Uf em Bänkli mit Claudia A. (47) in Zürich

Der Plan war, heute mit Claudia auf einer Bank zu sitzen, damit sie mir eine Geschichte erzählt. Doch es kommt anders. Es geht ihr nach einem medizinischen Eingriff nicht so gut, deshalb möchte sie auf das geplante Gespräch verzichten. Wir treffen uns also einfach so zu Kaffee, plaudern und sind beisammen. Da wir uns nur etwa zwei Mal im Jahr sehen, haben wir uns immer sehr viel zu erzählen.

Am Schluss entschuldigt sie sich noch einmal, dass es nicht zum geplanten Bänkligespräch gekommen sei.

Ich musste schmunzeln und sagte zu ihr: „Liebe Claudia, Du hast mir heute mindestens zwei Geschichten erzählt, die sich wunderbar fürs Bänkli eignen“. Sie ist erstaunt und schaut mich ungläubig an. „Wie jetzt? Ich habe doch nichts spannendes erzählt“. „Oh doch, und wie. Du hast mir zwei berührende Geschichten geschenkt, wovon ich eine gerne aufschreiben würde.“

„Vor ein paar Wochen“ beginnt sie „war ich am Hauptbahnhof in Zürich. Es war furchtbar heiss und feucht. Ich wollte nach einem anstrengenden Arbeitstag nur noch nach Hause. So stand ich dort, der Rucksack klebte an meinem Rücken, ich war müde, hatte Hunger und Durst. Kurzum, ich freute mich auf einen ruhigen Feierabend zu Hause bei meinem Liebsten. Um mir die Zeit zu verkürzen und mich vom Arbeits- und Alltagsstress abzulenken hatte, ich die Kopfhörer aufgesetzt und hörte Musik.

Aus dem Augenwinkel sah ich eine junge Frau auf mich zukommen. Ich nahm sie nur unbewusst wahr. Doch plötzlich stand sie vor mir und sprach mich an. Was soll das denn, dachte ich mir. Sehe ich so aus, als wollte ich mich jetzt unterhalten? Ich weiss genau wie ich wirke, abgekämpft und müde. Und die Kopfhörer auf den Ohren wirken sicherlich nicht gerade einladend, um mit mir zu plaudern. Doch sie redete auf mich ein.

Also gut – ich nahm die Kopfhörer ab und hörte ihr zu.

Sie bat mich flehend um Hilfe. Ob ich ihr allenfalls zwei oder drei Franken geben könne, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Da schaute ich zum ersten Mal genauer hin. Sie sah nicht verwahrlost oder asozial aus. Im Gegenteil, die junge Frau wirkte gepflegt, die Kleider waren sauber, passend und ihre Haut und Haare sahen gesund aus. Es ging auch kein unangenehmer Geruch von ihr aus. Komisch. Ich war verwirrt. Ja, das klingt nach Klischee. Aber wenn man von einem Durchschnitts-Menschen um zwei oder drei Franken gebeten wird, um sich Essen zu kaufen, dann ist das schon verwirrend. Jedenfalls für mich. Bevor ich sie fragen konnte, was denn ihr Problem sei, redete sich bereits darauf los.

Sie hätte kein Geld mehr. Und erst in ein oder zwei Tagen würde das ihr zustehende Geld überwiesen. Das wenige Geld, das sie noch zur Verfügung hatte, sei für Medikamente drauf gegangen. Meine Verwirrung stieg. Ja, weil sie doch eine Blutvergiftung gehabt habe, und wegen des hohen Selbstbehaltes der Krankenkasse musste sie die Medikamente selber bezahlen. Und nun sei jeder Franken weg und sie habe Hunger und könne sich nichts mehr zu essen kaufen. Ich sah die Frau noch einmal genau an und spürte, sie litt wirklich Not. Ob es nun die Geldnot, der Hunger oder etwas anderes war, diese Frau war in Not. Sie sah mir die ganze Zeit gerade in die Augen. Dann erklärte sie sich weiter. Da sie unter Panikattacken leide, und jetzt immer hungriger sei, habe sie grosse Angst, dass eine Attacke über sie komme. Dann sei sie verloren, denn die dafür notwendigen Medikamente seien zu Hause.

Ich verstand. Trotzdem sträubte sich in mir immer noch etwas, ihr einfach so Geld in die Hand zu drücken. Natürlich würden mir die paar Franken nicht weh tun. Aber ich wollte auch nicht das Falsche machen und irgendeine Sucht fördern, oder was auch immer. Ich überlegte fieberhaft, wie ich die Situation richtig bewältigen konnte. Da kam mir eine Idee. Doch bevor ich diese aussprechen konnte, bot mir die Frau an, dass wir gemeinsam in den Coop gehen könnten, und ich dann sehen würde, dass sie sich tatsächlich etwas zu Essen kaufte. Genau das wäre auch mein Vorschlag gewesen. Das sagte ich ihr und sie war sehr erleichtert. Wir gingen gemeinsam zum Coop, um für sie einzukaufen. Sie war sichtlich nervös. Bestimmt, weil sie so Angst vor einer erneuten Panikattacke hatte. Wer Panikattacken kennt, der weiss, wie furchtbar sich diese anfühlen und wie lange man braucht, um sich davon zu erholen.

Im Laden fragte sich mich ganz scheu, ob sie sich das kleinste Sandwich auslesen dürfe. „Bitte, nehmen Sie sich doch ein grösseres, Sie haben den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ „Ok, vielen Dank. Dann nehme ich dieses hier (es war nur wenig grösser).“ „Ja aber spätestens in der Nacht haben Sie wieder Hunger, nehmen Sie doch ein zweites mit“, schlug ich ihr vor. „Oh, sehr gerne“ und sie griff wieder zu einem ganz kleinen.“ „So, jetzt nehmen Sie bitte das grösste, das es überhaupt gibt, es darf nicht sein, dass sie nicht satt werden.“

Ganz beschämt, nahm Sie sich dann wirklich ein grosses Sandwich. Wir gingen zur Kasse und sie fragte mich, ob sie sich noch eine kleine Hafermilch dazu gönnen dürfe. „Ja sicher, nehmen Sie ruhig eine.“ Sie nahm die kleinste, schaute sie an, schaute auf das Preisschild und meinte: „Das wirkt jetzt vielleicht unanständig, aber die grössere Packung ist im Verhältnis günstiger, als die kleinste.“ „Kein Thema, nehmen Sie ruhig die grössere.“

Ich bezahlte an der Kasse und die Frau verstaute die Einkäufe in ihrer Tasche. Wir gingen zum Ausgang, dort drehte sie sich um und sagte laut und bestimmt, dass es alle umstehenden Kunden hörten: „Diese Frau hat mir den Tag, vielleicht sogar mein Leben gerettet! Danke!“ Ich war sehr gerührt und berührt. Als wir wieder draussen standen, sagte sie zu mir: „Sie haben mir heute etwas Gutes getan. Ich hoffe, es wird Ihnen auch einmal jemand helfen, wenn Sie es brauchen. Und in der Zwischenzeit werde ich als Gegenleistung jemand anderem etwas Gutes tun. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie mir geholfen haben, ohne mir dabei ein komisches Gefühl zu geben.“

Wir verabschiedeten uns.

Auf dem Heimweg habe ich nochmals über die ganze Situation nachgedacht. Und dann, plötzlich kam mir in den Sinn, was sich wenige Wochen zuvor ereignet hatte.

Ein paar Wochen zuvor war ich im Recycling Center bei uns in der Umgebung. Ich hatte Gegenstände dabei, die kostenpflichtig entsorgt werden müssen. Ich übergab die Sachen dem anwesenden Mitarbeiter und fragte nach dem Preis. Er meinte, für mich sei das heute gratis. Ich war überrascht und habe mich gefreut. Ich habe ihm dies gesagt und ihm gedankt. Er meinte darauf, ich solle doch bei Gelegenheit als Gegenleistung einfach auch jemandem etwas Gutes tun. Ich fand das eine tolle Idee und habe ihm das mit Handschlag und dem Kommentar „wenn alle Menschen so wären wie Sie, dann wäre die Welt ein besserer Ort“ versprochen.

Ich habe nicht mehr an dieses Gespräch gedacht, bis die Frau am Bahnhof an der Kasse vom Coop zu mir gesagt hat: „Ich hoffe, es wird Ihnen auch einmal jemand helfen, wenn Sie es brauchen. Und in der Zwischenzeit werde ich als Gegenleistung jemandem etwas Gutes tun.“ In diesem Moment dachte ich, der Kreis hat sich nun geschlossen.“

„Verrate mir bitte noch Dein Lieblingszitat.“

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir für diese Welt wünschst. (Mahatma Gandhi).“

Vielen Dank liebe Claudia, für diese schöne, menschliche Geschichte.

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