Mit Tobias sitze ich auf einem grünen Bänkli mitten in Zürich. So haben Bänkli in meiner Kindheit ausgesehen. Einfach, praktisch, nicht sehr bequem dafür grundsolide. Diese Bank hat bis heute überlebt. Sowie die Erinnerung eines alten Herrn.
„Ich habe schon immer im kaufmännischen Bereich im Büro gearbeitet. Es ist das, was ich immer wollte und mich bis heute zufrieden macht. Das bringt mit sich, dass ich unter Tags nicht viele Menschen persönlich treffe, ausser meine Bürokollegen. Ganz selten kommt ein Kunde zu uns, die meisten Kontakte finden am Telefon statt.
Bei täglich sechzig und mehr Telefongesprächen bleiben über die Jahre nicht viele Details hängen. Doch dieses Gespräch war ausserordentlich, deshalb habe ich es noch glasklar in Erinnerung. Bei der Verabschiedung fragte mich Herr Meier nochmals nach meinem Nachnamen. Als ich ihn ihm nochmals nannte, stutzte er einen kurzen Moment. Dann fragte er, ob ich einen Verwandten mit dem Vornamen Gottfried Fritz Oskar hätte. Natürlich hatte ich den, er war mein viel zu früh verstorbener Vater. Herr Meier war ganz verdutzt und erzählte, dass er mit meinem Vater damals die Offiziersschule besucht habe. Lang, lang sei es her, 1953 da könne er sich noch sehr gut daran erinnern auch wenn er mittlerweile 91 Jahre alt sei. Wir plauderten noch ein wenig und verabschiedeten uns dann herzlich, als würden wir uns schon lange kennen.
Ich war beeindruckt, dieses Gespräch berührte mich. Wie klein die Welt doch manchmal ist. Ein Zufall ist auch, dass ausgerechnet ich diesen Anruf entgegennahm, es hätte jeder andere im Büro sein können.
Der Tag verging, die Woche auch und eine weitere Woche brach an. Plötzlich kommt eine Arbeitskollegin in mein Büro und kündigt einen Besucher für mich an. Ein unangemeldeter Besuch für mich? Ich fragte sie, wer denn gekommen sei. Ein gewisser Herr Meier und ich würde ihn kennen. Bei mir klingelte nichts im Erinnerungskistchen. Wie denn auch, bei täglich so vielen Meiers, Müllers und Hubers im Ohr. Ich stand auf und ging ins Sitzungszimmer. Dort sass ein uralter, kleiner Mann mit einem grossen Umschlag in der Hand. Sofort stand er auf, um mich mit strahlendem Lächeln zu begrüssen. Er sei Herr Meier, derjenige der mit meinem Vater die Offiziersschule besucht habe. Aha….! Jetzt war alles klar.
Er hätte lange gesucht in seinem grossen Fotofundus und habe das Foto meines Vaters vom Abschlussball gefunden. Er habe es in ein Fotogeschäft gebracht, um es vergrössern zu lassen. Feierlich überreichte er mir den Umschlag mit dem grossen Foto. Ich war sprachlos und es kamen mir die Tränen. Was für eine nette Geste und Überraschung. Ganz offenbar ging es Herr Meier ähnlich wie mir, auch er musste blinzeln. Wir waren beide etwas verlegen und wussten nicht so richtig, was wir noch sagen sollten. Da rettete uns mein Chef, er kannte Herr Meier schon seit 20 Jahren als Kunde und wollte noch einige Worte mit ihm wechseln. Ich verabschiedete mich mit vielen Dankesworten und besten Wünschen für ihn.
Heute hängt das Foto in meinem Büro zu Hause und ich freue mich jedes Mal, wenn ich es anschaue. Leider habe ich von meinem Vater fast keine Fotos. Warum? Das ist eine längere Geschichte, als diese heute. Vielleicht erzähle ich sie Dir ein anderes Mal auf dem Bänkli.“
„Sehr gerne, da bin ich gespannt drauf. Und herzlichen Dank, dass Du Deine schöne Geschichte mit uns teilst. Verrätst Du mir noch Dein Lieblingszitat, Tobias?“
„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“
Hier gehts zum Lieblingsessen von Tobias.