Uf em Bänkli mit Ursi S. (50) in Zürich

„Ich musste mir einen Schubs geben, um Dir diese Geschichte zu erzählen. Sie ist einerseits lustig, doch auch ein bisschen morbid, und somit vielleicht nicht jedermanns tauglich.  Ich bin der Meinung, sie darf unter die Leute gebracht werden, weil sie schon aussergewöhnlich ist.“

„Du machst mich gwundrig, liebe Ursi. Jetzt lass die Katze aus dem Sack, je eher desto besser.“

„Vor einiger Zeit wohnte ich viele Jahre in einem Mehrfamilienhaus in einem Zürcher Aussenquartier. Insgesamt hatte es im Haus acht Wohnungen, ich war mit Abstand die Jüngste Bewohnerin darin. Die anderen Mieter waren alles Rentner. In der Wohnung unter mir wohnte Frau Rüdisüli. Sie war definitiv ein Original mit ihren mindestens achtzig Jahren.

Da Frau Rüdisüli immer viel Zeit zur Verfügung hatte, lud sie mich oft und gerne zum Kaffeeklatsch ein. Ich muss zugeben, diese Treffen waren immer unterhaltsam, lustig und interessant. Sie hatte so viele Geschichten auf Lager und war stets eine muntere Erzählerin. Sie lebte auf der einen Seite ein einfaches Leben mit ihrem Mann Hans. Anderseits, wahrscheinlich durch unseren Altersunterschied bedingt, hatte sie so vieles, interessantes aus ihrem Leben zu erzählen.

Eines Tages starb ihr Mann. Nicht dass dies irgendwie auffiel, denn er war auf seine ganz eigene Art unsichtbar. Wenn Frau Rüdisüli und ich beisammen sassen, ging er meistens spazieren oder pro Forma etwas einkaufen. Ich glaube ja bis heute, dass er diese Momente als kleine Flucht genutzt hatte und darum froh über meine Besuche war.

Nachdem Herr Rüdisüli gestorben war, machte ich mir Sorgen um seine Frau. Sie war alt, alleine und ohne Netzwerk oder Familie. Ganz offenbar waren meine Sorgen umsonst, denn sie blieb so munter wie eh und je. Das Einzige was sich geändert hatte, sie sprach nun nicht mehr mit ihrem Hans, sondern mit seiner Urne. Das fand ich dann schon etwas schräg, doch wer bin ich, um dies beurteilen zu können. Ich war einfach froh, dass sie nicht an ihrem Verlust zerbrach oder vereinsamte.

Unsere Treffen fanden weiterhin regelmässig statt. Eines Tages sagte sie zu mir: „Ursi, Du musst mir helfen, ich habe ein Problem. Ich weiss schon, dass die Überreste von Hans in dieser Urne auf der Kaminbank sind. Wenn ich ehrlich bin, traue ich der Sache aber nicht so ganz.“ Wie meinte sie das? Ich war in höchster Alarmbereitschaft und hatte allerlei Gedanken, die mir einen ganz flauen Magen bescherten. Das konnte nun aber wirklich nicht ihr Ernst sein. Hans war dort drin und gut war. Selbst wenn nicht er, sondern wer oder was weiss ich drin war, würde sie es niemals erfahren – wie denn auch. Ich betete zu allen Göttern und dem Universum, dass dies nur eine Laune der alten Frau war. Noch mehr hoffte ich, dass sie mich zu dem Thema nicht ernsthaft mit ins Boot nehmen wollte.

Ich versuchte ihr einzureden, dass ganz bestimmt alles mit rechten Dingen zu und her gegangen sei und sie nichts zu befürchten hätte. Das Bestattungsamt sei seriös und könne sich keine Patzer erlauben. Sie war zwar nicht überzeugt, liess sich dann aber dennoch in ein anderes Gespräch verwickeln. Dem Himmel sei Dank. Nicht auszumalen, was die Dame für Ideen ausbrüten würde, weil sie genügend Zeit dazu hatte.

Ich hatte mich geirrt. Beim nächsten Treffen gab es nämlich keinen Kaffee, sondern Rotwein. Das war neu. Erstaunt fragte ich sie, ob wir etwas zu feiern hätten. Nein, aber es sei an der Zeit Aufklärungsarbeit zu betreiben. Ich verstand nicht. Noch nicht.

Frau Rüdisüli stellte feierlich zwei Weingläser auf den Tisch und öffnete eine Tetra Packung Rotwein. Gibt es das wirklich, Wein aus dem Karton? Offenbar schon. Noch immer ahnungs- und sorglos schaute ich sie fragend mit hochgezogenen Augenbrauen an. Sie hob ihr Glas und prostete mir zu. Dann stand sie auf, holte mit feierlicher Geste die Urne von Hans und stellte diese mitten auf den Küchentisch zwischen uns. Nein… bitte, bitte nicht. Mein Magen stolperte, dann begann er zu rumoren. Das passiert mir jetzt nicht, oder? Bevor ich meine erste Frage stellen konnte verkündete sie ernsthaft: „So meine Liebe, jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Mir macht keiner etwas vor, ich will jetzt wissen was in dieser Urne drin ist.“ Mein Magen rebellierte ernsthaft. Ich bin sicher, dass ich sehr bleich wurde. Gierig trank ich einen grosszügigen Schluck Wein um meinen Magen und mich zu beruhigen. Grundgütiger, wie bringe ich sie von ihrem Vorhaben ab? Es wollte mir partout nichts Gescheites einfallen, also genehmigte ich mir noch einen weiteren grossen Schluck. Ich erinnere mich, dass ich den Wein entgegen aller Erwartungen mochte und darüber erstaunt war.

Dann ging es los. Schon stand die Urne zwischen uns, Frau Rüdisüli öffnete sie geschickt (ich fragte mich einen kurzen Moment warum sie wusste wie der Verschluss funktionierte. Verwarf den Gedanken aber ganz schnell wieder, ich wollte es nicht wirklich wissen). Gespannt hielt ich den Atem an. Was kam wohl als nächstes? Mittlerweile traute ich ihr alles zu. Sie verschaffte mir eine kleine Verschnaufpause, indem sie mich verschmitzt fragte, ob mir der Wein schmecke. Offenbar schon, da mein Glas bereits leer war. Schwupps hatte sie beide Gläser wieder befüllt. Da war sie dann auch schon vorbei die Pause. „Machen Sie den Tisch frei und nehmen Ihr Glas in die Hand liebe Ursi, wir benötigen nun den ganzen Tisch für Hans.“ Ich konnte es nicht fassen, es war ihr Ernst. Ich war völlig überrumpelt, überfordert und mir stieg die Magensäure den Hals empor. Lieber Gott lass ein Wunder geschehen, öffne die Erde, erzeuge ein Erdbeben, einen Flugzeugabsturz in der Nähe oder was auch immer. Erspare mir bitte, was folgen würde.

Ich wurde selbstverständlich nicht erhört, nahm wie befohlen, mein Weinglas in die Hand und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf das Geschehen. Frau Rüdisüli kippte kurzerhand den ganzen Urneninhalt auf den Küchentisch. Ich befürchtete, mich übergeben zu müssen. Darum schnell noch einen weiteren Schluck Wein. Was würde jetzt noch kommen? Die alte Dame stemmte ihre Hände in die Hüfte und verkündete, dass sie es genau gewusst hätte. Eine riesige Schweinerei sei das. Diese Feuerbestattung hätte viel Geld gekostet und sei gar nichts wert. Ich schaute immer noch fragend und verzweifelt zu ihr. „Ja sehen sie es sich doch selbst an Ursi. Diese Stücke und Klumpen. Das ist definitiv keine saubere Arbeit. Man hat mir versprochen, dass bei 1200 Grad Celsius nur noch feine Asche übrig sein würde. Und jetzt das.“ Sie war regelrecht entsetzt und wütend. Ich fiel in mich zusammen auf dem Stuhl. Wie ein Häufchen Elend sass ich da und konnte nicht reagieren. Ich wusste beim besten Willen nicht, wie ich reagieren sollte.

Aber ich hatte es überstanden. Dachte ich. Weit gefehlt. Die Show ging erst richtig los.

Frau Rüdisüli band sich entschlossen eine Küchenschürze um und holte aus einer Schublade ein Wallholz heraus. Das durfte doch nicht wahr sein. Ich hob mein Glas zum Mund um zu bemerken, dass es leer war. Wie ferngesteuert füllte ich es auf und setzte es erneut an. Das war jetzt nicht ihr Ernst? Doch, war es. Sie begann den ganzen Inhalt wie eine Wilde zu bearbeiten. Setzte mit dem Wallholz immer wieder von neuem an, bis auch der letzte Krümel nur noch Pulver war. Ich weiss nicht, wie lange sie das gemacht hat. Ich würde rückblickend sagen zwei Gläser lang. Endlich, endlich war sie fertig. Sie freute sich tatsächlich über ihre gelungene Arbeit und begann alles sorgfältig wieder in die Urne zu schaufeln. „Das, meine Liebe ist Qualitätsarbeit.“ Verstanden, Qualitätsarbeit.

So schnell wie es der Anstand erlaubte verabschiedete ich mich von ihr und zog mich in meine eigenen vier Wände zurück. Ich brauchte Wochen, um das Erlebte zu verdauen.

Nach diesem Erlebnis bei und mit Frau Rüdisüli besuchte ich sie weiterhin regelmässig. Ich dachte mir, das wildeste habe ich nun überstanden. Genau so war es denn auch. Unsere nachbarschaftliche, freundschaftliche Beziehung blieb bestehen, bis ich einige Jahre später wegzog.“

„Phuuuu Ursi, ja Du hast recht, diese Geschichte ist nicht ganz alltäglich, vielen herzlichen Dank dafür. Magst Du mir noch Dein Lieblingszitat verraten? Ich denke für das Lieblingsessen ist jetzt nicht der passende Moment.“

„Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen.“

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