Uf em Bänkli, auf dem Friedhof bei Dir, 2025 in Zürich

Ich sitze auf dem Bänkli, auf einem ruhigen Friedhof in Zürich-Nord. Das Bänkli steht beim Gemeinschaftsgrab. Ich finde es furchtbar. Einfach nur furchtbar. Ja, das ist egoistisch. Wie kann man sich nur wünschen, in einem Gemeinschaftsgrab zu liegen? Für die Hinterbliebenen, im vorliegenden Fall mich, ist dies schwierig. So richtig schwierig. Auch wenn ich hier alleine sitze, bin ich nicht wirklich alleine. Du bist dort unten auch nicht alleine. Und meine persönliche Ruhe ist auf eine ganz eigene Art gestört.  Anders kann ich es nicht erklären.  

Wie ich immer bei meinen Bänkli Gesprächen erwähne, es geht nicht um mich. Sondern einzig um Dich. Du bist die Hauptperson. Nur das Du leider nicht mehr bei mir bist und somit auch nicht mehr selbst erzählen kannst. Das übernehme ich nun für Dich. Ich erzähle heute Deine schicksalshafte Liebesgeschichte, den ersten Teil durch Deine Augen sehend. So, wie Du es mir damals überliefert hast. Dann übernehme ich die Erzählung, als ich alt genug war, um die letzten Jahre, den letzten Teil mit Dir zu erleben und zu begreifen. Bis zum bitteren Ende.

„Geboren 1941 und somit mitten im 2. Weltkrieg, standen die gesellschaftlich verordneten Chancen für ein Mädchen nicht allzu gut, etwas anderes als Hausfrau und Mutter zu werden. Jedoch hatte ich aufgeschlossene Eltern, die mutig genug waren um zu erkennen, dass eine Berufslehre auch für ein Mädchen und ihre Zukunft sinnvoll ist. Meine Mutter hat 30 Jahre zuvor selbst eine Lehre als Arztgehilfin absolviert und genau das tat ich dann auch. Das Thema Medizin, sowie den engen Kontakt und Austausch mit den Menschen gefiel mir gut. Aber nach drei Jahren war es mir doch zu wenig. Danach, es war bereits 1960, durfte ich mit dem Einverständnis meiner Eltern noch eine 2. Ausbildung als Zahnarztgehilfin machen. Das hat mir viel mehr zugesagt und ich profitierte natürlich von der ersten Ausbildung so einiges.

Mein Chef, ein grosser, stattlicher, sehr gut aussehender Schwede mit sonorer Stimme und kantigem Kinn, war ein ganz toller. Mit seiner kompetenten Arbeitsweise, seiner empathischen Art und seinem respekteinflössenden Charisma liebten ihn alle Patienten und die Patientinnen gleichwohl. Wir drei Zahnarztgehilfinnen himmelten ihn sowieso an. Er hatte nie schlechte Laune, immer ein offenes Ohr, stets Zeit für alle und fand immer den richtigen Ton und die richtigen Worte für uns.

Vom ersten Tag an hatte ich ein Bauchkribbeln und fühlte mich immer etwas nervös, wenn er mich direkt ansprach. Jung, naiv und unerfahren wie ich war, konnte ich dies natürlich noch nicht einordnen. Nach drei lehrreichen Jahren machte ich meinen Abschluss und durfte weiterhin dort arbeiten, da er sehr zufrieden mit mir war. Das war ein Glückstreffer und für mich, sowie meine Eltern eine grosse Erleichterung und Absicherung.

In der ersten Woche nach dem Lehrende lud mich der Herr Doktor Knut Rekken (Name geändert) zum Essen ein. Nein, nicht zum Mittagessen, sondern zu einem Abendessen zu zweit. Er fragte mich ganz höflich, ob ich ihm die Ehre erweisen würde, am Wochenende mit ihm auswärts Essen zu gehen. Überrascht und überrumpelt, noch nervöser als sonst, sagte ich mit glühenden Wangen zu. Ich konnte es kaum erwarten, zu Hause davon zu erzählen. Doch, anders als ich es erwartete, wurden mir so richtig die Leviten gelesen und aufgetragen, dieses Essen umgehend abzusagen. Es gehe absolut nicht, dass eine so junge Angestellte mit dem 20 Jahre älteren, ausserdem verheiratetem Chef, essen gehe und erst noch mit einem Doktor. Nein, nein, keine Widerrede und Abmarsch ins Zimmer. Das sass, und zwar tief. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und meine Eltern verstand ich noch weniger. Immerhin war ich über 20 Jahre alt und musste doch niemandem mehr Rechenschaft ablegen.

Es war wohl eines der ersten Male, dass ich meinen Eltern gegenüber aufbegehrte, nicht gehorchte und mich durchsetzte. Ich hatte nicht abgesagt, im Gegenteil. Ich malte mir die Verabredung in meinen Tagträumen und beim Einschlafen in den schönsten Farben aus. Ich fühlte mich im Vorfeld bereits wie eine Prinzessin und ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass diese Situation vielleicht doch nicht ganz so ideal sein könnte. Warum auch? Es war ja nichts dabei mit seinem Chef, der ausserdem uralt war, Essen zu gehen. Und da er verheiratet war, bestand keinerlei Gefahr für mich, dass daran etwas nicht anständig sein könnte.

Wir gingen miteinander in ein geschmackvolles, sehr hübsches und demzufolge teures Restaurant in Zürich. Der Abend war vom ersten Moment an noch viel besser, schöner und intensiver, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen je gedacht hatte. Knut war charmant, bemüht, liebevoll, hochanständig, mit besten Manieren und Gepflogenheiten. Er brachte mich zum Lachen und Staunen, es war perfekt. Von allem nicht zu viel und nicht zu wenig. Seine Seniorität, sein Humor, seine Lebenserfahrung und sein gutes Aussehen blendeten mich dermassen, dass ich gar nicht anders konnte, als mich sofort zu verlieben. Ich strahlte, vibrierte innerlich, fühlte mich in einem Hoch, beflügelt von Hormonen und dem neuen Gefühl, verliebt zu sein. Ob es ihm auch so ging, fragte ich mich nicht. Das Essen war vorzüglich, der Service exzellent. Alles passte. Irgendwann verliessen wir das Restaurant, beschwipst vom Champagner und Wein und als wir vor seinem Auto standen küsste er mich. Zuerst ganz zart, abwartend, wie ich darauf reagieren würde. Die anfängliche Zurückhaltung schwand rasch und er küsste mich immer leidenschaftlicher, stürmischer und fordernder. Da hatte ich wohl meine Antwort, wie es um seine Gefühle stand.

Ob ich ihn in ein Hotel begleiten würde, wollte er wissen. Und ob ich wollte. Ohne zu zögern oder zu hinterfragen, ging ich mit und wir fuhren in ein schickes Hotel in der Nähe. Dort verbrachten wir unsere erste wundervolle, erotische, emotionale gemeinsame Nacht. Ich verlor in dieser Nacht so einiges, allem voran meine Unschuld, danach meine Hemmungen und Unsicherheiten. Ich wurde endlich zur Frau. Denn ich wusste, dass ich von einem erfahrenen, mit beiden Beinen im Leben stehenden Mann geliebt wurde. Meinem Traummann. Es war um mich geschehen. Was ich nicht wusste war, dass mich dieser Mann mein ganzes Leben lang auf die eine oder andere Weise begleiten würde.

Im Morgengrauen fuhr er mich nach Hause. Ein Blick von meinen Eltern genügte und sie wussten was passiert war und ich wusste, was sie davon hielten.

Bei der täglichen Arbeit in der Praxis haben wir uns normal, professionell und wie immer verhalten. Es musste nicht sein, dass die anderen von unserer Affäre wussten. Das hätte unser sehr gutes Arbeitsklima und Auskommen untereinander bestimmt ziemlich gestört. Anders war es in der Freizeit. Und zwar schwierig. Für beide. Er hatte seinen Wohnsitz in Basel, in einem Einfamilienhaus, mit Frau und zwei Kindern. Ich wohnte noch bei meinen Eltern in Zürich. Wir versuchten uns so oft wie möglich zu treffen und dies natürlich heimlich. Es war uns unmöglich, einander nicht mehr zu sehen oder uns zu trennen. Wir hatten mittlerweile eine ganz tiefe und enge Bindung. Auf jeder Ebene passten wir wunderbar zusammen. Und obwohl wir wussten, dass dies nicht ewig so weitergehen konnte, haben wir alle Zeichen ignoriert und einfach immer weiter gemacht. Er wolle sich trennen, und ein neues Leben mit mir beginnen, mir Kinder und ein neues Zuhause schenken. Ich habe alles geglaubt und geduldig darauf gewartet. Seiner Frau hat er nichts von uns erzählt und auch ich habe in meinem Umfeld und zu Hause so wenig wie möglich darüber geredet.

Es kam wie es kommen musste. Seine Frau war es leid, dass ihr Mann so oft abends abwesend war und hatte den Verdacht, dass er sie betrüge. Denn so viele medizinische Kongresse, Geschäftstermine und -Essen gab es bestimmt nicht wie er immer vorschob. Das war neu, zu oft und auffällig. So fuhr sie eines Tages von Basel nach Zürich und lauerte ihm einige Meter von seiner Praxis entfernt, auf. Getarnt mit Kopftuch und Sonnenbrille, sass sie in ihrem Cabriolet und beobachtete was geschah. Er verliess mit mir die Praxis und wie immer steuerten wir ein schönes Restaurant oder Hotel an, wo wir den Abend oder die halbe Nacht miteinander verbrachten. Wir schöpften keinen Verdacht, fühlten uns sicher und unentdeckt. Unsere Liebe blühte in voller Pracht und wir genossen es in vollen Zügen. Ich sehr unbeschwert und er mit schlechtem Gewissen.

Kurz darauf sprach ihn seine Frau an, ob er eine Geliebte hätte. Dies wäre der Moment gewesen, um ehrlich zu sein, reinen Tisch zu machen und eine Lösung für diese schwierige Situation zu finden. Feige wie er offenbar war, hat er alles abgestritten und sie machte gute Miene zum bösen Spiel. Es fiel ihm erst viel später auf, dass ihre Reaktion nicht normal oder natürlich war. Ihr süffisantes Lächeln begleitete die Aussage, dass in diesem Fall ja alles bestens und sie sehr beruhigt sei. Für ihn war das Thema vom Tisch. Für sie aber noch lange nicht.

Wenige Tage später fuhr sie wieder von Basel nach Zürich, nicht getarnt und mit klarem Ziel. Sie wartete wieder am Feierabend vor der Praxis und verfolgte mich bis zu meinem Zuhause. Ungefähr 200 Meter vor meinem Elternhaus hat es einen Parkplatz. Sie parkierte, stieg aus und kam mit grossen ausladenden Schritten auf mich zu, in der Hand eine Glasflasche. Sie schrie mich an und beschimpfte mich, während sie immer näher auf mich zukam. Dann hob sie die Hand und warf die Flasche geradewegs auf meinen Kopf zu. Dabei schrie sie „danach wirst Du nie mehr schön sein und er wird Dich verlassen und fallen lassen.“ Ich wusste nicht, soll ich wegrennen oder mich ducken. Auf jeden Fall gelang es mir, knapp genügend Distanz zwischen uns zu bringen, sodass mich die Flasche nicht traf. Sie zerschellte auf dem Boden. Die Flasche war gefüllt mit Salzsäure, mit der sie mich, meinen Kopf treffen und mich zerstören wollte. Das ganze Szenario rief natürlich Nachbarn auf den Platz und jemand rief die Polizei. Diese nahmen die tobende und schreiende Frau dann mit.

Was für ein Drama. Entgegen allen guten Ratschlägen und Drohungen meiner Eltern zeigte ich seine Frau nicht an, weil Knut mich darum bat. Seinen Kindern zu liebe. Wir mussten ab dann noch vorsichtiger sein und konnten uns dadurch weniger sehen. Das war sein Plan. Denn die betrogene Ehefrau stand nun tief in seiner Schuld nach dieser gefährlichen Aktion und hielt ihre Füsse still. Ich war glücklich, dass er mich nicht verlassen hat, wollte aber mit ihm über unsere gemeinsame Zukunft reden. So konnte es nicht weiter gehen. Was kam als nächstes? Ich wollte nicht ein Leben als Nebenbuhlerin in einem schlechten Krimi spielen. Und mit der Zeit belastete mich die Situation so sehr, auch dass wir am Wochenende, an Geburts- und Feiertagen nicht zusammen sein konnten.

Wir hielten trotz allem aneinander fest. Nichts konnte uns auseinanderbringen. Unsere Gefühle waren weiterhin so intensiv und vereinnahmend. Wir konnten und wollten gar nicht anders. Aber uns beiden ging es nicht mehr so gut dabei, wie vor diesem Vorfall mit der Giftflasche. Der Druck auf jeden von uns nahm zu. Und irgendwann konnten wir nicht mehr. Ich war zu jung, um ein Leben lang auf diesen Mann zu warten, der seine Frau nie für mich verlassen würde.

Ich verliess ihn und ging hinaus ins Leben. Ich lernte neue Leute kennen, ging tanzen, amüsierte mich. Wie es für eine junge Frau in meinem Alter sein sollte. Meine Arbeitsstelle habe ich gekündigt und an einem anderen Ort angefangen. Irgendwann zwischen 1968 und 1969 traf ich einen Mann, ein Autoverrückter mit einer eigenen Garage, der Autorennen fuhr als Hobby und viele gleichgesinnte Freunde hatte. Das machte Spass, wir sahen uns immer öfter, verstanden uns gut und verliebten uns. Nicht so wild und stürmisch, wie beim ersten Mal mit Knut. Langsamer, vernünftiger. Er war zehn Jahre älter als ich, ungebunden, wild und einer der immer viel Klamauk und Trubel um sich mochte. Wir feierten das Leben ausgiebig. Meine Eltern wiederholten ihre Bedenken und waren auch diesmal gegen meine neue Beziehung. Aber wie beim ersten Mal schon, ging ich meinen eigenen Weg. Wir heirateten und zogen zusammen. Zum Trotz heirateten wir in Rom, Italien, damit niemand von zu Hause dabei sein konnte. Bald kündigte sich unsere Tochter an und ich fand mein neues Leben grossartig. Die Schwangerschaft verlief gut, ich musste nicht mehr arbeiten gehen, mein Mann konnte für uns alle sorgen.

Ungefähr ein Jahr später klingelte das Telefon. Es war unter Tags und ich war glücklicherweise alleine mit meiner Tochter zu Hause. Am anderen Ende war Knut. Das gibts doch nicht. Der Boden unter meinen Füssen schwankte, ich musste mich festhalten, um nicht umzukippen. Ich konnte noch nicht mal fragen, was er wollte. Er sagte nur, er hätte sich von seiner Frau getrennt und sei jetzt frei für mich. Das konnte und durfte doch nicht wahr sein. Ich erklärte, dass ich mittlerweile verheiratet und Mutter einer Tochter sei. Er freute sich für mich und bat mich um ein Treffen. Nur auf einen Kaffee, um über alte Zeiten zu plaudern. Ganz unverfänglich. Das klang zu gut und Zeit hatte ich sowieso im Überfluss. Wir trafen uns auf einen Kaffee, mit anschliessendem Weisswein und Häppchen und danach noch mehr Weisswein. Es war als sei kein Tag vergangen, als hätte sich nie ein Drama abgespielt. Es war innert Minuten alles wieder beim Alten. Nur diesmal umgekehrt. Ich war diejenige, die gebunden war. Jedoch war es mir, als nicht mehr berufstätige Mutter, natürlich gut möglich, den Tag immer so zu planen, dass ich genügend Zeit für ihn hatte. Wir waren umgehend wieder im siebten Himmel. Was hatten wir für grosse und tiefe Gefühle und wir konnten nicht verstehen, wie wir es einige Jahre ohne den anderen ausgehalten hatten.

Nun sei es aber schon an mir, mich zu trennen, meinte er bald. Schliesslich hätte er diesen Schritt für mich und uns auch gemacht. Ich wusste nicht, was tun. So einfach erschien mir dieses ganze Vorhaben dann doch nicht. Um nicht weiterhin mit Lügen leben zu müssen, habe ich ihn erneut verlassen. Überzeugt war ich nicht von meiner Entscheidung, überhaupt nicht. Nun waren wir wieder beide am Boden zerstört und todunglücklich. Doch für mich ging es nicht anders. Ich blieb bei Mann und Kind und liess ihn los. Glaubte ich.

Um ehrlich zu sein, unsere Ehe bröckelte. Es war ein Wechsel von viel zu oft alleine gelassen werden und dann auf Kommando funktionieren zu müssen. Für ihn, seine Geschäftsfreunde, seine Essen und Anlässe. Stress pur. Alles war nicht mehr so, wie es sein sollte, wie wir es uns gewünscht, erträumt und am Ende noch zurecht gebogen hatten. Diese unzähligen Geschäftsessen waren so anstrengend. Wöchentlich viele Gäste zu Hause, der viele Alkohol, tausende Zigaretten, immer gut gelaunt sein zu müssen, immer die perfekte Gastgeberin zu spielen. Hinzu kam, dass ich seit zwei Jahren mit sehr schlimmen Schmerzen leben musste, da mir Polyarthritis diagnostiziert wurde. Damals wurde schnell operiert und innert kürzester Zeit hatte mein Körper und meine Psyche zehn Operationen, inklusive zehn Vollnarkosen, zu verarbeiten. Und ja, ich trank bei den Geschäftsessen gerne mit. Und ja, ich trank auch sonst gerne, mit und ohne Grund. Und ja, es half mir, über den emotionalen Schmerz und auch über die physischen Schmerzen hinweg. Meine Mutter war mir in diesen Jahren eine grosse Stütze. Sie kam, wann immer ich sie brauchte und half auch tatkräftig mit, die vielen Anlässe fürs Geschäft zu organisieren. Und wann immer ich im Spital oder rekonvaleszent war, hatte sie alles für meinen Mann, seine Firma und unsere Tochter getan. Gekocht, geputzt, eingekauft, alle Geschäftsfreunde bewirtet. Sie war grossartig. Und ich habe mich dabei allmählich verloren. Ich habe mich verloren, in Operationen, Schmerzen, Medikamenten, Alkohol, Zigaretten und Schuldgefühlen allen gegenüber.

Es kam der Tag, wo wir uns eingestanden, dass unsere Ehe am Ende war. Wir reichten die Scheidung ein. Es war eine fürchterliche, schmutzige und teure Scheidung. Das Bezirksgericht konnte unseren Fall nicht abschliessend verhandeln, wir mussten vor Obergericht antreten. Und ja, ich war der Grund. Ich habe mich schäbig, gierig und unanständig verhalten. Ich habe nicht nur mit Worten sondern mit Stühlen um mich geworfen. Man musste uns im Gerichtssaal gewaltsam trennen. Es war eine Zeit, in der alleinerziehenden Frauen noch alles zugesprochen wurde, das Urteil war schlimm für ihn. Lebenslanger, nachehelicher Unterhalt zuzüglich Kinderunterhalt, musste er für mich bezahlen.  Das würde mich befreien davon, jemals wieder arbeiten zu müssen. Wenn ich es schlau anstellen, und das Kind so lange als möglich in die Schule gehen würde, müsste er dafür büssen, bluten und zahlen. Diese Rechnung ging für mich nicht auf, denn das Kind machte nicht mit. Dazu jedoch später.

Nun war ich also frei. Endlich frei. Was tat ich? Selbstverständlich und umgehend meinen heiss und innig geliebten Knut anrufen. Die Geschichte wiederholte sich, nur wieder mit umgekehrten Positionen. Wieder traffen wir uns nur auf einen Kaffee, ganz unverbindlich. Wir trafen uns, tauschten uns aus und ich bekam einen ganz üblen Schlag ins Gesicht. Da ich nichts mehr von ihm wollte, hätte er wieder geheiratet. Er wäre nun Vater von zwei weiteren Kindern. Er hätte nochmals von vorne angefangen und sei nun glücklich. Ja genau. Wir bestellten Weisswein, verspeisten ein köstliches Abendessen, dann Rotwein, Digestif, das ganze Programm. Und alles war fast wieder wie früher. Auch dieses Mal. Doch etwas war anders. Wir beide waren älter, erfahrener und er war in meinen Augen nun schon ein älterer Mann. Meine Tochter war mittlerweile 14 jährig und in der Oberstufe. Ich konnte ihr nichts mehr verheimlichen oder vormachen und habe ihr unsere Geschichte erzählt.“

Der Blink- und Erzählwinkel der Geschichte ändert sich jetzt und sie wird fortan aus den Augen und Erfahrungen der Tochter weitererzählt.

„Es wendete sich nichts zum Guten, ganz im Gegenteil.

Da ich nun von dieser jahrzehntelangen Liebesgeschichte wusste, hatten die beiden keine Hemmungen mehr, mich mit einzubeziehen. Das bedeutete im Alltag, dass er sehr oft bei uns war. Sei es zum Abendessen oder auch zum Übernachten. Es war die Zeit, wo ich zum ersten Mal Rotwein degustieren durfte. Ich fand ihn grässlich und bitter. Vielleicht fand ich das tatsächlich, vielleicht aber auch nur, um ihnen zu widersprechen, um aufzubegehren. Für mich war die ganze Situation sehr schwierig. War Knut bei uns, so war meine Mutter überglücklich, sprudelnd vor Energie, und geistig präsent. In dem Moment, wo er sich verabschiedete, verabschiedete sie sich ebenso. Physisch und mental. Sie war dann für mich nicht mehr anwesend. Ihr mittlerweile sicht- und spürbares Alkoholproblem war dann omnipräsent. Sie stand kaum mehr aus dem Bett auf. Sie kochte uns keine Mahlzeiten mehr. Sie wusch keine Wäsche mehr. Sie kaufte nicht mehr ein und bezahlte auch keine Rechnungen mehr. Als ich im Sommerschullager war, vergass sie meinen Zwerghasen zu füttern. Er verendete elendiglich. Sie bemerkte nicht mal dies.

Knut kam und ging wie es für ihn gerade passte. Ich verstand diese Verbindung nur zum Teil und ich goutierte sie nicht. Ich wusste, dies steht mir nicht zu. Aber dies waren nun mal meine Gefühle dazu. Eines Mittags kam ich von der Schule zurück und beide standen in der Küche und prosteten sich freudestrahlend mit Champagner zu. Ich fragte sie, ob es etwas zu feiern gebe. Oh ja! Seine Frau hätte heute eine Brustkrebsoperation und sie würden darauf anstossen, dass alles gut ginge. Wie jetzt? Du altes Arschloch stehst in unserer Küche, stösst mit meiner verzweifelten Mutter darauf an, dass Deine todkranke Ehefrau erfolgreich operiert wurde? Entweder lügt ihr mich beide an, weil ihr hofft, dass sie stirbt oder Dir, alter Sack, ist es tatsächlich ernst und Du möchtest, dass Deine Frau überlebt. Was, was, was, um Himmels Willen machst Du mit meiner Mutter in unserer Küche? Du gehörst in diesem Moment verdammt nochmals an die Seite Deiner Frau im Spital.

Das war der Moment, wo ich ihn zu hassen begann. Vielleicht sogar auch sie ein wenig. Ich empfand dies als einen riesigen Verrat. Der Betrug ist eines, aber sogar die todkranke Ehefrau? Doch wer war ich schon, als dass ich dies beurteilen konnte?

Ab jetzt ging es nur noch abwärts. Meiner Mutter ging es zusehends schlechter, Knut war weiterhin nicht bereit, seine Frau und seine weiteren zwei Kinder zu verlassen. Das verstand ich. Aber er liess meine Mutter auch nicht mehr los. Er nahm sich, was er brauchte. Ja, sie sich auch. Aber er war stabil und gesund. Und sie nicht mehr. Sie sank innert kürzester Zeit immer tiefer und es kam ein schlimmer Totalzusammenbruch. Sie wurde für drei Monate zum stationären Entzug eingeliefert. Ich war im ersten Lehrjahr und pendelte zwischen Schule, Geschäft, Zuhause und meinem neuen Zuhause bei meinen Grosseltern, damit ich nicht zu oft alleine und unbeaufsichtigt war.

Aus drei Monaten stationärem Entzug wurden sechs. Und aus sechs wurden neun. Wir haben uns enorm entfremdet. Endlich, endlich, durfte sie nach Hause kommen. Zurück zu mir und zwar gesund. Ich habe die Wohnung geputzt und so schön wie möglich hergerichtet, mit Kerzen die sie so liebte, frischen Blumen, selbst gemachtem Essen. Doch was passierte? Sie hatte zu ihrer Rückkehr Knut eingeladen. Das wusste ich nicht. Sie hat es mir nicht gesagt. Ja klar, hätte ich es nicht toll gefunden. Doch ihr zuliebe, hätte ich für ihn mitgekocht. Es war schliesslich ihre Rückkehr.

Ihr kamt fast zeitgleich herein. Du etwas gehemmt, fast schüchtern. Wir haben uns neun Monate nicht mehr gesehen. Wir zwei – die vorher wie Kletten aneinander hingen, zusammen hielten, uns brauchten, beschützten, liebten. Wussten nicht wie wir uns verhalten sollten.

Er, mit zwei eisgekühlten Flaschen Weisswein. Ich konnte es nicht fassen. Der Mann war Mediziner. Du kamst direkt vom Entzug. Einmal Alkoholiker – immer Alkoholiker. Ich nahm die Flasche und zische ihm zu, dass er aber schon wisse, was er hiermit anrichte. Er meinte lachend, nein, nein sie ist jetzt gesund, drüber hinweg, stark und hat dies nun im Griff. Hatte sie nicht. Es war Tag eins vom nächsten Absturz. Es verging kein Tag ohne sehr viel Alkohol und Medikamenten. Die Tage bestanden für sie aus ihrem Bett, Tabletten, Nikotin und Trinken. Essen, ihre Tochter, Haushalt, Einkaufen, Rechnungen bezahlen oder was auch immer kam in ihrem Leben und ihrem Alltag nicht mehr vor.

Die beiden führten ihre Affäre weiter fort. Er lud sie weiterhin zu Dinners und Hotelübernachtungen ein. Meistens in seiner Region, das war für ihn einfacher und weniger zeitaufwändig. Sie machte mit. Sie konnte gar nicht anders. Er war definitiv die Liebe ihres Lebens. Sie spürte sich nicht mehr. Oft reiste sie an den Ort, wo er sie hinbestellte und konnte das Nachtessen gar nicht mehr mit ihm einnehmen, weil sie bereits so betrunken und/oder mit Tabletten zugedröhnt war.

Dann ereignete sich eine Situation, die nicht mehr zu entschuldigen war. Wieder ein Abend, wo er sie kurzfristig zu einem Geschäftsessen bestellte. Selbstverständlich fuhr sie hin, bereits angetrunken, im Taxi von ihm gesponsort. Sie legte sich noch etwas hin und machte sich dann zurecht. Nicht, dass wir Geld gehabt hätten für Ballkleider oder andere grosse Ausgaben. Aber er hatte alle Kosten übernommen, um sie schön, gepflegt und glamourös um sich zu haben. Aus irgendeinem Grund, ich weiss nicht mehr warum, hat sich das Essen verzögert. Sie war im Hotelzimmer. Allein. Verzweifelt. Trank weiter. Dann kam der erlösende Anruf von ihrem geliebten Knut. Du darfst herunterkommen, wir erwarten Dich in der Hotellobby.

Sie verliess das Zimmer, ohne in den Spiegel zu schauen. Die Frisur schief und flachgedrückt, der Lippenstift verschmiert, die Augen sahen vom Weinen aus, wie die eines Koalabärs, das Kleid zerknittert, die Schuhe vergessen, sie selbst schwankend. So stieg sie aus dem Lift und begab sich in die Lobby. schmiss sich ihm ungehemmnt an den Hals, verschmutzte sein Hemd.

Das war das Ende. Er hatte sich fürchterlich geschämt, sie grob am Arm gepackt und auf ihr Zimmer geschleift. Was ihr denn einfalle, sich so zu benehmen und überhaupt, was das alles sollte. Sie konnte es selbstverständlich nicht beantworten und schlief sofort ein. Am nächsten Tag trafen sie sich zum Frühstück. Er begleitete sie anschliessend auf ihr Zimmer, inklusive einer Champagnerflasche und zwei Gläser. Sie hatten zum tausendsten Mal wundervollen Sex. Danach verschwand er aus ihrem Leben. Für immer.

Das hat sie für immer gebrochen. Sie war schon vorher tief gesunken, nicht nur wegen dem Medikamenten- und Alkoholmissbrauch. Auch, weil sie sich nicht mehr zurecht fand, in ihrem Leben. Keinen Halt mehr hatte, keinen Sinn mehr sah. Nicht einmal ich war es ihr Wert, um zu versuchen, gesund zu werden.

So ging es noch einige Jahre weiter. Es folgten viele weitere Abstürze, Suizidversuche, auch erweiterte Suizidversuche, wo sie mich mitnehmen wollte. Das Schlafen mit einem Messer unter meinem Kopfkissen und bei abgeschlossener Zimmertür wurde zur Gewohnheit. Wir hatten kein Geld mehr, sie bezahlte keine Rechnung, kaufte mir nicht einmal mehr die nötigsten Kleider. Kochen konnte ich längst selbst, doch der Kühlschrank war bis auf den Alkohol täglich gähnend leer. Wir hatten jede Woche die Polizei und die Ambulanz bei uns in der Wohnung. Ich war für sie 24/7 die Krankenschwester und Bewacherin. Das ging so nicht weiter. Dann zog ich mit 17 Jahren bei ihr aus. Ich wollte sie nicht alleine lassen, doch musste ich meine Ausbildung absolvieren und das konnte ich dort nicht.

Mitte Dezember wurde sie wieder einmal mit einem Leberversagen ins Spital eingeliefert. Aber diesmal war es richtig ernst. Das Ende war nah. Es war schrecklich. Vor allem für sie. Aber auch für mich. Eine Leberzirrhose im Endstadium wünscht man nicht dem ärgsten Feind. Zwei Tage bevor sie endlich sterben konnte, wurde sie vom Spital in ein Pflegeheim verlegt. Zu viele Todesfälle machen sich in der Statistik nicht gut. Dann kam der Anruf aus dem Pflegeheim, sie liege im Sterben. Sie durfte am frühen Morgen des zweiten Weihnachtstages im Alter von nur 58 Jahren gehen. Sie wurde von ihrem fürchterlichen physischen und psychischem Leid erlöst. Leider schaffte ich es an diesem Morgen nicht mehr sie lebend anzutreffen, was mich heute noch belastet.

Ihre Todesanzeige habe ich selbst verfasst. Es erschien mir damals genau richtig um zu beschreiben, wie ihr Leben verlief. Der Text lautete:

„Du hast zu viel geliebt. Du hast zu viel gelebt. Du hast zu viel gelitten.“

Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihrem geliebten Knut auch eine Anzeige zu schicken. Er hatte sogar den Anstand, mir eine Trauerkarte zu schicken mit den Worten: Das hast Du gut formuliert. Er hatte wohl recht.

Danke Mami, für die viel zu kurze Zeit mit Dir. Hier gehts zu Mamis Lieblingsessen.

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