstelle gefunden zu haben.
Ich habe mich im kaufmännischen Bereich beworben, bei diversen Versicherungen und auf dem Notariat. An allen Orten durfte ich eine Schnupperlehre machen. Damals konnte ich nicht einschätzen, was mich wirklich erwartet und konnte mich nicht entscheiden. Das Einzige, was ich mit Bestimmtheit wusste war, dass ich im Büro arbeiten wollte. Entschieden habe ich mich dann für die Stelle, wo ich die erste Zusage erhielt. Dort hatte ich auch am meisten Berührungspunkte, da meine Familie Kontakte als Kunden dorthin pflegte. Ausserdem war der Arbeitsweg sehr kurz. Dass ich bereits vor dem Beginn des letzten Schuljahres eine Lehrstelle hatte, war für mich und meine Eltern schon beruhigend.
Als ich die Lehre bei der Versicherung begann, kam mir einiges von der Schnupperzeit bekannt vor. Doch nach und nach kam immer mehr Neues dazu und ich hatte einige Momente, wo ich erstaunt war, dass immer noch mehr Neues folgte. Im Sinne von oh, das muss ich auch können, oh das muss ich auch noch lernen. Der Träumer war in der realen Welt der Erwachsenen und im Berufsleben angekommen.
In diesen drei Jahren gab es einige Hochs und Tiefs. Am Anfang lief alles recht gut. Je älter und erwachsener ich wurde, merkte ich aber, dass es immer öfter Reibungspunkte gab. Ich bin ein Mensch, der mehr ja als nein sagt, viel mitmacht, viel mithilft und unterstützt. Vor allem, wenn es von mir erwartet wird. Je älter ich wurde, habe ich gemerkt, ich muss gar nicht immer ja sagen und immer alles machen und auf mich laden. Es ist auch nicht immer alles richtig, was von mir erwartet und mir aufgetragen wird. Das führte zwischendurch zu Unstimmigkeiten. Ich traute mich nachzufragen, mich zu wehren, für mich selbst einzustehen, wenn ich etwas nicht fair fand. Ich sagte, was mir nicht (mehr) passte, blieb immer höflich und respektvoll, jedoch kein Ja-Sager mehr. Das hat den Umgang der Arbeitskollegen mit mir verändert. Das war für mich sehr belastend.
Ich spürte, dass es nicht mehr wie am Anfang war, dass ich nicht mehr nur geprägt war von der Meinung meiner Eltern, Lehrer, Schule. Sondern dass ich mich entwickelte, veränderte und durchaus eine eigene Meinung bildete und vertrat. Das ich neue, eigene Glaubenssätze entwickelte und dafür einstand. Das war neu und gar nicht so einfach. Denn ich musste dafür büssen. Meistens kam von Vorgesetzen eine Standpauke, ein langer Monolog, der damit endete, dass ich gezwungen wurde wieder ja zu sagen, damit Frieden herrschte. Doch das wollte ich nicht mehr. Gebracht haben mir diese Monologe gar nichts, denn am Schluss hatte ich als Lernender nichts zu sagen und musste mich unterordnen. Nachhaltig hat sich gar nichts verändert und ich wurde immer noch nicht ernst genommen.
Nach drei Lehrjahren bekam ich zwar ein gutes Abschlusszeugnis, was mich verwunderte. Am letzten Tag lief ich dort hinaus und die Sache war für mich erledigt. Ohne irgendwelche Emotionen. Einfach fertig.
Auf zu neuen Ufern, zum neuen Job. Ich war erleichtert, dass alles vorbei war, ich erwachsener war und ein neuer Lebensabschnitt begann.
Jetzt möchte ich noch gerne eine Rückblende machen. Als Du ins Spiel kamst und ich Dich richtig kennen lernte. Das war im dritten Lehrjahr. Du warst meine Praxisbildnerin im letzten Lehrjahr. Ich durfte bei und mit Dir ein Jahr in der Schadenabteilung arbeiten. Mit Dir hatte ich jemanden an meiner Seite, mit dem ich über alles reden durfte, die mir zuhörte. Du hast mich immer ernst genommen und unterstützt. Du warst menschlich und hast mir fachlich so viel beigebracht. Du hast mich beschützt, aber nicht abgeschirmt. So, dass ich nicht alleine war und mich stets austauschen konnte. Du warst immer für mich da. Für mich war es dank Dir viel einfacher, durch dieses letzte Jahr zu kommen. Wir beide wissen, rundum wurde dies nicht goutiert. Unser guter, persönlicher Kontakt kam nicht überall gut an. Ich fand das sehr schade. Es war mein Glück, das letzte Lehrjahr mit Dir zu verbringen, es half mir viel auch im nächsten Job.“
„Einschub meinerseits. Die Arbeit in der Schadenabteilung war nicht pipifatz. Wir hatten 40-70 Telefonate am Tag. Das bedeutete in der Praxis: 40-70 verschiedene Bedürfnisse und Themen. Es eilte immer und jeder war irgendwie in Not. Es ging um Menschen, Notfälle, Emotionen, fehlendes Geld, es musste rasch, empathisch und professionell gehandelt werden. Das war manchmal auch für uns routinierte Mitarbeiter eine Herausforderung. Für junge Menschen mit wenig (Lebens-) Erfahrung ist das enorm viel. Du hast das hervorragend gemeistert. Ich war schon nach kurzer Zeit überzeugt, dass dies eines Deiner nächsten beruflichen Tätigkeitsfelder sei. Du warst so offen, ehrlich, freundlich, empathisch, fürsorglich – genau all das braucht es unbedingt in diesem Job. Übrigens hatte ich noch nie, einen so tollen Lernenden wie Dich. Ehrlich – das ist nicht geheuchelt. Du warst fleissig, eine vollwertige Arbeitskraft und das trotz Schulabwesenheiten. Du warst so jung und so bereit. Deine Menschlichkeit, Dein Charakter haben mir imponiert. Ich weiss, dass Dir genau dies (unter anderem) in der Lehrzeit zur Last gelegt wurde. Das war nicht nur für Dich sondern auch für mich schwierig. Schlussendlich war es ein Mitgrund für mich diese Firma zu verlassen. Weil Du und ich andere Werte vertraten und dafür einstanden.“
„Ich zog weiter, im gleichen Unternehmen jedoch an einen anderen Standort mit einem neuen Tätigkeitsfeld. Es war sicher zu meinem Vorteil, dass mein zukünftiger Vorgesetzter ein Bekannter unserer Familie war. Er war bei uns privat zum Nachtessen und erzählte, dass er jemanden für sein Team suche. Ich war wohl tatsächlich die geeignete Person dafür. Vielleicht klingt dies jetzt salopp, doch ich sagte mir, diese Chance packe ich. Wieso sollte ich diese Möglichkeit ausschlagen und den komplizierten Weg gehen, wenn er diesmal einfach war. Denn ich wusste, der Job würde mir Spass machen, also nahm ich das Angebot an.
Es war für mich umso erleichternder, dort anzufangen, weil ich meinen Lehrvertrag einen Monat früher als geplant beendet hatte. Somit konnte ich lückenlos weiterziehen. Das nahm mir Druck aus dem Thema. Der interne Wechsel ermöglichte mir, einen guten und einfachen Übertritt in die Berufswelt nach der Ausbildung. Ich war erleichtert, ja geradezu euphorisch.
Doch dieser Zustand nahm rasch ab. Ich habe von vielen in meinem Umfeld gehört, dass es ihnen sehr ähnlich ergangen ist. Die anfängliche Begeisterung nahm rasch ab, nicht das Interesse aber der Enthusiasmus. Am Anfang, im ersten oder zweiten Jahr war alles super, ich hatte einen neuen Job, ich gehörte dazu. Das nahm dann immer mehr ab. Ich wusste nicht, ob das immer so ist, denn das war meine erste Arbeitsstelle nach der Ausbildung. Ich hatte noch keine Erfahrung diesbezüglich. Doch mit all denen, wo ich mich ausgetauscht habe, vor allem mit Jüngeren, war die Situation die gleiche. Ich denke es kommt daher, dass wir uns von der Lehrzeit her gewohnt sind, dass sich alles sehr schnell ändert. Neue Abteilung, neue Branche, neues Lehrjahr, neue Lernbegleitung, alles war rasch, im Fluss und änderte sich stetig. Dies fiel nun weg.
Ich stellte fest, dass ich zwei Möglichkeiten hatte. Entweder ich beisse durch oder ich suche mir die nächste Veränderung. Ich habe mich entschieden durchzuhalten und mich in dieser Zeit weiterzubilden. Das war und ist mir wichtig. Ich wollte diese Zeit nutzen um in meine weitere Ausbildung zu investieren. Wenn es intellektuell im Job schon nicht mehr eine so grosse Herausforderung ist, kann ich diese überschüssige Energie gut nutzen um Neues zu lernen und weiter zu kommen. Das war meine Entscheidung um in meine Zukunft zu investieren. Interessanterweise sehe ich in meinem nahen Umfeld, dass sich bei fast allen genau dasselbe abspielt. Entweder machen sie eine Weiterbildung oder beginnen ein Studium. Jeder weiss, was man jetzt lernt, hat man nachher im Päcklein – das kann einem keiner mehr nehmen.
Nun bin ich an meiner Weiterbildung und der Enthusiasmus an meinem Job sinkt kontinuierlich. Ich hätte zwar Interesse an etwas Neuem, doch die Zeit ist aktuell noch nicht reif dafür. Ich habe jetzt noch ein Jahr Weiterbildung vor mir. Dann könnte ich theoretisch einen Schritt weitergehen und eine neue Stelle suchen. Doch, da ich mich verpflichtet habe, nach der Weiterbildung zwei Jahre dort zu bleiben, würde ich das Geld verlieren, das sie in meine Weiterbildung investiert haben. Ich weiss heute noch nicht, wie ich mich entscheiden werde. Alles was ich weiss, der Branche werde ich auf die eine oder andere Weise treu bleiben, denn die interessiert mich sehr.
Auch hier stelle ich fest, dass es in meinem näheren Umfeld genau gleich abläuft. Man hat was man hat, man ist zwar offen für etwas Anderes. Jedoch abwartend und entspannt was die Zukunft noch bringen wird. Und sonst probiert man halt etwas Neues aus.
Meine Lehrzeit vermisse ich nicht, das habe ich nie. Da ich während der Lehrzeit nicht in einem Kokon war (was aber hätte sein sollen), war es für mich damals ein normales Arbeitsverhältnis. Ich war als Lernender nicht privilegierter als andere Mitarbeiter, sondern ein ganz normaler Angestellter. Das war speziell, denn in den meisten anderen Betrieben ist das nicht so. Dort werden Lernende beschützt, gestützt, gefordert und gefördert. Sie haben einen gewissen Welpenschutz, der ihnen auch zustehen sollte.
Das einzig Positive was ich dieser Situation abgewinnen konnte war, dass der Übertritt ins Arbeitsleben keine Veränderung und somit auch nicht ein grosses Aha-Erlebnis war. Es ging genau gleich weiter, einfach an einem anderen Ort.
Da ich anschliessend eine weitere Ausbildung begann, war auch dies nichts neues. Der Alltag besteht auch aus Arbeit und Schule.
Mein nächstes Ziel ist, die Schule abzuschliessen, mich dann in der Branche neu zu orientieren. In welche Richtung weiss ich noch nicht genau. Sicher möchte ich mich weiterbilden, aber nicht im Sinne von einer zweiten Lehre sondern mit anderen Aus- und oder Weiterbildungen innerhalb der Versicherungsbranche. Es soll etwas sein, wo ich mich anstrengen muss, etwas das mich (heraus-)fordert. Ebenso wünsche ich mir neue und andere Menschen kennen zu lernen. Im Moment fühlt sich alles was mein Job betrifft, etwas abgegriffen an.
Ich möchte mir im Geschäft ein neues Umfeld erschaffen, das finde ich menschlich und für die Karriere ganz wichtig. Mein Netzwerk soll gedeihen und wachsen, damit ich mich weiterentwickeln und weiterkommen kann.
Für alles was als nächstes kommt, bin ich offen. Ich möchte mich auf nichts einschiessen oder bereits im Vorfeld versteifen. Je entspannter und unbefangener ich herangehe, desto mehr Möglichkeiten lasse ich mir dadurch offen. Diese Offenheit ist mir wichtig. Nicht im Sinn dass ich hopphopp spontan einfach das nächste nehme, das natürlich nicht. Ich bin überzeugt, wenn man mit einem gesunden Mass Unbefangenheit durchs Leben geht, hilft einem dies in jedem Lebensbereich. Zum Beispiel geht man so viel aufgeschlossener mit Problemen und Herausforderungen um. Ich möchte neuen Situationen, Themen, Bereichen so begegnen, dass ich mich ihnen öffnen und stellen kann und danach in Ruhe entscheiden darf. Diese Qualität möchte ich noch viel mehr leben und verinnerlichen. Daran möchte ich gerne arbeiten.
Bis anhin wurde mir immer vorgesagt, welchen Weg ich wie gehen soll. Eltern, Lehrer, Schule, Berufsschule, Vorgesetzte, überall wird einem gesagt was gut oder schlecht ist. Wie man was finden soll. Das möchte ich in Zukunft nicht mehr.
Ich achte bereits heute sehr darauf, ein stabiles gesundes Umfeld zu haben, das gibt mir Kraft und Halt. Sei dies innerhalb der Familie, bei Freunden, in der Beziehung oder mit meiner eigenen Persönlichkeit, mit meinem Ich. Das erspart mir Stress, denn ich weiss ich kann immer auf sie und sie auf mich zählen. Das ermöglicht mir, auch hier offen sein zu dürfen.
Meine Kernbotschaft ist, im Leben immer offen zu bleiben, in allen Belangen. Seid mutig, wenn’s nicht klappt, dann halt nicht. Wenn’s nicht gut kommt, ist es nicht schlimm, es kommt das nächste. Im schlimmsten Fall hast Du einen Abend verschwendet, etwas Geld in den Sand gesetzt. Aber es kommt wieder anders und besser.“
„Verrätst Du mir Dein Lieblingszitat?“
„Ja gerne es ist seit Jahren auch mein Whatsapp Status: living means dying without regrets. Übersetzt: Lebe, damit Du nichts bereust, wenn Du stirbst.“
„Vielen herzlichen Dank für dieses schöne Gespräch, den Einblick den Du der Leserschaft in Dein junges Leben gibst.“
Hier gehts zu Fabios Lieblingsessen.