Wir sitzen auf einer Bank, vor uns ist ein kleiner Springbrunnen der plätschert. Olena ist etwas nervös, sehr konzentriert und beherrscht. Ganz bei sich. Sie sieht wunderschön aus, mit ihren engelsgleichen, langen, blonden Haaren. Sie hat offene Augen mit einem wachen, etwas vorsichtigen Blick. Sie wirkt auf ihre ganz besondere Weise zart und fein und doch sehr stark. Sie begleitet eine gewisse Traurigkeit, doch wenn Olena lacht, geht die Sonne auf. „Vielen Dank, dass ich hier sein darf. Ich möchte gerne aus meinem Leben erzählen“ beginnt sie leise.
„Ich komme aus der Ukraine. Im Jahr 2014 hat meine Familie in Luhansk gewohnt. Das ist im Osten der Ukraine. Wir wohnten in einem Haus etwas abseits, ungefähr 30 Minuten von der nächsten Stadt entfernt. Ich war damals in der Universität Kiew eingeschrieben und habe Literatur, Englisch und Französisch studiert. In diesem Jahr hat in der Ukraine der Krieg begonnen. Zwei grosse Städte und viele Dörfer waren besetzt durch die russische Armee. Ich habe meine Familie mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen. Meine Eltern waren in Luhansk und ich wohnte im Studentenwohnheim in Kiew. Ich war damals 19 Jahre alt. Es war eine sehr schwierige Zeit, weil ich keine Verbindung zu meinen Eltern aufnehmen konnte. Sie hatten aufgrund des Krieges keinen Zugang zu Internet oder Telefon. Ich habe sie schrecklich vermisst. Sie durften auch nicht nach Kiew reisen, weil Luhansk bereits von Russland eingenommen worden war. Meine Eltern hatten kein Geld, um irgendwo in einem anderen Land ausserhalb Russland oder der Ukraine ein neues Leben aufzubauen. Doch dort gibt es kein gutes Leben mehr für sie, keine Arbeit, nur Armut. Es war für sie eine sehr schwierige Zeit.
Meine Mutter wohnte weiterhin in Luhansk. Ich war mittlerweile mit dem Studium fertig und habe als Lehrerin gearbeitet. Somit konnte ich wenigstens meine Eltern unterstützen. Mein Vater durfte nun reisen und mich anfangs 2022 in Kiew besuchen. Eine Woche später hat der Krieg begonnen. Zuvor gab es von der Presse viele Informationen und Berichte, dass es sein könnte, dass ein Krieg auf uns zukäme. Das war surreal. Und unser Präsident Wolodymyr Selenskyj beruhigte uns immer wieder und beteuerte, dass alles gut wäre und es keinen Krieg geben würde. Wir wussten nicht, was nun wirklich die Wahrheit war.
Dann hat er begonnen, der Krieg. Am 24. Februar sollte ich wie gewohnt zur Arbeit gehen, aber mein Vater hat mich früher aufgeweckt und mitgeteilt, dass nun Krieg herrsche. Er hatte im Fernsehen gesehen, dass Präsident Selenskyj dem Volk um sieben Uhr den Kriegsbeginn verkündete. Effektiv hat er aber bereits um vier Uhr morgens begonnen. Wenige Stunden später hörten wir die ersten Bombeneinschläge ganz in der Nähe. Es gab den ersten Sirenenalarm und man musste in den Luftschutzkeller flüchten, wenn man konnte. Doch wir hatten in der Umgebung keinen Luftschutzkeller. Es gab im Stadtzentrum noch die Möglichkeit in Gänge der U-Bahn zu flüchten, aber bei uns gab es keine. Der einzige „Schutz“ den man uns empfahl war, sich in die Badewanne zu legen. Auch wenn das komisch klingt, es fühlte sich tatsächlich ein wenig wie ein Schutz an.
Wir wollten uns noch Notvorräte kaufen gehen und es war fürchterlich, nach draussen zu gehen. Vor den Geschäften standen unendlich viele Leute Schlange. Jeder wollte sich noch so viel Essen und Wasser wie möglich besorgen.
Du musst Dir vorstellen, wenige Kilometer entfernt siehst Du Rauchsäulen, hörst immer wieder Bombeneinschläge. Es war furchtbar. Diese Eindrücke konnten wir nicht verarbeiten. Am Himmel sahen wir die Jagdbomber, es war schlimmer als in einem schlechten Film. Es war so bedrohlich, so nah, so laut. Ich hatte unglaublich grosse Angst und wusste nicht, was als nächstes passieren würde. Mein Vater war auch verängstigt, doch er war ruhiger als ich, weil er diese Situation bereits zum zweiten Mal erlebte. Ich wusste nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Es war ein grosses Glück, dass er bei mir war.
Die Russen haben uns in Kiew täglich bombardiert. Die Wände, die Möbel, der Boden erzitterte jedes Mal. Arbeiten konnten wir nicht mehr, die Schulen wurden geschlossen, wie die meisten Geschäfte auch. Und die wenigen, die noch geöffnet hatten, waren leer. Wasser, Lebensmittel, alles was man für den täglichen Bedarf braucht, war nun Mangelware. Ich stand oft in einem Laden und es gab schlichtweg nichts mehr zu kaufen. Vom Staat gab es keine Hilfe. Wenn Du nicht nette Nachbarn oder Familienmitglieder hattest, die Dich unterstützten, warst Du verloren. Es war ein riesiger psychischer Stress, das ganze Leben war aus den Fugen und die Tage begannen und endeten mit Angst.
Nach ungefähr einem Monat sagte meine Kollegin, wir sollten flüchten. Nicht für immer aber vorerst aus dem Kriegsgebiet. Wir dachten die ersten Tage ja, dass der Krieg nur kurz dauern würde. Und auch als wir unsere Flucht vorbereiteten, waren wir überzeugt, in ein oder zwei Monaten würde alles vorüber sein. Wir packten je zwei Koffer mit dem Nötigsten an Kleidern und Schuhen. Für mehr reichte der Platz nicht. Wir mussten alles zurücklassen, auch wenn wir noch so sehr daran hingen. So flüchteten wir auf vielen Umwegen nach Zürich. Dort durften wir die ersten drei Wochen in der Saalsporthalle wohnen. Danach kamen wir bei einem älteren Ehepaar in Hombrechtikon unter. Dort bekamen wir ein Zimmer und wohnten einen Monat bei Ihnen. Es waren ganz liebe, hilfsbereite Menschen und sie sprachen sehr gut englisch. Wir konnten uns immer gut verständigen. Doch ich vermisste meine Eltern so sehr. Und was ich auch wahnsinnig vermisste, war das ukrainische Essen und meine beiden Katzen.
Meine Mutter wohnte immer noch in Luhansk und mein Vater blieb in Kiew. Dort entspannte sich die Situation irgendwann ein wenig und meine Kollegin ging alleine zurück nach Kiew. Sie musste ihre Arbeitsstelle wieder antreten und brauchte dieses Geld dringend, um ihre Wohnung weiterhin bezahlen zu können. Sie hätte diese sonst verloren. Meine Mutter wollte mittlerweile in die Schweiz zu mir kommen, sie hielt es nicht mehr alleine in Luhansk aus. Sie nahm die tagelange Reise mit Zug und Bus auf sich. Das Reisen dauerte so lange, weil man an sehr vielen Militärstützpunkten vorbeikommt. Und bei jedem Stützpunkt wird jeder Reisende minutiös durchsucht. Jedes Kleidungs- und Gepäckstück wird abgetastet, geleert und untersucht. Man muss detailliert erklären weshalb man wohin reist. Endlich, endlich kam sie bei mir in Hombrechtikon an.
Die Gemeinde hat für ukrainische Flüchtlinge ein Haus gemietet und dort haben wir ein Zimmer bekommen, meine Mutter und ich. Später sind wir dann mit einer weiteren Ukrainerin in eine kleine Wohnung umgezogen. Dort wohnen wir nun seit einem Jahr. Ich habe zwei Arbeitsstellen, eine als kaufmännische Angestellte und die zweite als Übersetzerin bei AOZ. Die AOZ erfüllt Aufgaben der Sozialhilfe und Integrationsförderung für Asylsuchende, Flüchtlinge sowie andere Zugewanderte. So ist es mir möglich, meine Mutter in der Schweiz und mein Vater in Kiew finanziell zu unterstützen.
Ihr Haus in Luhansk ist unbewohnt und ihr ganzes Hab und Gut ist dort. Auch sie kam nur mit dem Notwendigsten in die Schweiz. Bis anhin durfte sie auch nicht zurückreisen. Als letztes Jahr meine Oma gestorben ist, durfte sie nicht zur Beerdigung. Heute wäre es wahrscheinlich möglich, aber es braucht unglaublich viele Papiere und einen russischen Pass, den sie immer noch nicht hat als Ukrainerin. Ebenso mein Vater, der darf immer noch nicht aus der Ukraine ausreisen, weil er noch im diensttauglichen Alter ist. Was absolut keinen Sinn macht, mein Vater hatte einen Unfall bei der Arbeit in der Kohlemine. Seit dann war er invalid und konnte nicht mehr arbeiten. Und diensttauglich ist er schon gar nicht. Mittlerweile ist er im Pensionsalter und bekommt eine kleine Rente vom Staat, weil er 25 Jahre lang in der Mine gearbeitet hat.“
„Was war das schlimmste für Dich in dieser Zeit, seit Kriegsbeginn?“
„Alles, einfach alles war immer sehr schlimm für mich. Doch ich versuche, täglich das Beste daraus zu machen und mein Leben weiter zu leben. Am schlimmsten war es jeweils, wenn es ruhig wurde. Dann wuchs meine Angst ins Unermessliche, weil ich jeden Augenblick mit dem nächsten Angriff rechnete. Was auch sehr grauenhaft war: in einem durch russische Truppen besetzten Nachbardorf geschahen fürchterliche Sachen. Frauen, Männer, Kinder und alte Menschen wurden vergewaltigt, geschlagen, gedemütigt, gefoltert. Zum Teil wurden sie danach auch getötet. Unschuldige Zivilisten. Das passiert heute noch. Wie im zweiten Weltkrieg. Die Kriegsregel, dass keine Zivilisten angegriffen werden, gilt für Russland wohl nicht. Diese Schicksale zu hören, zu lesen oder mitzuerleben, war grauenvoll. Bis anhin wurde Kiew noch nicht direkt angegriffen, aber man weiss täglich nicht, was als nächstes passiert.
Diesen Sommer habe ich meinen Vater in den Ferien besucht. Das war ein sehr kompliziertes Unterfangen. Die Fahrt mit dem Bus dauert mindestens 35 Stunden, wenn alles glatt läuft. Je nachdem, wie die Situation am Grenzübergang ist, muss man dort bis zu zehn Stunden warten. Da man zurzeit nicht mit dem Flugzeug hinreisen darf und die Ukraine nicht in der EU ist, mussten wir den Landweg wählen. Die Kontrollen sind sehr strikt und rigoros.
Wir haben uns sehr gefreut, dass wir uns wieder gesehen haben. Doch es war für mich belastend. Ich habe einige Nächte in der Badewanne geschlafen, mangels Luftschutzraum. Irgendwann gewöhnt man sich sogar daran und schläft tatsächlich. Pro Tag gab es bis zu 10 Bombenangriffe. Die Situation war sehr heikel und gefährlich. Auch jetzt sahen wir wieder die Jagdbomber und hörten die Bombeneinschläge. Das Haus und der Boden zitterten oft bedrohlich. In der Zeit wo ich jetzt dort war, gab es ganz in der Nähe in einem Dorf einen Angriff auf Zivilisten, der mehr als zwanzig Todesopfer forderte.
Unterdessen haben sich meine Pläne wieder geändert. Ich werde nach Prag umziehen, zu meinem Lebenspartner, mit dem ich seit fast sieben Jahren zusammen bin. Da er für fünf Jahre eine Aufenthaltsbewilligung hat, haben wir Zeit, in Tschechien ein gemeinsames Leben aufzubauen. Wir werden heiraten und auf das Kriegsende warten. Ich werde eine neue Sprache lernen müssen und mir eine neue Arbeit suchen. Ach herrjeh.. schon wieder eine neue Sprache. Es fällt mir nicht leicht, das Leben in der Schweiz aufzugeben und dieses schöne Land zu verlassen. Ich habe drei Jahre lang deutsch gelernt, viel investiert, hart gearbeitet und gelernt. Ich habe mich bemüht, Fuss zu fassen hier. Ich fühle mich in der Schweiz sicher und bekam nie zu spüren, dass die Leute mich als Flüchtling oder Ausländerin sehen. Es gab bisher so viele schöne Momente und Begegnungen, das macht es mir nicht leicht, weg zu gehen. Doch am meisten werde ich wohl meine Arbeiten hier vermissen.
Aber ich freue mich natürlich sehr, endlich wieder bei meiner grossen Liebe zu sein. Denn diese grosse Distanz war oft schwierig zu ertragen, auch wenn wir uns in den Ferien besuchten. So wird nun Ende Monat ein neues Kapitel für mich, für uns beginnen.“
„Olena verrate mir bitte Dein Lieblingszitat.“
„Was mich nicht tötet, das macht mich stark!“
Vielen herzlichen Dank liebe Olena für dieses offene Gespräch und Dein Lieblingsessen.