Uf em Bänkli mit Andrea L. (37) in Uster

Nach einem hervorragenden Abendessen in einem wunderbaren arabischen Restaurant sitzen Andrea und ich draussen auf einem Bänkli. Es ist eine warme, lauschige Sommernacht. Andrea ist ernst, beherrscht, bei sich, doch aufgewühlt.

„Ich weiss gar nicht wie und wo anfangen. Es war ein Sonntag, wie jeder andere auch. Unsere Tochter Nina rief nach uns. Falls ich jeweils nicht von meiner inneren Uhr geweckt werde, dann bin ich zuerst etwas durcheinander und noch nicht so ganz im Takt. Aber ich weiss dann, ok jetzt geht der Tag los. Wie jeden Sonntag Morgen gönne ich mir einen Solarium Besuch. Zwölf Minuten nur für mich unter der „Sonne“. Der Weg dorthin ist eine Strecke, die ich in- und auswendig kenne und seit Jahren fahre. Jeden Sonntag zwischen sieben und halb acht Uhr. Me-time. Um diese Zeit ist niemand unterwegs, das Solarium ist noch nicht besucht und ich habe dort meinen Lieblingsplatz für mich. Ich gehe dann so leger wie sonst nie aus dem Haus, unten eine Leggins, oben noch immer das Pyjama, ein Cap und fertig.

So war es auch an besagtem Sonntag. Es ist mir wichtig nochmals zu betonen, dass ich diesen Weg in- und auswendig kenne. Ich fuhr den letzten Abzweiger unter der Unterführung durch und alles was ich noch weiss ist, dass ich die Bushaltestelle sehe, wo oft ein mobiler Blitzer steht. Dort bin ich immer besonders achtsam, auch dieses Mal. Es ist das letzte, an was ich mich erinnere. Diese Stelle, wo sonst der mobile Blitzer steht.

Dann – nichts. Leere.

Das nächste, was ich wahrnahm war, ich steckte mit meinem Auto unter einem Lieferwagen fest. Schräg, zwischen zwei Fahrzeugen. Als ich aus dem Seitenfenster schaute, sah ich ausserdem, dass ein ganzer Zaun abgerissen war. Im ersten Moment dachte ich gar nichts. Erwacht war ich, weil ich irgend etwas gehört habe. Etwas war laut. Wohl der Aufprall auf den Lieferwagen. Die Airbags wurden nicht ausgelöst, weil mein Auto einen Abstandsregler hat, der das Fahrzeug automatisch bremst, wenn ich irgendwo zu nahe rankomme. Das bedeutet, mein Auto hatte längst automatisch gebremst, als ich den Zaun und diverse Autos gestreift hatte. Dennoch reichte es, um in den Lieferwagen zu crashen und darunter eingeklemmt zu sein.

Normalerweise schalte ich immer den Spurassistenten und den Abstandsregler aus. An diesem Sonntag habe ich es nicht getan. Warum auch immer, aber ich habe es nicht gemacht, keine Ahnung, nicht mit Absicht.

Als ich ‚erwachte‘, regte ich mich zuerst kurz darüber auf, dass mein Kaffee in der Mittelkonsole übers ganze Auto verteilt war. Ich versuchte rückwärts zu fahren um zu merken, da geht gar nichts mehr. Aber so wirklich gar nichts mehr. Ich wollte schauen, wie die Situation von aussen aussieht, wie gross der Schaden überhaupt ist. Ich war tatsächlich überzeugt, dass alles nur halb so schlimm sei, dass ich weiterfahren würde. Ich habe überhaupt nicht verstanden was passiert war, weil ich ganz offensichtlich davor ohnmächtig war.

Ich stieg aus dem Auto und begab mich auf die andere Strassenseite. Setzte mich auf das Trottoir und besah mir die Szene. Es war surreal. Ich fragte mich was ist das? Was ist passiert? Ich hatte keine Antwort darauf und habe die Polizei angerufen. Es war mir im Wachzustand absolut klar, dass ich die Polizei rufen musste, ich hatte Autos beschädigt, einen Zaun und wusste, was zu tun war. Ausserdem klemmte mein Auto unter einem Lieferwagen fest. Rundum hat es Wohnungen, Häuser und jeder hätte mich beobachten können. Auf der Strasse war zwar um diese Uhrzeit kein Mensch unterwegs, es ist ein Industriequartier, eher ruhig, aber eben doch mit einigen Anwohnern. Ich wählte den Notruf und erklärte meine Situation. Sie fragten mich ob ich ok sei. Ich sagte, ja ich glaube schon, immerhin kann ich sie anrufen. Sie meinten, dass sie sofort jemanden schicken würden. Ich fragte noch, müsst ihr denn nicht wissen wo ich bin? Nein, wir sehen wo sie sind. Wie bitte? Ich habe auf meinem Handy die Ortung deaktiviert. Niemand sieht wo ich bin. Weit gefehlt. Aber ok – im Notfall kann offenbar jedes Handy geortet werden.

Ich lief mindestens noch dreimal um den Unfallort und mein Auto herum um abzuschätzen, wie schlimm es den wirklich war. Es half nicht. In dieser Zeit fuhren vier Autos vorbei, eines hat angehalten und der Fahrer fragte mich ob er mir helfen könne. Ich bedankte mich mit den Worten, die Polizei sei unterwegs. In meinem Kopf lief dauernd der Film ab‚ was war das, an was kann ich mich als Letztes erinnern. Lediglich an die Bushaltestelle, diesmal ohne mobilen Blitzer.‘

Dann kam ein Polizeifahrzeug. Nicht das gerufene Einsatzfahrzeug, sondern eine Patrouille. Was für ein netter Zufall. Der Polizist stieg aus und fragte mich‚ was haben Sie denn hier angestellt?‘ Meine Antwort war kurz: ‚wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen sagen.‘ Er wollte meinen Führerausweis sehen und verständigte sich mit der Leitstelle. ,Gleichzeitig fuhr das Einsatzkommando mit zwei Mann vor. Sie haben die Unfallstelle gesichert, diverse Autoteile eingesammelt. Ich wurde gefragt, haben Sie Alkohol getrunken, Drogen genommen, sind sie zu lange wach, übermüdet? Nein, war ich alles nicht. Vor sechs Wochen trank ich zum letzten Mal Alkohol und der letzte Drogenkonsum war mit 16 Jahren. Zu wenig geschlafen? Nein, ich zeigte ihm meine Handy App, die meinen Schlaf überwacht. Diese zeigte 7.5 Stunden ruhigen Schlaf der letzten Nacht. Also alles im grünen Bereich. Ich konnte ihnen nur sagen, was ich wusste – nämlich gar nichts. Das war kein Sekundenschlaf sondern eine Absenz die länger dauerte.

Man bat mich höflich, sie ins Institut der Rechtsmedizin für die ersten Abklärungen zu begleiten. Auf dem Weg dorthin habe ich meinem Mann eine Nachricht geschrieben und erklärt, was passiert war.

Im Institut für Rechtsmedizin in Zürich musste ich eine Blut- und Urinprobe abgeben und Reaktionstests absolvieren. Danach fuhren wir zurück nach Glattbrugg auf den Polizeiposten, dort wurde alles rapportiert.

Eigentlich hätte ich meinen Mann anrufen können, damit er mich abholen würde. Das wollte ich nicht. Die Polizisten haben mich auch fürsorglich gefragt ob es mir gut gehe, ob sie etwas für mich tun könnten, ob sie mich heimfahren sollten. Nein. Alles, was nicht im Lot war, war mein Nervensystem. Es funktioniert mit Autopilot. Ich gab Antwort auf ihre Fragen, aber ich konnte alles nicht einordnen und habe noch nicht wirklich realisiert, was passiert war.

Ich brauchte einen Moment der Ruhe. Für mich alleine. Im Besten Fall, um mich daran zu erinnern, was geschehen ist. Um diesen Moment zwischen Bushaltestelle und Unfallort zurück zu holen. Doch er war weg. Er ist bis heute weg. Das bestätigt mir, dass dies kein Sekundenschlaf sondern eine Ohnmacht war – warum auch immer. Ich weiss, wie ein Abstandsregler reagiert, nämlich heftig. Das hätte mich sofort aus dem Sekundenschlaf geweckt. Ebenso hätte mir die Sicherheitsgurte einen Schlag versetzt, der mich geweckt hätte. Offenbar war ich auf einer viel tieferen Ebene weggetreten.

Ich fuhr mit dem Zug nachhause. An diesem Sonntag funktionierte ich wie ein Uhrwerk und habe alles mit meiner Familie gemacht, wie immer. Ich habe gekocht, das Familienleben für ein paar Stunden gelebt wie immer. Doch ich wusste, am nächsten Tag musste ich zum Arzt, denn dies musste abgeklärt werden. Das war nicht normal. Es ging nicht nur um mich und meine Gesundheit. Sondern auch darum, dass wenn ich meine Tochter im Auto hätte, so etwas nicht passieren durfte. Und dass ich nie andere Menschen gefährden wollte.

Am nächsten Tag ging ich zu meiner Ärztin. Nach den Routinefragen über Familiengeschichte etc. schickte sie mich umgehend zum Schädel MRI. Es hätte ja alles sein können. Vom Schlaganfall über Epilepsie, Migräne, Hirntumor oder was weiss ich. Das Resultat war gleich null. Der Stand heute ist, alle Labor Werte sind mittlerweile hier und werden analysiert. Es wurde nichts gefunden. Als nächstes wird ein EKG folgen, und eine Schlafanalyse. Am meisten Angst macht mir, dass man nichts findet. Ich wünsche mir keine Diagnose. Aber eine Antwort. Dann könnte ich reagieren. Etwas dagegen unternehmen, therapieren, was auch immer. Mein Fahrausweis wurde mir entzogen, das ist in Ordnung. Doch irgendwann muss und will ich wieder in Auto steigen.

Ich hatte grosses Glück im Unglück. Ich bin aber ein Mensch der immer der Überzeugung ist, es widerfährt einem nichts ohne Grund. So etwas Grosses sowieso nicht. Oftmals ist es so, dass uns der Körper mit Signalen etwas mitteilen will und wir schauen, hören, fühlen gekonnt weg. Weil alles ganz normal und wie immer ist. Ich bin überzeugt, dies war ein Weckruf. Hör auf. Es ist genug. Jetzt ist für Dich einfach mal genug. Die Laborwerte zeigen dies übrigens auch – ich war fast bei allen Vitaminen und Mineralstoffen im Minus. Mein Körper war im Ausnahmezustand. Das heisst heute für mich, mein Leben wie ich es heute führe… darf so nicht mehr weiter gehen. Obwohl ich der Meinung bin, alles war normal. Das ist mein adaptiertes Normal. Gut geübt und antrainiert. Offensichtlich ist es dies aber nicht und das empfinde ich als bitter und erschreckend.

Hier hört meine Geschichte fürs Erste auf. Es wird noch viel auf mich zukommen. Auch das ist erschreckend, weil ich nicht weiss, was das alles sein wird.“

„Liebe Andrea, verrätst Du mir Dein Lieblingszitat?“

„Die Kunst des Lebens ist aufzuhören zu überlegen was gestern war und morgen wird, sondern nur im Heute zu leben und zu geniessen.“

„Vielen herzlichen Dank meine Liebe für diese aufwühlende Geschichte und Dein Vertrauen.“

Hier gehts zu Andreas Lieblingsessen.

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