Uf em Bänkli mit Nicole, (55) in Bauma

Ich sitze mit Nicole trotz winterlicher Kälte draussen auf einem hübschen Bänkli. Es ist ziemlich kalt, was zur Jahreszeit passt. Deshalb treffen wir uns auch jetzt anfangs Dezember. Pünktlich zum Samichlaustag.

„Ich habe bis heute ein Samichlaus Trauma,“ beginnt sie seufzend.

„Als ich ein Kind war, kam bei uns zu Hause am 6. Dezember der Samichlaus zu Besuch. Im besten Fall in Begleitung mit Schmutzli, im allerbesten Fall mit Esel und Engel. Diese Tradition fand ich wunderbar. Weil ich schon immer alles liebte was mit der Adventszeit, dem Samichlaus und Weihnachten zu tun hat. Bis heute bin ich der Überzeugung, dass diese Zeit der Seele guttut. Wenn es draussen kalt und grau ist, haben wir es drinnen warm, hell und friedlich. Ich liebe diese Stimmung mit Kerzen, Guetzliduft, Gerüchen aus der Küche, die warme, wunderbare Gerichte versprechen.

Jedes Jahr habe ich mich ausserordentlich gefreut auf diesen Abend. Ich habe mir immer so sehr gewünscht, vom Samichlaus gelobt zu werden. Ich wollte, dass in seinem grossen Buch nicht nur Verfehlungen von mir stehen. Es sollte auch drin stehen, dass ich brav war.  

An einen Samichlaus Tag kann ich mich besonders gut erinnern. Vielleicht blieb er mir so klar im Gedächtnis, weil es davon Fotos gibt, die ich heute noch manchmal anschaue. Jedes Mal überfällt mich dann genau das Gefühl, das ich damals hatte.

Es klingelte an der Türe. Alle wussten wer davor stand. Meine Eltern haben dann die Türe geöffnet. Mit feierlicher Stimme wurde der Samichlaus willkommen geheissen. An diesem Abend war es nicht der Chlaus, sondern ein Bischof mit goldenem Stab und riesiger Bischofsmütze. An seiner Seite hatte er einen sehr düster schauenden Schmutzli als Helfer dabei. Die beiden traten ein und wurden in unser Wohnzimmer geführt. Ich war sechs Jahre alt und bestimmt die Hälfte kleiner als die beiden.

So standen sie also vor mir. Der Bischof mit Stab, Mütze und Sündenbuch. Der Schmutzli dunkel, streng blickend mit dem Geschenkesack aus Jute.

Ich gab ihnen artig die Hand um sie zu begrüssen. Noch heute weiss ich ganz genau, was ich gefühlt hatte. Mir stiegen vor lauter Hochachtung, Ehrfurcht und Angst bereits die Tränen in die Augen. Ich zitterte sogar. In meinem Bauch machte sich ein flaues Gefühl breit. In meinem hübschen roten Kleidchen, süssen Strümpfen und verknoteten Händen stand ich vor ihnen.

Da begann der Samichlaus. Er schlug mit gerunzelter Stirn sein grosses Buch auf, seufzte und sah mir in die Augen. Obwohl ich noch nicht wusste, was jetzt kommen sollte, kullerte bereits die erste Träne über meine roten Wangen. Er seufzte nochmals eindrücklich und sagte „aha… das ist wieder Nicole. Dich kenne ich bereits. Es steht auch diesmal nicht viel Neues in meinem Buch. Du weisst ja, das Buch lügt nie, es weiss alles.“ Er zählte dieselben Themen und Verfehlungen auf, wie im letzten Jahr. Seinen Auftritt schloss er mit den Worten: „aber ich bin ein guter Mann, deshalb hat der Schmutzli trotzdem ein kleines Geschenk für Dich in seinem Sack.“

Der Schmutzli bückte sich unter Ächzen und Stöhnen und nahm ein kleines Jutesäckchen heraus. Er übergab es mir feierlich mit der Mahnung nicht zu vergessen, was mir vorhin gesagt wurde.

Ich war dankbar und demütig, dass ich trotz meiner Fehler ein kleines Geschenk in Form von Nüssen und Mandarinen mit etwas Schokolade bekam. Das wars dann auch schon und die beiden zogen von dannen.

Dies hat mich so sehr geprägt, dass ich mir geschworen habe, meine Kinder sollten immer einen schönen Nikolaus Abend erleben. Denn der Ursprung, die eigentliche Idee und Botschaft ist eine ganz andere.

Der Samichlaus/Nikolaus war immer schon ein guter Mann. Und wie! Der Brauch hat seinen Ursprung im 4. Jahrhundert. Der Bischof Nikolaus von Myrna war der Schutzpatron der Kinder. Er half den Armen mit Essen und Kleidung. Ein wirklich gütiger Mann.

Viel später wurde er von Eltern als Werkzeug zur Erziehung instrumentalisiert. Als Überbringer von gut und schlecht. Wie dumm ist das denn? Wie respekt- und hilflos? Jemanden für Geld zu engagieren, damit er mithilft, das eigene Kind zu erziehen und massregeln. Ich finde es bis heute fürchterlich.

Ich konnte jahrelang kaum an einem Nikolaus vorbeilaufen, ohne dass mein Herz zu rasen begann. Wenn einer in einem Einkaufszentrum stand, um den kleinen Kindern eine Freude zu machen, stiegen mir sofort die Tränen in die Augen.

Ich brauchte Jahrzehnte um zu begreifen, dass ich wirklich keine Angst vor ihm haben musste. Um mir meine Angst abzutrainieren, habe ich jedes Jahr für meine Kinder einen Samichlaus bestellt. Zuvor habe ich mich mit der Nikolaus Gesellschaft abgesprochen. Ich habe ihnen erklärt, dass es nicht in Frage käme, dass der Samichlaus meinen Kindern nur eine Schimpftirade hält. Es sei in Ordnung, etwas aufzuzählen das nicht optimal gelaufen war unter dem Jahr. Aber nicht mehr. Sie sollten sich über seinen Besuch freuen.

Ich gehöre überhaupt nicht zu den Müttern, die ihre Kinder antiautoritär erzog. Doch der 6. Dezember soll ein friedvoller, liebevoller Jahrestag sein. Auf den sich alle freuen dürfen, damit die Kinder dies später ihren Kindern genau so weitergeben und vorleben.

Liebe Eltern, bitte denkt darüber nach, welche Fehler der Samichlaus aufzählen soll. Kein Kind sollte von einem Fremden gedemütigt werden. Der Chlaus ist sowieso grösser als die Kleinen und macht schon genug Eindruck durch seine Gestalt. Wie viel schöner ist es doch, wenn er sie auch lobt. Das ist viel wichtiger als das Geschenk am Schluss.

In diese Sinne wünsche ich allen einen fröhlichen Samichlaustag.“

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