Uf em Bänkli mit Isabelle W. (55) in Dübendorf

Ich treffe Isabelle nach fast zehn Jahren wieder einmal, was mich riesig freut. Sie gehört zu denen, die als erstes sagen, sie hätte nichts zu erzählen. Wie zu allen anderen, habe ich auch zu ihr gesagt, dass jeder etwas zu erzählen hätte. Immer. Hier sitzt sie nun schmunzelnd und weiss gar nicht so richtig, ob sie ihre Geschichte erzählen soll oder nicht. Sie soll!

„Ich war immer schon eine Katzenmama. Als ich als Jugendliche noch bei meiner Mutter gewohnt habe, war das schon so, wir hatten immer Katzen. Später einmal ging ich mit meiner Mutter nach Cran Canaria in die Ferien. Rund um unser Bungalow hatte es über zwanzig streunende Katzen und wir konnten nicht anders, als für sie zu sorgen. Jeden Abend haben wir für sie Pasta gekocht und Katzenfutter daruntergemischt. Damit haben wir sie aufgepäppelt.

Eines Tages kam eine Katzenmama und legte uns eines ihrer Jungen ins Schlafzimmer. Sie kam nie wieder zurück und liess das kleine Knäuel einfach bei uns. Es war wirklich noch sehr klein, vielleicht vier oder fünf Wochen alt. Da war für uns klar, wir müssen dieses Baby mit uns nach Hause in die Schweiz nehmen. Wir hatten keine Ahnung, wie wir das anstellen sollten und gingen als erstes zu einem Tierarzt, um uns eine Bescheinigung ausstellen zu lassen. Der nahm das ganze nicht so genau, stellte eine Bescheinigung aus, die ganz sicher nicht rechtens war. Denn vor 12-14 Wochen sollte ein Katzenbaby nicht von seiner Mutter getrennt werden. Zum impfen war sie auch noch zu jung. Dieses kleine Bündel hatte ohne uns sowieso keine Überlebenschancen, also nahmen wir sie mit uns.

Am Flughafen in Cran Canaria war es den Behörden vollkommen egal, was wir ausführten. In Zürich angekommen, steuerten wir zum Gang „nicht verzollen“. Keiner hat entdeckt, was wir importieren. In unserer Naivität hatten wir enorm viel Glück. Wir haben das einfach durchgezogen, ohne nur einen Moment darüber nachzudenken, was alles hätte schief gehen können. Heute wäre so etwas undenkbar. Die Katze lebte dann übrigens achtzehn Jahre bei mir. Tonga hiess sie. Ich habe sie nach einer Insel in der Südsee benannt, Rarotonga.

2007 habe ich mir ein Katzen-Geschwister-Trio zugelegt. Es war ein Wurf mit fünf Katzen. Eine starb nach der Geburt, eine starb kurz darauf und die dritte war bereits vergeben. Ich reservierte für mich die letzten zwei Kätzchen. Bis ich sie abholen durfte, hatte sich die Situation auf dem Bauernhof verändert, niemand wolle mehr das dritte Kätzchen. Selbstverständlich nahm ich auch dieses zu mir. Ich brachte es nicht übers Herz, sie dort alleine zu lassen und die drei somit auseinander zu reissen.

Heute, achtzehn Jahre später leben zwei der drei Katzen immer noch bei mir. Im April nächstes Jahr werden sie neunzehn Jahre alt. Vor zwei Jahren musste ich eine leider einschläfern lassen. Das war die fitteste, gesündeste und schlankste von allen. Ich hätte nie gedacht, dass sie als erste sterben könnte.

Der Kater ist meine Lieblingskatze und mein Seelenverwandter. Er ist ein brauner Tiger und hiess die ersten beiden Jahre Tigi. Danach wurde er umgetauft und heisst nun Pümpeli. Diesen Namen erhielt er nicht zufälligerweise. Wir sind umgezogen und Tigi durfte am neuen Ort auf seinen ersten Freigang nach draussen. Vom ersten Stockwerk nach unten hatte er eine Katzentreppe. Anstatt diese zu benutzen, hat er darauf herumgeturnt. Es passierte was passieren musste, er fiel herunter. Er erschrak sich fürchterlich und rannte im strömenden Regen davon. Er war in seinem Leben noch nie draussen, kannte die Umgebung und den Regen nicht. Weg war er.

Eigentlich wollten wir kurz darauf in die Ferien reisen. Daraus wurde dann nichts, wir haben alles storniert und einen Monat lang Tigi gesucht. Wir haben inseriert in der Zeitung, wir haben Flyer verteilt. Wir suchten ihn täglich zu Fuss im ganzen Dorf. Wir setzten sogar einen Finderlohn aus. Nach einem Monat rief uns ein Herr an, er hätte gesehen wie eine Katze von einem Hund auf einen Baum gejagt wurde. Die Katze sässe nun verängstigt im Baum und traue sich nicht, wieder runter zu klettern. Seiner Meinung nach sähe die Katze ähnlich aus wie unsere Beschreibung.

Sofort gingen wir zu dem besagten Baum, sahen dort oben eine Katze. Doch wir waren ehrlich gesagt nicht sicher, ob es unser Tigi war. Es war zwar ein brauner Tiger, aber von unten sahen wir zu wenig Details. Der Mann war zufälligerweise ein Mitglied bei der Feuerwehr und konnte eine riesige Leiter organisieren. Das war auch notwendig denn die Katze war mindestens sieben Meter hochgeklettert. Der nette und hilfsbereite Mann brauchte mehrere Versuche, um die Leiter richtig hin zu stellen, weil sie nicht gehalten hat. Nachdem er es mehrere Male probiert hatte, bekam Pümpeli Angst und sprang sieben Meter in die Tiefe. Er rannte davon, in ein grosses, hohes Maisfeld. Es war September und der Mais auf seinem Höchststand. Weg war Tigi zum zweiten Mal.

Wir waren zwar immer noch nicht ganz sicher ob es Tigi war, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zu Letzt. Wir besorgten Futter, füllten Schalen auf und stellten diese an den Rand des Maisfeldes. Am nächsten Morgen gingen wir wieder hin, die Schale war natürlich leer. Aber das hätte jedes Tier sein können, das hungrig war. Danach besorgten wir uns eine professionelle Katzenfalle. Das ist ein langer Käfig, wo man zu hinterst Futter reinstellt. Sobald das Tier über eine bestimmte Stelle des Käfigs läuft, geht das Tor hinter ihm zu. Wir hatten keine grosse Hoffnung, unseren Tigi wirklich zu fangen. Es beschlich uns die Befürchtung, dass wir über die nächsten Tage viele andere Tiere einfangen würden, aber nicht unseren Flüchtling.

Am Abend gingen wir wieder zu der Falle und diese war tatsächlich geschlossen. Darin sass… unser geliebter Tigi.“

Noch heute kommen Isabelle die Tränen, wenn sie an diesen Moment denkt. Sie ringt etwas um Fassung.

„Das war bis heute der glücklichste Tag in meinem Leben, das kannst Du mir wirklich glauben. Wir nahmen die geschlossene Falle mit ins Auto. Tigi hat in diesem Käfig getobt, gekratzt, gefaucht, gemauzt wie ein Irrer. Er kannte uns nicht mehr, das haben wir gemerkt. In der Wohnung liessen wir ihn raus und er stürmte verwirrt heraus als sei er immer noch auf der Flucht. Wir vermuteten, dass er in diesem Monat viel Leid erfahren hatte. Er sah vernachlässigt und abgemagert aus. Als er auf seine Geschwister traf sah es so aus, dass er auch sie nicht mehr kannte.

Plötzlich sass er mir auf den Schoss und schlief ein. Er schlief und schlief und schlief. Er musste vollkommen erschöpft gewesen sein von seinem langen unfreiwilligen Ausflug. Ich rief meine Mutter an und erzählte ihr, dass Tigi wieder bei uns sei. Wie gesagt, es war der schönste Tag in meinem Leben. Ich werden den Moment nie vergessen, als ich Gewissheit hatte, dass er es wirklich war.

Zu Tigi hatte ich schon immer eine ganz spezielle und enge Bindung. Er war immer sehr anhänglich, aber nach diesem Vorfall wurde er noch viel anhänglicher. Interessanterweise ging er irgendwann freiwillig wieder nach draussen.

Sein Namenswechsel hatte er meinem damaligen Freund zu verdanken. Denn der sagte zu ihm, er sei eine Pumpe, einfach nicht mehr nach Hause zu kommen. Das fand ich dann doch etwas zu hart. So habe ich seinen Namen verniedlicht und ihn ab dann nur noch Pümpeli genannt. Schau, hier an meinem Handgelenk habe ich sogar seinen (neuen) Namen tätowiert. Seinen Impfpass haben wir ebenfalls umbenennen lassen.

Pümpeli war zeitlebens ein richtiger Brummer. Er wog mehr als sieben Kilo und der Arzt hat immer geschimpft. Pümpeli würde so nicht gesund sein oder alt werden. Weit gefehlt, Pümpeli ist bald neunzehn Jahre alt, verschmuster und knuddeliger denn je.

Mittlerweile ist er leider schwer krank. Er hat eine Schilddrüsen- und Nieren Erkrankung und wiegt nur noch drei Kilo. Man sieht ihm an, dass er wirklich ernsthaft krank ist. Er ist ausgemergelt, zerfranst und kein besonders Schöner mehr. Die Medikamente lindern seine Schmerzen, heilen ihn aber nicht mehr. Ich hatte noch nie zu einer Katze so ein enges und tiefes Verhältnis. Ich bin zur Zeit hin- und hergerissen. Ich liebe Pümpeli über alles. Manchmal frage ich mich, ob ich ihn nicht vernünftigerweise einschläfern lasse. Die Tierärztin meinte, so lange er trinkt, frisst, schmust und in sein Kistchen macht sei das vertretbar. Wenn er leiden würde, hörte er mit all dem auf.

Es sah im Frühling so aus, als dass ich Weihnachten ohne ihn feiern müsste. Heute freue ich mich auf Weihnachten mit ihm, auch wenn ich weiss dass es bald zu Ende geht mit ihm. Pümpelis Urne habe ich bereits ausgesucht, falls der traurige Tag kommt. Ich werde ihn bei mir zu Hause einschläfern lassen, damit er am Schluss keinem Stress ausgesetzt sein muss.“

„Herzlichen Dank für diese liebevolle Katzengeschichte, liebe Isabelle. Verrätst Du mir noch Dein Lieblingszitat?“

„Irgendwann im Leben musst Du Dich entscheiden ob Du eine Seite weiterblättern möchtest, oder das Buch schliessen wirst.“

Hier kommt ein Nachtrag zu Isabelles Geschichte. Die Aktualität hat uns eingeholt. Es sind zehn Tage vergangen seit wir zusammen sassen. Heute ist der zweite Weihnachtstag und ich muss leider berichten, dass Pümpeli an Weihnachten gestorben ist. Diese Nachricht hat mich sehr traurig gemacht und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es Isabelle damit geht. Lieber Pümpeli, ruhe in Frieden und komm gut an in Deinem neuen Leben auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke.

Das Leben hier geht weiter und Isabelle ist eine Genussmensch. Deshalb dürfen wir hier trotzdem ihr Lieblingsessen kennenlernen.

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