Uf em Bänkli mit Miryam N. (45) in Rüschlikon

„Ich möchte Euch eine charmante Geschichte aus unserer Familie erzählen. Sie handelt von meiner Urgrossmutter, die ich leider nie kennen lernte. Ich erzähle diese Geschichte heute so weiter, wie sie mir meine Grossmutter als ich noch Kind war, überliefert hat.

Dazu begeben wir uns zurück ins Jahr 1940. Das war damals eine harte Zeit, es herrschten magere und schwierige Kriegsjahre. Auch in der Schweiz, obwohl wir davon nicht direkt betroffen waren. Wo es möglich war, sass man am Abend beisammen, zu Hause. Oft ohne Ehemänner oder Brüder, da diese ins Militär eingezogen wurden. Zur Unterhaltung hat man selbst beigetragen, indem man sich ausgetauscht oder gemeinsam Spiele gespielt hat. An vielen Abenden machten die Frauen und Mütter Heimarbeit, um noch etwas Geld dazu zu verdienen. Fernsehen gab es noch nicht, man las ein Buch, um sich abzulenken oder die Zeit zu vertreiben.

Zu dieser Zeit gab es nicht viele Möglichkeiten, um auf dem aktuellen News-Stand zu sein. Dazu ging man am Wochenende ins Kino und erfuhr dort in der Wochenschau, was zuvor passierte. Die meisten Leute jedoch, konnten sich den Kino-Eintritt nicht leisten. Zum heutigen Vergleich: Meine Familie musste einen ganzen Monat sparen, um gemeinsam in die Wochenschau gehen zu können.

Natürlich gab es Tages- oder Wochenzeitungen. Diese waren aber ebenfalls nicht für alle erschwinglich. Damit blieb noch das Schweizer Radio. Es war wichtig, informiert zu sein. In unserer Familie sassen die Frauen abends am Tisch, haben gemeinsam gegessen und anschliessend die Nachrichten gehört. So hatte man wenigstens ein bisschen etwas aus der Weltgeschichte und vom Kriegsgeschehen erfahren.

Da sassen also die Frauen mit zwei Kleinkindern. Der Radiosprecher meldete die neusten Beiträge aus dem In- und Ausland. Es wurde andächtig geschwiegen und zugehört. Nach jeder Sendung verabschiedete sich der Nachrichtensprecher mit den Worten, dass er allen Zuhörern einen schönen Abend und eine gute Nacht wünsche. Daraufhin antwortete meine Urgrossmutter ihm jedes Mal ernsthaft mit den Worten, dass sie ihm dies auch wünsche.

Mit der Zeit wurde sie immer enttäuschter, weil er sich nie für ihre Wünsche bedankte. Klar, fand sie dies sehr unhöflich und unangemessen. In der Folge wurde es ihr zu bunt und sie schrieb einen Brief an die Schweizerische Rundfunkgesellschaft (SRG, heute SRF). Darin bedankte sie sich zuerst höflich für die täglichen Nachrichten. Sie hätte aber eine Beschwerde. Es freue sie sehr, dass der Nachrichten Moderator allen einen schönen Abend und eine gute Nacht wünsche, was sie ihm jeweils täglich laut und deutlich zurückwünschte. Der Moderator jedoch, hatte sich nie bei ihr bedankt und das empfand sie als äusserst unhöflich. Das wäre nicht in Ordnung, so ihre Empfindung.

Als der Rest der Familie davon erfuhr, haben sie geschmunzelt und ihr erklärt, dass er sie nicht hören konnte. Das sei eben die neue moderne Technik des Radios. Davon wollte sie gar nichts hören und blieb stoisch bei ihrem Groll.  

Es vergingen einige Wochen und die Urgrossmutter grämte sich täglich, dass ihr nie geantwortet wurde. Dann endlich, erhielt sie die lang erwünschte Antwort der SRG. Darin wurde ihr freundlich für ihren Brief gedankt, man nehme ihr Anliegen ernst. Zahlreiche Menschen würden jeweils, wie sie, dem Moderator nach seinen Abschiedsworten ebenfalls einen schönen Abend wünschen.

Der enge Zeitplan des Moderators jedoch, liesse es bisher nie zu, auf einzelne Grüsse zu reagieren. Und aus Respekt, niemanden zu über- oder untervorteilen, hätte er sich dazu entschieden, die Grüsse, über die er sich Abend für Abend erfreut, in respektvoller Stille zu erwidern.

Ihre Welt war wieder in Ordnung. Hatte sie es doch immer gewusst, dass es einen Grund geben würde, warum sie keine direkte Antwort erhielt.“

„Das ist nun aber wirklich eine sehr herzige Geschichte, liebe Miryam, vielen herzlichen Dank dafür. Heute kann man sich vieles von dem, was Du uns mitgegeben hast, nicht mehr vorstellen. Nicht zu letzt, weil es aus einer anderen Zeit ist.“

„Aus genau diesem Grund wollte ich die Geschichte weiter leben lassen, indem ich sie hier und heute erzähle und Du sie veröffentlichen kannst.“

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