Uf em Bänkli mit Natascha R. (54) in Otelfingen

Diese Geschichte ereignete sich im Sommer 1999. Sie beginnt auf einem Bänkli. Und sie endet auch auf einem Bänkli.

„Meine Güte“, beginnt Natascha zu erzählen. „Das ist ja bereits 26 Jahre her, stelle ich gerade fest. Wo sind denn nur all die Jahre geblieben? Ein viertel Jahrhundert liegt bereits dazwischen. Gut, ich versuche chronologisch zu erzählen, und mich nicht allzu sehr zu verzetteln. Sonst holst Du mich bitte einfach aus der Erinnerung ins Hier und Jetzt und somit auf den richtigen Pfad zurück“.

„Selbstverständlich, das mache ich doch gerne. Aber nun lass uns in Deine ganz persönliche und eigene Geschichte aus dem Sommer 1999 abtauchen. Ich freue mich sehr darauf und bin gespannt. Wenn ich mir Deinen Gesichtsausdruck gerade ansehe, dann spüre ich, da kommt etwas Grosses und für Dich Wichtiges“, antworte ich ihr.

„Es war an einem Samstag, meine Laune war mässig gut. Denn mein Mann, ein leidenschaftlicher Tennisspieler, hatte sich zu einem Nachtturnier angemeldet. Ich meine… nicht dass Tennis per se bereits schon … ääähm… Sport und somit anstrengend ist. Nein, auch noch ein Nachtturnier, das wirklich die ganze Nacht dauert und obendrein noch an einem Samstag stattfindet. Zu viele Parameter, die meine Laune nicht anhoben oder mir auch nur ansatzweise Spass oder ähnliches bereiteten.

Nun gut, ich wollte ja kein Spielverderber sein und  wusste auch, dass ihm dies sehr viel bedeutet. Selbstverständlich bin ich mitgegangen, immerhin wird dort ja irgendwann auch mal gegessen und meistens genügend getrunken. Ich kann mich dann gut und gern an diesem Teil festhalten.

Ich gebe zu, an das Turnier (was mich eben nicht so interessierte), die Spielerinnen und Spieler, die Resultate und all das ganze Tennisgedöns errinnere ich mich heute nicht mehr. Doch ich muss zugeben, es wurde eine sehr unterhaltsame, lustige, wilde, feuchtfröhliche und letztendlich ereignisreiche Nacht.

In diesem Tenniszentrum gab es einen hübschen Aussenbereich mit einem kleinen Pool und vielen Sitzgelegenheiten, kleinen Bistrotischen, Sonnen- und Schattenplätzen. Für diese Tennisnacht wurde der Aussenbereich umgestaltet. Es wurden Festtische- und Bänke aufgestellt sowie ein wunderbares Buffet mit unzähligen Salaten, Beilagen, Broten. Selbstverständlich war da auch ein monströser Grill mit allem, was Fleischliebhaber glücklich macht.

Während (für mich) im Hintergrund das Turnier stattfand, begab ich mich zum sozialen Brennpunkt und setzte mich an den Rand einer Festbank. Einige um mich herum kannte ich, da waren aber auch Ehefrauen- und Männer von Bekannten und Fremde. Aus dem Nichts setzte sich ohne zu fragen ein junger Mann neben mich. Frech und keck, wie ich damals noch war, sagte ich: „Nein, nein es stört mich nicht. Setz Dich ruhig neben mich. Ich heisse übrigens Natascha und wer bist Du?“ Eine halbe Sekunde später strahlt er mich an und sagt: „Oh, sorry, ich bin Andi.“ Und streckt mir ganz ruhig mit einem entwaffnenden, herzlichen Lachen die Hand entgegen. Ok – er hat gewonnen. Mein Sarkasmus hat hier wohl nicht gewirkt. Aber sein Charme dafür umso mehr.

Der Abend brummt, es wird gegessen, getrunken, gelacht, gejohlt. Zwischendurch setzen sich die Spieler- und innen, um sich zu verpflegen und auszuruhen, zu uns. Spannend ist, dass die ganze Runde, die nicht so wirklich zusammen passt, trotzdem irgendwie stets homogen und im Fluss ist. Es war tatsächlich lustig und teils sehr laut, aber auf eine angenehme, entspannte Art.

Irgendwann dreht sich Andi zu mir um und beginnt mit mir zu plaudern. Wir tauschen uns aus, über Hobbys (NEIN, ZUM GLÜCK KEIN TENNIS), Beruf, Familie, Gott und die Welt. Wie man das eben so macht. Jeder erzählt von sich und seinem Leben. Er sei ungebunden erzählte er mir. Allmählich zogen sich die lauten Geräusche des Tisches zurück und bildeten eine Hintergrundkulisse. Andi und ich sassen uns nun auf der gleichen Bank direkt gegenüber, also rechts und links von der Bank je ein Bein und sind in ein Gespräch vertieft. Völlig aufeinander konzentriert. Dass unsere Knie sich berühren, haben wir zuerst gar nicht gemerkt. Aber dann… Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, worüber wir gesprochen haben. Aber ich weiss noch sehr genau, wie es sich angefühlt hat. Wie alles in mir zu kribbeln und vibrieren begann. Was war das? Ich konnte (und wollte) es nicht einordnen.

Mittlerweile war die Nacht angebrochen, es wurde dunkel und war nicht mehr so heiss, schön angenehm. Es wurden Kerzen aufgestellt, die Leute am Tisch wechselten sich dauernd ab, weil ja immer noch das Turnier andauerte. Andi und ich sassen immer noch unverändert auf dieser Bank einander gegenüber und redeten, redeten, redeten. Wir hatten sehr ähnliche, übereinstimmende Absichten, Ideen, Wünsche, Pläne und Gedanken. Wahnsinn, gibts denn sowas? Wie ist das möglich und warum berührte mich dies so tief? Es kribbelte wie verrückt, und wie. Da kam mein Mann, verschwitzt von einer Partie auf dem Platz. Andi drehte sich zu ihm um und sagte, „verzeih ich habe mir Deine Frau zum Gespräch ausgeliehen, aber nun bist Du ja hier, und möchtest sie sicher für Dich haben.“ Doch mein Mann erwiderte nur: „nein, nein lass nur, ich habe Hunger und Durst und möchte mich mit den anderen Jungs hier unterhalten.“ Andi sagte, „hey das geht gar nicht, Du kannst Deine Liebste nicht hier die ganze Nacht alleine sitzen lassen. Sie ist wegen Dir und für Dich hier. Komm doch her, ich wechsle den Platz und setz mich auf die andere Bank.“ „Nein, lass nur, war die lapidare Antwort.“

Wir haben uns dann den anderen zugewandt und uns an Ihren Gesprächen beteiligt und mitgescherzt. Doch irgendwie war die Atmosphäre jetzt anders, nicht mehr entspannt, sondern eher aufgeladen. Ich konnte es nicht einordnen. Aber es kribbelte immer noch und immer mehr.

Aus dem nichts sagte Andi zu meinem Mann: „Sag mal, hat Deine Frau vielleicht eine Schwester?“ „Nein, hat sie nicht“, war die Antwort. „Hallo? Ich sitze neben Euch ihr könnt mich auch direkt ansprechen.“ Was war denn das jetzt bitteschön?

Der Abend, die Nacht nahm ihren Verlauf und im 10 Minuten Takt fragte Andi meinen Mann immer wieder ob ich eine Schwester hätte. Irgendwann gab dieser keine Antwort mehr, es war ihm wohl zu blöd. Auch ich fands irgendwie komisch. Und beim gefühlten 125. Mal und nach weiteren gefühlten 11 Gläser Wein fragte ich ihn direkt, was er denn genau mit dieser Frage meine. Ob ich irgend jemandem ähnlich sehe oder ihn an jemanden errinnere? „Nein“, sagte er. „Gar nicht. Aber Du bist leider bereits vergeben und Du bist eine absolute Traumfrau, meine Traumfrau. Du verkörperst alles was ich mir wünsche, was ich will und was ich brauche. Wenn Du eine Schwester hättest, dann hat sie im besten Fall einen Teil Deiner Gene und ich würde mich vielleicht auch in sie verlieben können. Aber so…“

Oha! Und jetzt?

Ich war nicht bloss überrascht oder überrumpelt. Ich war paralysiert, hypnotisiert, ich war sprachlos (eine Seltenheit) und bekam sehr heisse, rote Wangen. Ich sass einfach nur da und schaute ihn an. Ich hörte und sah rundum nichts mehr, nahm meine Umwelt nicht mehr wahr. Keine Gespräche, keine Musik, keine Gerüche, nichts. Mein Herz schlug wie wild und in meinem Magen tanzten tausend Schmetterlinge. Ich war nur bei mir. Bei uns. Überflutet, gar überfordert von Gefühlen, die ich lange nicht mehr hatte und für den Moment auch nicht einordnen konnte. Es fühlte sich zu gut, und doch nicht richtig an. Kannte ich solche Gefühle denn in dieser Intensivität? Ich gab mich inmitten all dieser Leute um uns herum diesem Wahnsinnsmoment hin und war einfach glücklich. Ganz tief in mir drin glücklich. Es war eine Mischung aus unglaublicher Ruhe und aber auch Aufgeregt sein in mir. Ich kann es nicht anders beschreiben. Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Wir sprachen fast nichts mehr miteinander, wurden immer ruhiger, weil wir spürten, dass wir beide das gleiche fühlten. Und ich wusste, dass dies absolut nicht in Ordnung war. Aber es war da. Und zwar so heftig, dass wir uns dem nicht entziehen konnten und schon gar nicht wollten.

Zu sehr später Stunde, oder besser gesagt, am frühen Morgen wurde die Runde so langsam aber sicher aufgelöst, es wurde ab- und aufgeräumt. Einer nach dem anderen erhob sich, es wurde Abschied genommen, umarmt und fast alle haben sich für das nächste Wochenende verabredet, denn dann fand das legendäre Züri-Fäscht statt. Ich war wohl zu langsam und da ich immer noch am äussersten Rand der Festbank sass, kam es wie es kommen musste. Die Physik kann man nicht überlisten. Alle standen auf, die Bank kippte mit mir drauf auf meine Seite. Ich fiel auf den Hinterkopf und… fertig. Schwarz. Alles schwarz. Wie lange weiss ich nicht. Das nächste Bild das ich vor Augen hatte war Andi, der sich besorgt über mich beugte und versuchte, mit mir zu reden. Dann kam alles schlagartig zurück. Aber etwas stimmte hier nicht. Warum beugte er sich über mich und nicht mein Mann? Wo ist er? Ah… dort… er unterhält sich. Schön. Danke. Andi half mir auf, stützte mich besorgt und fragte, ob ich ins Spital müsse oder sonstige Hilfe bräuchte. „Nein, vielen Dank, bloss nicht.“ Jetzt bloss keine Aufmerksamkeit erregen. Wir verabschiedeten uns mit drei freundschaftlichen Küsschen rechts, links rechts, jedoch viel zu nahe mit dem Körper und an den Händen haltend. Badamm-badamm-badamm…hämmerte mein Herz. Und mein Kopf. Der tat übrigens saumässig weh und pochte grässlich. Jetzt war in mir drin alles durcheinander. Das Herz, die Gefühle, der Bauch, der Kopf und die turbulenten Gedanken.

Am Montag ging ich wie gewohnt zur Arbeit, doch bereits eine Stunde später dann freiwillig zum Arzt, weil mein Kopf derart schmerzte. Glück hätte ich gehabt im Unglück, das sei ein haarfeiner Kopfschwartenriss, etwas mehr und ich hätte einen Schädelbruch erlitten. Na bravo. Also gut, Glück gehabt. Apropos Glück: Im 15 Minuten Takt schlug mein Bauch Purzelbäume und die tausenden von Schmetterlingen hatten sich derart rasant schnell vermehrt, dass sie nicht mehr zu zählen und auch kaum mehr auszuhalten waren. Konzentrieren? Keine Chance. Normal sein? Unmöglich. Arbeiten? Wie denn. Essen? Ausgeschlossen.

So ging das nicht. So durfte das nicht sein. Ich musste das lösen. Und zwar ganz schnell.

Es war noch nicht so sehr die Zeit der Handys, sms oder whattsapp. Schon gar nicht bei mir. Ich war also gezwungen zu warten. Ganze sechs Tage. Dann war wieder Samstag und Züri-Fäscht. Dann würde ich ihn wieder sehen. Zack, purzeln die Schmetterlinge wieder alle durcheinander und tanzen den wildesten, heissesten, erotischsten Tango in meinem Bauch. Diese Mischung aus wunderschön und unaushaltbar kannte ich nicht. Was ist das denn bloss? Ja, ja natürlich wusste mein Verstand ungefähr was hier geschah. Aber die Vernunft wollte das absolut nicht zulassen. Denn das war nicht in Ordnung, und das war auch nicht ich. Ich wollte das nicht, ich brauchte das nicht, ich verstand auch nicht, warum mir dies geschah.

Sechs Tage waren vergangen. Sechs Tage warten. Sechs Tage nicht wissen wie diese Begegnung am Samstag sein wird. Sechs Tage Fragen. Sechs Nächte gefühlt immer wach. Sechs Tage keinen Appetit. Ok – das lässt mich am Samstag schlanker aussehen, das war auch nicht so schlecht. Züri- Fäscht: unsere ganze Bande war komplett, wir liessen uns durch Zürich treiben, assen hier und da etwas, tranken natürlich wiederum genug und hatten eine riesen Gaudi. Nicht. Also die anderen schon. Ich nicht. Andi und ich versuchen uns cool zu geben, wie alle anderen auch. Gleichzeitig suchten wir dauernd die Nähe des anderen. In der Nacht, im Getümmel in diesen huntertausenden von Menschen fiel das nicht auf. Hier eine Geste, da eine Berührung, Hände die einander suchten. Es war auch diese Nacht wieder heiss und waren es noch viel mehr.  Das schlimme daran war, mein Mann der beachtete mich kaum, bemerkte nichts. Auch die anderen nicht. Und ich? War wieder hin- und hergerissen zwischen ich fühle mich grässlich, schändlich, lügend, betrügend und…. doch so herrlich.

Nach Stunden sassen alle wieder mal auf Festbänken und ich kann mich partout nicht an das Thema errinnern, aber Andi und ich schlossen dabei eine Wette ab. Wenn er gewinnen würde, musste er mich eine Woche später zum Nachtessen einladen, und wenn ich gewinnen würde, musste ich ihn einladen. Haha…. wie unoriginell. Wir hätten uns ja einfach so zum Essen verabreden können. Aber die Verpackung war gelungen, alle am Tisch fanden es lustig und nichts dabei. Keiner hat gemerkt, was da gerade vor ihren Augen passierte. Gesagt getan. Wer gewonnen hatte, weiss ich nicht mehr. Aber ich weiss, dass die Verabredung stand, am nächsten Samstag Abendessen zu gehen. Das Restaurant in einem sehr hübschen, ruhigen Quartier in Zürich stand auch sofort fest. Uns beiden gefiel es dort sehr und so war die Wahl einfach.

Montag, alles wieder von vorne. Wie überstand ich die nächsten sechs Tage? Keine Ahnung. Mittlerweile stand es wirklich nicht mehr so gut um mich und ich hielt dieses Wechselbad der Gefühle kaum mehr aus. Es kann und darf nicht sein, auch wenn (noch) nichts passiert war. Das hier ging nicht und galt für mich und meine Grundwerte bereits als Betrügen und Lügen. Also überlegte ich mir, wie ich dies meinem Mann beibringen soll. Denn, es kam für mich nicht in Frage, dass es so weitergeht. Ich könnte auch alles absagen, abhaken und es wäre erledigt. Doch – wäre es das wirklich? Nein, ganz sicher nicht, denn in mir drin war schon zu viel passiert. Sechs weitere Tage ohne guten Schlaf, keine Konzentration, kein Appetit. „Kennst Du das Lied von Herbert Grönemeyer, Flugzeuge im Bauch wo er irgendwann singt: ich kann nichts mehr essen, kann Dich nicht vergessen….“

„Ja meine Liebe, ich kenne es…“

Es kam der Samstag und entgegen meiner sonstigen Art, hatte ich keine Sekunde Mühe mit der Entscheidung, was ich anziehen sollte. Ich hatte meinem Mann offen erzählt, dass ich mit Andi essen gehe, was für ihn völlig in Ordnung war, er war ja bei der Wette auch dabei. Und so machte ich mich auf nach keine Ahnung mehr wohin, wo wir uns irgenwo zwischen unseren Wohnorten trafen. Ich stieg in sein Auto und ab dann war es um mich geschehen. Aber so richtig. Ich spürte nur noch ihn, uns. Wir waren eins. Wir fuhren ins Restaurant, wo wir uns wie frischverliebte, permanent an den Händen hielten. Einzig beim Toilettengang hatten wir uns getrennt. Wir tranken, assen, zahlten händchenhaltend. Wir strahlten, sprühten vor Glück und Verliebtheit und hatten irgendwann nicht mal mehr gesprochen. Zwischen uns hat es gefunkt, vibriert und die Energie zwischen uns war einzigartig. Zurück im Auto wussten wir nicht wie uns geschieht, wie wir uns verhalten sollten. Natürlich, wildes Geknutsche war Programm. Diese Gefühle… sie waren dermassen intensiv und unkontrollierbar. Wir hatten noch Stunden geredet, uns nicht aus den Augen und Händen gelassen. Es schien magisch und perfekt. Danach mussten wir zurück fahren. Ungefähr einen Kilometer vor meinem Zuhause merkten wir, dass wir mein Auto vergessen hatten. Wir fuhren also wieder zurück, um es zu holen. Da standen wir. Zwei Autos. Zwei Verliebte, Gestrandete, Verlorene. Wie weiter?

Wir wussten es nicht.

Wir verabredeten uns für den kommenden Montag. Den ganzen Tag. Bei ihm zu Hause. Nur wir beide. Ich würde mich krank melden. Voller Glückshormone und Vorfreude gingen wir auseinander. Mit tausend Wünschen, Versprechungen und vielen, mächtigen, guten Gefühlen. Zum Abschied sagte ich ihm: „Ich will, muss und werde meinem Mann davon erzählen, denn ich möchte nicht etwas neues beginnen oder aufbauen, ohne ehrlich zu sein und das „alte“ abzuschliessen.“ Er war sehr erstaunt und es schien mir, auch beeindruckt. Gesagt hat er jedoch nichts. So fuhr jeder von uns nach Hause.

Sonntag. Die Hölle. Wann und wie sage ich es ihm? Er merkte nichts. Das erstaunte mich ausserordentlich. Spürst Du mich so wenig, wenn ich komplett neben der Spur und nicht wirklich bei Dir bin? Ok, das ist nicht fair. Es findet bei mir statt und ich darf und soll es nicht auf Dich projezieren. Aber trotzdem, wo standen wir, dass mir 1. so etwas passiert und Du 2. nichts, aber auch gar nichts davon wahrnimmst?

Montag. Ich meldete mich krank. Mit sehr schlechtem Gewissen, und mit wildem Herzklopfen. Ich fuhr zu ihm nach Hause. Was dann kam, erzähle ich nicht im Detail, ich versuche es zusammen zu fassen. Ich kam an, meine Haare waren vom Duschen noch nicht mal trocken. Er zog mich in seine Wohnung, in sein Schlafzimmer und der Tag verging wir im Flug. Sex, Gefühle, mehr Sex, dauernd emotional im Höhenflug, Hormone, noch mehr Sex, noch mehr Gefühle, weiterer Sex, Versprechungen, Hoffnungen, Pläne, und immer noch mehr gegenseitig preisgegebene Gefühle, Zukunftspläne, das ganze, volle Programm. Aber so richtig. Wir vereinbarten, uns am nächsten Abend wieder zu sehen. Wir mussten uns sehen. Wir wollten uns unbedingt wieder sehen. Zu einem lauschigen Spaziergang im Zürcher Oberland, am Greifensee. So richtig romantisch. Um unsere Zukunft zu planen, unsere Träume wahr werden lassen. Ich, wir freuten uns wahnsinnig darauf. Es war uns ernst. Das wussten, spürten wir beide. Wir waren zu jung um uns nicht darauf einzulassen, und bereits zu erfahren um zu wissen, dass dies wichtig und richtig war.

Irgendwann musste ich gehen. Schliesslich hatte ich offiziell „Feierabend“. Es war furchtbar, es zerriss mich. Uns. Wir weinten. Wir versprachen. Wir planten schon wieder. Wir weinten noch mehr. Wir schlossen einen Pakt. Wir versprachen noch mehr. Ich fuhr nach Hause. Ganz langsam. Tief in Gedanken versunken. Fühlte ich mich gut? JA! Ich versuchte mir vorzustellen, was die Zukunft bringt. Es gelang mir nicht. Es wäre zu schön um wahr zu sein. Und doch wusste ich, jetzt und zwar wirklich jetzt und sofort, wenn ich zu Hause bin, will und muss ich reinen Tisch machen.

Gesagt getan. Ich kam in unsere Wohnung und bat um ein sofortiges Gespräch. Mein Mann nahm das nicht ganz so ernst und fragte, ob das jetzt sein müsse. Ja, musste es. Ok – dann eben. Und ich dachte, es würde ganz schwierig werden, den Anfang zu finden oder auf den Punkt zu kommen. Aber das war es überhaupt nicht. Ich sagte: „Ich muss Dir etwas beichten, ich habe mich verliebt.“ Wenige Sekunden später, völlig unberührt und unerschüttert sagte er: „Das wundert mich nicht, ist es…..Lorenz?“ Hä? Ähhhh nein wirklich nicht. „Ah ok, dann ist es…. Nico?“ „Wie bitte? Nein wirklich auch nicht.“ So sagt er: „Ja dann weiss ich nicht wer es ist, willst Du es mir sagen um wen es sich handelt? Aber eigentlich spielt es keine Rolle.“ Immer noch völlig unberührt. Das erstaunte mich dann doch sehr. Hatte er eine so schlechte Meinung von mir? Oder war es allenfalls umgekehrt?  War er vielleicht froh darüber? Ich sagte ihm gerade heraus und ehrlich, es sei Andi. Interessanterweise erstaunte ihn dies. Das hätte er nicht gedacht. „Aha. Aber dass es dies und oder jener sein könnte, das fand in Deinem Kopf statt, oder wie?“ „Ja“, sagte er. „Was ja?“ „Ja“, sagte er wieder. Ich fragte ihn, ob es sein könnte, dass wir seit längerem ein grundsätzliches Gespräch hätten führen müssen? Er wusste es nicht.

Ich fragte ihn, wie machen wir weiter? Was machen wir jetzt? Er wusste es nicht. So fragte ich ihn was er denn möchte, was er denn fühle. Er wusste auch das nicht. Ich schlug vor wir gehen schlafen und morgen reden wir weiter. So geschehen.

Doch am nächsten Tag fuhr ich am Abend an den Greifensee. Die ganze Nacht schlief ich selbstverständlich nicht, sondern malte mir aus, wie mein Leben in Zukunft aussehen würde. Einfach würde es sicherlich nicht. Ich würde mich trennen, neu organisieren und ausrichten und eine gemeinsame Zukunft mit Andi aufbauen. Wie schön. Selbst im Dunkeln in der Nacht lächelte ich vor mich hin, war glücklich und freute mich. Ja klar, aufzugeben, was war und was ich hatte, war nicht ganz so einfach, wie ich das jetzt hier erzähle. Aber genährt und angetrieben von so viel Adrenalin und Glückshormonen, war dieser Teil etwas abgeschwächt.  Wie wird das wohl werden? Hochzeit? Kinder? Wo würden wir wohnen? So viele Ideen, Pläne, Fragen. Aber eins ums andere. Am nächsten Abend würden wir uns sehen und wir hätten noch so viel Zeit vor uns, es eilte nicht und wir dürfen es ruhig und vernünftig angehen.

Ein Teil in mir war erleichtert und froh, dass ich offen und ehrlich zu meinem Mann gewesen war. Ein anderer Teil war erschüttert, dass ihn dies nicht mitnahm und dass er relativ neutral reagiert hatte. Denn das bedeutete für mich ganz klar, dass er mit seinen Gefühlen auch nicht mehr ganz so bei mir war, wie es sein sollte. Zwar hatten wir somit Gleichstand. Es stimmte mich trotz allem traurig und nachdenklich.

Montag Abend. Das Treffen am Greifensee. Wir fuhren fast gleichzeitig zum vereinbarten Treffpunkt und parkierten unsere Autos. Ich hatte ein Leuchten, ein Strahlen im ganzen Gesicht und war überzeugt die ganze Welt sah mir an, was gerade in mir abging. Wir stiegen beide aus, ich lief sofort zu ihm hin und bemerkte zuerst gar nicht, das er nicht auf mich zukam. Er stand einfach neben seinem Auto und sein Blick war in die Ferne, Richtung See gerichtet. Ich umarmte ihn und wollte ihn küssen. Doch er stand bocksteif da, regte sich nicht, sah mich nicht an und hatte einen ganz ernsten Blick, immer noch in die Ferne gerichtet.

„Was ist los“, fragte ich ihn? „Nichts.“ Aha. Das sah aber nicht so aus. Ich versuchte nochmals, seine Hand zu nehmen, er zog seine weg. Wir liefen auf den Steg am See zu. Er drehte sich zu mir um und sagte zu mir, „das geht nicht, ich kann das nicht.“ Er drehte sich um und lief weg. Wie bitte? Was war das jetzt? Ich ging ihm nach und fragte ihn, was denn passiert sei in den letzten zwölf Stunden. „Nichts“ sagte er. Und lief weiter. Ich ging wieder hinterher, und wir kamen an einem Bänkli vorbei. Ich bat ihn darum, sich mit mir dort hin zu setzen. Das tat er dann. Und schwieg. Ich habe auf alle erdenklichen Arten versucht von ihm zu erfahren, was ihn zu dieser Aussage bewog.

Ich habe es nie erfahren. Bis heute nicht. Er stand auf und ging. Weg von mir, weg aus meinem Leben, meinen Träumen. Einfach so. Weg. Für immer.

Vielen herzlichen Dank, liebe Natascha, für diese emotionale Geschichte, und Dein Lieblingsessen die Du mit mir geteilt hast.

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2 Gedanken zu „Uf em Bänkli mit Natascha R. (54) in Otelfingen“

  1. Liebe Natascha
    Eine fesselnde Geschichte, die unerwartet traurig endet.
    Dramaturgie pur!
    Danke auch an Nicole, die Deine Emotionen bis zum Schluss mit
    soviel Spannung hochgehalten hat.
    Beat

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