Uf em Bänkli mit einer unbekannten Frau, 1980 in Zürich

Dies ist eine Begegnung in Oerlikon, die vor 45 Jahren stattgefunden hat. Zufällig, ohne Plan und Ziel.

Es war Sommer und meine Grossmutter machte sich auf zum Wocheneinkauf, selbstverständlich zuerst auf den Wochenmarkt im Gewühl auf dem Marktplatz. Sie liebte frisches Gemüse, Früchte, Kräuter und überhaupt alles aus der Natur.

Da es sehr heiss war, machte sie eine kurze Verschnaufpause bevor sie sich noch zum Lebensmittelladen aufmachte um all dies einzukaufen was der Wochenmarkt nicht hergab. Um den Marktplatz herum standen einige sehr einladende Sitzbänke, wo man wunderbar ausruhen und wieder Kraft tanken konnte. Bei einigen hatte es sogar noch Laubbäume, die herrlichen Schatten spendeten. Genau dort wollte sie sich hinsetzen. Aber da sass schon eine Frau. Zuerst wollte meine Grossmutter sich umdrehen und eine andere schattige Sitzgelegenheit suchen, um die Frau nicht in ihrer Ruhe zu stören. Doch als sie einen zweiten Blick zu der Frau auf der Bank warf, nahm sie wahr, dass diese ganz leise aber heftig vor sich hin weinte. Die Tränen strömten der fremden Frau nur so über die Wangen, doch es kam kein einziger Ton über ihre Lippen. Sie sass einfach da, die Hände im Schoss gefaltet, geräuschlos, alleine, verzweifelt und weit weg vom Alltag und der Welt um sie herum. 

Meine Grossmutter brachte es nicht übers Herz weg zu sehen oder sich abzuwenden. Sie setzte sich zu der Frau mit den Worten „falls ich sie störe lassen sie es mich bitte wissen“. Danach sagte sie lange nichts mehr. Liess die Frau weinen und die Situation auf sich wirken.

Nach einiger Zeit sagte die Frau: „danke dass Sie mir Gesellschaft leisten“. Und es tut mir leid, dass sie mit ansehen und erleben müssen wir ich mich gerade fühle. Meine Grossmutter suchte den Augenkontakt, mit ihren lieben, gütigen, wissenden Augen. Sie sagte bloss „lassen Sie es raus, ich bin da und ich habe Zeit“. So ging es noch einige Minuten weiter. Beide sassen nebeneinander, die eine weinend, die andere ganz ruhig.

Die beiden sassen weiterhin auf dieser anonymen Bank am Rand des Marktplatzes. Das Leben rundum ging weiter und war Welten entfernt. Genau so wie die beiden Frauen vom Rest rundherum nicht wahrgenommen wurden. Und das war gut so. Irgendwann beruhigte sich die Fremde ganz langsam. Ihr Atem ging ruhiger, sie veränderte ihre Sitzhaltung, machte einen geraden Rücken, legte ihre beiden Hände auf die Oberschenkel und sagte: „Ich kenne Sie nicht und weiss nicht, wer Sie sind. Aber der Himmel hat sie geschickt. Ich war gerade zum wiederholten Male so verzweifelt, und heute war es so schlimm wie noch nie. Ich weiss nicht mehr weiter und sehe keinen Ausweg mehr. Aber dass Sie hier neben mir nicht die Flucht ergriffen haben  und einfach mit mir gesessen und ausgeharrt haben, hat mir sehr viel bedeutet und sogar ein ganz klein wenig geholfen.“ Bevor meine Grossmutter etwas erwidern konnte redete sie weiter: „Sie kennen mich auch nicht und wissen nicht wer ich bin. Und das ist gut so. Ich bin die Ehefrau eines sehr prominenten Schweizers. Ich werde seit Jahrzehnten gedemütigt, gepeinigt, misshandelt, respektlos behandelt. Jedoch immer nur dann wenn es niemand sieht oder hört. Die Schläge, Boxhiebe, Verbrennungen und andere Misshandlungen finden nur an Körperstellen statt, die niemand sehen kann.“ Meine Grossmutter war sprachlos.

„Wissen Sie“ fuhr die Frau fort, „ich weiss genau was Sie jetzt sagen möchten. Ich könnte mich an eine Verwandte, vertraute Person, meinen Hausarzt, ein Frauenhaus, die Polizei oder wen auch immer wenden. Aber ich sage Ihnen, niemand – wirklich niemand würde mir glauben. Und falls doch, er wird mich aufspüren und bestrafen. ER ist der Star, der Held, der Gütige, der Perfekte, der Zampano. Dass ich in seinem Schatten stehe stört mich nicht, und ich habe ihm den Rücken immer gerne freigehalten. Das gehört dazu wenn man einen Status hat, wie wir ihn haben. Jeder würde ihm sofort von meinen Worten berichten, und dann bringt er mich um. Glauben Sie mir einfach, er würde es tun, ohne mit der Wimper zu zucken. Und selbst diese Tat würde er rechtferigen, als Unfall tarnen können. Meine Hölle geht somit weiter, bis er mich aus Versehen wahrscheinlich tatsächlich umbringt. Und dann hat mein Elend eine Ende“. Nun haben die beiden Frauen die Rollen getauscht. Meine Grossmutter sitzt ganz ruhig, ja andächtig da, die Hände im Schoss gefaltet und ihr laufen stille Tränen über die Wangen. Sie ist tief erschüttert. Denn sie weiss, die Frau hat recht. Auch wenn es absolut nicht rechtens ist. Sie wird erlöst von den folgenden Worten: „Ich werde Sie nie vergessen, denn Sie sind der einzige Mensch, dem ich je über mein grauenvolles Dasein und Leiden erzählt habe. Und ich weiss nicht, ob Sie mich allenfalls doch erkannt haben. Aber ich spüre, Sie würden niemandem etwas erzählen oder sich gar an die Presse wenden. Danke für Ihre wertvolle Zeit“. Sie stand auf, ging langsam weg und drehte sich kein einziges Mal mehr um.

Nein, die fremde Frau wurde nicht erkannt. Aber die schicksalsträchtige Geschichte blieb haften.

Danke liebes Müetti, dass Du diese Geschichte vor vielen, vielen Jahren mit mir geteilt hast. Dein Lieblingsrezept findet man hier.

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