Uf em Bänkli mit Heidi L. (49) in Herrliberg

Wir sitzen auf einer grünen Bank auf einem Hügel, rundum stehen Obstbäume und eine wunderschöne Wildblumenwiese umgibt uns. Vor uns liegt der blaue Zürichsee. Zuerst packt Heidi eine Tasche aus und zaubert eisgekühlten Roséwein, zwei Gläser und salzige Cracker hervor. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Es herrschen drückende 34 Grad, der Rosé schmeckt herrlich und rinnt kühl in unsere Kehlen.

„Wir starten im zarten Alter von 22 Jahren im Jahr 1999. Ich habe damals in München bei BMW eine Spezialausbildung absolviert. BMW hatte ein Pilotprojekt ins Leben gerufen. Mit Studenten, die tagsüber arbeiten und abends ab fünf noch ihrem Studium nachgehen. Sie wollten keine Fachidioten anstellen, sondern etwas anbieten, was Arbeit und Studium beinhaltet. Ich habe Maschinenbau mit Fachrichtung Konstruktion studiert und war dann eine von acht Personen, die teilnehmen durften. Ich war in der Abteilung für Design angestellt. Mit meinen knackigen 22 Jahren war ich in einer Abteilung mit zwölf, nicht mehr ganz knackigen Männer, die zwischen dreissig und fünfzig Jahre alt waren. Die meisten waren verheiratet und es war immer zu viel Testosteron im Raum. Heidi hatte dort ein super lässiges Leben. Wenn etwas nicht klappte, musste ich nur mit den Augen klimpern und die Sache war geritzt. Dort lernte ich meinen heutigen Exmann kennen. Frank war verheiratet und hatte einen dreijährigen Sohn. Wir haben uns angenähert, ich als junges, naives Kind vom Land fand das sehr toll, dass er mich so hofierte.

Ich war sehr in ihn verliebt. Jede Faser meines Körpers verzehrte sich nach ihm, die Welt war rosarot und wunderbar. Ich fand ihn sehr cool und Frank behandelte mich höflich, wertschätzend und zuvorkommend. Aber, es ist nun mal so, als Geliebte war ich immer die Nummer zwei. Zuerst kommen Frau und Kind. Nichts, mit gemeinsamen Geburtstagen, Ostern, Weihnachten und wenn ich krank war, war ich auch alleine. Die Geliebte wünscht natürlich irgendwann eine Entscheidung des Mannes. Interessanterweise war Frank jedoch chronisch eifersüchtig und sehr besitzergreifend. Wenn ich mit anderen Männern im Ausgang war, weil er in den Ferien mit der Familie war, flippte er immer regelrecht aus. Da hätten mir die Alarmglocken bereits laut läuten müssen, aber ich hatte ja noch keine Lebenserfahrung. Ich liebte diesen Mann aus tiefstem Herzen und verzieh ihm alles. Irgendwann liess er sich tatsächlich scheiden. Wir bezogen in München eine gemeinsame Wohnung. Bald darauf haben wir bei BMW gekündigt, da Job und Liebe schwierig waren im selben Betrieb.

Durch seine vielen Kontakte in der Automobilbranche haben wir in Stuttgart bei Mercedes eine Anstellung gefunden. So zogen wir nach Leonberg bei Stuttgart. Dort haben wir zusammen Millennium gefeiert und entschieden, dass wir aufhören zu verhüten. Sollte ich schwanger werden, würden wir uns auf unser Kind freuen. Das Baby kam bereits im Januar 2001 zur Welt, es war ein Junge. Und da begannen die Probleme. Bereits in der Schwangerschaft war Frank rasend eifersüchtig auf das noch ungeborene Kind, weil er selbst nicht mehr an erster Stelle stand. Vier Monate nach der Geburt, haben wir im Mai in der Schweiz geheiratet. Meine Mutter wohnte in der Schweiz mit ihrem Mann. Die beiden wollten unbedingt die Hochzeit für uns ausrichten und das haben sie fabelhaft gemacht. Ich trug ein weisses Brautkleid, es war eine wunderschöne Feier bei ihnen zu Hause.

Frank veränderte sich zusehends und das in zügigem Tempo. Oft stand ich morgens auf und stellte fest, dass täglich immer mehr leere Alkoholflaschen rumstanden. Ich versuchte, mit ihm zu reden, was bei ihm nicht gut ankam. Ich sagte ihm, dass dies beim Jugendamt bestimmt nicht gut aussieht, wenn sein Sohn aus erster Ehe zu Besuch kommt. Denn es bestand immer die Möglichkeit, dass vom Jugendamt unangemeldete Besuche stattfanden. Es war mir noch nicht bewusst, dass er wirklich ein Alkoholproblem hatte. Der Alkohol war bei ihm ein ständiger Begleiter, aber es gab bis dahin keine dramatischen Szenen. Ich selbst habe zu dieser Zeit keinen Alkohol getrunken.

2003 Tages zogen wir nach Ingolstadt, da wir dort beide ein Jobangebot hatten. Frank bei Audi im Design und ich bei einem Zulieferer von Audi. Ich arbeitete Teilzeit. Wir haben uns im Job und im neuen Zuhause gut eingelebt, auch neue Freunde gefunden.

Dann begannen die ersten Ausschreitungen. Es fing klein an. Zum Beispiel, waren wir mit Freunden in einem Restaurant zum Essen, Frank hatte viel zu viel getrunken. Als die Rechnung kam, wollte ich diese kontrollieren. Das hat Frank aus irgendeinem Grund dermassen aufgeregt, dass er eine riesige Szene machte und sehr laut wurde. Er wurde so ausfällig, dass die Gäste an den Nachbartischen das Besteck fallen liessen und schockiert verfolgten, was an unserem Tisch passierte. Ich wollte nur noch im Boden versinken. Unsere Freunde wollten danach nie mehr mit uns essen gehen, weil es Ihnen so peinlich und unangenehm war.

Frank war nüchtern auch ein sehr schwieriger Mensch. Doch war Frank nun mal der Mann, den ich liebte. Mit Alkohol war er ein völlig anderer Mensch, ein richtiges Monster. Ich hatte mittlerweile Angst vor ihm. Am nächsten Morgen war das Monster jeweils völlig am Boden zerstört, weil er von nichts mehr wusste.

Als unser Sohn fünfjährig war, hatten wir im Sommer einen kleinen Pool im Garten. Eines nachts wachte Frank auf, zerrte mich an den Haaren aus dem Bett und ins Badezimmer. Dort liess er das Badewasser ein und schrie: unser Sohn ist draussen im Pool ertrunken und Du wirst jetzt hier ertrinken. Es war sehr dramatisch, ein Kampf um Leben und Tod in der Badewanne. Er drückte mir immer wieder lange den Kopf unter Wasser. Mein Glück, dass er so stark besoffen war. So gelang es mir schliesslich, mich zu retten. Unser Sohn schlief friedlich im Bett und das ganze spielte sich nur in Franks Kopf ab.

Jedes Mal, wenn sich solche Szenen abgespielten, nahm ich mein Kind, stieg mit ihm ins Auto und fuhr durch die Gegend. Einmal fuhr ich mitten in der Nacht alleine zu meiner Freundin nach München und am morgen früh wieder zurück. Ich wusste, unserem Sohn würde er nie etwas antun.  Er war mit ihm zwar sehr streng und oft unfair, aber nie gewalttätig. Er liess seinen Sohn deutlich spüren, dass er immer gehorchen musste. Wenn Frank von der Arbeit kam, musste der Kleine sofort in sein Zimmer. Er durfte nie aus seinem Zimmer kommen, bis er gerufen wurde und musste ganz still sein. Er durfte am Feierabend auch nie seinem Vater eine Zeichnung oder etwas Gebasteltes zeigen, oder vom Tag erzählen. Hatte er es trotzdem getan, flippte Frank aus. Er schrie und tobte dann wie ein Wilder. Dies war die Zeit in der er wollte, dass ich ihm ganz alleine gehörte.

Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag: wir sassen gemütlich vor dem Fernseher, und ich wollte die Lautstärke anpassen. Dann rastete er extrem aus, was ich mir erlaube, die Lautstärke zu verändern, ohne ihn zu fragen. Er schrie mich an und unsere Eskalationen endeten immer so, dass ich mich im Haus versteckte. Er suchte mich dann immer, aber er fand mich nie. Ich habe mich immer am selben Ort, im ersten Stock hinter der Türe des Gästezimmers versteckt.

Es gab für Frank keinen Tag ohne Alkohol. Die Menge steigerte sich bis zum Schluss dermassen, dass er sogar Vodka in Wasserflaschen umleerte, um nicht ertappt zu werden. Als wir viel später die Wohnung räumten, war eine ganze Holzterrasse voll mit leeren Flaschen. Als wir den Kleiderschrank hervorzogen, donnerte eine riesige Menge Leergut auf den Boden. Jede Schublade war gefüllt mit leeren Flaschen. Wollte ich eine Flasche Wasser trinken, war jede zweite mit Vodka gefüllt.

Es ging irgendwann so weit, dass Freunde sagten, sie wollten keinen Kontakt mehr mit uns, weil er sich so aufführte. Generell war er verbal sehr aggressiv. Zu allen, auch zu mir.

Eines Tages ging ich zu Franks Chef und klagte ihm mein Leid. Ich suchte und brauchte Hilfe. Man hatte dann mit ihm geredet, aber ohne Erfolg.

Ein weiteres Drama spielte sich während der Fussball WM ab. Frank fuhr mit dem Velo zu einem Publicviewing und kam morgens um zwei nach Hause. Ohne Hose und ohne Unterwäsche, stand er vor der Haustür. Da stand er, den Schniedel draussen, das Velo hatte er unterwegs verloren. Sein Gesicht war zerschunden und blutig. Offenbar war er sturzbetrunken gestürzt und kopfvoran in einen Bach gefallen. Dort wäre er ertrunken, wenn nicht per Zufall ein anderer Velofahrer vorbeigefahren wäre. Der hat ihn herausgezogen und somit gerettet. Das Velo haben wir nie mehr gefunden. So wie er war, nackt, nass, verletzt und blutig, legte er sich aufs Sofa. Ich habe dann meine besten Freunde angerufen und sie um Hilfe gebeten. Sie kamen und versuchten, ihn dazu zu bewegen, dass er seine Wunden nähen lassen musste. Das gelang ihnen zum Glück. Am nächsten Morgen ging Frank zur Arbeit. Im Geschäft versuchten seine Arbeitskollegen mehrmals mit ihm über sein Alkoholproblem zu reden, jedoch ohne Erfolg. Sie versuchten es an „nüchternen“ Tagen. Obwohl es diese nie gab, denn am Morgen hatte er jeweils noch Restpromille vom Vortag. Unter tags trank er nie, immer erst am Feierabend.

Ich schlug vor, einen Arzt oder Psychologen aufzusuchen. Doch er fand, das sei nicht nötig er würde schon vier Wochen ohne Alkohol auskommen können. Er hat dies einmal ausprobiert und tatsächlich zwei Wochen geschafft. Man weiss, wenn ein Alkoholiker so eine nüchterne Phase plant, schafft er dies auch, weil er weiss, dass er danach wieder trinken darf. Er muss es nur für eine kurze Zeit aushalten, nüchtern zu sein.

Es gab wieder eine Eskalation, wo ich des nachts zu meiner Freundin nach München fuhr. Unseren Sohn liess ich bei Frank. Im Nachhinein hatten wir Glück im Unglück. Denn auch, wenn er ihm nie etwas tat, hätte das Kind ja krank werden können, oder sich verletzen. Und Frank war aus seinem Alkoholkoma jeweils nicht wach zu kriegen. Am nächsten Tag, als ich wieder nach Hause kam, habe ich unser Auto versteckt. Ich hatte geplant, am nächsten Morgen mit unserem Sohn in die Schweiz zu meiner Mutter zu flüchten. Ich verbrachte dort jeweils eine Pause vom schrecklichen Alltag. Als wir zu dritt einen Spaziergang machten, erzählte mein Sohn seiner Nonna dass der Papa seine Mutter ins Gesicht geschlagen habe. Er zeigte es ihr mit seinen kleinen Händchen und klatschte auf die Wange. Meine Mutter hatte das ganze nicht wirklich realisiert und nichts dazu gesagt.

Jedes Mal, wenn wir wieder nach Hause kamen, fing alles wieder von vorne an. Es wurde immer schlimmer, sämtliche Freunde mieden uns. Frank suchte mit allen immer Streit, mit mir, Freunden, meinen Eltern.

Die Ohrfeige hat sich nicht mehr wiederholt. Aber es gab Schubser, am Arm packen, schütteln, an die Wand drücken, fixieren. Zwar gab es keine Schläge aber auch diese Aktionen haben oft blaue Flecken hinterlassen.

Im Geschäft haben sich viele um mich gesorgt. Sie kannten Frank und wussten, dass er ein sehr schwieriger Mensch war.

Frank war auch in unserer Siedlung unbeliebt, man hasste uns. Die Erwachsenen haben dies natürlich ihren Kindern erzählt. So wurde unser Sohn von den anderen Kindern im Quartier eingeseift, vermöbelt, es wurden ihm Dreck und Steine in den Pulli gesteckt, dass er teilweise einen offenen Rücken davon hatte. Man hat ihm Feuerwerksraketen in die Kapuze gesteckt. Er wurde immer mehr ausgeschlossen oder gedemütigt. Bei Quartierspartys wurden wir nicht mehr eingeladen. Wenn wir uns aus dem Haus wagten, war dies wie eine Hexenjagd. Es gab ein Nachbar der mich mit der Axt verfolgte. Und das alles, wegen Franks Verhalten und Alkoholsucht. Aber natürlich hielt ich weiterhin zu ihm. Es wurde für mich und unseren Sohn sehr schwierig, dort zu wohnen.

Wir hatten türkische Nachbarn, die waren so nett, ich mochte sie sehr. Zu denen hatten wir einen guten Kontakt, denn es waren die einzigen ausser uns, die auch keinen Kontakt mit anderen Nachbarn hatten. Unsere Kinder spielten oft zusammen. Ihre Tochter war der Babysitter von unserem Sohn. Wir wohnten in einer Reihenhaussiedlung. Und diese türkische Familie wohnte mit uns Wand an Wand. Ich habe mich so oft gefragt, wieso reagieren die nicht. Die hören doch alles was bei uns geschieht. Warum kommt niemand? Warum spricht mich niemand an? Warum ruft niemand die Polizei?

Dann kam die schlimmste aller Eskalationen. Ein brutaler Ausraster.

Unser Haus hatte drei Stockwerke. Im ersten Stock waren das Gästezimmer, Kinderzimmer und das Bad unseres Sohnes. Im zweiten Stock waren unser Schlafzimmer und ein Badezimmer. Unten waren Küche und Wohnzimmer. Frank war wieder schrecklich betrunken und ich habe mich wieder in mein Versteck begeben. Hinter der Türe des Gästezimmers im ersten Stock. Doch dieses Mal hörte er nicht auf zu suchen und hat jedes Register gezogen, um mich aus meinem Versteck zu holen. Er begann alles, war nicht niet- und nagelfest war, die Holztreppe herunterzuwerfen. Möbel, Lampen, Koffer, Fernseher, Spiegelschrank, Kleider, Bilder einfach alles was ihm in die Finger kam. Es war nachts um eins und hat fürchterlich gerumpelt und geknallt. Ich dachte nur, ich kann nicht hervorkommen, denn wenn mich ein Möbelstück trifft bin ich tot. Solange unser Sohn sich nicht rührt, harre ich hinter der Türe aus. Frank ging in die Küche und hat das ganze dort wiederholt. Alles was wir besassen, hat er zerstört. Sämtliches Geschirr, alle Gläser, Vasen, Töpfe, alles warf er ins Treppenhaus.

Es war so laut und ich war überzeugt, das müssen die Nachbarn hören. Die müssen die Polizei rufen, es geht gar nicht anders. Es kam niemand. Kein Nachbar, keine Polizei. Irgendwann rief unser Sohn nach mir. Scheisse! Ich überlegte blitzschnell. Was benötigte ich? Geld, Ausweis, Handy, Schlüssel. Es war Winter. Barfuss und im Schlafanzug, nahm ich mein Kind. Ich sah diese ganze Verwüstung im Haus. Mit nackten Füssen schob ich vorsichtig die Scherben zur Seite. Unten stand Frank und rauchte ganz ruhig aus dem Fenster. Ich konnte nicht gleichzeitig den Kleinen auf meinen Armen halten UND die Schuhe anziehen. So entschied ich mich, den Kleinen kurz und schutzlose aufs Sofa hinzusetzen, um mir dir Schuhe überzustreifen. Ich schielte zu Frank, er war komischerweise immer noch ruhig. Ich zog also meine Schuhe an, nahm den Kleinen auf den Arm und ging zur Tür. Vor lauter Panik, brachte ich diese nicht auf, weil am Boden so viele Scherben waren, die sich unter der Tür verklemmten. Ich musste den Bub wieder abstellen und sagte ihm, bewege dich nicht von der Stelle. Als wir endlich rauskamen, brachte ich den Schlüssel vor lauter Angst kaum ins Schloss des Autos. Wir fuhren ohne Sicherheitsgurte los, zuerst nur 50 Meter weg vom Haus. Dort habe ich mich gesammelt, um danach zu unseren Freunden zu fahren. Die hatten uns für diese Nacht aufgenommen.

Am nächsten Morgen fuhr ich zum Kindergarten, habe die Situation erklärt und gesagt, nur ich darf das Kind abholen. Nur ich! Ich komme in einigen Stunden wieder und hole ihn ab. Ich fuhr nach Hause, Frank war bei der Arbeit. Im Haus war alles aufgeräumt, die meisten Spuren waren beseitigt. Ich packte die Koffer und fuhr mit dem Kleinen in die Schweiz zu meiner Mutter.

Es war noch nicht genug. Ich kam nach zwei Wochen wieder zu ihm zurück. Ich hoffte immer wieder, dass er sich ändert, nach diesem wahnsinnigen Eklat. Es gab so Schlüsselmomente, zum Beispiel bei einem Spaziergang. Ich sagte zu ihm, ein Leben lang mache ich das nicht mit. Es kann sein, dass ich noch etwas ausharre. Aber wie lange, weiss ich nicht. Ich unterstütze Dich bei allem. Ich komme mit Dir zum Entzug, oder wohin auch immer. Ich lasse Dich nicht alleine. Aber wenn Du nichts änderst, dann bin ich irgendwann weg. Er ging dann zu einem Psychologen, ich übrigens auch. Aber Frank wäre nicht Frank, wenn er den Psychologen nicht davon überzeugt hätte, dass er kein Alkoholproblem hätte. Ab dann war das Vertrauen zwischen uns gestört. Ich hatte grosse Angst vor ihm. Die Ausschreitungen wurden wieder häufiger und schlimmer. Eines Nachts liess er mich nicht mehr ins Haus, brach den Schlüssel von innen in der Türe ab, damit ich nicht mehr rein konnte. Unser Sohn war drinnen bei ihm. Ich rief die Polizei und erklärte die Situation. Man riet mir dort, ich solle ihn anzeigen. Ohne Anzeige würden sie nicht kommen. So brach ich in mein eigenes Haus ein und verschaffte mir über den Keller Zugang. Ich war im Frauenhaus und diverse Male bei der Polizei. Ich durfte aber ohne eine polizeiliche Anzeige nicht im Frauenhaus bleiben. Ich brachte dies aber nicht über mich, er tat mir jeweils so leid am nächsten Morgen. Er war dann ein Häufchen Elend und ich hatte immer noch die Hoffnung, es werde besser. Und ich wollte meinem Sohn nicht den Vater nehmen.

Immer wieder fielen extreme Sachen vor und ich merkte, es geht in eine Richtung, dass ich dies eines Tages nicht überleben werde. Wenn ich an der Treppe stand, schubste er mich. Es war so gefährlich. Das wiederum hat in meinem Kopf ausgelöst, ich könnte ihn ja die Treppe runterschubsen, damit wäre das Problem gelöst. Doch sollte er überleben, wäre dies mein eigenes Todesurteil.

Irgendwann schlug ich ihm die Trennung vor. Darauf hat er reagiert und ist ins Spital gegangen, um eine Entgiftung zu machen. Kein Entzug, sondern eine Entgiftung, diese dauerte eine Woche. Als er zurückkam, merkte ich, dass ich nicht mehr konnte, keine Kraft mehr hatte. Sonderbarerweise haben sich dann unsere Freunde eingeschaltet und mir gesagt, ich sei nicht fair. Er habe ja jetzt die Entgiftung gemacht, jetzt müsse ich auch zu ihm halten. Er sei jetzt ja einsichtig.  Ich verstand die Welt nicht mehr. Jetzt plötzlich war ich die Böse?

Spannend war, als Frank wieder zu Hause war, begann er mich zu massregeln, wenn ich einmal ein Glas Wein oder einen Cocktail getrunken habe. Das sei sehr schlecht und schädlich für mich.

Wir hatten ein ernstes Gespräch, Frank und ich. Ich erklärte ihm, dass sei seine allerletzte Chance. Bei der kleinsten, geringen Verfehlung, würde ich gehen und zwar für immer. Es war klar, dass die kleinste, geringste Verfehlung kommen würde. Ich wusste das. Und sie kam.

In meinem Geschäft kamen vier Arbeitskollegen zu mir und sagten, Heidi jetzt ist Schluss. Du musst uns nie mehr erklären woher die blauen Flecken kommen,warum Du zu spät kommst. Wir wissen ganz genau was bei Dir zu Hause los ist. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten, entweder Du triffst eine Entscheidung oder wir zeigen Deinen Mann an. Sie haben mir damit die Augen geöffnet. Nämlich, dass die Geschichte nicht nur in meinen eigenen vier Wänden stattfindet. Sondern auch rundum erkannt wurde.

Meine Firma machte bald darauf einen Veloausflug, an dem ich teilnehmen wollte. Da sagte mein Mann, Du kannst Dich auf mich verlassen, ich kümmere mich und schaue in dieser Zeit zu unserem Sohn. Ich werde Dir beweisen, dass ich mich gebessert habe und verantwortungsvoll handeln kann. So machte ich mich auf den Weg zum Ausflug. Wir waren schon ziemlich weit weg, da klingelte das Telefon. Frank hat von fünf bis acht Uhr Alkohol in sich geschüttet und mir ins Telefon gelallt. Alles sei Scheisse und es funktioniere nicht ohne mich. Ich konnte nicht mehr umkehren, alleine mit dem Velo mitten in der Nacht. So bin ich am nächsten Morgen sofort mit dem Zug nach Hause gefahren, das Velo liess ich dort.

Zu Hause kam mir unser sieben jähriger Sohn entgegen und sagte: Mami schau der Papa liegt am Boden. Er lag neben dem Gäste-WC. Ich fragte ihn, wie lange er schon daliegt und er meinte, schon ganz lange, seit gestern Abend. Da wusste ich, dies ist das Ende. Wecken liess er sich nicht, also liess ich ihn liegen. Ich packte unsere Koffer und rief meine Mutter an. In diesem Moment erwachte er und flippte ganz fürchterlich aus. Er hat mit allem um sich geschmissen, alles flog durch die Luft, inklusive mir. Meine Mutter hat das alles live am Telefon mitangehört. Alle haben geschrien, der Kleine, der Mann, ich, meine Mutter. Sie schrie in den Hörer, pack das Kind und komm!

Frank verliess das Haus, ich lag blutverschmiert auf dem Boden. Alles schmerzte fürchterlich, ich konnte nur noch weinen. Meine Mutter schlug mir vor, erstmal ins nächste Hotel zu gehen: Da in Ingolstadt gerade Messe war, gab es nur noch teure Zimmer. Meine Mutter meinte, das sei nun alles scheissegal, flüchtet jetzt erstmal in das Hotel. Ich habe uns eine Suite gebucht und der kleine Mann fand das sehr cool, zwei grosse Zimmer mit Jacuzzi.

Am nächsten Tag brachte ich den Kleinen zur Schule, es war zwei Wochen vor den grossen Sommerferien. Danach ging ich zu meinem Arbeitgeber und kündigte, ging zu den Behörden, um unsere Auswanderung vorzubereiten. Ich holte meinen Sohn wieder in der Schule ab und erklärte ihm unsere Situation. Es wurde mir bewilligt, dass ich ihn die nächsten zwei Wochen aus der Schule nehmen dürfe. In der Schweiz würde er dann wieder eingeschult. Wir fuhren in die Schweiz und durften ins Ferienhaus zu meinen Eltern im Tessin. Danach fuhr ich zurück nach Deutschland, um alles zu regeln.

Da ich wusste, dass ich meinen Mann immer lieben würde und mich deshalb nicht definitiv von ihm trennen konnte, schmiedete ich einen Plan. Wenn ich mein Herz jemandem anderen schenke, dann könnte mir dies gelingen. Es gab dann jemanden, zwar ein Playboy und nichts Ernstes, aber ich wusste, dass ich mich emotional lösen musste. Und es gelang mir.

Als ich ging, haben das natürlich Freunde, Nachbarn, und sein Arbeitgeber erfahren. Dieser hat Frank ein Ultimatum gestellt, wenn er sich nicht in den Entzug begäbe, würde er entlassen.

Es war unglaublich. Die medizinische Leitung der Entzugsklinik rief mich an. Sie hat mich beschimpft und beschuldigt, was ich für eine schlechte Ehefrau wäre, dass ich meinen Mann mit seinem Problem alleine lasse und verlasse. Dass ich ihn nicht einmal in dieser Lage unterstützen würde. Ich fragte sie, ob sie vielleicht meinen Teil der Geschichte hören wollten. Als Profi wäre dies angebracht, um ein gerechtes Urteil zu fällen. Nach dem Martyrium mit ihm, hätte ich Unterstützung und nicht Anschuldigungen erwartet und gebraucht.

Frank bekam einmal Freigang. Als ich dies erfuhr, habe ich dort angerufen und gesagt, wenn er Freigang hat und auf mich trifft, bringt er mich um. Das war ihnen aber egal und sie sagten, das sei mein Problem. So musste ich wieder fluchtartig in die Schweiz und warten, bis ich von der Klinik die Bestätigung hatte, dass er wieder drinnen war.

In der Schweiz habe ich in Erlenbach für uns eine Wohnung gefunden. In der ersten Nacht sagte mein Sohn, gell Mami, Papa hat keinen Schlüssel von hier. Ich konnte ihn beruhigen. Er schlief ein Jahr lang in meinem Bett. Er hat offenbar viel mehr mitbekommen, als ich gedacht hatte.

Unsere Ehe wurde geschieden, Frank hatte kein Interesse an unserem Sohn. Doch forderte er Besuchsrecht. Genau zweimal wollte er seinen Jungen sehen, dann war er von der Bildfläche verschwunden.

An Weihnachten 2010 kamen hunderte sms und Drohungen von Frank. Die ganze Nacht lang. Er drohte mir, meinem Sohn, meinen Eltern etwas anzutun. Beginnen würde er bei meinem Partner. Er war sturzbetrunken. Am nächsten Tag ging ich zur Polizei, ich hatte Angst und befürchtete, dass er seine Drohungen wahrmachen würde. Man bat mich, am 27. wieder zu kommen, nach den Feiertagen. Am 27. ging ich wieder zur Polizei und der Beamte war entsetzt, warum ich mich erst jetzt melde. Ich erklärte es ihm. Er sagte, er werde nun Frank anrufen, doch dieser ging nicht ans Telefon. Währenddessen trafen weitere hässliche sms ein. Der Polizist las die sms und reagierte umgehend. Er schaltete die Staatsanwaltschaft in Bayern ein. Zum ersten Mal wurde ich ernst genommen.

Die Staatsanwaltschaft traf mit vier Mann in Franks Geschäft ein. Er habe jetzt genau zwei Möglichkeiten. Entweder, er begebe sich umgehend in einen stationären Entzug oder sie würden ihn jetzt mitnehmen. Seine Firma schaltete sich ein und wiederholte nochmals, wenn er jetzt nicht zum Entzug gehe, würde er entlassen. Er ging zum Entzug. Unsere Ehe wurde geschieden. Bis heute habe ich nie wieder etwas von ihm gehört, gesehen, oder gelesen.

Zum 18. Geburtstag von unserem Sohn hat er sich gemeldet, weil er gratulieren wollte. Als Frank aber erfuhr, dass mein Sohn zum Nachnamen nicht mehr Wolf, sondern anders hiess, weil er adoptiert wurde, wollte er nichts mehr von ihm wissen. Das wars. Er ist nicht mehr existent für uns. Wir sind heute eine neue Familie, und tragen denselben Nachnamen.

Zu meinem letzten Geburtstag, bekam ich eine Karte von meinem Sohn, worin er sich bedankte, dass ich immer so stark und für ihn da war. Das war wunderschön.“

„Verrate mir bitte noch Dein Lieblingszitat.“

„Es ist wie es ist, und so wies ist, ist es gut.“

Vielen Dank, liebe Heidi für dieses intensive Gespräch und Dein Vertrauen. Hier gehts zu Heidis Lieblingsessen.

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2 Gedanken zu „Uf em Bänkli mit Heidi L. (49) in Herrliberg“

  1. Liebe Nicole,
    ich bin wirklich überwältigt und dankbar für deine wunderschönen Worte! 💛
    Du hast mich mit deinem Artikel mitten ins Herz getroffen. Es ist so besonders, von einer Freundin gesehen und beschrieben zu werden – und ich fühle mich sehr geehrt. Danke, dass du dir so viel Zeit genommen hast, um meine Geschichte und meinen Weg so liebevoll zu erzählen.

    Von Herzen danke! 🙏✨
    Heidi

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