„Ich möchte gerne loswerden, warum ich heute noch sauer auf Udo Jürgens bin.“
„Bitteschön, ich höre Dir gespannt zu.“
„Ich liebte und liebe Udo Jürgens, und zwar sehr. Seine Musik war und ist grossartig. Seine Liedertexte sind alles. Von lustig, über traurig, tiefsinnig, zynisch, kritisch, wahr. Seit meiner Kindheit habe ich mir gewünscht, ein Konzert oder einen Auftritt von ihm live zu sehen. Der Mann hatte dermassen Charisma und sah so gut und sexy aus. Nicht einmal das Wissen darüber, dass er ganz offensichtlich ein Frauenheld war, konnte meine Schwärmerei für ihn trüben.
Ausserdem gehörte ihm damals der Mascotte Club in Zürich, was ich als junge Frau schon sehr spannend und interessant fand. Die Jahre vergingen und es gab immer Gründe, warum ich noch nicht an einem seiner Konzerte war. Entweder war ich in den Ferien, oder es gab kein Konzert in der Nähe. Oder die Tickets waren bereits ausverkauft. Dann wiederum, war es aus Budgetgründen nicht möglich, oder ich war gerade schwanger oder was auch immer. Es klappte einfach nie.
2014/2015 hatte er Zürich auf seinem Tourneeplan. Meine liebe Freundin Sandra wusste seit Jahren davon, dass ich ihn unbedingt einmal live erleben wollte. Es ging ihr nämlich auch seit Ihrer Kindheit so, dass sie ihn immer mal sehen wollte und das war nun ihre Chance. Ich wusste jedoch nichts von ihrem Plan.
Anfangs Dezember trafen wir uns zum Kaffee und überreichten uns gegenseitig das Weihnachtsgeschenk. Das war unsere lange Tradition. Im Starbucks einen Weihnachtskaffee trinken, eine Zimtschnecke dazu geniessen, plaudern und die Päckchen austauschen. Sie überreichte mir ein hübsch verpacktes Geschenk, das ich unschwer als Buch identifizieren konnte, ohne es zu öffnen. Auch das war unsere Tradition. Zu Geburtstagen und Weihnachten schenkten wir uns ein Buch und meistens noch etwas dazu. Oder nur zwei, drei Bücher. Das zweite was sie mir überreichte, war ganz flach. Ich vermutete darin entweder eine Weihnachtskarte oder einen Gutschein.
Sandra hatte jeweils nur eine Bedingung. Die Geschenke dürfen NIE vor dem 24. Dezember geöffnet werden. Das war ihr ganz wichtig, und ich habe es ihr jährlich versprochen. Ebenso am Geburtstag, durfte ich erst am Feiertag mein Geschenk öffnen. Und jetzt kommts… verzeih mir bitte liebe Sandra. Ich konnte das noch nie. Nicht als Kind und bis heute nicht. Wenn ich zum vorherein ein Geschenk bekomme, mache ich es umgehend auf, sobald ich alleine bin und mich niemand erwischen kann. Ja ich weiss. – Nicht schön von mir. Es geht einfach nicht anders. Meine Mutter musste mir jeweils den Adventskalender wegnehmen, damit ich nicht alle Türchen oder Geschenke am ersten Dezember öffnete. Das schaffe ich zwar mittlerweile. Nur, dass das Thema im Erwachsenenalter nicht mehr so präsent ist mit den Adventskalendern.
Wir verabschiedeten uns herzlich und dankend voneinander und wünschten uns frohe Festtage. Kaum war ich zu Hause, öffnete ich die Pakete. Wie bereits erraten, war das eine ein brandneuer, spannender Kriminalroman. Im zweiten hatte es tatsächlich einen Umschlag. Darin lag ein Ticket fürs Udo Jürgens Konzert in Zürich. Ich habe Rotz und Wasser geheult vor lauter Freude. Ich konnte es nicht fassen. Endlich, endlich… würde ich ihn live sehen und erleben. Mein Jahrzehnte langer Traum ging dank Sandra in Erfüllung. Ich konnte den 24. Dezember kaum erwarten, wo ich ihr meine übergrosse Freude mitteilen und mich bedanken konnte.
Am 14. Dezember schrieb mir Sandra eine sms: „Spätzchen, bitte öffne an Weihnachten nur das schwere Paket, das andere nicht. Das musst Du mir zurückgeben. Ich kann es Dir jetzt nicht erklären, doch vertrau mir. Selbstverständlich werde ich Dir etwas anderes schenken.“ Hmmmm, komisch. Ich fand diese Nachricht ziemlich kryptisch, schrieb ihr aber zurück, das sei ok. Dann kam der erste Schreckmoment. Ich konnte es ihr gar nicht zurückgeben, denn ich hatte die Geschenkverpackung entsorgt. Scheisse, Scheisse und nochmals Scheisse. Ich würde mir etwas sehr Gutes einfallen lassen müssen, um aus dieser Nummer wieder herauszukommen. Doch ich hatte ja noch 10 Tage Zeit. Vielleicht hatte ich ja aus Versehen einen Kaffee darüber geschüttet? Irgendwas in dieser Art, es würde bestimmt funktionieren.
Das Handy lag den ganzen Tag über nicht in meiner Nähe und gegen Abend habe ich mich durch die News gescrollt. NEIN! Nein, das durfte, konnte nicht wahr sein. Udo Jürgens ist heute gestorben. Das ging gar nicht. Ich war noch nicht an seinem Konzert. Ich musste weinen, und dies ziemlich heftig. Dann wurde ich wütend auf ihn. Jetzt hatte ich endlich Tickets für sein Konzert und er stirbt mir einfach so kurz davor weg? Gehts eigentlich noch? Ja, ich war tatsächlich wütend. Auch wenn das unsensibel und vor allem egoistisch war. Sofort schrieb ich Sandra eine sms: „Spätzchen, hast Du gehört, Udo ist tot? Unser Udo.“ Ja, sie hatte davon gehört, erwähnte aber kein Wort zum Thema Geschenk.
Es kam der Weihnachtstag und ich musste beichten. Ich bedankte mich herzlich für das tolle Buch und entschuldigte mich wortreich, ich hätte heute das zweite Geschenk trotzdem und aus Neugierde geöffnet. Ich wäre sehr traurig, dass wir nicht gemeinsam ans Udo Konzert gehen konnten. So konnte ich meine Würde halbwegs retten, warum die Geschenkverpackung nicht mehr vorhanden war.
Sie nahms sportlich und wenige Tage später stand sie mit einem neuen Geschenk vor mir.
Das Schlimme war, ich hatte ein rabenschwarzes Gewissen, dass ich das Geschenk zu früh geöffnet hatte. Eine Zeit lang drängte mich das Karma dazu, eine gewisse Mitschuld an Udos Tod mitzutragen. Es war wohl nicht einverstanden, dass ich Geschenke immer vorzeitig öffnete.
Heute, lieber Udo, habe ich Dir längst verziehen und schäme mich immer noch ein klein wenig für meine damaligen Gedanken. Ich bin immer noch ein winziges bisschen beleidigt und sauer auf Dich. Du wunderbarer Udo, der die ganze Welt mit seinen sensationellen Liedern und seinem Klavierspiel beglückt hat, bist in meinem Herzen.“
„Verrätst Du mir noch Dein Lieblingszitat?“
„Lügen haben kurze Beine.“
„Vielen Dank liebe Caro für diese spezielle Geschichte und Dein Lieblingsessen.“