„Ich muss das unbedingt loswerden. Auch wenn es wahrscheinlich für viele keine grosse Sache ist. Für mich war das im zarten Alter von 19 Jahren ein richtiges Drama. Es beschäftigt mich manchmal heute noch, darum erzähle ich das jetzt hier auf dem Bänkli.“
„Da bin ich mal gespannt, was jetzt kommt, liebe Esthi.“
„In den 80-er Jahren war musikalisch die Zeit von NDW. Ich liebte die neue deutsche Welle, auch wenn es noch andere Musikrichtungen gab, die ich super fand. Unter anderem EUROPE, mit dem wunderschönen Sänger Joey Tempest. Diese Haare, diese Augen… EUROPE waren für mich damals die perfekte Mischung aus Rock und Pop. Ein bisschen rockig, jedoch mit Melodie, eingängigen Texten und Tonabfolgen. Mädchen-Rock halt und somit ganz meins.
Es ist mir wichtig vorab zu erklären, dass ich mit und bei meiner Mutter wohnte, die alleinerziehend und unter anderem schwere Alkoholikerin war. Geld war somit absolute Mangelware bei uns. Ein verlässliches Zeitmanagement war ein Ding der Unmöglichkeit. Uns überrollten immer wieder die aktuellen Ereignisse, welche durch Mutters momentanen Zustand eintrafen.
Irgendwann habe ich von einer Mitschülerin in der Berufsschule erfahren, dass EUROPE in die Schweiz kamen. Es war sogar noch viel besser, sie würden in Zürich auftreten. Was für ein Event! Sie schwärmte mir vor, dass sie bereits Tickets hätte und diesen Auftritt auf keinen Fall verpassen wolle. Sie würde sich sehr freuen, wenn ich sie zum Konzert begleiten würde. Wie gerne hätte ich sofort zugesagt.
Doch da waren noch einige Hürden zu nehmen:
- Ich hatte KEIN Geld
- Wie bringe ich das meiner Mutter bei
- Wer schaut in dieser Zeit zu meiner Mutter
Für mich waren das drei fast unlösbare Probleme. Beschämt vertraute ich mich meiner Kollegin an. Sie war sehr betroffen und hatte für Punkt eins eine Lösung. Sie würde mir das Geld vorschiessen und ich durfte ihr den Betrag in Raten zurückzahlen. Das war wahnsinnig grosszügig und lieb, denn die Kosten eines Tickets waren für uns mit einem kleinen Lehrlingslohn hoch. Ich schluckte meinen ganzen Stolz hinunter und nahm ihr Angebot an.
Punkt zwei war noch schwieriger zu lösen. Ich redete mit Engelszungen auf meine Mutter ein, dass sie mich zu dem Konzert gehen liess. Ich erklärte ihr, dass ich nicht alleine ginge, dass wir zwei Mädels immer zusammenbleiben würden, nicht rauchen, nicht trinken und schon gar keine Drogen anrühren würden (wie auch ohne Geld). Ich versprach, nach dem Konzert umgehend nach Hause zu kommen. Irgendwann lenkte sie tatsächlich ein, was für ein Wunder. Selbstverständlich nicht, ohne Bedingungen zu stellen die ihr zu Gute kamen.
Das Konzert würde an einem Samstag stattfinden. Sie verlangte von mir, dass ich sie in die Stadt begleite, um dort neues Küchengeschirr zu kaufen. Ich hatte Fragen. Warum benötigten wir neues Küchengeschirr? Die Antwort war einfach. Sie wollte das alte nicht mehr, weil es sie täglich an meinen Vater, ihren Ex-Mann erinnerte. Die nächste Frage war, wer soll das bezahlen? Wir hatten nicht genug Geld für Essen, Kleidung, geschweige denn für neues Geschirr. Ihre Antwort war, dass solle nicht meine Sorge sein, sie würde dies regeln.
Nun gut, ich hätte noch viel mehr getan, um dieses Konzert besuchen zu dürfen. Somit willigte ich natürlich ein. Wir verabredeten uns in der Stadt. Das war praktisch, denn ich war zuvor mit meiner Kollegin unterwegs, die sich fürs Konzert entsprechend einkleiden und aufhübschen wollte. Die Konzerthalle war keinen Kilometer weit weg von dem Geschäft, das meine Mutter für den Geschirrkauf besuchen wollte. Wir (meine Mutter und ich) haben vereinbart, dass sie mit dem Auto hinfährt und wir gemeinsam das neue Geschirr aussuchen und kaufen. Danach würde sie wieder zurück nach Hause fahren und ich könnte zu Fuss zur Konzerthalle laufen. Das war eigentlich gar nicht so schlecht merkte ich.
Eine letzte Hürde gab es noch. Wer würde sich an diesem Abend um sie kümmern und bei ihr sein? Wer würde darauf achten, dass sie etwas ass, und nicht nur trank, sie unterhalten, bis sie im Vollrausch einschlief? Und falls sie nicht einschlief, wer würde sie ins Bett bringen, damit sie nicht irgend etwas Verrücktes anstellte? Wer wäre vor Ort, wenn ein unvorhergesehener Notfall eintreten würde? Fragen über Fragen.
Wir haben uns lange darüber unterhalten und es schien, als würde sie tatsächlich verstehen, wie wichtig dieser Abend, dieses Konzert für mich war. Sie versprach mir hoch und heilig, dass sie in der Wohnung bleiben und auch etwas essen würde. Es sich so einrichten würde, dass sie im betrunkenen Zustand nicht fallen könnte. Dass sie zuvor keine Kerze anzünden und vergessen würde, den Wohnungsschlüssel nicht umzudrehen, damit ich später hereinkommen könnte. Dass sie niemanden per Telefon belästigen, beleidigen, anpöbeln und beschuldigen würde. Dass sie niemandem die Türe öffnet. Sie würde mir die Autoschlüssel geben, damit sie nicht in Versuchung käme, sich ins Auto zu setzen. Es waren viele Abmachungen und Versprechen. Wir hätten sie uns alle ersparen können.
Es kam der besagte Samstag, ich war so glücklich und euphorisch mit meiner Kollegin unterwegs. Es war mir komplett egal, dass ich für mich kein neues Outfit kaufen konnte. Nur das Konzert zählte.
Um drei Uhr nachmittags war ich mit meiner Mutter vor dem Jelmoli verabredet. Ich stand pünktlich vor dem Haupteingang. Alleine. Es wurde viertel nach drei, keine Spur von meiner Mutter. Um fair zu sein, an einem Samstagnachmittag hatte es unglaublich viele Leute, viel Verkehr, sie brauchte sicher nur etwas mehr Zeit, um einen freien Parkplatz zu finden. Ich blieb (antrainiert) ruhig und wartete. Um halb vier war sie immer noch nicht dort. Viertel vor vier, vier Uhr. Das war sogar für sie ungewöhnlich. Ich suchte die nächste öffentliche Telefonkabine auf und rief zu Hause an. Doch niemand ging ran. Ich rannte zurück zum Haupteingang des Jelmoli. Vielleicht hatte ich sie genau jetzt verpasst? Sie würde ewig und drei Tage wütend sein, dass ich nicht auf sie gewartet und meinen Teil der Abmachung eingehalten hätte.
Viertel nach vier, halb fünf. Noch einmal suchte ich die Telefonkabine auf. Bitte, bitte, bitte geh ran. Bitte, bitte sei gesund, hoffentlich war kein Unfall geschehen.
Um fünf Uhr, zwei Stunden nach der verabredeten Zeit, gab ich auf. Ich setzte mich in den Bus und fuhr nach Hause. Mit tausend Gedanken und Ängsten um meine Mutter. Endlich kam ich an, rannte wie eine Verrückte die Treppen hinauf, steckte den Schlüssel ins Schloss und erstarrte für einen Moment. Denn… wenn der Schlüssel von innen nicht steckte, was er immer tat, war etwas passiert. Weit gefehlt. Sie lag auf dem Sofa, ins Koma getrunken, der Aschenbecher war überfüllt, Gläser, Flaschen, alles verteilt auf Tisch, Sofa, Boden… sie schlief. Die Kerzen brannten.
Adieu EUROPE Konzert.
Es war nicht die Zeit von Handys. Ich konnte meine Kollegin nicht anrufen und absagen. Ich musste zu Hause bleiben, das Chaos aufräumen, sie hüten und bewachen.
Ich war unendlich traurig. So traurig, wie schon lange nicht mehr. Diesen Zustand kannte ich wirklich zur Genüge, doch ich heulte die ganze Nacht. Ich war so so traurig und enttäuscht. Einmal, nur einmal seit vielen Jahren, hätte ich so gerne etwas unternommen, was mir Freude und mich glücklich macht. Es sollte nicht sein.
Die nächsten drei Monate habe ich mein Konzertticket abbezahlt und mich gegrämt, dass ich nicht mit dabei war.
Noch heute, wenn im Radio ein EUROPE Lied läuft streift mich diese Episode und eine kleine Traurigkeit.“
„Vielen Dank für Deine Offenheit und die berührende Geschichte, liebe Esthi.“
„Magst Du mir Dein Lieblingszitat verraten?“
„Es ist – wie es ist.“