Uf em Bänkli mit Steffi H. (51) in Zürich

Steffi wünscht sich diesen Anfangssatz: Mein Gewicht ist das unwichtigste überhaupt an mir!

Es ist ein heisser Tag, gefühlte 40 und gemessene 33 Grad, mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit. Ich fühle mich geehrt, dass Steffi sich mit mir auf ein Bänkli setzt, um zu erzählen. Ich meine – es ist Steffi – die Steffi. Sie „begleitet“ mich seit Jahrzehnten als Journalistin und Bloggerin. Ich liebe ihre Beiträge und verschlinge sie immer. Sie ist lässig, lieb, lustig, blitzgescheit, eloquent, empathisch, grandios, hibbelig und eine coole Socke.

Zuerst kühlen wir uns ab mit viel Blööterliwasser und einem Prosecco. Danach suchen wir uns am Zürichsee eine Bank.

„Ich sass schon oft hier auf einem Bänkli. Aber ich habe nicht bedacht, dass das Kino am See stattfindet und heute einer der heissesten, schwülsten Tage des Jahres ist.“

„Stimmt, liebe Steffi, aber das konnten wir nicht voraussehen. Eigentlich schon, aber doch nicht. Vor einer Woche wären es noch 12 Grad gewesen und es hätte wie aus Kübeln geschüttet.“

„Hast Du noch nie mit Regenschirm ein Bänkli Gespräch geführt?“

„Nein, ich habe erst Mitte Juni mit meinem Herzensprojekt angefangen und das Wetterglück war mir bis heute hold. Ich muss mir aber eine Winter Edition überlegen.“

„Hey Nicole, im Winter wenn es kalt ist, kommen die Erzählenden viel schneller zum Punkt. Statt 45 Minuten, dauern die Gespräche ratzfatz nur noch 17 Minuten.“

„Und alle haben danach einen Blasen-Infekt.“

„Genau und sind erkältet. Und Du kannst Dich dann sponsoren lassen, von Anbietern von Cranberrysaft, Blasentee und Grippemedis. Vernetzt denken, meine Liebe. Immer vernetzt denken.“

Riesiges Gelächter.

„Ja Nicole, ich finde dies ein dramatischer Einstieg. Du hast mich gefragt, was ich der Welt erzählen möchte. Und ich dachte mir seeeeeehr viel. Es gibt so vieles, was die Welt wirklich erfahren muss. Zum Beispiel, gehen die Leute einen Blazer kaufen. Und fast keine/r von denen weiss, dass der zugenähte Spickel hinten aufgeschnitten werden muss. Und das regt mich immer so richtig auf!“

Noch mehr Gelächter.

„Das ist heute eine wichtige Message von mir an den Rest der Welt. Wenn ihr eine Jacke, einen Mantel oder Blazer kauft, bitte schneidet den shit hinten auf, sonst seht ihr einfach bescheuert aus.“

„Ok, verstanden Steffi. Spickel aufschneiden. Und was ist Deine nächste Botschaft?“

„Hosen- und Manteltaschen müssen ebenfalls aufgeschnitten werden. Kaum jemand weiss das und es sieht einfach grässlich aus. Aber der Spickel macht mich noch hässiger, denn diesen sieht man sofort. So, das war meine Message. Ok tschüüüss machs gut.“ Sie macht Anstalten aufzustehen und zu gehen. Ich bin perplex. Sie setzt sich aber sofort wieder hin.

Erneutes lautes Lachen, Steffi ist so witzig und herzerfrischend.

Das war wohl ihr Warm-up, denn sie wollte über etwas anderes reden.

„Ich komme gerade von Paris zurück. Es war dort unglaublich heiss. Ich besuchte eine meiner Freundinnen. Neben ihrem Job und dass sie die grosse Liebe finden möchte, ist ihr erklärtes Lebensziel, zeitlebens Kleidergrösse 36 zu tragen. Das war ihr immer unglaublich wichtig. Und wenn es dann doch mal eine 38 war dann war die Kacke am Dampfen und ihr Leben aus dem Ruder gelaufen. Sie lebt in Paris und Paris ist eine Stadt, in der es nicht viele füllige Menschen gibt. Das merkt man unter anderem in Cafés oder Brasserien. Dort gibt es diese typischen geflochtenen Stühle, worin man keinen Platz hat und das Füdli sehr schnell weh tut. Ich könnte dort nicht drei Stunden an meinem Espresso nippen, weil mein Füdli dort schlichtweg nicht reinpasst. In diesen Bistros ist sowieso alles eng. Die Räume, die Tische, die Stühle. Klar, so können sie eine maximale Belegung erzielen. Da gibt es Momente, wo vor mir eine Freundin durch das Bistro läuft und ich sagen muss, hey dude, ich komme da nicht durch. Ich passe nicht durch diese Lücke. Dann muss ich jemandem unangenehm nahekommen, was niemand mag. Ich sage dann pardon und merke, dass ich mehr Platz einnehme im Leben, als die Durchschnittsfrau. Wir können wirklich Klartext reden. Leute, die mich nicht kennen, fragen dann: was ist dick? Dick ist total subjektiv.

Das ist meine Antwort. Das ist, worüber ich heute reden will.

Ich habe gemerkt, mit meinen 51 Jahren, ich bin eine professionelle Superfreundin. Punkt. Ich habe einen unglaublich grossen, weiblichen Freundeskreis. Ich habe bestimmt zehn beste Freundinnen. Ehrlich. Meine Freundinnen sind mir so wertvoll, dass sie den gleichen Stellenwert haben wie der Tigerprinz (mein Mann) und meine Kinder. Meine Freundinnen sind mir extrem wichtig, bereits als Kind war das schon so. Als Erwachsene wurden sie noch wichtiger, denn heute sind sie eine Bereicherung. Früher war es wichtig, sich untereinander auszutauschen. Aber heute weiss und spüre ich, wie wichtig sie für mich sind. Wir wälzen oft grössere und kleinere Probleme. Dabei kommt man gemeinsam auf so gute Lösungen. Das kann ich nur mit Frauen. Ich liebe meinen Tigerprinzen heiss und innig. Aber wenn ich ihn frage: Spätzli… soll ich A oder B? Sagt er in der nächsten Sekunde: sicher A! Wegen dem und dem. Punkt. Aber mit einer Freundin kannst Du vier Stunden lange darüber reden. Da gibt es Varianten, Ausprägungen, Abzweiger usw. Es gibt die Plus/Minus Liste, mit Verästelungen. Das geht mit keinem Mann der Welt.

Dramatisch ausgedrückt, würde ich gerne davon erzählen, wie es ist, wenn man als dicke Frau durch die Welt und das Leben geht. Ich war zweimal im Leben massiv dünner. Ich weiss also auch wie es ist, wenn man schlanker ist. Um mich herum gibt es nur wenige dicke Frauen. Wahrscheinlich kennen auch meine Freundinnen nur eine dicke Frau – mich. Ich bin 1.68m gross und schwanke zwischen 105 und 110 Kilo. Das ist dick. Eigentlich tun meine Masse nichts zur Sache. Indem ich sie aber nenne, wünsche ich mir, dass irgendjemand das liest und sagt: fucking hell, es ist scheissegal, es sind Zahlen. Denn diese Masse sehen an einer anderen Frau bestimmt anders aus. Ich habe gemerkt, dass ich mit diesem Übergewicht vor dem Spiegel stehen kann und es ist für mich ok. Ich stand noch nie vor meinem Spiegel und fand: wääääh! Noch nie – ich schwöre! Auch nicht als 20-jährige. Klar hatte ich auch Krisen. Aber dann war die Ursache, dass ein Typ mich nicht wollte. Oder etwas anderes in meinem Leben war gerade nicht im Lot. Aber niemals mein Gewicht oder Aussehen.

Ich finde es die billigste, dümmste und schwächste Ausrede, sein (Über)gewicht zu missbrauchen um zu erklären, warum es einem mental nicht gut geht. Offensichtlich habe ich einen Flick ab. Ich ticke da definitiv anders, als alle anderen Frauen auf diesem Planeten. Ich kann vor den Spiegel stehen mit allen Würsten, Rollen und wabbelnder Haut und finde, pfffff! Ja, es gibt Tage, da sitzt eine Hose nicht optimal, oder ein Kleid. Aber auch dann, pffffff! Ich bemerke bei meinen Freundinnen, dass sie durch drei oder sechs Kilo Zunehmen stark getriggert sind. Für sie sind diese paar wenigen Kilo Übergewicht viel schlimmer als meine mindestens 30 es für mich sind. Wenn mich die Hose zwickt, das Kleid nicht sitzt – scheissegal, dann ziehe ich etwas anderes an, fertig. Ich ziehe immer Kleider an, die mir gefallen, passen und mir stehen. So laufe ich auch durch die Welt, völlig verklärt. Vielleicht sehe ich meinen Platz in der Welt völlig falsch. Aber ich habe das Gefühl, wenn mich jemand sieht, denkt die Person, ‘die ist dick aber gut angezogen’. Ich habe vielleicht ein übertriebenes Selbstbewusstsein, aber ich denke, ich bin gestylt. Ich habe Stolz im Rückgrat. Ich weiss, dass sogar meine Eltern dies manchmal fragwürdig finden. Ich bin überzeugt, das kommt daher, dass ich in den USA aufgewachsen bin. Das Schulsystem der USA hat mich geprägt. Ich war wahnsinnig schlecht im Rechnen. Ich rechne heute noch wie eine Zweitklässlerin. Aber dort sagen die Lehrer nicht, das müssen wir in den Griff kriegen. Sie sagen Dir wow, Du kannst so toll schreiben, oder Du singst wunderschön. Das löst in einem Kind etwas ganz anderes aus. Die amerikanische Mentalität, Positives zu fördern und das Negative stehen zu lassen habe ich als 13-Jährige mit in die Schweiz genommen.

Ich finde mich selbst ziemlich unterhaltsam, sehe ganz ok aus und bin eine gute Freundin. Das würde doch niemand, der einigermassen normal ist, sagen. Oder? Doch ich finde mich grundsätzlich recht super. Ok – total gut, super ist vielleicht übertrieben. Was mich in den letzten Jahren beschäftigt: ich bin oft mit Freundinnen unterwegs. Nicht nur im Ausgang, sondern auch auf Ausflügen oder in den Ferien. Drei bis fünf Frauen sind wir jeweils und jede hat ihre eigenen Themen oder Probleme. Wir diskutieren die dann stundenlang untereinander aus. Das hilft uns allen total, nach drei Gläsern Rotwein sowieso. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mehrere Freundinnen danach sagen, ich würde mir so gerne eine Scheibe von Dir abschneiden. Von dem, wie und was Du bist. Jemand Aussenstehender würde sagen, jaja die Steffi überspielt mit Klamauk die Kilos. Steffi steht sicher in einem dunklen Moment vor dem Spiegel und hat die Krise. Nein! So ist es nicht! Wirklich nicht! Ich finde dies so schlimm und traurig, wenn man zu sich selbst nicht lieb ist. Gerade letzthin hat mir eine Freundin davon erzählt, dass sie vor dem Spiegel stand und fand, sie könnte kotzen wenn sie sich sieht. Das macht mich so traurig. Das geht nicht. Das darf nicht sein. Da musste ich weinen, ich fand es so schrecklich. Ich fragte sie dann, warum sagst Du so etwas? Du würdest das niemals zu jemand anderem sagen, nie. Ich finde es schlimm, bin entsetzt und fassungslos. Es ist missbräuchlich, sich selbst gegenüber so zu sein. Es ist nicht gesund, wenn Frauen sich selbst so behandeln.  

Ich habe dies auch einmal in einem Interview mit der Helsana erklärt. Wie es ist, als dicke Mutter mit heranwachsenden Töchtern zu leben. Weisst Du ich nenne das Kind gerne beim Namen. Ich bin nicht etwas rund. Ich bin dick.

Das war nicht immer so. Ich war zwei Mal im Leben schlanker, hatte abgenommen. Ich war immer ein dickes Kind. Die Einzige in der Familie, die immer zu schwer war, ein Moppel. Als Teenager habe ich dann gemerkt, oha – die Jungs finden das nicht toll. Die haben sich nämlich nie in mich verliebt, sondern in meine wunderschöne beste Freundin Britta, mit den laaaaangen Beinen. Sie ist heute noch eine meiner besten Freundinnen. Ich merkte, die Jungs schauen mich nicht an, ich muss etwas tun. Also wurde ich lustig. Damit hatte ich sie. Sie fanden mich alle wahnsinnig lustig. Das ist auch der Grund warum ich später Radiomoderatorin wurde. Ich wollte immer der Partyclown sein. Jeder wusste, jetzt kommt Steffi, es wird lustig. Ich war total gerne die Entertainerin und habe mich in dieser Rolle absolut wohl gefühlt. Wenn ich heute zurückschaue und die 20-jährige Steffi betrachte… ich war ganz schön unflätig. Heute denke ich, Steffi hättest Du doch die Fresse gehalten. Doch – ich konnte nicht schweigen. Ich war laut. Präsent. Ich merkte mit 20, 21 Jahren, wie toll es war, der Partyclown zu sein. Aber das mit den Jungs wäre schon auch noch cool gewesen. Wenn sich wenigstens einer mal in mich verliebt hätte.

Ich habe mich dann sehr in einen verliebt (das war mein heutiger Mann, der Tigerprinz). Wir haben ein wenig angebandelt, aber er wollte nicht so wirklich. Daraufhin, habe ich beschlossen aus Trotz abzunehmen. Ich musste herausfinden, ob es am Gewicht liegt. Denn damals glaubte auch ich noch daran, wenn ich schlanker wäre, würde er mich wollen. Ich nahm in sechs Monaten 25 Kilo ab – völlig bireweich. Nach der Arbeit ging ich nicht mehr heim, sondern direkt in den Ausgang. Habe nur noch Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht. Manchmal ass ich etwas. Das war meine Diät. Zigi und Koffein. Sie hat gewirkt. In zweierlei Hinsicht. Ich habe abgenommen, und die Jungs wurden auf mich aufmerksam. Diese Kombination aus grossem Mundwerk und weniger Gewicht kam gut an. Dann habe ich alles nachgeholt, was ich damals glaubte, verpasst zu haben. Es war so cool. Heute nenne ich sie meine Schlampenjahre. Der ist hübsch? Den nehme ich. Es folgte eine Affäre nach der anderen. Doch bald wurde es mir zu langweilig. Sind die Männer tatsächlich so einfach gestrickt? Die Erkenntnis, wenn ich lustig bin und noch eine einigermassen gute Figur habe, bekomme ich jeden, war ernüchternd. Dieses Learning war nicht interessant. Zum Schluss landete ich wieder bei dem Mann, wo alles angefangen hat. Aus anderen Gründen hat er sich dann endlich in mich verliebt. Unsere Geschichte begann, wir kamen zusammen, heirateten, bekamen Kinder. Ich habe wieder zugenommen. Nur ganz langsam, über die Jahre. Nach dem zweiten Kind hatte ich wieder mein „natürliches Wohlfühlgewicht“ von 100 Kilo. Ja, ich fühle mich tatsächlich mit diesen 100 Kilo wohl. Nicht die Ärzte, sondern ich sage, wann und wie ich mich wohl fühle. Diese 100 Kilo kann ich gut halten. Mein Tigerprinz sagt immer: Du bist immer Steffi, ob Du 75 oder 105 Kilo wiegst. Seine Grenze wäre erreicht, wenn ich nicht mehr happy wäre mit meinem Körper. Ich glaube es ihm.

Es gab einen zweiten Schlüsselmoment in meinem Leben, wo ich abnehmen wollte. Ich konnte meiner Tochter nicht mehr folgen, als sie auf dem Like-a-Bike abdüste. Das war ziemlich uncool. Ich merkte, dass ich etwas unternehmen muss. Ich ging zu Weight Watchers. Die machen es richtig gut dort und machen dabei richtig gutes Geld. Man ist in einer Gruppe von Leidensgenossen/innen. In zwei Jahren habe ich bilderbuchmässig, auf gesunde Weise, 25 Kilo abgenommen. Ziel erreicht. Dieses Mal ging es nicht darum „I want to get the guy“. Den hatte ich ja bereits. Sondern ich habe mich damit und dabei wohl gefühlt, es war in Ordnung. Ich machte es für mich, ok auch für coole Kleider. Mode war mir immer wichtig. Mein Umfeld fand mich auch wow! Du siehst so gut aus. Im Umkehrschluss würde das eigentlich bedeuten, dass ich vorher scheisse ausgesehen habe. Aber ich habe das überhaupt nicht so interpretiert. Ich hatte schlichtweg Freude. Es gab Leute in meinem Wohnquartier die mich angesprochen habe, was ich denn gemacht hätte um so erfolgreich abzunehmen. Das war schon ein schönes Gefühl.

Aber… und jetzt kommts: Ich persönlich war nach den beiden grossen Gewichtsabnahmen immer noch genau die gleiche Steffi. Das war mein Learning. Ich war und bin Steffi. Davor und danach. Nichts hat sich verändert, ausser dass ich geilere Klamotten tragen konnte.

That’s it. In den folgenden fünf Jahren nahm ich wieder zu, mein natürliches Wohlgefühlgewicht war wieder da. Es war ok. I fucking didn’t care. Wenn ich heute einen Gedanken daran verschwende abzunehmen, dann nur, weil ich 51 bin und meine Knie schmerzen. Es ist für sie zu viel. Die Arthrose, welche uns in der Familie begleitet, mag das Gewicht nicht.

Wenn ich jedoch meinen dünnen Freundinnen zuhöre und zuschaue, sagen alle beim absitzen. oooh, auaaa, ufff…. also. Alle ächzen und jammern. Bei jeder knorzt und knackst es irgendwo. Ich mache Yoga und alle im Raum erstarren, wenn ich in den Krieger gehe. Denn es
knirscht – laut. Aber es tut nicht weh.

Heute kann ich sagen, mein subjektives Glücksgefühl hat sich nicht verändert, als ich schlanker war. Als ich dünner war, war ich nicht glücklicher. Diese Erkenntnis war ziemlich krass. Ja klar, ich habe bei der ersten Abnahme Typen abbekommen, das machte mich glücklicher, aber nicht die Gewichtsabnahme. That’s it. Ich sehe, erlebe, lese es von so vielen Frauen, die das anders äussern. Gerne würde ich ihnen dies abnehmen. Den ganzen Stress mit wääääh vor dem Spiegel stehen, es hat mit ihnen nichts zu tun. Das Problem liegt ganz wo anders. Es hat nichts mit dem Bauch, den Speckrollen zu tun. Ein Leben ist schlanker kein Hollywood Film. Es ist eine Projektion. Ob man Grösse 42, 50 oder 36 trägt… man ist die gleiche. Die Probleme sind auch immer noch die gleichen. Es ist die Bodydismorphie. Wenn man seinen Körper nicht mehr richtig spürt. Ich habe Freundinnen, bei denen ist dieses Thema akut. Ob man seine vermeintlich dünnen Lippen aufspritzt, oder vor dem Spiegel steht und sich wääääh findet. Es gibt im Internet bearbeitete Bilder, in denen Bulimie/Anorexie Patienten/innen vor dem Spiegel stehen. Wir erkennen sie als extrem dünne Menschen. Sie sehen sich als extrem dick. Das ist eine Krankheit und ernst zu nehmen. Es ist ein Linsenfehler, nicht im Auge, jedoch im Hirn.

Ich kann dem allem nicht so viel entgegensetzen oder etwas dagegen tun. Nur im eigenen Umfeld und mit meinen öffentlichen Beiträgen. Seit ich 24 Jahre alt bin, stehe ich in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit. Es kann sein, dass ich angesprochen werde hey bist Du Steffi? Sei es, dass sie mich vom Schreiben, vom Radio, von „Hey Pretty“ kennen. Aber seit all der Zeit, und auch seit den 13 Jahren, in denen es Hey Pretty gibt, kam es nie vor – nie! dass jemand sich über meine Figur geäussert hat. Ich frage mich, an was liegt das?“

„Weil Du so positiv bist, Steffi. Weil Du nichts negatives ausstrahlst.“

„Ja, ich strahle es nicht aus, aber man könnte doch trotzdem mein Bild sehen, man kennt mich nicht persönlich. Da könnte man mich doch fett finden. Man kann doch nicht anhand eines Fotos erkennen, was ich ausstrahle.“

„Doch Steffi. Genau so ist es. Schau doch bitte Dein Bild an, das auf der Globus Homepage. Das sagt für mich viel aus über Dich. Das mit der schwarzen Lederjacke. Dieser Blick. Dieses Gesicht. Die Pose. Die Körperhaltung. Das macht so viel aus. Ich kenne Dich noch nicht gut. Aber dieses Bild zeigt mir eine sehr selbstbewusste Frau – e Superbibe, weisch. Ich meine, Du stehst da vor der Kamera mit allem was Du hast und bist, und trägst noch frech eine schwarze Lederjacke. Also bitte.“

„Hat man Angst vor mir?“

„Nein! Sicher nicht. Schau es Dir wieder einmal in Ruhe an. Du wirst mir recht geben.“

„Das finde ich nun mega interessant. Früher musste ich lustig sein, ich musste unterhalten. Sonst hätten mich alle ignoriert. Ich kann verstehen, dass wer mit mir redet das Gefühl hat, phuuuu der bin ich wohl nicht gewachsen. Die ist zu parat. Ich denke auch, dass meine Blogleser mich ernst nehmen. Ich habe nie negative Kommentare. Obwohl auf Social Media könnte dies schon passieren. Ist es bis anhin aber zum Glück noch nicht.  

Ich erzähle Dir jetzt noch etwas Lustiges zu diesem Globus Foto. Ich kann hundert selfies machen, problemlos. Dabei habe ich die Kontrolle, das liegt mir viel mehr, ich kenne meine ‘guten Winkel’. Mein Mann sagt dann immer: ‘das ist dein Selfie-Gesicht, aber das bist nicht Du’. Er findet, ich sehe in Wirklichkeit nicht so aus.

Aber wenn ich mit einem Profifotografen zusammenarbeite, bin ich komisch. Von Fremden fotografiert zu werden, mag ich nicht. Da kann ich nicht mich selbst sein. Das Globus Shooting machte eine Fotografin, ganz eine tolle. Sie hat mir immer sofort jedes Foto gezeigt, sie war wirklich super. Doch an diesem Tag fand ich nein, heute nicht. Ich war mit diesem Shooting unglücklich, doch ich brauchte dieses Foto dringend.

Frauen die mich nicht gut kennen, denken jeweils, ich spiele eine Rolle. Denn ich bin viel, laut und quirlig. Jemand der mich neu kennen lernt, kann überfordert sein. Denkt, ich kompensiere etwas. Aber nach dem dritten, vierten Mal merken sie, ich bin wirklich so. In meinen früheren Jahren gab es oftmals Leute, die waren überzeugt davon, dass ich kokse. Weil man von Natur aus nicht so sein kann. Dabei habe ich im ganzen Leben noch nie Drogen konsumiert.

Heute, mit über 50, gibt es Freundinnen, die mir sagen, wenn du dich so annehmen kannst, wie du bist, dann müssten wir dies (für uns) auch können. Dabei gibt es so vieles, was ich nicht kann, oder nicht gut mache. Steuern, Zahlen, Pflanzen am Leben erhalten, was auch immer. Aber für mich ist das ok. Auf der anderen Seite, als Ausgleich, fehlt mir dieses Gen, mich schlecht zu finden. Das ist mir so fremd. Das ist, als würde man sich selbst verletzen. Das ist für mich ein unaushaltbarer Gedanke, sich selber nicht gern zu haben. Ich gehe natürlich nicht jeden Abend mit dem Gedanken ins Bett, dass ich alles perfekt mache. Aber ich bin wohlwollend mit mir. Und ich räume mir Spatzig ein und sage mir, dass ich es recht gut mache. Und wenn ich etwas nicht gut gemacht habe, beschäftigt es mich. Ich kann das Gefühl nicht aushalten, dass mich jemand nicht mag oder nicht gut findet. Dann grüble ich darüber nach, wie ich diese Person doch noch überzeugen kann, dass ich total okay bin

A propos… Nicole, können wir das Gespräch noch weiterführen oder wie lange reden wir schon? Ok, es ist eigentlich kein Gespräch, es ist ein Monolog von mir. Ich würde jetzt sehr gerne ganz viel von Dir wissen, weil Dein Mienenspiel richtig interessant war in den letzten 38 Minuten. Ist es arschig von mir, wenn ich mir wünsche, dass dieses Gespräch genau so gedruckt wird? Aber vielleicht hilft es jemandem, wenn er dies liest und mein Foto googelt. Wenn jemand mit wenig oder mit viel Übergewicht nach dem Lesen sagt, ich bin total ok. Ich bin gerne der Beweis, dass man auch mit wunderbar wabbeligen Oberarmen in einem Trägerkleid durch Paris spazieren kann. Ich nehme nicht wahr, wenn jemand mich anschaut und denkt oh no, es geht nicht mit dieser Figur, so ein Kleid zu tragen. Wenn doch einmal ein solcher Blick kommt, dann ist er von einer jungen, unsicheren Frau. Die krassesten Blicke, die ich diesbezüglich je gesehen habe, waren übrigens bei Brandy Melville. Meine Töchter haben dort eingekauft und ich habe sie begleitet. Dort gibt es nur eine Konfektionsgrösse, nämlich S. Eine vorprogrammierte Essstörung in Kleiderform. Was da vor der Umkleidekabine vor sich geht, ist unglaublich. Die Girls sind zwischen 9 und 14 Jahre alt. Wie die einander anschauen, sich abschätzend, missgünstig taxieren ist furchtbar. Es hätte nicht mehr viel gebraucht und ich wäre dazwischen gegangen. Ich fand es so schäbig und gemein, unwürdig. Die Abscheu in deren Gesichter war schlimm. Sie sind in dem Alter noch zu jung, um es zu verbergen. Du konntest bei jeder die Gedanken am Gesicht ablesen. Meine Töchter haben mir dann erklärt, dass dies in diesem Laden halt dazu gehöre. Dort sei man etwas bitchy zueinander. Ich war schockiert. Es war wirklich eine Brutstätte für Essstörungen.

Frauen können einer anderen ein Kompliment über die schönen Haare, die tolle Jeans, die warme Ausstrahlung und so weiter machen. Die jungen Mädels leider noch nicht. Ich bin absolut der Meinung, dass wir dies viel öfter tun sollten. Jeder bekommt gerne ein ehrlich gemeintes Kompliment. Auch ich mache das zu wenig, merke ich gerade wieder. Das muss ich wieder mehr machen. Denn es kommt immer gut an. Ich kann mich an jedes erhaltene Kompliment erinnern. Und sie kamen eigentlich immer von Frauen.

Können wir uns bitte alle sofort vornehmen, wieder mehr Komplimente zu verteilen? Bitte…! Jeder wird sich darüber freuen.

Abschliessend: be kind. Du kannst nur mit anderen Menschen nett sein, wenn Du auch mit Dir selbst nett und liebevoll umgehst. Ich bin überzeugt, das kann man aktiv steuern. Wenn Du nicht gut tanzen oder rechnen kannst, die Steuererklärung nicht kapierst, dann sag zu Dir: ich kann ganz viel anderes sehr gut. Oh mein Gott Nicole, stell Dir vor, ich könnte auch noch gut rechnen…“

„Ja, das wäre dann wirklich eins zu viel von Steffi. Ich bin dankbar, dass Du nicht gut rechnen kannst, ich kanns nämlich auch nicht. Und das mit der Steuererklärung kriege ich auch jedes Jahr nur ganz knapp hin“.

Grosses Gelächter.

„Etwas möchte ich zum Schluss noch erzählen. Nicht, dass die Leser das Gefühl haben, ich sei grössenwahnsinnig und müsse dringend behandelt werden. Ich war in Italien auf dem Markt. Ich sah eine tolle Handtasche und wollte diese für mich und eine für meine Freundin kaufen. Eine kostete 120.- Euro. Mit meinen bescheidenen italienischen Kenntnissen sagte ich der Verkäuferin ich nehme zwei Taschen für 300.- Euro. Sie sagte nur ok. Mein Mann nebendran eskalierte und meinte laut: Steffi! Was denn? Ich war stolz, dass ich den Preis runtergehandelt habe. Dass ich die Verkäuferin so rasch geknackt habe. Tja, wohl eher nicht. Vor lauter Peinlichkeit habe ich die 300.- Euro bezahlt und wollte nur noch gehen. Meiner Freundin habe ich eine der Taschen geschenkt und die Geschichte gebeichtet.

Nun habe ich alles gesagt, was gesagt werden muss und mich beschäftigt.“

„Steffi, verrate mir bitte Dein Lieblingszitat.“

„Be kind. In erster Linie mit dir selbst.“

Vielen herzlichen Dank, liebe Steffi für dieses offene, ehrliche, wilde, spezielle Gespräch und Deine Art, die ich persönlich sehr kind‘ finde. Hier gehts zu Steffis Lieblingsessen.

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2 Gedanken zu „Uf em Bänkli mit Steffi H. (51) in Zürich“

    1. Liebe Rosmarie
      Das freut mich doch sehr, dass ich sie so treffend beschreiben konnte.
      Herzliche Grüsse
      Nicole
      PS Vielleicht magst Du auch mal aufs Bänkli kommen…?

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