„Schwester Elisabeth heisse ich, weil ich zeitlebens Krankenschwester war. Früher sprach man die Krankenschwestern mit diesem Titel und ihrem Vornamen an. Ich war im Zürcher Kinderspital Jahrzehnte Kinderkrankenschwester und dies mit Leib und Seele.
Dort traf ich 1948 zum ersten Mal auf den fünf jährigen Patienten Fritz. Er wurde als Notfall mit einem Darmverschluss eingeliefert. Er musste zwei Wochen im Spital bleiben und ich habe mich um ihn gekümmert und ihn gepflegt. In dieser Zeit lernte ich Fritz näher kennen. Er war ein lieber, geduldiger und braver Junge. Auch mit seinen Eltern, die täglich zu Besuch kamen, habe ich mich sehr gut verstanden. Es entwickelte sich fast so etwas wie eine Freundschaft. Ganz sicher aber entstand ein Band, das nie mehr abriss.
Der kleine Fritz hatte eine fragile Gesundheit und war öfters Patient im Kinderspital. Die Familie und ich kamen einander immer näher und wir lernten uns immer besser kennen. Schon bald besuchten wir uns gegenseitig an Sonntagen zu Kaffee und Kuchen oder einem gemütlichen Spaziergang. Der Kontakt zwischen uns war herzlich und es war für mich eine Freude, miterleben zu dürfen, wie aus dem kleinen Fritz ein jugendlicher Wildfang und später ein ernsthafter, fleissiger junger Mann wurde.
Er absolvierte eine Lehre als Mechaniker und ging anschliessend sofort ins Ausland arbeiten. Man nannte das „auf Montage gehen“. Eines Tages verkündete er, der Libanon sei das Land seiner Wahl. Er hätte auch bereits ein Angebot, für zwei Jahre dort arbeiten zu dürfen. Die Eltern schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, waren bestürzt und in Sorge. So weit weg für eine so lange Zeit, erschien ihnen unmöglich. Doch sie spürten den Drang ihres Sohnes. Ausserdem war er erwachsen und durfte diese Entscheidung selbst treffen.
Es kam der Tag der Abreise. Alle haben wir ihn zum Flughafen begleitet, seine jüngere Schwester, die Eltern und eben auch ich. Wir haben uns alle unter Tränen von ihm verabschiedet, ihm Essen, Medikamente, Bücher, Ratschläge und noch mehr Ratschläge für die nächsten zwei Jahre mit auf die Reise gegeben.
Fritz arbeitete täglich hart für verschiedene Projekte in der Umgebung. Er war glücklich dort, mit seinem neuen Leben in der Fremde. Das Land, die Leute, die Kultur hatten es ihm angetan. Vom ersten Tag an wurde er von seinen Arbeitskollegen so herzlich aufgenommen, dass er gar nicht anders konnte als sich heimisch und wohl zu fühlen.
Eines Tages lernte er auf dem Wochenmarkt Sara kennen. Es war sofort um ihn geschehen. Was für eine wunderschöne junge Frau. Mit leicht gebräunter Haut, dunklen, grossen Augen sah sie ihn an. Er hatte das Gefühl, als ob die junge Frau bis in sein Innerstes, seine Seele, sein Herz blicken konnte. Sie stand ganz ruhig vor ihm, die Hände vor dem Bauch ineinander verschränkt. Der Wind spielte mit ihrem langen, dunklen, seidig glänzenden Haar und er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Erst, als sie verlegen lächelte und ihn begrüsste, lockerte sich seine Starre. Sie stellten sich einander vor und redeten belanglose Sachen über den Markt, die Früchte, das Gemüse, die exotischen Gerüche und die vielen, schönen einladenden Stände. Dabei begannen sie über den Markt zu bummeln und wurden immer offener und unbefangener.
Sie waren beide exakt gleich alt. Sara arbeitete auf dem Hof der Familie und führte den Haushalt. Bei ihr zu Hause lebten noch ihre Schwester Leyla, ihre Eltern und die Grosseltern mütterlicherseits. Sie erschien ihm wie ein Geschenk, das ihm vor die Füsse gefallen war. Eine zauberhafte, bescheidene, fleissige, wunderschöne junge Frau, die ungebunden und mit Familiensinn ausgestattet war.
Schon bald verabschiedete sie sich von ihm, da sie noch einige Besorgungen tätigen und danach nach Hause musste, um zu kochen. Vielleicht würde man sich ja nächste Woche am selben Ort zur selben Zeit wieder sehen, meinte sie zum Abschied. Fritz konnte nur wortlos nicken. Und da war sie auch schon hinter dem nächsten Marktstand verschwunden. Er spürte, wie er rote Wangen und Ohren hatte, wie sein Herz schnell und hart gegen seine Brust schlug. Er versuchte, das alles irgendwie einzuordnen. Langsam schlenderte er zu seiner Unterkunft zurück und legte sich etwas hin. Die Sonne, die vielen Markteindrücke und natürlich die Begegnung mit der schönen Sara hatten ihn ziemlich mitgenommen. Er lag auf der Matratze und döste ein, träumte von Sara und einer gemeinsamen Zukunft mit ihr, hier im Libanon. Als er aufwachte, fand er sich erstmals gar nicht zurecht, war verwirrt und musste seine Gedanken ordnen. Welcher Teil war nun ein Traum gewesen und welcher war real?
Der Alltag ging weiter, es verging eine Woche und er gab sich Mühe, nicht in jeder freien Minute an Sara zu denken. Er begab sich zur selben Zeit auf den Wochenmarkt, wo er an der gleichen Ecke wieder auf Sara traf. Sie begrüssten einander und beiden stand die pure Freude ins Gesicht geschrieben. Wieder schlenderten sie durch die Stände und zum Schluss fragte er sie mutig, ob er ihr ein Getränk spendieren dürfe. Zu seiner Überraschung sagte sie sofort zu, sie hätte aber nicht allzu viel Zeit. So tranken sie dort, unter Schatten spendenden Bäumen und Palmen einen Tee. Beide wussten nicht so richtig, welches Thema nun geeignet wäre, um zu plaudern. Sie genossen einfach die Gegenwart des Gegenübers.
Einige Wochen lang trafen sie sich wöchentlich auf dem Markt und gingen anschliessend jeweils einen Tee trinken. Mit der Zeit konnten sie über alles miteinander reden und sie tauschten sich über allerlei Thmen aus. Er erzählte vom Leben in der Schweiz und von seiner Familie, sie liess ihn an ihrem Leben im Libanon teilhaben. Eines Tages fasste er sich ein Herz und fragte, ob sie gerne mit ihm Abendessen gehen würde. Er befürchtete, dass er zuerst bei ihrem Vater vorsprechen musste. Doch dem war nicht so, Sara hatte erstaunlicherweise nicht allzu konservative Eltern. So trafen sie sich in einem hübschen, kleinen Lokal mitten in der Stadt. Es war eine laue Sommernacht, das Essen schmeckte hervorragend und sie tranken Wein zusammen. Beide waren den Alkohol nicht gewohnt und sie hatten danach einen kleinen Schwips. Er bezahlte und sie machten sich auf zu einem gemütlichen Nachtspaziergang. Hand in Hand flanierten sie durch die Gassen und die warme Nacht. Sie fühlten sich so wohl miteinander und wären am liebsten bis zum Morgen zusammengeblieben.
Irgendwann setzten sie sich auf eine Bank, sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. Er fasste ihr Kinn und hob es hoch, suchte ihre Augen und was er dort sah, bestätigte seine Gefühle. Er küsste sie zärtlich und sie liess es geschehen, küsste ihn zurück. Sie hielten einander die ganze Zeit an den Händen. Ihre Verbindung war ohne Worte besiegelt. Sie gehörten zusammen. Keiner von ihnen verschwendete einen Gedanken daran, was die Zukunft bringen könnte. Schliesslich wusste er, dass er für zwei lange Jahre im Libanon bleiben würde. Die beiden verbrachten eine glückliche, schöne, innige Zeit miteinander. Sie lernten sich immer besser kennen und nicht selten liebten sie sich des Nachts auf einem abgelegenen Feld oder bei ihm. Er war ihr erster Mann und dafür liebte sie ihn noch mehr.
Die Zeit verging wie im Flug und das zweite Jahr war schon länger angebrochen. Er hatte noch für drei Monate einen Arbeitsvertrag, danach musste er zurück in die Schweiz. Sara und er waren furchtbar traurig, als der Tag des Abschiedes immer näher rückte. Eine letzte Nacht, der letzte Kuss, die letzte Umarmung, dann musste er gehen. Sie versprachen sich ewige Liebe, würden einander schreiben. Und sobald er eine Möglichkeit sah, wieder zu ihr zu reisen, würde er dies auch tun.
Fritz kam braun gebrannt, kräftiger, reifer und mit vielen Erlebnissen und Geschichten im Gepäck nach Hause. Nur eine Geschichte erzählte er nicht. Nämlich die von ihm und seiner geliebten Sara. Dies war keine bewusste Entscheidung, es geschah einfach so. Jede Woche schrieb er Sara einen Brief und auch sie hatte ihr Wort gehalten und schrieb ihm ebenso oft. Sie erzählten einander alles, was in ihrer beider Leben gerade passierte. Viel Spektakuläres war es nicht. Die meiste Zeit bestand aus Arbeiten, dann hier eine Geburtstagsfeier, dort eine Hochzeit, Feiertage und so weiter. Sie sehnten sich immer mehr nach einander und für ihn war klar, er wollte nochmals in den Libanon reisen, um ein weiteres Jahr dort zu arbeiten, leben und mit Sara über ihre gemeinsame Zukunft zu reden.
Sein Vorgesetzter war sofort einverstanden, denn es fehlten immer Monteure, die bereit waren, ins Ausland zu verreisen. Ausserdem hatte sich Fritzs erster Einsatz im Libanon bewährt. Er war hoch zufrieden, einer erneuten Reise stand also nichts im Wege. Anders sahen dies seine Eltern. Sie waren traurig und verstanden auch diesmal nicht, warum sie schon wieder für so lange Zeit von ihm getrennt sein sollten. Unter dem Deckmantel, dass sein Arbeitgeber dies so wünsche, beugten sie sich seinem Entscheid. Und so hiess es, wieder Abschied zu nehmen am Flughafen.
Stunden später landete er im Libanon, und vom ersten Moment an wusste er, dies war die richtige Entscheidung gewesen. Die Gerüche, das Klima, die Geräusche, die Menschen, alles wärmte ihm das Herz und er fühlte sich sofort wieder geborgen. Mit Sara hatte er vereinbart, dass sie sich an „ihrer“ Ecke auf dem Wochenmarkt treffen würden. Das Wiedersehen war wunderschön. Sie liefen aufeinander zu, sanken einander in die offenen Arme und küssten sich ungeniert vor aller Welt. Beide weinten und lachten vor Glück. Denn sie wussten, nun hätten sie ein Jahr lang Zeit, um alles miteinander in Ruhe zu besprechen und planen.
Er lebte sich sofort wieder gut ein, bezog ein kleines Zimmer, ganz in der Nähe von Sara. Sie kam oft zu Besuch. Immer wenn sie abends für die Familie gekocht und alle versorgt hatte, schlich sie aus dem Haus und verbrachte viele Stunden bei und mit ihm.
Nach vier Monaten erreichte ihn ein Telegramm von seinem Chef. Er müsse umgehend zurück in die Schweiz kommen. Ein Arbeitskollege hatte einen tödlichen Unfall erlitten und sein Projekt war riesig und wichtig, deshalb müsse Fritz einspringen. Was für ein Desaster! Bis jetzt hatten Sara und er sich noch nicht über die gemeinsame Zukunft unterhalten. Und jetzt musste er sofort heimreisen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die letzte Nacht mit ihr mit allen Sinnen zu geniessen, um dann Abschied zu nehmen. Sie lagen sich stundenlang weinend in den Armen und liebten sich. Als der Morgen dämmerte mussten sie sich verabschieden. Es war unglaublich schmerzhaft und traurig. Er fuhr zum Flughafen und flog zurück in die Schweiz. Sara blieb in Ihrer Heimat.
Kaum in der Schweiz, brach für ihn beruflich eine Hektik aus, die er nicht gewohnt war. Doch er stürzte sich hinein, somit war er beschäftigt und abgelenkt und musste sich nicht der Sehnsucht nach Sara stellen. Denn sie fehlte ihm so sehr. Er wurde bald befördert, hatte noch mehr Arbeit und aus den wöchentlichen Briefen wurden monatliche, halbjährliche und dann irgendwann keine mehr. Sara schrieb ihm regelmässig, doch er hatte keine Zeit. Und wenn er doch welche hatte, war er um Worte verlegen. Er schämte sich dafür, dass er sie so vernachlässigte. Je grösser der Abstand vom einen zum nächsten Brief war, desto schwieriger wurde es für ihn. Und eines Tages stellte er den Briefverkehr ganz ein.
Das Leben ging weiter. Er traf sich mit Freunden zum Feierabendbier oder auch vier oder fünf. Eines Tages lernte er Anna kennen. Eine nette, blonde, junge, praktisch veranlagte Frau, die sich sofort in ihn verliebte. Er mochte sie auch sehr gerne, doch wartete er darauf, dass ihn der Blitz treffen würde, wie bei Sara. Was nie geschah. Doch sie verstanden sich sehr gut, konnten miteinander über fast alles reden und lachten viel gemeinsam. Sie gingen ins Kino, essen, spazieren, ins Schwimmbad, und langsam kamen sie sich näher, wurden ein Paar. Bald war klar, dass sich beide eine Familie wünschten und sie heirateten. Sie lebten in einem kleinen Reihenhaus, wo Anna hervorragend für den Haushalt und Garten sorgte. Sie kochte phantastisch und hielt alles tadellos in Ordnung. Schwanger wurde sie erst ein Jahr später.
Was für eine Freude! Alle waren im Glücksrausch, die werdenden Eltern, die zukünftigen Grosseltern, Freunde, Verwandte. Doch Anna ging es die ganze Schwangerschaft hindurch nicht gut. Sie litt furchtbar unter Übelkeit, nicht nur am Anfang, sondern bis zum Schluss. Und die Wassereinlagerungen waren so schlimm, dass sie sich monatelang kaum bewegen konnte. Es brauchte viel Geduld von allen. Und dann… endlich kam ihre erste Tochter zur Welt, Rahel. Es war eine schwierige, zwei Tage dauernde Geburt. Sie waren überglücklich, doch wenn er ehrlich war, hatte er sich einen Sohn, einen Stammhalter gewünscht. Die junge Familie war gesund und zufrieden, sehr bald darauf verkündete Anna ihrem Mann, dass sie wieder schwanger sei. Beide freuten sich sehr, auch weil es diesmal viel schneller funktioniert hat als beim ersten Mal. Leider litt sie auch dieses Mal wieder neun Monate unter diversen Komplikationen. Dann gebar sie eine zweite, kerngesunde Tochter, Lara. Es war wieder eine schwierige, traumatisierende Geburt. Die frisch gebackene Mutter schwor sich und der Welt, dass sie nie wieder ein Kind austragen und gebären werde. Dieses Mal empfand er es als noch trauriger, wieder keinen Sohn zu bekommen. Es schlichen sich Gedanken in seinen Kopf, die er nicht für möglich gehalten hatte. Wäre Sara die Mutter seiner Kinder, hätte sie ihm den gewünschten Stammhalter geboren? Doch so durfte er nicht denken. Aber hin und wieder streiften ihn diese Gedanken und nisteten sich ein.
Eines Tages vertraute er sich seiner Frau an und sagte ihr, dass er sich so sehr einen Sohn wünschte. Ihre Reaktion kam postwendend und war klar. Für sie sei das Thema Schwangerschaft und Geburt erledigt. Zu traumatisch waren ihre Gefühle und Errinnerungen. Er versuchte noch ein, zwei Mal dieses Gespräch zu führen, jedoch ohne Erfolg.
Sie führten ein bescheidenes, gutes Leben in ihrem Häuschen, Anna musste nicht arbeiten gehen. Die Kinder wurden grösser, gingen zur Schule. Fritz wurde innerlich immer trauriger, leerer und ruhiger. Er nahm dies nicht wirklich wahr, konnte es nicht zuordnen, sein Leben war doch intakt. Er hatte eine treue Ehefrau, gesunde Kinder, eine gute und sichere Arbeitsstelle. Was stimmte nicht mit ihm? Immer ab Feierabend am Freitag ging es los: er musste trinken. Viel Alkohol trinken. Es beruhigte ihn. Es dämpfte seine Gefühle, seine Traurigkeit. Bevor er von der Arbeit nach Hause ging, begab er sich jeweils in einen Pub, in eine Bar oder ein Restaurant. Hauptsache, es wurde Alkohol ausgeschenkt. Danach konnte er nach Hause gehen. Sich dem Wochenende stellen und hoffen, dass seine Frau zum Essen jeweils Bier oder Wein servierte, um die nächsten 48 Stunden zu überstehen. Er war sich dieser gefährlichen Spirale nicht bewusst. Über die Jahre, hatte er drei Mal einen schweren Autounfall mit Totalschaden, immer alkoholisiert. Jedes Mal hatte er einen Schutzengel, der ihm das Leben rettete – und ein sehr sicheres, stabiles Auto.
Die Kinder wurden grösser und älter, die Ehe war mittlerweile eine angenehme Gewohnheit. Sie redeten nicht mehr über Probleme und waren gut darin, die wirklich wichtigen Themen zu umschiffen. Er ertrug es nicht und sie spürte dies und liess es bleiben. Sie war immer noch zu Hause bei Kindern, Haus, Garten und mittlerweile einem Hund. Und er ging täglich zur Arbeit. Er war ein funktionierender Alkoholiker. Es funktionierte sehr lange, ziemlich gut. Jeder kannte und spielte seine Rolle bei diesem tragischen Spiel mit.
Die Feriengewohnheiten der Familie waren immer die gleichen. Da sie kein grosses Budget zur Verfügung hatten, ging man campieren. Jahrelang, immer wieder. Es kam der Tag, als Anna sagte: „Wenn wir noch einmal campieren gehen, verzichte ich auf die gemeinsamen Familienurlaube. Denn ICH hatte dabei noch niemals Ferien. Ich kaufe ein, ich koche, ich grilliere, ich wasche, ich unterhalte die Familie, wenn es regnet. Ich schlichte Streitereien, ich mache all das, was ich das ganze Jahr über auch für Euch mache. 15 Jahre sind genug.“ Das war neu. Anna war eine bescheidene, unaufgeregte und schlichte Frau, die ihre Bedürfnisse hintenanstellte. Wenn sogar sie aufbegehrte, war es ihr wirklich wichtig.
Fritz war zuerst einmal konsterniert, fast schon ein wenig frustriert. Seine Frau musste doch nicht arbeiten gehen und hatte ein gutes Leben. Doch als er nach fünf Flaschen Bier in Ruhe darüber nachdachte, verstand er sie. So viele Jahre hatte sie alles klaglos und selbstverständlich für ihre Familie getan. Immer. Ebenso in den Ferien. Sie hatte wohl tatsächlich einmal „richtige“ Ferien verdient.
Der Gedanke lag nahe, dass er ihr sein Lieblingsland, den Libanon, zeigen wollte. Als er ihr diesen Vorschlag unterbreitete, fand sie sofort Gefallen daran. Sie freute sich sogar richtig über diese Idee. Denn sie wusste, dass er auf seine Art immer ein wenig Heimweh nach dem Libanon hatte, weil er sich in jungen Jahren dort so wohl gefühlt hatte. Sie schmiedeten gemeinsam Ferienpläne und bald war alles besprochen und sie buchten den Urlaub in einem Reisebüro. Auch die beiden Töchter freuten sich, denn das war für sie das erste Mal, dass sie ins Ausland kamen. Und auch das erste Mal, dass sie in ein Flugzeug stiegen.
Die Familie landete bei strahlend schönem Wetter in Beirut und es war für Fritz eine grosse Freude, als er sah wie gut es allen gefiel. Und es wurde ihm leichter ums Herz, als sei ein Stein weg, der vorher gedrückt hat. Sie bezogen das Hotelzimmer, packten die Koffer aus und richteten sich ein. Am ersten Abend spazierten Sie durch die Strassen und Gassen, bis sie ein gemütliches Restaurant fürs Abendessen entdeckten. Sie speisten hervorragend, lachten, waren entspannt und fröhlich. Er versprach seinen drei Frauen, dass er für den nächsten Tag eine Überraschung geplant hätte. Als er dies aussprach merkte er, wie nervös er wurde. Es wurde gejubelt und gerätselt, was die Überraschung wohl sein könnte. Doch er verriet ihnen nichts.
Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel machten sie sich alle auf den Weg zum Wochenmarkt. Es war zwölf Uhr. Und da stand sie. Reifer und noch schöner als früher. Mit strahlendem Lächeln und leicht schief gelegtem Kopf kam sie auf die Familie zu, stellte sich ihnen als Sara vor und hiess sie herzlich willkommen in ihrer Heimat. Es wurden Hände geschüttelt, umarmt, gelacht und durcheinandergeredet. In einem kurzen Moment, als keiner sprach, erklärte sie, dass sie Fritz von seinem Auslandaufenthalt als Mechaniker kannte. Dass sie ihm damals Land und Leute näherbrachten. Sie lud die ganze Familie zu sich nach Hause zum Abendessen ein, damit sie ihren Mann und ihren Sohn kennen lernen konnte. Die beiden Mädchen kicherten und fanden das natürlich sehr spannend, einen Jungen im gleichen Alter kennenzulernen. Hoffentlich war er hübsch und nett, denn bis anhin fanden sie Jungs nur blöd und peinlich.
Als es dämmerte, brachen sie auf, kauften auf dem Weg noch einen Blumenstrauss und Süssigkeiten als Gastgeschenk. Dann fuhren sie mit einem Taxi zum Haus von Sara. Sie klingelten und ein sehr hübscher Junger Mann öffnete ihnen die Tür. Er liess sie eintreten und hiess sie willkommen. Er stellte sich höflich als Noah vor. Sara kam aus der Küche, ihr Mann aus dem Wohnzimmer und bald redeten wieder alle durcheinander. Man begab sich auf die Terrasse. Dort wurden kleine Köstlichkeiten und Erfrischungen serviert. Sie erzählten sich gegenseitig aus dem Leben, vom Beruf, von der Familie und es war eine fröhliche Runde. Niemandem fiel auf, dass Sara und Fritz nervös waren, gehemmt. Die drei Jugendlichen verständigten sich auf eine lustige Art und Weise. Auf deutsch, arabisch, etwas englisch und französisch, vor allem aber mit Gesten und Gelächter. Rahel hatte feuerrote Wangen und konnte ihre Augen nicht von Noah lösen. Sie war hingerissen von ihm. Er war zwei Jahre älter als sie, siebzehn und sie war unglaublich fasziniert. Von seinem Aussehen, seiner Stimme, seiner Haut, seinem Duft, von ihm. Ihre jüngere Schwester Lara war entspannt und interessierte sich für die Gespräche aber sicher nicht für Noah.
Später wurde gegessen, getrunken, weitererzählt und viel gelacht. Irgendwann brachen sie auf und man verabredete sich für die nächsten Tage um vieles gemeinsam zu unternehmen. Eine Stadtrundfahrt, eine Fahrt aufs Land, einen Ausflug auf dem See. Tolles arabisches Essen und natürlich einen Marktbummel. All dies haben diese beiden Familien gemeinsam unternommen und viel Zeit zusammen verbracht. Rahel hatte sich Hals über Kopf in Noah verliebt und das blieb ihren Eltern nicht verborgen. Ihre Mutter lächelte milde und meinte, es sei doch schön, zum ersten Mal verliebt zu sein. Doch ihr Vater hielt ihr eine unverhältnismässige Standpauke, dass er dies nicht dulde, sie seien hier schliesslich Gäste, das würde sich nicht schicken. Er zählte weitere fadenscheinige Argumente auf und redete sich dermassen in Rage, dass Anna dazwischen gehen musste. Rahel weinte und schrie ihn an, er schrie zurück und drohte ihr mit Hausarrest im Hotel. Als die Mädchen im Bett waren und schliefen versuchte Anna das Thema mit ihm zu klären. Aber er blieb bockig und aggressiv und war nicht umzustimmen. Er betrank sich in dieser Nacht heftig. Sie überlegte die ganze Nacht, wie sie ihn besänftigen konnte, so dass alle weiterhin einen entspannten Urlaub geniessen konnten. Es gelang ihr nicht. Ab dem nächsten Tag war die Stimmung angespannt. Sie trafen sich zwischendurch immer noch mit Saras Familie, aber es war nicht mehr das gleiche. Fritz und Sara waren nervös. Noah und Rahel total verliebt, aber durften es nicht sein. Anna war ratlos und Lara, die jüngere Tochter, verstand gar nicht was eigentlich los war und warum sich alle so komisch verhielten.
Es kam der Tag der Abreise und jeder war aus eigenen Gründen traurig. Die Frischverliebten aus Liebeskummer, Anna und Lara, weil es ihnen dort so gut gefallen hatte. Fritz und Sara zerriss es das Herz, weil sie sich wieder trennen mussten.
Das Leben zurück in der Schweiz nahm seinen gewohnten Lauf. Die Mädchen kamen in die Pubertät und forderten ihre Mutter ordentlich. Sie waren streitsüchtig und aufmüpfig, und von Fritz konnte Anna keine Hilfe erwarten. Seit der Ferienreise war er noch mehr in sich gekehrt und trank noch mehr. Er führte sein Leben und sie ihres mit den Kindern. Geld war Mangelware und somit kam eine Trennung gar nicht erst in Frage.
Eines Tages rief mich Fritz an. Ich hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört oder gelesen. Ich freute mich sehr, ihn zu hören. Doch was er berichtete, erschütterte mich. Am meisten hat mich getroffen zu hören, wie unglücklich er war, wie viel er trank und dass seine Gesundheit darunter massiv litt. Es machte mich traurig, ihn so zu erleben. Er fasste die letzten Jahre mit kurzen Sätzen zusammen und dann kam die Geschichte der Ferienreise. „Weisst Du Elisabeth“ sagte er „ich komme mir so schäbig vor, Anna und Rahel gegenüber.“ Ich verstand nicht, und liess ihn weitererzählen. „In all den Jahren, habe ich Anna nie von Sara und unserer grossen Liebe erzählt. Es war für mich zu schmerzhaft und hätte sie sicher hart getroffen. Und je mehr Zeit verging, desto weniger konnte ich es ihr sagen. Nie hätte ich gedacht, Sara je zu begegnen. Und als wir dann diese Reise organisierten, habe ich mich bei Sara gemeldet. Ich dachte, wir seien darüber hinweg und könnten einfach ein ganz normales Wiedersehen feiern. Doch dann, als wir vor ihrem Haus standen und ihr Sohn Noah die Türe öffnete, traf es mich wie der Blitz. Er sah genau so aus wie ich, als ich siebzehn Jahre alt war. Etwas dunklere Haut, aber ansonsten eine Kopie von mir. Als Sara aus der Küche kam, sah ich ihr in die Augen und hob fragend eine Augenbraue. Ein ganz leichtes Nicken war ihre Antwort.
Und dann verlieben sich Noah und Rahel Hals über Kopf ineinander. Was hätte ich denn tun sollen? Es war mir alles viel zu viel. Das Wiedersehen, einen Sohn, den ich mir immer von Herzen gewünscht habe. Die Liebe meines Lebens, die vergeben war. Meine Familie, die ich auch liebte. Ich konnte nicht mehr. Und all diesen Frust, das ganze Elend, die Trauer liess ich an Rahel aus. Ausserdem musste ich mit aller Kraft verhindern, dass die beiden allenfalls Sex hätten. Schliesslich sind sie Halbgeschwister.“ Jetzt verstand ich. „Ich habe in unserem Haus eine Truhe, dort bewahre ich seit jeher alle Briefe von Sara auf. Die letzten habe ich nie geöffnet. Sollte ich einmal sterben, wird meine Familie wohl erst erfahren was damals geschah.“
„Fünf Jahre später ertrug Fritz die Sehnsucht nicht mehr. Er hatte die Diagnose Leberkrebs erhalten, jedoch noch mit einiger Lebenserwartung. Doch dies hat bei ihm den Entschluss ausgelöst, noch einmal nach Beirut zu reisen, um sich von seiner geliebten Sara zu verabschieden. Anna verstand seinen Wunsch, sie ging davon aus, dass er vor dem Sterben noch einmal in sein Lieblingsland reisen wollte. Ausserdem haben ihm die Ärzte noch ein bis zwei Jahre Lebenszeit eingeräumt.
Er flog nach Beirut und verstarb am folgenden Tag in den Armen seiner zauberhaften, wunderbaren Sara. Er ist friedlich eingeschlafen. Dort wo er immer sein wollte. Wo sein Herz, seine Seele und seine Liebe wohnte und er hingehörte.“
Vielen herzlichen Dank, liebe Schwester Elisabeth, für diese berührende Geschichte.