Es ist ein wunderschöner, nicht zu heisser Sommertag, mit leichtem Wind und ich fahre nach Frick zum Golfclub. Eine traumhafte Kulisse bietet sich mir. Grün, grün und nochmals grün. Der Ort, die Umgebung ist mir fremd und da ich absichtlich eine Viertelstunde zu früh bin, kann ich in Ruhe die nähere Umgebung erkunden. Schnell finde ich ein einladendes Bänkli, welches Dank einem grossen Laubbaum Sonne und Schatten bietet und somit hervorragend geeignet ist für unser Gespräch.
Ich bin gespannt, denn ich weiss tatsächlich nicht, was mich erwartet. Ich kenne Anonym nicht persönlich, sondern nur von zwei Telefonaten und schriftlichem Kontakt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihm ähnlich ergeht. Mit einer „Fremden“ auf eine Bank zu sitzen und einen Teil von sich preiszugeben, den man sonst vielleicht nicht unbedingt veröffentlicht. Mein Wunschthema von ihm erzählt, wäre ein anderes gewesen. Doch wie ich immer wieder betone, geht es nicht um mich, sondern um die Hauptperson, nämlich diejenige, die erzählt. Und vielleicht erfüllt er mir den Wunsch ja irgendwann doch noch und setzt sich mit mir ein zweites Mal auf ein Bänkli.
„Die Aviatik… sie war es, ist es, und bleibt es wohl auch. Trotz allem“… sinniert er zu Anfang. „Vielen Dank, dass ich hier sein darf und ich hoffe, Du störst Dich nicht an meinem Dialekt“ – „Nein überhaupt nicht“ – „Gut, ich darf vielleicht vorausschicken, wir sitzen hier zusammen, weil ich Dir gerne über meine berufliche Laufbahn – meine grosse Leidenschaft – berichten möchte. Wahrscheinlich bin ich durch meine Gene beeinflusst. Denn meine Laufbahn war irgendwie tatsächlich vorausprogrammiert, bevor mir überhaupt jemals klar war, was ich beruflich machen möchte oder werde.
Meine Eltern arbeiteten, bevor sie sich kennenlernten, beide bei der Swissair. Meine Mutter war Stewardess (das hiess damals noch so) und mein Vater war auf dem Boden für die Swissair tätig. Er flog wöchentlich zwei Mal nach München, gratis, weil das Angestellte damals noch durften. Und während dem Flug bekam er jeweils eine Mahlzeit und die Auto Zeitschriften, beides gratis, was er unglaublich schätzte. Die Zeitschriften vielleicht, sogar noch ein wenig mehr. So haben sich die beiden kennengelernt. Unter anderem darum war die Reisebranche für mich sicherlich bereits vorgegeben.
Schulisch war ich damals bestenfalls Mittelmass. Nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern schlichtweg aus Faulheit. Das gebe ich heute gerne zu. Und ich musste mich auch nicht um eine Lehrstelle bemühen. Das hat meine Mutter dankenswerterweise für mich geregelt. Was ich machen wollte, war mir klar. Ich wollte eine Lehre in einem Reisebüro absolvieren, das war damals noch etwas Grosses. Heute würde ich meiner Tochter verbieten, eine solche Lehre zu machen, weil das in der jetzigen Zeit keine Zukunft mehr hat. Ich selbst würde eine Bank- oder Versicherungslehre machen, weil das gute Grundsteine sind und diese Branchen immer aktuell sind.
Meine Mutter ging damals mit Herrn Kündig in die gleiche Schulklasse. Er hatte später diverse Reisebüros, unter anderem eines in Basel. Sie rief ihn 1980 kurzerhand an und teilte ihm mit, dass ihr mittlerer Sprössling gerne eine Lehre im Reisebüro machen würde. Und so bekam ich diese Lehrstelle ohne dass ich mich jemals dafür bewerben musste. Meine Mutter regelte das für mich und dafür bin ich ihr noch heute dankbar. So begann ich diese Lehre. Ohne Computer. Es war eine ganz andere Zeit. Wollten wir einen Flug reservieren, riefen wir bei der Swissair an und diese hat den Flug für uns eingebucht. Wir erhielten von ihnen einen Code – und Achtung – das kann sich heute wirklich niemand mehr vorstellen, wir stellten von Hand und auf Papier ein Flugticket aus. Für jeden einzelnen Flug, für jede Fluggesellschaft auf einem anderen dafür vorgesehenen Papier. Das jeweilige Papier hatte sechs Durchschläge (Kopien) und man musste richtig mit Druck und Kraft auf diesem Papier schreiben, dass es auch sechsmal durchdrückte. Da ich immer eine schöne Handschrift hatte, wurde ich bereits zu Anfang meiner Lehre sehr schnell dazu verdonnert, die Tickets für alle zu auszustellen. Genau so war es mit Bahnbilleten. Diese wurden auch alle von Hand ausgestellt. Und zwar nicht so wie es heute ist, dass Du Zürich-München kaufst, nein, Du musstest Zürich-St. Margrethen über SBB ein Billett bestellen und von Hand schreiben und dann eines von St. Margrethen nach München auf dem Papier von der Deutschen Bahn. Ich bin dankbar, dass ich diese Zeit miterleben durfte. Es war auch noch die Zeit von Telex (Lochstreifen) was es schon lange nicht mehr gibt. Erst am Ende meiner Lehrzeit wurden Computer eingeführt und die Tickets dort produziert und ausgedruckt, welche dann auch für alle Airlines galten.
Nach der Lehre absolvierte ich in die Rekrutenschule, hängte noch die Unteroffiziers-Schule daran an und war somit ein Jahr lang im Militär. Danach hatte es leider keine guten Jobangebote in der Reisebranche und so landete ich in der Luftfracht. Logistik in der Luft. Das war für mich extrem lehrreich, denn dies war um ein vielfaches anstrengender aber auch lehrreicher als vorhin in der Reisebranche. Es war anders, es erfüllte mich mehr, es fühlte sich lohnenswerter an, der Zusammenhalt war enger. Du bekommst mehr zurück, bist am Abend total platt, aber Du weisst warum und fühlst Dich gut und erfüllt dabei.
Nach zwei Jahren Luftfracht hat es mich magisch wieder zum Thema Reisen zurück in ein Reisebüro gezogen.“ Die Herausforderungen waren gering bei Hotelplan, meine Aufgabe war, Badeferien-Pakete zu verkaufen. Dafür hätte es mich nicht gebraucht, sowas lässt sich selbständig aus dem Katalog heraus buchen. Ein wenig Baden, Hotel, Flug. Das kann jeder. Das war nicht ich. Ich wollte, musste kreativer sein dürfen, mich und mein Können und Wissen mehr einbringen. Etwas tun und bewegen können, was andere nicht machen oder anbieten.
Ein Jahr später hatte die Fluggesellschaft Balair einen Job ausgeschrieben, auf den ich mich umgehend bewarb. Ich wurde sofort zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und war zuerst sehr enttäuscht weil man mir rasch eröffnete, dass man mich in dieser Position nicht sah. Jedoch gab es eine freie Stelle in der Ad-hoc Abteilung. Das sagte mir erst gar nichts und ich war skeptisch, jung und unerfahren, wie ich war. Da ich unbedingt dort Fuss fassen wollte, hatte ich auf gut Glück einfach zugesagt.“
Das war für mich ein Glücksgriff! Meine Aufgabe war es, die Restkapazitäten der Balair als Spezialflüge zu verkaufen. Sei es, dass ein Autokonzern für einen Event, wie die Neuwagenpräsentation in Lissabon, einen Flug buchte oder eine private Hochzeitsgesellschaft ihre Feier in Mallorca abhalten wollte. Oder VIP’s, die auf Konzerttournee gingen und so weiter. Spezielle und einmalige Flüge, sowie die dazu gehörenden Geschichten eben. Das war genau mein Ding und ich habe in dieser Zeit ganz viele spannende und bekannte Menschen und Persönlichkeiten kennengelernt. Mit Bruce Springsteen etwa, hatte ich ein Bier getrunken und wurde von ihm zu einem seiner Konzerte eingeladen. Das war so toll und ich fühlte mich grossartig.
Interessant war, dass ich mich ab dann für lange Zeit nicht mehr bewerben musste, sondern abgeworben wurde. Das war gut so, denn die Löhne in der Reisebranche waren nicht berauschend und steigern konnte man sie nur, in dem man den Job wechselte und somit in der Lage war, neue Forderungen zu stellen.
Ich zog weiter zur TEA Switzerland, auch eine Airline, und hatte dort die gleiche Aufgabe inne, wie vorhin. Zweieinhalb Jahre später hat mich die Balair wieder abgeworben. Dort war ich dann lange Zeit, bis das Management ausgewechselt wurde. Das Arbeitsklima, welches sehr gut war, veränderte sich nach der Übernahme durch Swissair radikal. Es war nicht mehr kollegial, nicht mehr persönlich und unsere Kompetenzen wurden massgeblich beschnitten. Es war der Moment und die Gelegenheit, um mich erneut zu verändern. Es ergab sich die tolle Gelegenheit, das Reisebüro Danzas in Basel zu führen. Damals war das eine grosse Nummer in der Welt der Geschäftsreisen. Ich durfte dort während etwas mehr als zwei Jahren zwanzig Angestellte führen. Doch damit kam dann auch so allmählich der Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit auf.
Gesagt, gewünscht, getan. Ich machte mich selbständig mit einem Reiseunternehmen, das sich auf Messeflüge spezialisierte. Das muss man sich wie folgt vorstellen: wenn in Düsseldorf eine Bootsmesse stattfand, schaltete ich in einer Schweizer Bootszeitung ein Inserat und hatte jeweils blitzschnell einen ganzen Flieger voll. Und dies, obwohl oder trotz den viel höheren Flugpreisen, als sie heute sind. Es gab keine Billigflüge und –Flieger. Ein Ticket kostete hin und zurück noch gut und gerne Tausend Franken pro Person, Messekosten ausgenommen. Als es mir dann möglich war, das Ganze für 450 Franken anzubieten und zwar inklusive Messe kann, man sich in etwa vorstellen, dass mein Geschäft sehr gut florierte. Bis zu jener Zeit, als das Internet aufkam und die Billigfluggesellschaften wie Pilze aus dem Boden schossen. Ab dann konnte man das alles für lediglich 100 Franken buchen und meine Geschäftsidee funktionierte somit nicht mehr. Zum Glück sah ich dies rechtzeitig kommen, und wollte nicht untergehen, wegen des kommenden Umbruches. So konnte ich meine Firma nach sechs Jahren noch einigermassen gut verkaufen und war überzeugt, dass eine neue, andere und gute Phase kommen würde.
Ich wechselte zu BTI Kuoni, Geschäftsreisen. Doch dort hatte ich relativ rasch gespürt, dies wird nicht der Job sein, den ich bis zu meinem Lebensende machen möchte. Er erfüllte mich nicht. Und dann passierte folgendes. Während der Arbeit rief mich eine Kollegin an, die bei einem Flugzeugbroker arbeitete. Also ein Flugzeug Vermittler. So nach dem Motto: Du hast diesen oder jenen Bedarf und wir finden für Dich das passende Flugzeug, unabhängig von der Fluggesellschaft. Sie sagte, wir suchen einen grossen Flieger für ein Reisebüro in Basel, welches die Reisen für den FC Basel organisiert. Wir kommen nicht weiter, aber ich weiss, Du als ehemaliger Balair Profi kannst uns sicher helfen. Ich konnte und ich wollte.
Was für ein Glückstreffer. Aviatik und FC Basel. Meine beiden Leidenschaften und somit ganz meins! Ich spürte, das ist absolut mein Ding. Private Fluggesellschaft, Flüge vermitteln, individuell und kreativ sein dürfen. Das will, kann und mache ich. Das war der Moment nach zwei Jahren BTI Kuoni, dass ich in diese neue Ära wechselte, die mich unglaublich faszinierte und wo ich mich zu Hause fühlte. Mein Büro hatte ich direkt im Gebäude des Flughafens Zürich, im General Aviation Center. Es war unglaublich spannend. Ich durfte so viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen. Um nur einige wenige zu nennen, Kevin Spacy, Celine Dion, Bon Jovi etc. Es war unvermeidbar, sie zu treffen und kennen zu lernen, wenn sie mit diesen Spezialflügen ab Zürich flogen. Sehr zu meiner Freude.
Ungefähr sieben Jahre später kam eine Firma mit einem Angebot auf mich zu, die Flugzeuge umbauten. Für ein Klientel, das definitiv zu viel Budget hat, die ihre Flugzeuge an ihre Bedürfnisse umbauen und anpassen lassen. Dieses Angebot nahm ich gerne an, und stieg somit eine weitere Lohnklasse höher auf. Meine Aufgabe dort war nicht der Umbau, sondern ein kleiner Nebenzweig, nämlich die Charterflüge zu organisieren und zu verkaufen. Da kommt mir spontan ein Vorfall aus dem Jahre 2010 in den Sinn. Ich war mit meiner Familie in Florida im Urlaub, da erreichte mich um vier Uhr morgens ein Anruf. Da ich meistens schlaflos bin, habe ich ihn sofort wahr- und angenommen. In der Leitung war das Departement für auswärtige Angelegenheiten (DEZA) aus der Schweiz, mit einem ungewöhnlichen Notfall. In Haiti hatte sich ein schweres Erdbeben ereignet, sie benötigten umgehend einen Helikopter. Eigentlich war am nächsten Tag unsere Rückreise geplant. Kurzerhand setzte ich meine Frau und meine kleine Tochter in den Flieger für die Rückreise in die Schweiz. Ich selbst blieb in Florida und arbeitete an der Lösung fürs DEZA. Tatsächlich fand ich einen geeigneten Helikopter in Texas und einen Tag später flog dieser via Florida nach Haiti und war dann drei Monate dort im Einsatz für die Erdbebenopfer. Alle waren zufrieden, das DEZA, die Betroffenen in Haiti, meine Firma und nicht zuletzt auch ich. Sogar meine Familie, die immer sehr verständnisvoll war und wusste, dass ich für meinen Beruf, meine Berufung brenne und lebe. Dafür bin ich noch heute dankbar und weiss, dass dies nicht selbstverständlich war.
Die Kehrseite der Medaille war, dass ich während mehr als tausend Tagen am Stück 24/7 nonstop erreichbar war, selbst in den Ferien. Das mussten wir. Und dies hatte eines Tages gravierende Folgen für mich. Tausend Nächte Schlafstörungen gehen nicht spurlos an einem vorbei, auch an mir nicht. Ich war nur noch erschöpft, leer und konnte nicht mehr. Ich lief geradewegs in ein Burnout. Ich konnte nie mehr normal und regelmässig schlafen, litt unter massivem Gewichtsverlust. 2011 hatte ich einen Totalzusammenbruch und fiel für ungefähr ein halbes Jahr aus.
Ich hatte das Glück, danach bei einer privaten Fluggesellschaft einen Job zu finden, wo ich Privatjets vermieten durfte. Hatten wir keine eigenen Flugzeuge zur Verfügung, so suchte ich auf dem Markt, was ich unseren Kunden anbieten konnte. Eigentlich wieder brokern, wie bereits früher. Das konnte ich, liebte ich und es erfüllte mich. Ich arbeitete sieben Jahre sehr zufrieden dort. Doch dann wurde eines der grossen Flugzeuge durch den Eigentümer abgezogen und zwei von fünf Mitarbeitern aus der Verkaufsabteilung entlassen. Einer davon war leider ich. Es war, wie es immer ist bei solchen Geschichten, ich war der älteste und teuerste.
Bereits vor diesen sieben Jahren und auch während dieser Zeit, durfte ich nebenbei die Flüge des FC Basels organisieren. Sei es, als der FCB in der Champions League oder in der Europa League aktiv war oder ursprünglich im UEFA Cup. Es hat mir grossen Spass gemacht, dort mit zu wirken. Es hat mir auch sehr viel bedeutet. Ich durfte damals jeden einzelnen Flug persönlich begleiten. Auch der FCB war mit dieser Situation sehr zufrieden und es hat sich zwischen uns ein sehr grosses Vertrauensverhältnis entwickelt.
Nach der Kündigung bei der privaten Fluggesellschaft, wurde ich beim FCB vorstellig. Ich sagte ihnen, dass sie einen Travelmanager brauchten. Ihr kennt mich, wisst wie ich arbeite und ich mache das seit sehr vielen Jahren für und mit Euch. Sie waren hell begeistert, es war perfekt für alle. Sie hatten mich vom Fleck weg engagiert und ich durfte zwei Jahre für den FCB arbeiten, die Flüge organisieren und weiterhin jeden einzelnen Flug begleiten. Ich durfte alles organisieren, die Hotels, die Trainingsplätze, die Stadien inspizieren, einfach alles von A-Z. Es war grossartig!
Kurz danach kam Corona. Dies bedeutete, dass ich während fast der ganzen Zeit, in der ich für den FCB tätig war, in Kurzarbeit angestellt war. Corona war, insbesondere in Bezug auf das Reiseverhalten auf der ganzen Welt, einschneidend. Die Reisen der einzelnen Mitarbeiter des FCB, welche auch ich organisierte und verantwortlich dafür war, fielen weg. Man durfte nicht mehr reisen, man verständigte sich gezwungenermassen via Videocall. Der FCB musste jedoch zum Teil noch reisen aber selbstverständlich nur unter sehr restriktiven und erschwerten Bedingungen. Ich musste nicht nur die neuen Reisen organisieren, sondern auch die medizinischen Vorkehrungen für alle Spieler treffen. Das bedeutete, Ärzte zu organisieren, die ins Hotel kamen um die Spieler regelmässig auf das Coronavirus zu testen. Es war zeitaufwändig, mühsam und schwierig für uns alle. Dazu kam dann erschwerend noch, dass der FCB international an Erfolg einbüsste und somit auch nicht mehr reisen musste. Es brauchte also auch keinen Travelmanager mehr. Meine Zeit beim FCB war für mich somit vorbei und ich wurde entlassen.
Als unterstützungspflichtiger Vater war mir das Einkommen in Kurzarbeit zu wenig und ich hatte vor der Kündigung, in Absprache mit dem FCB, noch einen Nebenjob beim Bund angenommen. Das Corona Sorgentelefon. Das war eine Erfahrung der besonderen Art. Selbstverständlich waren die meisten Fragen wo, wie und wann man sich impfen und testen lassen könne. Aber es gab dort auch einige sehr spezielle und emotionale Gespräche und mit 140 Telefonaten pro Tag, weiss und spürt man am Abend, was man geleistet hat. Kaum war ein Anruf beendet, kam der nächste. In der Zeit nach dem Bund, hatte ich zum Impfzentrum Basel gewechselt, was eine grosse Erleichterung und viel angenehmer war. Der Druck und die Erwartungen der Kunden waren dort um ein Vielfaches kleiner.
Dann hatte ich Glück. Ich suchte aktiv eine neue berufliche Herausforderung. Wiederum suchte eine private Fluggesellschaft jemanden und ich hatte einen nahtlosen Übergang dorthin. Trotz meinen 57 Jahren bot sich mir diese Möglichkeit, sicher auch aufgrund meiner beruflichen Laufbahn. Ich freute mich sehr und wusste es zu schätzen, nochmals in diese Branche einsteigen zu können, welche meine absolute Leidenschaft war.
Bei dieser Fluggesellschaft arbeite ich noch immer.
Naiverweise dachte ich, dass ich ein zweites Burnout kommen sehen würde, weil ich ja bereits eines erlebt hatte. Doch weit gefehlt. Ich wusste und spürte durchaus, was passierte. Es reichte offenbar auch nicht, dass ein Arbeitskollege zwei Tage vor mir mit einem Burnout zusammenklappte.
Der Zusammenbruch kam natürlich. Unangemeldet. Ohne Filter. Mit Getöse. Bereits seit zwei Wochen konnte ich nur noch mit starken Medikamenten schlafen, hatte Herzrasen, tosende Kopfschmerzen, Schweissausbrüche und Tränen. Es war unmöglich, mich zu wehren oder etwas dagegen zu tun. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, nicht mehr in den Bildschirm schauen, die Computermaus nicht mehr anfassen. Nichts. Gar nichts ging mehr. Blockade komplett und total. Und das war auch gut so. Das musste wohl so sein. Denn jetzt musste ich handeln.
Und heute sitze ich uf em Bänkli mit Dir, Nicole.“
„Wie fühlst Du Dich heute, hier und jetzt?“
„Es geht mir heute insofern besser, als dass das Ende meiner beruflichen Karriere absehbar ist. Anders, als noch vor 14 Jahren beim ersten Burnout, wo ich wusste, dass ich noch 20 Jahre durchhalten müsse. Ich hatte Familie und Kind. Heute könnte ich mich mit diversen anderen Massnahmen über Wasser halten. Ich wünsche mir sehr, dass ich noch einmal einen Job finde, der mich erfüllt, bis ich im wohlverdienten Rentenalter bin. Und wenn nicht, dann falle ich nicht in ein Loch und es ist dann halt einfach so.“
„Würdest Du nochmals zurück zur Aviatik wollen?“
„Unbedingt! Keine Frage. Ich verurteile nicht die Branche, sondern im aktuellen Fall die Firma, die Situation dort. Mit der Aviatik hat dies nichts zu tun. Ich würde wahrscheinlich nicht mehr bei einer privaten Airline arbeiten wollen, denn diese sind schon sehr speziell und haben diese besondere Haltung – wir sind anders, fancy, wir sind aviators. Aber die Aviatik ist definitiv meine Branche und Leidenschaft. Aber nicht mehr unter der Last, bis zu 14 Stunden pro Tag arbeiten zu müssen. Das kann und will ich auch nicht mehr packen. Das war mir eine Lehre.
Jetzt werde ich mich erstmals erholen. Und dann ziehe ich mich zurück. Ich habe drei Phasen geplant. Phase 1 beinhaltet, ich will weg von den Schlaftabletten, denn diese benötige ich nun nicht mehr. In Phase 2 möchte ich alles tun, was meinem Körper guttut, denn diesen habe ich genug lange sträflich vernachlässigt. Ich werde wandern, mich in der Natur bewegen. Phase 3 beginnt, wenn ich das Fundament wieder hergestellt habe und meine Seele wieder ins Gleichgewicht kommen darf.“
„Wenn ich das Tattoo (Bergwelt) auf Deinem rechten Oberarm anschaue, wirst Du ganz bestimmt in den Bergen wandern gehen.“
„Absolut – und zwar ausschliesslich. Dieses Tattoo ist als Bild ist sogar auf dem Heck meines Wohnmobiles. Wandern in den Bergen ist für mich alles. Sport, Ausgleich, Heilung. Keine Gondel, kein Plausch-Wandern. Dies kann in der Schweiz oder auch im nahen Ausland sein. Gerne mit meinem Wohnmobil, da bin ich flexibel und kann die Abwechslungen individuell planen. Ausserdem hat das Wohnmobil für mich und meine Gesundheit einen entscheidenden Vorteil. Ich schlafe besser, länger, ruhiger. Warum auch immer, ich weiss es nicht.“
„Dein ganz persönlicher Kokon?“
„Genau. Danke, dies ist ein guter Ausdruck.“
„Möchtest Du noch etwas ergänzen?“
„Ja, sehr gerne. Mein Aufruf an alle da draussen: hört auf Eure innere Stimme, Euren Körper, seine Signale. Ihr habt nur diesen einen Körper, diese eine Gesundheit, dieses eine Leben. Es sagt uns niemals jemand danke, und kein Job ist es wert, sich für ihn zu ruinieren.“
Vielen Dank, lieber Anonymus, für dieses offene und ehrliche Gespräch und Deinem Lieblingsessen.