Ich sitze mit Livia auf einem speziellen Bänkli – nämlich auf einer Kirchenbank. Wir sind ganz alleine. Sie hat diese Bank ausgewählt, weil sie zu ihrer Geschichte passt. Sie sitzt ganz ruhig und mit ernstem Gesicht neben mir. Es folgt ein tiefer Seufzer und sie beginnt zu erzählen.
„Es war ein schwieriges Jahr. Vom ersten Tag an. Es würde zu weit führen, es im Detail zu beschreiben. Der absolute Höhepunkt war dann der Heilig Abend. Es war als sei das Weihnachtsfest verhext. Was daneben gehen konnte, ging daneben.
Meine knapp erwachsenen Kinder waren mässig gut gelaunt, die Stimmung war irgendwie komisch. Es lag etwas Unruhiges, Ungutes in der Luft. Ich kann es bis heute nicht richtig beschreiben. Es fühlte sich auf jeden Fall nicht wie Weihnachten an.
Bei uns feiern wir jeweils traditionell am 24. Dezember Weihnachten. Den Christbaum schmücken wir am Nachmittag, dazu hören wir Weihnachtsmusik. Wir essen Weihnachtsguetzli und erzählen uns die immer gleichen alten Geschichten. Sobald es eindunkelt, setzen wir uns aufs Sofa und gönnen uns einen gemütlichen Apéro mit Prosecco, Wein, Häppchen und allerlei Gutem.
Schon da wollte nicht so richtig gute Stimmung aufkommen. Mein Sohn wollte nur seine Geschenke auspacken, essen und sich dann wieder in seine Höhle verkriechen. Meine Tochter ist da gemässigter, sie kann auf die Geschenke warten bis nach dem Abendessen. Der junge Mann quengelte so sehr, dass wir die Reihenfolge für ihn umkehrten. Also erst die Geschenke, dann das Abendessen.
Da bemerkte der Sohnemann, dass er vergessen hatte, Geschenke zu besorgen. Man merkte ihm an, dass es ihm nicht recht war und er versprach, dies in den nächsten Tagen nachzuholen. Ich fand das gar nicht so schlimm. Mir ist das gemütliche, familiäre Beisammensein wichtiger.
Ich habe mir Mühe gegeben, die Küche zum glühen gebracht, um ein köstliches Weihnachtsmenu zu kreieren. Immerhin fand es bei allen grossen Anklang. Auch der gute Rotwein konnte die Stimmung nicht heben. Kaum waren wir mit dem Essen fertig, fingen die beiden zu streiten an. Aus dem Nichts entfachte sich ein handfester, lauter Streit. Ein blödes Wort hier, ein Augenverdreher dort, und schon war der Krach perfekt. Sie schrien sich an, knallten die Türen. Ich versuchte vergeblich, zwischen den beiden zu schlichten und vermitteln. Es war unmöglich dazwischen zu gehen. Im Gegenteil, dadurch verlagerten sie ihren ganze Unmut auf mich. Was ich sehr schlimm fand, waren die fiesen, verletzenden Worte, die sie sich und mir an den Kopf warfen. Es war doch Weihnachten, geht’s eigentlich noch? Was sollte das?
Mir wurde innerlich ganz kalt. In mir zog sich alles zusammen, Tränen schossen mir in die Augen. Ich füllte mein Weinglas auf und setzte mich damit aufs Sofa. Dort sass ich völlig konsterniert, beobachtete die Szene und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? Die beiden nahmen mich gar nicht mehr wahr. So ging es eine Weile hin und her, bis sie keine Energie mehr zum streiten hatten. Er rief mir zu, er werde jetzt gehen und sie schrie, dass sie ausziehen werde. Na bravo. Oh Du Fröhliche!
Da knallte tatsächlich die nächste Türe, diesmal die Wohnungstüre. Das klang nicht gut. Es war mein Sohn, der tatsächlich bei Nacht und Nebel, Schneegestöber und trotz Weihnachten davongelaufen war. Ich wurde panisch und wollte ihm nachrennen. Meine Tochter holte mich auf den Boden der Realität zurück indem sie zynisch meinte, dass er ohne Jacke und Schuhe gegangen sei. Er würde bestimmt sehr schnell zurückkommen. Immerhin das. Es liess mir aber keine Ruhe und ich suchte ihn im ganzen Haus. Er sass ein Stockwerk höher auf einer Treppe und starrte mich finster an. Ich bat ihn, doch bitte wieder heimzukommen. Irgendwann gab er nach und verzog sich in sein Zimmer. Das Töchterlein zeigte süffisant ihr ‚ich-habs-ja-gesagt‘ Lächeln und verzog sich ebenfalls in ihr Gemach.
Da stand ich nun, alleine, vor dem unaufgeräumten Esstisch. Ich starrte darauf und in mir machte es Klick. Ich musste hier raus und zwar sofort. Ich holte Jacke, Schal, Mütze und Handy, stieg in die Winterstiefel und ging in die kalte Nacht hinaus.
Erstmal schlug mir eisige Kälte entgegen, dazu schneite es heftig. Ich besah mir diese (eigentlich schöne) Winterszene und die Kirche auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Da schlug die Traurigkeit so hart zu, dass ich anfing zu weinen. Ich weinte und weinte, wie ein kleines Kind. Mit Rotznase und lauten Schluchzern, ich konnte nicht mehr aufhören. Ich sah zu unserer hübschen kleinen Dorfkirche. Drinnen war Licht, ich konnte das Orgelspiel und die Weihnachtslieder hören die gesungen wurden. Das liess mich noch heftiger und lauter weinen. Ich wollte so gerne in die Kirche hineingehen, um Trost zu finden. Ich getraute mich aber nicht, denn an Heilig Abend ist die Kirche immer voll und die ganze Nachbarschaft hätte mich in diesem Zustand gesehen. Das wollte ich mir dann doch nicht antun.
Weil es so kalt war, setzte ich mich in Bewegung und lief ohne Plan und Ziel los. Ich lief mindestens eine halbe Stunde lang durch das Schneegestöber und konnte immer noch nicht aufhören zu weinen und schluchzen. Es begegneten mir einige verliebte Pärchen und diverse Leute, die mit ihren Hunden spazieren gingen. Es war unmöglich, dass ich nicht gesehen oder gehört wurde, ich war so offensichtlich in einer desolaten Verfassung. Es war mir völlig egal wie ich auf meine Umwelt wirkte. Niemand, kein einziger Mensch blieb stehen, oder sprach mich an. Es war absolut unglaublich. In einer verschneiten, stillen Weihnachtsnacht geht eine Frau todtraurig, weinend, schluchzend durch die Gegend. Niemand nimmt es wahr, niemand interessiert es, es ist schlichtweg egal. Jeder war mit sich selbst beschäftigt oder wollte nichts hören oder sehen.
Ich fühlte mich so traurig, alleine und leer. Am Schluss meiner Runde stand ich wieder bei der Kirche und meine Sehnsucht nach Trost erdrückte mich. Ich blieb noch einige Minuten dort stehen und horchte in die Stille der Nacht, welche mit den dumpfen Klängen aus der Kirche vermischt war.
Mir wurde bewusst, dass wir sehr alleine sind auf unserer übervölkerten Welt. Dass traurig sein, Tränen, Probleme oft keinen Platz haben. Wo bleibt die Menschlichkeit? Wo sind am Weihnachtsabend die Nächstenliebe und Fürsorge? Diese Erkenntnis war bitter.
Irgendwann war ich so erschöpft und durchgefroren, dass ich nach Hause ging und in die heisse Badewanne lag. Keiner wartete auf mich, niemand setzte sich einen Moment zu mir. Selbst in meinem Zuhause war jeder sich selbst am nächsten. Ich konnte es kaum glauben und fand es nur schade.
Danach konnte ich lange nicht einschlafen. Ich weiss nicht, was mich mehr beschäftigte, meine eigene kleine Welt oder die fehlende Empathie der Mitmenschen. Nach langer Grübelei und unendlich vielen Fragen im Kopf sank ich endlich in tiefen, traumlosen Schlaf.
Liebe Menschen da draussen, schaut hin und nicht weg. Oft hilft ein nettes Wort, ein Lächeln, ein ernst gemeintes Nachfragen. Es braucht nicht viel, keine stundenlange Gespräche oder grosse Geschenke. Ein kleines Stückchen Eurer Zeit, Liebe, Wärme, Fürsorge, Menschlichkeit reicht oft um jemanden aufzufangen oder Schlimmeres zu verhindern.
Ich wünsche allen eine herzerwärmende, besinnliche Weihnachtszeit. Geniesst die ruhigeren Tage, lasst Euch verwöhnen und verwöhnt Eure Liebsten. Verbringt wertvolle Zeit gemeinsam und seid dankbar. Keine vergangene Weihnacht lässt sich nachholen.“
Ich muss erst mal meine Tränen wegblinzeln und einen Moment innehalten. Livia hat recht mit allem was sie sagt. Es überkommt mich etwas Wehmut und Traurigkeit, die ich nicht erwartet hätte.
„Danke liebe Livia für Deine Offenheit und Deine traurige Geschichte. Magst Du mir noch Dein Lieblingszitat verraten?“
„Edel sei der Mensch. Hilfreich und gut.“
Hier geht’s zu Livias Lieblingsrezept