Uf em Bänkli mit Belinda S. (56) – in Horgen

Belinda hatte mich vorgewarnt. Es werde nur zwei Möglichkeiten geben, was ihre Geschichte bei der Leserschaft auslösen werde. Die einen werden sie mögen, lachen und sich darin wieder erkennen. Die anderen sind zu hundert Prozent anderer Meinung und empört. Das reizte mich natürlich schon, so rasch als möglich die ganze Geschichte zu hören.

„Ich war 25 Jahre alt und wurde von einer Freundin zu einer Tupperware Party eingeladen. Das heisst eigentlich war ich gar nicht eingeladen. Sie bekam eine Einladung und nahm mich als zusätzlichen Gast mit. Das Ganze fand bei einer Freundin von ihr statt, die ich nicht kannte. Eigentlich freute ich mich auf die Party, denn ich war noch nie bei einer dabei. Ich kannte den Ablauf aber, denn als Kind fanden oft solche Partys bei meiner Mutter statt.

Bereits im Treppenhaus war ich irritiert. Kreuz und quer standen unzählige Paare abgelatschte, alte, schmutzige Turnschuhe vor der Türe. Gerade so, als würde hier ein Kindergeburtstag stattfinden. Der Vergleich passte dann auch gut zu dem was wir erlebten. Keine Sekunde nach dem klingeln wurde die Tür aufgerissen. Drinnen schnatterten und lachten einige Frauen in unserem Alter. Die Gastgeberin stand in der Türe mit fetten, lose zusammengebundenen Haaren. Sie trug einen mindestens zehn Jahre alten Trainingsanzug, der offenbar ein bewegtes Leben hinter sich hatte. Kulinarisch sowie gewichtstechnisch. Ihre ehemals weissen Tennissocken steckten in abgewetzten Birkenstock Latschen mit ebenso einer Lebensgeschichte. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und schaute mich um.

Wir wurden hineingebeten und mich traf fast der Schlag. Alle anwesenden Frauen trugen den gleichen, schmuddeligen Look. Olfaktorisch waren sie alle keine Highlights. Keine hatte gewaschene Haare oder etwas Anständiges an. Ausser der Verkäuferin von Tupperware. Das muss man ihr lassen, sie sah, gepflegt und adrett aus. Sie war das krasse Gegenteil der Gäste und strahlte eine fast unverschämte Frische aus. Meine Güte, wo bin ich da hineingeraten. Da wir nun mal dort waren, stellten wir uns der Situtation. Was mich verwunderte war, dass meine Freundin mit keiner Wimper zuckte, ich verstand das nicht. Entweder kannte sie ihre Freundinnen nur so, oder es war ihr egal. Vielleicht auch beides.

Die Party begann, es wurden gefühlte zweihundert Artikel vorgestellt. Die Bestellzettel wurden gezückt, vollgeschrieben, wieder durchgestrichen und alles nochmals von vorne. Frau Tupperware hat das grossartig und sehr professionell vorgeführt. Sie schaffte es, jede Frage zu beantworten, jede Befindlichkeit zu befriedigen und allem und jedem etwas Positives abzugewinnen. Respekt… dachte ich mir. Denn was ich an diesem Abend zu hören bekam, war zusammengefasst Folgendes: Dieses Schälchen musst Du kaufen Sandra, Du hast Babybrei Resten, rein damit. Oh, dieses Schüsselchen ist perfekt, wenn Du Milchpulver transportieren musst für die Kleinen. Uuuh, dieses eckige Töpfchen ist super wenn Du die Apfelschnitze und Karottenstücke für Deine Tochter transportierst. Ach ja und der Haferschleim wenn sie krank sind, kannst Du auch gut darin aufbewahren. Diese neuen kleinen Flaschen sind perfekt um die abgepumpte Milch frisch zu halten. Übrigens wenn Du mal Waschmittel oder Putzmittel ausleihen musst, eignen sich die Dosen hervorragend. Oooookay… das war mit dann doch zu creepy.

Ich meine, ich finde es auch praktisch, die Essensreste im Tupper aufzubewahren. Aber das? Ging mir nicht nur grässlich auf die Nerven, sondern war einfach zu viel für mich. Sehnlich wartete ich auf den Abschluss. Vor lauter Baby, Kind, Milch, Haushalt und trallala konnte ich mich gar nicht richtig für die anderen Artikel erwärmen. Ich war zu abgelenkt und verstört. Ich war dort unwillentlich voll in die Müttermafia reingeraten. Warum hatte mich meine Freundin nicht vorgewarnt?

Die Verkäuferin sammelte strahlend die vollgeschriebenen Bestellscheine ein und verkündete eine absolute Weltneuheit. Die grosse magische Kuchenteigschüssel. Einige juchzten auf und alle steckten gwundrig die Köpfe zusammen. Madame Tupper zauberte diese ziemlich grosse Schüssel aus ihrem unerschöpflichen Koffer und begann vorzuführen. Alle Zutaten, egal für welchen Kuchen einfach reingeben, Deckel drauf, stark schütteln und fertig ist der Teig. Ab in die Backform und in den Ofen damit. Es sei so einfach und sie hätte grosse Freude an den vielen Bestellungen deshalb würde sie uns dies live vorführen. Nein, hilfe… bitte nicht auch das noch. Der Kuchen konnte wirklich auch gut ohne uns im Ofen aufgehen und sie könnten ihn dann gerne ihren zauberhaften Kinderlein verfüttern. Sollte etwas übrig bleiben war ich überzeugt, dass genug Aufbewahrungsmöglichkeiten vorhanden waren. Uns brauchte es dazu wirklich nicht mehr.

Weit gefehlt. Sehr, sehr weit gefehlt.

Alle zogen gemeinsam in die Küche, Madame Tupper führte vor und sagte leichthin, sie hätte absichtlich ein Rezept mit kurzer Backzeit gewählt. Mir wars egal, ich würde dann weg sein. Dachte ich. Sie schüttete in Windeseile alles in den Behälter, rüttelte kräftig, goss alles in die Backform und stellte sie in den vorgeheizten Ofen. Danach ging in der Küche alles drunter und drüber. Alle Frauen zogen Schubladen und Schränke auf. Nahmen Besteck, Teller, Tassen etc. heraus und das total zielorientiert. Jede wusste ganz genau wo in dieser Küche was verstaut war. Wie war das möglich? Gibts denn sowas? Das war mir unheimlich. In Küche und Esszimmer wuselten nun 20 nicht mehr weisse Socken, 10 schweiss-geränderte Shirts und 10 Labberhosen herum.

Ich konnte nicht mehr und setzte mich aufs Sofa. Gell, ist total cool und lässig fragte mich meine Freundin strahlend. Die sind im Fall immer so offen miteinander, das fände sie so toll. Bitte nicht, was würde noch folgen? Ich schaute dem Treiben zu und unfreiwillig konnte ich in die offenen Schränke sehen. Mich traf fast der Schlag. Die Gastgeberin besass jedes noch so kleine und grosse Tupperware. Es gab nichts, wirklich nichts, was nicht in ein Tupperware umgepackt worden war. In diesen Schränken stand ein Vermögen! Kein Wunder konnte sie sich kein Shampoo und keine Kleider mehr leisten. Die ganze Firma Tupperware wohnte dort, ich schwöre es Dir.

Bis heute verstehe ich nicht, warum man Lebensmittel, die hygienisch originalverpackt sind öffnet, um sie in eine weitere Verpackung zu stecken. Die obendrein noch sauteuer und von Tupperware umzuschichten. Ich-verstehe-es-nicht! Essensresten ins Tupper ja – all der andere Wahnsinn, nein.

Der Rest des Abends bestand noch aus Kaffeetrinken und Kuchenessen. Mehr habe ich nicht mehr im Gedächtnis ausser dass ich seit dann an einem Tuppertrauma leide.

„Ich muss so lachen Belinda, das ist fies von mir ich weiss, aber es ist einfach zu komisch. Vielen Dank für Deine unterhaltsame Geschichte.“

„Du musst jetzt stark sein, sie geht nämlich noch weiter. Nach diesem Abend habe ich mir geschworen: nie wieder in meinem ganzen Leben. Auch nicht, wenn man mich bezahlt, mir tolle Gastgeschenke verspricht und mir versprochen wird, dass es ganz anders ablaufen werde.

Fünfzehn Jahre später, ein anderer Freundeskreis und ich war selbst Mutter von zwei kleinen Kindern. Ich wurde selbstverständlich immer wieder zu Tupper Partys eingeladen. Ich habe standgehalten und jede abgelehnt. Jeweils mit immer genau derselben Erklärung. Nämlich, dass ich diese Zusammenrottung von Gleichgesinnten, kaufsüchtigen, tratschenden Weibern nur schlecht ertrage. Dieses sektiererische Gehabe, das einem zwingt mitzumachen obwohl man nicht will.

Es kam natürlich, wie es kommen musste. Irgendwann wurde ich schwach und sagte doch zu.

Kurze Zusammenfassung: Es war genau der gleiche Ablauf, die gleichen Gespräche, die gleichen hochgelobten Verwendungszwecke der Tupper. Die Kaufwut glühte, es wurde fachgesimpelt als gäbe es kein Morgen. Auch in diesem Haushalt waren die Schränke bereits besorgniserregend voll mit bunten Plastikdosen. Nur etwas war glücklicherweise ganz anders, die Frauen waren allesamt gepflegter. Zwar waren sie mit Augen wie Pandas und milchschweren Brüsten unterwegs, doch immerhin mit etwas mehr Stil.

Das wars dann für mich. Ich habe nie, nie wieder ein Original Tupper gekauft und nie, nie wieder eine solche Party besucht. Mein Bedarf war und bleibt gedeckt für alle Zeiten.“

„Herrlich meine Liebe… ich verstehe Dich und danke Dir sehr für Deine Geschichte. Hast Du vielleicht noch ein Zitat, das Du mir gerne mitgeben möchtest?“

„Geduld bringt Rosen.“ „Auch wenn ich nicht immer daran glaube.“

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2 Gedanken zu „Uf em Bänkli mit Belinda S. (56) – in Horgen“

    1. Nicole Winterhalder

      Herrlich liebe Evelyn… das werde ich Belinda bei Gelegenheit genau so weitergeben. Vielen Dank für Deinen erneuten Kommentar, ich freue mich immer über alle Rückmeldungen.

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