Uf em Bänkli mit Roger S. (59) in Winterthur
Roger reist mit seinem eigenen, persönlichen Bänkli an. Denn er sitzt im Rollstuhl. Ich habe ihn selbstverständlich gefragt, ob dieser Eingangssatz für ihn in Ordnung ist. Und Roger wäre nicht Roger, wenn er es nicht bejaht und dabei herzhaft gelacht hätte.
„Danke liebe Nicole, schön dass ich zu Dir aufs Bänkli kommen durfte. Ich möchte gerne die Geschichte erzählen, warum ich als junger Mann nach Amerika reiste. Denn eigentlich hatte ich grosse Angst, ein so grosses Land mit so grossen Städten zu bereisen. Ich konnte keine Landkarten lesen und kam in grossen Städten nicht zurecht. Doch es passierte damals etwas einschneidendes in meinem Leben, dass ich doch nach Amerika reiste. Reisen musste. Es war Hermann – Hermann the German haben wir ihn immer liebevoll genannt. Kennen gelernt habe ich ihn, als wir beide bei der Ausgleichskasse Luzern gearbeitet haben. Ich habe dort meine Lehre absolviert und er war Praktikant. Sehr bald haben wir beide gemerkt, dass wir sehr ähnlich ticken und dass wir beide schwul waren. Es hat sich zwischen uns sehr rasch eine schöne Freundschaft entwickelt. Wir hatten sogar am selben Tag Geburtstag, was für ein Zufall. Er war drei Jahre älter als ich. Die Verbindung zwischen uns war auf eine Art Liebe. Einerseits haben wir uns angezogen, anderseits abgestossen. Es wurde nie eine Beziehung daraus, doch wir waren uns immer sehr nah. Wir hatten unsere ons und offs. Nach unserer Ausbildung haben wir uns etwas aus den Augen verloren, beide haben verschiedene Projekte verfolgt.
Nach meiner Ausbildung 1987 wollte ich eigentlich ins Welschland gehen. Doch plötzlich hatte ich Angst vor meinem eigenen Mut. Ich wollte ursprünglich nach Genf, hatte dort auch eine Stelle gefunden. Bei drei Versicherungsgesellschaften habe ich mich beworben und ich hätte jede dieser Stellen bekommen. Doch ich habe alles abgesagt und hatte somit keine Arbeitsstelle in Aussicht. Einerseits hielt mich meine plötzlich aufkeimende Angst davon ab, nach Genf arbeiten und wohnen zu gehen. Anderseits wäre ich bei jeder diesen Stellen in deutschsprechenden Abteilungen eingeteilt gewesen. Das hiess, den ganzen Tag Deutsch zu sprechen. Dafür musste ich wirklich nicht mit meinen Ängsten nach Genf reisen.
Ich arbeitete dann temporär bei der Migros Bank, was mir überhaupt nicht gefiel. In dieser Zeit habe ich erfahren, dass Hermann in Luzern in der Disco Soundrace arbeitete, die neu eröffnet worden war. Eines Abends entschied ich, dorthin zu gehen um zu schauen, wie es dort so ist. Es war das reinste Chaos. Überall standen leere, gebrauchte Gläser, die nicht abgeräumt wurden. Das Personal war offensichtlich gestresst und überfordert. Ich fragte Hermann, was denn da los sei. Da erklärte er mir, dass die Angestellte, die für die Gläser zuständig sei, krank wäre. Ausserdem sei noch eine weitere Person ausgefallen. Nun hätten sie keine Gläser mehr und könnten die Gäste nicht mehr bewirten. Ich sagte zu ihm, er solle mir zeigen, wo die Abwaschmaschine steht, dann würde ich das erledigen. Das habe ich dann bis morgens um halb drei gemacht.
Zwei Tage später rief mich Hermanns Chef an. Er habe erfahren, dass ich hilfsbereit eingesprungen sei, und das sogar ohne Lohn. Ob ich allenfalls einen Job suche. Das passte hervorragend, da ich unzufrieden mit meiner momentanen Arbeit war und dort nur eine Woche Kündigungsfrist hatte. Dieses Angebot nahm ich gerne an und war froh, nicht mehr im Büro arbeiten zu müssen. Eigentlich wollte ich ja gar nie im Büro arbeiten. Diese Ausbildung habe ich aus gesundheitlichen Gründen absolviert. Gewünscht hätte ich mir, Koch zu werden. Aufgrund eines Hüftleidens und einer Operation konnte ich dies leider nicht.
So begann ich im Soundrace zu arbeiten. Meine Schicht dauerte jeweils vier bis viereinhalb Stunden. Das konnte ich trotz meines Hüftleidens leisten. Das habe ich einige Monate gemacht. Es hatte für mich einen positiven und schönen Nebeneffekt. Ausser meinem engsten Umfeld wusste niemand, dass ich schwul bin. Ich habe mich nie geoutet und wollte auch nicht am Arbeitsplatz darüber reden oder auffallen. Ich wollte nicht derjenige sein, wo man als erstes denkt, ah ja das ist der Schwule. Bei einem Hetero würde man sagen, es ist der Grosse mit den braunen Haaren und blauen Augen. Doch bei einem Schwulen heisst es sofort, ah ja der Schwule. Das wollte ich definitiv nicht erleben. Im Soundrace hatte es so viele Schwule, Angestellte wie Gäste, dass ich einerseits nicht auffiel und mich anderseits zum ersten Mal „normal“ fühlte. Ich ging in der Masse unter. Das genoss ich sehr.
Ich übernahm immer mehr kleinere und grössere zusätzliche Arbeiten. Eine Abrechnung hier, einen Einkauf dort, ebenso mehr Büroarbeiten. Eines Tages suchte ich das Gespräch mit dem Chef. Denn es konnte nicht sein, dass ich diese Arbeiten nebenbei machen musste und auch nicht dafür bezahlt wurde. Im Vergleich zu den Angestellten an der Bar verdiente ich viel weniger, bekam nie Trinkgeld und hatte die grössere Verantwortung. Er schlug mir vor, dass ich offiziell sein Stellvertreter werde. Somit war ich fortan für das Gleiche verantwortlich wie er, inklusive Löhne. So wurden für mich aus den anfänglich angedachten drei Monaten drei Jahre.
Ende Februar 1990 hatten wir aufgrund der Fasnacht Betriebsferien. Eigentlich wollte ich mit Hermann und einigen Kumpels zusammen auf den kanarischen Inseln Ferien machen. Plötzlich wollte Hermann dann doch nicht so richtig. Also ging ich mit Siggi in die Ferien. Siggi hatte unter dem Soundrace eine eigene Bar. Ich kannte ihn, er war ein cooler Typ und immer locker drauf. Wir verbrachten eine tolle Woche unter der immer strahlenden kanarischen Sonne.
Als wir wieder in der Schweiz landeten, standen dort mein Chef und sein Partner, um uns abzuholen. Das war so weder geplant, noch abgemacht. Siggi und ich lachten und fanden es eine Ehre, dass man uns abholt und heim chauffiert. Aber es lag etwas in der Luft, nichts Gutes. Mein Bauch signalisierte Alarmbereitschaft, spürte dass etwas nicht stimmte. Ich konnte es aber nicht greifen. Als wir auf der Autobahn Richtung Luzern fuhren, teilte uns mein Chef mit, dass unser Barmann Hermann und Marco der DJ, in Zürich tödlich verunfallt waren. Es war eine Sturmnacht und sie überfuhren ein Rotlicht. Weil die Ampeln vom Sturm so sehr schaukelten, ging man davon aus, sie hätten das Rotlicht übersehen. Das alleine wäre aber noch keine Tragödie gewesen. Sie sassen zu zweit in einem kleinen Fiat Uno und entgegen kam ihnen ein grosser BMW, mit schwer überhöhter Geschwindigkeit. Der Fahrer des BMW war stark alkoholisiert und stand unter Drogen. Den Fiat hat es um einen Kandelaber gewickelt und beide waren sofort tot. Der BMW-Fahrer war nur leicht verletzt.
Es kommt mir heute noch wie ein Hohn vor. Marco hatte einen riesigen Range Rover. Wenn sie mit dem unterwegs gewesen wären, dann hätten die beiden wahrscheinlich überlebt.
Das war ein wahnsinniger Schlag für mich. Einerseits zwei Freunde zu verlieren, und gerade Hermann der mir nahestand, auch und gerade wegen unserer Homosexualität. Er war so ein Guter, ein Kreativer, mit vielen coolen Ideen. Hermann war für mich eine Quelle. Das zweite Schlimme war, wir sind am Sonntag nach Hause gekommen und bereits am nächsten Montag waren beide Beerdigungen. Vor lauter Schock habe ich nichts gespürt, nichts gefühlt. Ich konnte mich mental nicht auf diesen Schicksalsschlag vorbereiten. Es floss keine einzige Träne, was für mich sehr unüblich war.
Meine beste Freundin und WG-Partnerin hätte zwar gewusst wo und wie ich erreichbar wäre. Doch sie war der Meinung, es helfe nichts, mir die Ferientage mit dieser Hiobsbotschaft zu verderben. Die beiden waren tot und selbst wenn ich deswegen früher heimgeflogen wäre, hätte ich daran nichts mehr ändern können. Sie hatte absolut recht.
So kam es, warum ich in die USA wollte und musste. Denn einige Jahre zuvor, war Hermann lange in den USA. Er war ein begnadeter Fotograf und Filmer und sagte immer zu mir: Roger, eines Tages musst Du nach San Francisco. Dort wirst Du Dich wohlfühlen und zurechtfinden. Denn er wusste von meiner Angst, dass ich in einer grossen Stadt verloren gehen würde. Nach seinem Tod und der Beerdigung konnte ich nicht mehr im Club arbeiten. Der Besitzer hat mir daraufhin einen Job in seiner Bar in Cham angeboten. Dort hatte er ausserdem die Büros seiner Firmen. Zeitgleich wollte auch der Geschäftsführer des Soundrace nicht mehr dort arbeiten nach den beiden Todesfällen. Es war einfach alles nicht mehr das gleiche wie zuvor. Ich nahm die Stelle an, spürte aber schnell, dass ich damit nicht glücklich wurde. Bald darauf habe ich wieder gekündigt.
Und was tat ich? Ich buchte einen Flug, ein one way Ticket nach (Los Angeles) San Francisco. Das war für mich eine richtig mutige und grosse Aktion. Ich verliess die WG und meine Freundin Sonja wohnte fortan alleine dort. Sie hat sich niemand anders zum mitwohnen gesucht. Und da sie nicht schlecht verdiente, war ihr dies gut möglich. Sie kannte ich übrigens seit der Ausbildung und war die erste Frau, nein der erste Mensch, bei dem ich mich geoutet hatte. Sogar noch vor Hermann.
Meine Mutter und Sonja brachten mich zum Flughafen und ich war mir bis zum Schluss nicht ganz sicher, ob ich wirklich wegwollte. Hermann sagte zu Lebzeiten, das ist super, das musst Du unbedingt für Dich machen. Also flog ich Ende April 1990 alleine und völlig unorganisiert nach Amerika. Das wurde mir dann bei der Ankunft auch schnell klar. Bereits bei der Immigration in New York verstand ich kein Wort, was die nette Dame in breitestem New Yorker Akzent von mir wollte. Dies obwohl ich einigermassen gut englisch sprach. Alles was ich verstand war, dass ich mich wieder zu hinterst anstellen solle. Das tat ich dann und wurde von einem Fremden gerettet, der mir erklärte, was zu tun sei. Nämlich anzugeben, wo meine Unterkunft sei. Egal, ob es stimmte oder nicht. Ich hatte ja auch gar noch keine Unterkunft. Irgendwann war ich wieder an der Reihe und erzählte das Blaue vom Himmel. Dann hat alles geklappt.
Doch das nächste Problem liess nicht lange auf sich warten. In San Francisco fragte ich mich, wie komme ich in die Stadt? In welchem Hotel sollte ich mich niederlassen, ich hatte nichts reserviert. Ich war so scheu damals, dass ich mich nicht traute, am Flughafen jemanden zu fragen.
Es gab zwar überall Telefonkabinen, mit den gelben Seiten und ich rief in einigen Hotels an. Leider hatten die alle immer einen komischen Dialekt und ich verstand wieder kein Wort. So begab ich mich zu einem Hotelshuttle und fragte, ob er mich bitte nach Downtown fahren könnte und allenfalls ein Tipp zur Übernachtung hätte. Etwas, das sauber und nicht zu teuer sei. Er meinte ok, da könne er helfen. Er fuhr mich hin, in ein hübsches Hotel. Ich checkte ein, nahm den Schlüssel entgegen und war mir absolut sicher, dass mir gesagt wurde, das Zimmer sei im zweiten Stockwerk. Da stand ich also und versuchte, die Türe zu öffnen. Ich versuchte es mindestens zehnmal, bis die Türe sehr energisch aufgerissen wurde. Vor mir stand ein kleiner Asiate, gekleidet mit einem weissen, bodenlangen Nachthemd und einer weissen Schlafkappe. Es war wie im Film. Er hat mich lautstark zusammengestaucht. Ich verschwand händeringend und mich mehrfach entschuldigend.
Ich flüchtete ins richtige Stockwerk, in mein Zimmer und fühlte mich wunderbar. Ein riesiges Bett, noch riesigere Schiebetüren und eine Aussicht auf unzählige andere Häuser und Hotels, wunderschön beleuchtet in der Nacht. Ich dachte bloss: jetzt bin ich aber wirklich ein Profi. Ich war Roger, der Held des Tages und der Nacht. Ich konnte mein Glück kaum fassen und wollte unbedingt noch einmal nach draussen. Es war für mich wie im Traum. Ich wollte keine Sekunde, keinen Moment, keinen Eindruck verpassen. Draussen um halb zwei, nachts, wurde mir schlagartig klar, dass ich zwar in einem schönen, neuen und sauberen Hotel wohnte. Die Realität fand aber draussen statt. Es war schmuddelig, viele Obdachlose lungerten herum. Es lag überall Dreck und Abfall, hatte viele dunkle Gestalten und mir wurde klar, hier ist ein zu heisses Pflaster. Ich ging wieder in mein Hotelzimmer zurück und schlief erst mal.
Am nächsten Tag ging mein Abenteuer erst richtig los. Ich besorgte mir einen Stadtplan, dabei konnte ich gar keine Pläne lesen – übrigens bis heute nicht.“
“Damit bist Du nicht alleine, das kannst Du mir glauben. Ich schaffe es sogar mit Hilfe des Navis mich zu verfahren oder verlaufen. Und es gibt sehr viele Menschen, die auch heute nicht mit Karten und Navi umgehen können.“
„Oh das stimmt mich froh, da bin ich ja tatsächlich nicht alleine. Es passiert mir heute noch, dass ich trotz Hilfe einer Karten App in die verkehrte Richtung laufe. Ich merke es dann jeweils erst, wenn sich die Meterzahl in die falsche Richtung entwickelt und das App blöde Geräusche macht.
So habe ich mir ein eigenes System zurechtgelegt. Nämlich immer nur einzelne Blocks abzulaufen. Ganz wichtig war, dass ich immer wieder am selben Ausgangspunkt zurückkam, meinem Hotel. So erkundete ich einen Teil der Stadt, indem ich immer wieder einen Block mehr lief, dann noch einer und so weiter. Es war eine gute und erfolgreiche Strategie. So kam ich zur Market Street, Powel Street und darüber hinaus zur Fisherman’s Wharf. Dort, wo die riesige Schoggifabrik steht, ein wunderschönes gigantisches Backsteingebäude.
Selbstverständlich habe ich mich vorgängig über die Begebenheiten von San Francisco erkundigt. Es half aber nicht, dass ich keine Jacke mit mir hatte. Es war sehr windig und kalt, weshalb man dort auch an jeder Ecke Jacken und Pullover kaufen kann. Das war dann meine erste Investition, ich habe mir einen warmen Pullover gekauft. Alcatraz habe ich besucht, was mich sehr beeindruckte und natürlich die Goldengate Bridge. Alleine schon über diese riesige Brücke zu laufen, war ein Abendteuer. Das musste ich, denn auf der anderen Seite war der black sand beach, der ist einerseits wunderschön und ein sehr bekannter Schwulenstrand.
Der Sand war tatsächlich schwarz und die überwiegende Anzahl Männer waren schwul. So etwas habe ich noch nie gesehen oder erlebt und es überrollte mich total. Ich war im Paradies. Nicht aus sexuellen Gründen, sondern ich fühlte mich aufgenommen, normal, angenommen. Ich war nicht der Spezielle, nicht DER Schwule. Ich war einfach Roger, einer unter vielen – Schwulen. Ich sagte mir, hier will ich nie mehr weg.
In San Francisco habe ich so viel erlebt, was für viele vielleicht nicht speziell wäre. Ich stand an einer Bushaltestelle und sah eine Werbetafel, darauf zwei Männer, die für Kondome warben. Es war die Zeit, in der tausende Menschen an AIDS gestorben sind. Solche Momente berührten mich tief. Weil ich sie nicht kannte und dachte, so etwas gibt es doch gar nicht. Doch dort war das Alltag und für mich eine komplett neue Welt. Es gab viele Situationen, die mir Tränen in die Augen trieben. Vor Glück und Unglauben. Einmal kam mir ein Motorrad entgegen und der Fahrer hat mir nachgepfiffen. Das konnte ich kaum fassen. Ich kehrte ich mich um, um zu schauen, welcher Frau er nachgepfiffen hatte, um festzustellen, dass er mich meinte. MICH. Das war bewegend. Ich fühlte mich nicht angemacht, sondern stolz.
Einige Zeit wohnte ich im YMCA. In meinem Reiseführer fand ich eine Unterkunft, Heart Court Residence Club. Das war an einer Ecke in der Nähe der Polk Street. Das war die ehemalige Schwulenhochburg. Mittlerweile war diese Ecke mit viel Prostitution etwas heruntergekommen. Es war nicht sehr angenehm, denn dort konnte ich nicht herumlaufen, ohne dass ich dauernd verfolgt und betatscht wurde. Ich konnte nachvollziehen, was es bedeutet, wenn eine Frau von fremden Männern angegrabscht wurde. Es kam so weit, dass ich Umwege lief, damit sie nicht herausfinden konnten, wo ich wohnte. In meiner Unterkunft gab es ein heterosexuelles Paar, und der Mann wurde dauernd belästigt, obwohl offensichtlich klar war, dass er nicht schwul war. Es führte dazu, dass wenn ich an den Strand ging, ich lange Hosen anzog und so viel wie möglich von meinem Körper verdeckte um nicht zu provozieren. Ausserdem habe ich dort gelernt mit einem Kanalblick durch die Menschenmengen zu laufen. Einerseits wegen der Anmache, anderseits wegen den vielen Armen und Obdachlosen. Irgend etwas an mir hat denen suggeriert ‚ich habe dich trotzdem gern‘. Wenn sie mich grüssten, dann grüsste ich zurück. Das war für mich Anstand und Respekt, aber vielleicht nicht so klug. Sie liefen mir darum dauernd nach, was mir unangenehm war. Darum musste ich lernen, weniger nett zu sein, und mit Tunnelblick durch die Stadt zu laufen.
Im Heart Court Residence Club, wo ich nun wohnte, wollte ich keinen Kontakt mit Schweizern oder Deutschen, weil ich unbedingt gut englisch lernen wollte. Ich freundete mich mit einer Amerikanerin an, mit der ich später noch umherreiste. Damit ich nicht allzu viel bezahlen musste, wohnte ich in einem Gemeinschaftszimmer mit einem Studenten aus South Carolina, der in San Francisco die Schauspielschule besuchte. Das war mir wichtig, weil ich so lange wie möglich in den USA bleiben wollte und mein Budget begrenzt war.
Im Club wohnten entweder Reisende, Studenten oder Schwarze. Es war traurig mit anzusehen, dass sich so viele Schwarze keine eigene Wohnung leisten konnten. Was mich auch sehr nachdenklich stimmte war die Tatsache, dass die Rassendiskriminierung enorm präsent war. Das hat mich erschüttert. Ich habe diesbezüglich einige Begebenheiten miterlebt, die mich sehr aufwühlten. Ein Beispiel war, als ich in den Bus stieg, um zum Golden Gate Park zu fahren. Plötzlich hatte es im Bus nur noch Schwarze und ich war der einzige Weisse. Ich hatte keine Angst und es fühlte sich beklemmend an. Mir wurde klar, wie sich ein Schwarzer in der Umgebung von Weissen fühlen musste. Ich kannte dieses Gefühl bereits, wenn ich der einzige Schwule war, aber das hier war nochmals eine andere Liga. Ich war als Weisser tatsächlich das schwarze Schaf.
Im Bus sass eine kleine, ungepflegt aussehende und riechende Schwarze, die geraucht hat (was verboten war). An der nächsten Haltestelle stieg ein Weisser, ausserordentlich übergewichtiger Mann ein. Er hatte einen riesigen Burger in der Hand, den er verspeiste (was ebenfalls verboten war). Er sah, dass die schwarze Frau rauchte und schnauzte sie an, sie sollte die Zigarette ausmachen. Sie pöbelte zurück, er solle aufhören im Bus zu essen. Das Ganze ging hin und her und schaukelte sich in kürzester Zeit hoch. Er hat die Frau aufs übelste beschimpft und beleidigt, worauf sie aufstand und ihn schlug. Der Buschauffeur hielt den Bus an, verriegelte alle Türen. Da dachte ich mir, jetzt wirds heiss. Was passiert, wenn der ganze Bus mit der Frau solidarisiert, dann bin ich hier als Weisser ziemlich gefährdet. Ich hatte Angst. Es blieb aber ruhig, bis die Polizei kam. Du kannst nun dreimal raten, wer abgeführt wurde. Selbstverständlich die schwarze Frau. Dies war eine meiner vielen ähnlich erlebten Geschichten in den USA zum Thema Rassismus.
Doch ich hatte eine sehr gute, schöne und lehrreiche Zeit, besuchte einen Monat lang die Schule und habe in der Freizeit so viel wie möglich erkundet und besucht. Ich kam viel herum, es war einfach nur herrlich. Eines Morgens waren eine Aufregung und ein Gewusel in unserer Unterkunft. Alle redeten und liefen durcheinander. Ein Mann kam auf mich zu und fragte ganz aufgeregt, ob ich zur Parade gehe. Parade? Ich hatte keine Ahnung wovon er sprach. Er klärte mich nicht auf sondern sagte einfach zu mir, geh hin und schau es Dir an. Ich fragte ihn, wo denn diese Parade stattfände. Ich sollte einfach zur Marketstreet gehen, dort würde ich alles sehen. Nun gut, dann dachte ich mir, dann gehe ich hin.
Mir begegneten riesige Menschenmassen, aller Ethnien, Alte, Junge, Grosse, Kleine, Arme, Reiche, Dicke, Dünne, Familien, Grosseltern einfach alles. Ich fragte mich, was hier los ist. Dann gings ab. Der Anfang machte eine Polizeieskorte. Dann folgte eine Schar Lesben in Lederkluft auf Harley’s. Das war die Parade des Christopher Street Day. Ich konnte mich gar nicht sattsehen und war völlig berauscht von diesen Eindrücken um mich herum. Jetzt fahren und gehen diese schwulen und lesbischen Menschen einfach so durch die Strassen und werden dafür noch gefeiert. Da waren Dutzende bunt geschmückte Menschen auf Wagen, sie tanzten halbnackt zu lauter Musik und wurden rundum gefeiert und bejubelt. Im Publikum schrien Eltern ihren teilnehmenden Kindern Mut zu und feierten diese frenetisch. Dann kamen Wagen mit schwulen Ärzten, mit schwulen Architekten und so weiter. Es wurde ohne Ende applaudiert. Und ich… konnte nur weinen. Ich war überwältigt von so viel positiver Anteilnahme und würdevollem feiern von Menschen, die so waren wir ich. Ich stand dort, strahlte übers ganze Gesicht und dabei liefen mir die ganze Zeit die Tränen übers Gesicht. Diese Atmosphäre, diese Akzeptanz war grossartig. Es schien mir damals unmöglich, dass es so etwas gab. Doch es fand statt, war real und berührte mich über alle Massen.
Ich möchte dazu noch erklären, dass mir lange nicht bewusst war, dass ich schwul bin. Ich war in Beziehungen mit Frauen, mit denen ich Sex hatte. Ich wünschte mir eine Frau, eine Familie und der Kinderwunsch war bei mir lange sehr ausgeprägt. Erst, als ich mit einem Mann Sex hatte, ging mir auf, dass ich wohl doch anders war, als angenommen. Bis ich meinen jetzigen Partner kennen lernte, habe ich immer gegen meine Homosexualität angekämpft.
Noch heute kommen mir die Tränen, wenn ich an diese Zeit in den USA denke.“
Es stimmt, ich erlebe Roger heute tief berührt und oft hat er Tränen in den Augen. Überhaupt empfinde ich ihn als einen sehr emotionalen, empathischen, feinfühligen Mann, unter anderem darum mag ich ihn wohl auch so sehr.
„Die Reise führte mich quer durchs Land, bis nach Alaska. Ich habe viele Nationalparks besucht, fuhr oft mit günstigen Bussen, um mein Budget zu schonen. Minutiös habe ich jede grössere Ortschaft auf einem Zettel notiert, den ich immer dabeihatte. So habe ich vieles bereist und erkundet. Naiv wie ich war, glaubte ich eines Tages abends um sechs, in LA noch eine Unterkunft zu finden. Mein Glück war, dass mich ein Mann angesprochen hatte, ob ich auch eine Unterkunft suchte. Er war Deutscher, wir unterhielten uns dann auf deutsch. Er erzählte mir, dass er vor einem Jahr mit seiner Freundin hier gewesen war und die Situation sei dieselbe gewesen. Sie hätten dann bei einem schwulen Paar übernachten können. Alleine traue er sich nun aber nicht, die beiden zu kontaktieren obwohl er sie kannte. Ich konnte das, und rief die beiden an. Sie holten uns ab und alles lief wie am Schnürchen. Wir fuhren hin und durften uns bei ihnen einquartieren.
Ich lernte auch die ganze Schwulenszene in LA kennen und sie gefiel mir sehr. Ich profitierte von den beiden, weil sie mich in die lokale Szene einführten. Ein grosser Wermutstropfen war allerdings, dass der Deutsche ständig über die Schwuchteln (wie er sie nannte) herzog. Das hat mich enorm verletzt, denn die beiden waren so grosszügig und offenherzig. Ich habe mich ihm gegenüber nie geoutet, vielleicht hätte er dann damit aufgehört. Aber es zeigte mir eine Seite an ihm, die mir missfiel, mich traurig stimmte. Er reiste dann vor mir ab und ich blieb etwas länger. Ich wurde so herzlich bewirtet, durfte nie etwas bezahlen oder mithelfen. Dies, weil sie wussten, dass ich mein gespartes Geld weiterhin zum Reisen benötigen würde. Sie nannten mich liebevoll Swissmiss, das fand ich süss. Sie halfen mir für die nächste Station eine Unterkunft zu mieten und haben richtig gut zu mir geschaut.
Am nächsten Ort passierte mir dann das nächste Missgeschick. Ich hatte ein Auto (mit Klimaanlage) gemietet. Im Auto hatte es einen Knopf, den ich nicht kannte und sofort drückte, um zu schauen, was passiert. Ich bemerkte nichts und fuhr weiter. Damit habe ich jedoch die Klimaanlage ausgeschaltet, was ich erst viel später bemerken würde. Ich fuhr ohne Klimaanlage durch die Wüste, Richtung Palm Springs (auf dem Higway Nr. 1) und es wurde immer heisser. Ich konnte kaum mehr klar denken, es war so heiss und stickig im Auto. Aber dann… jaaaaa, kam die Rettung. Ich sah einen See. Wow, cool ein See, hier werde ich baden. Und das tolle daran war, kein anderer Mensch war hier und niemand war im See baden oder schwimmen. Es war mir egal, ich freute mich so sehr auf die lang ersehnte Abkühlung. Ich zog mich aus, die Badehose an und stieg in den See. Was ich nicht wusste, es war ein kleiner Salzsee. Mindesttemperatur 30 Grad. Es war nicht erfrischend. Ich beendete die Badesession und fuhr weiter zu meinem Ziel. Dort hatte es einen Pool, was für eine Erfrischung und Wohltat. Ich fuhr weiter nach Arizona, dort kannte ich ausgewanderte Schweizer und durfte bei ihnen wohnen. Es war richtig schön, eine Findung aus vergangenen Zeiten.
Nach dieser Zeit fuhr ich zurück nach San Francisco. Das war auf meiner ganzen Reise immer noch mein Ausgangspunkt. Von dort aus fuhr ich zu allen Orten, die ich sehen und kennenlernen wollte. Das war ganz praktisch, weil ich mein grosses Gepäck dort stehen lassen durfte. So war es für mich auch immer eine Art heimkommen.
Alaska war einer der Höhepunkte. Dort habe ich alles gesehen und erlebt was man sich nur wünschen konnte. Nordlichter, Bären, Walfische, Elche. Es war auch die teuerste Destination.
Meine Freunde zu Hause in Luzern dachten sich, Roger schläft sich durch Amerika. Weit gefehlt! Es wäre zwar naheliegend gewesen, denn die Auswahl war riesig. Ich habe ein einziges Mal einen Mann kennen gelernt, mit dem ich eine wunderschöne Nacht verbracht habe. Das wars mit Sex in Amerika. Ich war nicht deswegen dort. Ich habe so viele wundervolle Sachen erlebt, vielfältigste Menschen kennengelernt, das Land erkundet und gespürt.
Eines Tages musste ich über die Bücher und zwar finanziell. Nach meiner Berechnung hatte ich zu Hause auf dem Konto noch dreitausend Franken. Ich wusste, ich muss in die Schweiz zurückfliegen. Wieder Miete zahlen, würde Ausgaben haben für den Alltag. Einen Job hatte ich auch nicht. Doch wollte ich unbedingt noch ein zwei Wochen länger bleiben und ich habe meinen geplanten Rückflug storniert. Das musste drinliegen. Was passierte? Am letzten Tag habe ich mich am Strand in einen Typen verliebt. Er gab mir seine Adresse und bat mich flehend mit ihm zu kommen. Doch ich hatte die Irin, Olvin, die ich auf dieser Reise kennen gelernt hatte, und sie wollte mit mir die letzte Nacht gemeinsam verbringen. Egal wo, egal wie. Was nun? Da hatte ich am letzten Tag diesen Typen kennengelernt. Und da war dieses Versprechen von Olvin.
Einschub. Olivin. Ich durfte immer mein Gepäck bei ihr lassen. In meinem Gepäck befand sich mein Wecker. Jede Nacht um die gleiche Zeit wurde sie geweckt. Sie war so eine Anständige. Sie wollte nicht in meinen Sachen wühlen. Doch irgendwann griff sie dann doch in mein Gepäck und hat den Wecker abgestellt.
Abschliessend. Ich war noch nie so glücklich in meinem (damaligen) Leben wie in Amerika. Wahrscheinlich war ich zuvor auch nie wirklich glücklich. Das war bisher die glücklichste Zeit in meinem Leben. Natürlich ist heute das grosse Glück in meinem Leben mein langjähriger Partner. Doch damals, war ich das erste Mal glücklich und frei. Wenn ich damals in Amerika an meine Heimat Luzern zurückdachte, hat es mich jedes Mal mental heruntergezogen. Mein ganzes Umfeld sagte mir: Du nimmst Deine Probleme und Themen mit. Bei mir war es anders. Alles was mich in der Heimat belastete, all die schweren Gedanken konnten ich tatsächlich hinter mir lassen. Es war so befreiend. Eigentlich wollte ich gar nicht zurück. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, wäre ich in Amerika geblieben. Doch war es für mich keine Option, ohne Bewilligung dort zu bleiben.
Olvin und die letzte Nacht in Amerika. Wir haben geredet, geredet und geredet. Olivin hat mir nie erzählt, was sie eigentlich in San Francisco machte, was sie arbeitete oder woher sie aus Irland kam. Sie war immer geheimnisvoll. Ich habe sie nie gedrängt oder gefragt. Eines Tages keimte in mir der Verdacht, dass sie etwas mit der Terrororganisation Ira zu tun hat. Ich liess den Gedanken unausgesprochen.
Dem Strandtypen habe ich zu Gunsten Olvin abgesagt. Ich habe ihn nie mehr gesehen oder gehört. Ich wusste, wenn das etwas mit dem Typen wird, bin ich wieder an dem Punkt, dass ich für mein Einkommen hier arbeiten musste, ich wäre dann illegal hier gewesen. Das hätte ich niemals gewollt.
So flog ich im September wieder zurück in die Schweiz. Ich freute mich, meine Familie und meine Freundin Sonja wieder zu sehen. Doch sehr schnell überkam mich eine Depression und ich wünschte mich zurück in Amerika, um wieder glücklich zu sein.
Ich hatte das Glück, dass ich in der Ausgleichskasse Luzern rasch wieder eine Anstellung fand. Es waren einfache Aufgaben, das war mir willkommen, da ich mental überhaupt noch nicht in der Schweiz angekommen war. Ich war immer noch durcheinander, denn ich kam von einem Ort wo Homosexualität kein Thema war und jetzt war ich katapultiert an einen Ort wo dies nicht das Thema sein durfte. So dachte ich mir – Roger – jetzt gehst Du aber wirklich ins Welschland.
Dann kam tatsächlich wieder der Chef des Soundrace auf mich zu und fragte, ob ich wieder bei ihm arbeiten wollte? Ich könnte in seiner Ferienabwesenheit wieder die Geschäftsleitung übernehmen. Ich sagte sofort zu.
Dann kam DER Tag. Der Todestag unserer beiden Mitarbeiter Hermann und Marco jährte sich. Wir haben uns mit der Mutter von Hermann und den Eltern von Marco zusammengetan, um den beiden zu gedenken. Das haben wir im Club in einer kleinen, feinen Runde gemacht. Hermann war ein begabter Filmer und Marco ein begnadeter Musiker. Wir haben ihre Filme angeschaut und ihre Musik gehört, bis der Club offiziell um zehn Uhr abends eröffnete.
Danach öffneten wir die Türe für die Gäste. Ein junger Typ kam auf mich zu. Er war ganz schwarz gekleidet und das einzig auffällige an ihm, war ein hölzernes Kreuz an einer Kette. Er fragte mich, was wir für eine Party feiern würden. Er hat sofort gespürt, dass etwas nicht 08/15 war. Ich erzählte ihm dass dies keine Party sei, sondern eine Gedenkfeier.
Danach ging ich in den Raum mit dem Paraffin (für die Nebelschwaden im Club) weil es aufgefüllt werden musste. Dies ist definitiv ein Raum für Angestellte. Da ging die Türe auf und der Typ mit dem Kreuz stand im Türrahmen. Ich fragte ihn, was ist los? Er kam sofort auf den Punkt und sagte: ich habe Lust auf eine Nummer mit Dir. Ich sagte zu ihm: ich mag Direktheit doch emotional bin ich gerade an einem ganz anderen Punkt. Ausserdem bin ich medizinisch bedingt (Psoriasis im Intimbereich) gerade an einem Ort, den Du nicht sehen möchtest. Er sagte, das sei ihm egal. Ich erwiderte: wir haben einen sehr hübschen Barman, Reto, geh doch zu ihm. Kurz darauf sah ich, dass er sich wunderbar mit Reto unterhielt.
Kurz darauf kam Reto zu mir und sagte, heute musste Du nicht lange bleiben und abrechnen. Geh ruhig nach Hause. Ausserdem lief an diesem Abend nicht gerade viel. Am nächsten Morgen sah ich… oha… die Sofas sind verrückt, alles fühlt sich anders an hier. Noch am selben Abend, ein Samstag, war Roland mit seinem Kreuz um den Hals wieder bei uns. Er stand wieder an der Bar bei Reto. Es war ein guter Abend, Reto fragte mich, ob er früher gehen dürfe und ich für ihn den Abschluss machen würde. Selbstverständlich konnte ich, es lief ja nicht viel.
Roland, Reto und der arrogante Schnösel aus dem Quartier, den ich oberflächlich kannte, zogen also noch weiter.
„Ich ahne Schreckliches, Roger…“
„Ja. Am nächsten Morgen bekam ich einen Anruf von der Kantonspolizei. Ich wusste sofort, etwas schreckliches musste geschehen sein. Sie teilten mir mit, dass Reto, der Golffahrer und eine dritte Person tödlich verunglückt seien.“
„Ein Jahr und einen Tag später seit dem letzten furchtbaren Unglück.“
„Genau. Sie waren im Sihltal unterwegs und wollten nach einer durchzechten Nacht noch in einen Frühschoppen. Reto war ein guter Autofahrer. Unfälle können immer passieren. Aber es fuhr nicht Reto, sondern der Golffahrer. Auf der Brücke nach dem Dillon’s kamen sie von der Strasse ab, sind in die Mauer geprallt und das Auto katapultierte sie direkt in die Sihl. Alle drei waren sofort tot.
Ich konnte es nicht fassen! Wieder drei Menschen die ich kannte, waren tot. Die Kantonspolizei fragte mich, ob ich die dritte, noch unidentifizierte Person kennen würde. Ja, ich kannte ihn und gab ihnen die notwendigen Angaben bekannt. Sie baten mich darum, ihn zu identifizieren. Ich sagte ohne zu Überlegen zu. Doch nach dem Telefongespräch war mir klar, das konnte ich nicht. Ich rief meine Mama an, die sofort zu mir fuhr um mich zu begleiten.“
Es fliessen Tränen…
„Es war zum Glück nicht wie im Krimi, wo man das Leintuch vom Gesicht des Toten zieht. Sie haben ihn bereits vorbereitet, bis zum Brustkorb entblösst. Der Kopf hatte keine Verletzungen. Aber ich war trotzdem erstaunt und entsetzt, wie anders ein Mensch aussieht, wenn er tot war. Da er sehr markante Wangenknochen hatte, fiel mir die Identifizierung nicht schwer. Und das omnipräsente Kreuz war sein Markenzeichen.
Später waren diese Geschichten auch im Soundrace bei den Gästen nicht förderlich. Innerhalb eines Jahres fünf Todesfälle – waren einige zu viel. An dieser Beerdigung waren ganz viele Trauergäste, die auch vor einem Jahr dabei waren. Doch im Gegensatz zu vor einem Jahr, war ich sehr emotional und in Tränen aufgelöst. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.
Dazu gab es ganz böse Bemerkungen, letztes Jahr hast Du keine Träne geweint und jetzt machst Du so ein Drama. Natürlich hat sich niemand getraut, mir dies persönlich ins Gesicht zu sagen. Aber es wurde mir zugetragen.
Diese beiden Unfälle haben mein Leben nachhaltig geprägt. Diese Tragödien. Ich hatte Schuldgefühle. Es war zu viel. Zu gross. Zu dramatisch. Seit dann habe ich mich öfters und intensiver mit dem Thema Tod befasst.
Liebe Nicole, das war mitunter der Grund, warum wir beide uns wieder in der Ausbildungsklasse zur Sterbebegleitung begegnet sind. Ich wollte das Thema Tod besser verstehen lernen, damit umgehen können.“
„So komisch das jetzt klingen mag, ich freue mich sehr darüber lieber Roger, Dich dort wieder getroffen zu haben. Es sind so viele Jahre vergangen seit wir uns das letzte Mal begegnet sind.“
Wir schweigen gemeinsam, einen einträchtigen Augenblick lang.
„Magst Du mir noch Dein Lieblingszitat verraten?“
„Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muss sich vorwärts bewegen um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.“
„Vielen herzlichen Dank lieber Roger, für diese ausserordentlich bewegende und emotionale Geschichte. Ebenso, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, mit Deinem mobilen Bänkli herzukommen. Ich weiss Du hast noch ganz viel zu berichten und freue mich auf jede weitere wertvolle Geschichte von Dir.“