Auf der Fahrt zu Heiri in den Kanton Glarus gingen mir viele Fragen durch den Kopf. Ich wusste von Heiris Geschichte, jedoch keine Details. Die Geschichte des Polizisten, welcher im Dienst angefahren und zum Paraplegiker wurde, kann man Dutzendfach im Internet nachlesen. Wie könnte ich sie schreiben, dass es seine Geschichte bleibt, ohne eine Wiederholung der bereits geschriebenen zu sein? Ich wusste nicht mal ob er überhaupt diese Geschichte erzählen würde. Vielleicht mochte er sie nicht nochmals erzählen, was ich gut verstehen könnte.
Was würde mich wohl erwarten? Ich hatte mit Heiri lediglich einige whatsapps ausgetauscht, ansonsten kannte ich ihn nicht. Ich würde es in wenigen Minuten erfahren. Als ich genau 150 Meter vor meinem Ziel bin, ruft Heiri mich an. Eine sympathische, männliche, aufgestellte Stimme. Er sprudelte los, ich solle einfach vor dem Haus parkieren auf dem Vorplatz. Das führte er lustigerweise dreimal aus. Vor lauter zuhören und fahren in der Dunkelheit fuhr ich fast am Ziel vorbei. Schon war ich da, stieg aus dem Wagen, die drei Stufen zur Türe hoch und klingelte.
Die Tür öffnete sich und vor mir sass Heiri in seinem Rollstuhl. Er strahlte mich an und hiess mich herzlich willkommen, rollte etwas zurück, liess mich eintreten und wies mir den Weg ins Esszimmer. Dort sass seine Frau Manuela am Laptop, stand sofort auf und begrüsste mich genauso herzlich. Sie werde sich gleich verdrücken und uns nicht stören. Ich erwiderte, dass sie auf keinen Fall störe und gerne bleiben solle. In Ermangelung eines Bänklis setzte ich mich auf einen Stuhl, Heiri hatte praktischerweise sein eigenes Bänkli auf Rollen dabei. Diesen Scherz fand er ziemlich lustig und er fand, der müsse mit in den Text.
Wir drei kamen so schnell ins Gespräch, dass ich fast vergass, einen Anfang für Heiris Geschichte zu finden. Irgendwie waren wir innert weniger Minuten bereits mitten drin, bevor wir überhaupt angefangen hatten. Diese beiden Menschen hatten auf ihre ureigenste Weise eine Art, die mich komplett vereinnahmte, ohne mich zu erdrücken. Es floss einfach. Anders kann ich es nicht beschreiben.
Heiri beginnt.
„Seit dem Unfall führen wir eine bewusstere Beziehung, meine Frau und ich. Wir sind noch bewusster und enger beieinander als vorher. Wir geniessen heute diese gemeinsame Zeit noch intensiver, ob wir zu zweit oder gemeinsam mit den Kindern sind. Denn der Unfall hat uns gezeigt und gelehrt, alles auf dieser Welt ist vergänglich. Ich sage heute für mich: irgendwann ist (es) zu spät. Vor dem Unfall war ich genau der „Glünggi“, der das überhaupt nicht so sah oder lebte.
Da draussen, vor unserem Haus das ist unsere Strasse. Wenn das Wetter schön ist, dann ist das „uhuere schön“, weisch. Wir haben coole Nachbaren hier. Während Corona hatten wir hier eine mega tolle Zeit. So krass dies jetzt klingt, aber Corona war eine der lässigsten Zeit überhaupt hier. 2020 und 2021 waren super hier. Wir konnten nicht weg, nicht reisen. Es war egal. Wir haben hinter dem Haus einen schönen, eigenen Garten. Dort haben wir am Morgen gewerkelt und ihn instandgehalten. Am Nachmittag sassen wir mit den Nachbaren draussen in unserer Strasse und haben Bier getrunken, diskutiert, gelacht. Viel Bier getrunken… Das war in etwa mein Leben. Hier in unserer Bubble. Da fühlte ich mich wohl, das war mein zu Hause. Natürlich ging ich arbeiten, meine Frau war mit den Kindern daheim. Wenn ich heimkam, wollte sie verständlicherweise auch einmal weggehen. Was ich dann nicht so toll fand. Ich war ja draussen gewesen und ich war nun mal sehr gerne zu Hause. Das gab manchmal schon Reibereien, aber keine schlimmen.
Es war schon spannend, im Sommer 2021 haben wir sehr viel unternommen, meine Frau unsere drei Kinder (15, 12 und 9 Jahre alt) und ich. Wir gingen wandern, waren viel draussen unterwegs. Unsere mittlere Tochter wollte unbedingt das ParaForum in Nottwil besuchen. Im Fernsehen haben wir gespannt die Paralympics mitverfolgt. Das war purer Zufall, wir konnten ja nicht wissen was uns bald bevorstand. Heute sehen wir es fast schon als eine Vorbereitung an auf das, was am Ende des Jahres dann passierte.
Es war am 9. Dezember 2021, da ereignete sich der Unfall. Dieser Tag hat schlagartig alles verändert. Alles ist ein grosses Wort, aber es hat sich mit Sicherheit sehr vieles verändert. In der Anfangsphase hat sich für mich gar nichts verändert. Denn ich war stets versorgt. Die Rega und die Rettungssanitäter haben gearbeitet, die Ärzte haben ihr bestes gegeben. Meine Familie, mein ganzes nahes Umfeld waren die Leidtragenden. Sie mussten alles bewusst miterleben. Das war nicht einfach. Meine Frau war zu Hause als der Polizeikommandant an der Türe klingelte. Als er sie aufforderte zu packen, weil ihr Mann in diesem Moment von der Rega nach Zürich geflogen wurde. Mit dem Nachsatz, dass die Situation sehr schlecht aussehe. Da ging erstmal ein riesiges, schwarzes Loch auf für die sie. Ich selbst kenne diese Situation als Polizist, wenn man solche Nachrichten überbringen muss. Aber wenn Dir diese Nachricht überbracht wird, ist das ganz massiv brutal. Ein Überfall aufs eigene Leben.
Zurück zum Unfall. Alles was ich jetzt erzähle sind Nacherzählungen, weil ich vom Mittag des 8. Dezember bis zum 27. Dezember 2021 keinerlei Erinnerungen mehr habe. Ich sage heute der Unfall war gar nicht so spektakulär – eigentlich. Ich fuhr um 5.45 Uhr von zu Hause los, zum Stützpunkt. Dort kam eine Meldung rein, dass bei der Autobahnraststätte Glarnerland Richtung Zürich ein Lastwagen auf Eis- und Schnee festgefahren sei und nicht mehr wegkam. Mit meinem Dienstkollegen habe ich entschieden, wir fahren vor Ort und machen uns ein Bild von der Situation. Wir hätten an diesem Tag eigentlich Bürodienst gehabt. Aber wir waren am nächsten und konnten am schnellsten dort sein.
Wir kamen beim Lastwagen an und haben ab ca. 6.15 Uhr bis ca. 7.45 Uhr gearbeitet. Dann kam es neben uns auf der Autobahn zu einer Kollision auf der Überholspur. Ein Autolenker machte ein Überholmanöver. Die Lenkerin des folgenden Fahrzeuges bemerkte dies zu spät und touchierte das vordere Fahrzeug. Dabei zog sie ihr Auto auf die rechte Spur um der Leitplanke auszuweichen. Die Fahrbahn war schneebedeckt, sie kam ins Schleudern und dort stand ich. Das Auto fuhr mit 100 km/h in mich hinein. Es fuhr mir direkt in die Schienbeine, ich wurde 20 Meter weit weggeschleudert, landete zuerst auf dem Polizeifahrzeug. Dann fiel ich auf die Strasse in den Schnee. Das wars. Mein Kollege hat den Unfall nur bedingt gesehen, aber er sah mich durch die Luft fliegen. Er kam zu mir gerannt und aus den Funksprüchen, die ich viel später auch hörte war zu erkennen wie dramatisch dies für ihn war. Er funkte mit der Zentrale und sagte er brauche umgehend eine Ambulanz, ich sei angefahren worden und es sehe ganz schlecht aus.
Die Ambulanz rückte vom Spital Glarus aus, gleichzeitig auch die Rega, jedoch nicht aus der Luft sondern auf der Strasse. Der Helikopter konnte wetterbedingt nicht fliegen. Offenbar habe ich noch zu meinem Kollegen gesagt, er müsse mir jetzt sofort helfen weil ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte. Ich sprach ihn mit Namen an, wusste also wer er war und was geschehen ist. Aber bis heute habe ich überhaupt keine Erinnerungen mehr daran. Es sind mittlerweile mehr als vier Jahre vergangen und ich arbeite jeden verdammten Tag daran, mich zu erinnern. Bis jetzt vergebens. Es könnte auch sein, dass ich im Unterbewusstsein Angst habe, was die Erinnerungen mit mir machen würden. Das könnte eine Erklärung sein. Ich weiss es nicht, die Zeit wird es zeigen.
Die Verletzungen waren erheblich und lebensbedrohlich. Beide Beine waren unterhalb der Knie zertrümmert, der Rücken war gebrochen, ich hatte zwei Aorta Risse, wovon einer in der Leiste und einer im Abdomen war. Diverse, innere Blutungen, die Lunge war zusammengesackt, ein schweres Schädelhirntrauma, Nasenbruch, diverse Rippenbrüche, das ist so ungefähr die Aufzählung. Dank der Kälte und des Schockes verblutete ich nicht auf der Stelle innerlich.
Ins Spital kam ich schlussendlich doch mit der Rega, da der Pilot sich entschieden hatte, doch zu fliegen. Sie flogen ganz tief, direkt über der Autobahn, anders wäre es nicht möglich gewesen. Wäre ich mit dem Krankenwagen gefahren, hätte es nicht mehr bis ins Spital gereicht und ich wäre gestorben.
Dann war ich im Unispital in Zürich, wie gesagt, meine Frau wurde informiert. Sie hat dann sofort meine Eltern und Geschwister informiert und gemeinsam fuhren sie nach Zürich. Mein Bruder war als erstes bei mir, weil er in Zürich arbeitete.
Es war nicht einfach für ihn, als der Chirurg aus dem Schockraum kam und ihn fragte ob ich Organspender sei. Das konnte er nicht beantworten und sagte dem Arzt er müsse irgendwie so lange warten bis meine Frau eintreffe. Es war furchtbar für ihn. Es war einschneidend und grauenhaft für alle. Für mich ist es heute ein schönes Gefühl, zu wissen, dass alle bei mir waren. Ich weiss, es klingt komisch; bis heute habe ich keine emotionale Bindung zu diesem Unfall. Weil mir neunzehn Tage fehlen. Neunzehn Tage Informationen, Gefühle, Schmerzen – es ist einfach alles ausradiert. Darum kann ich heute relativ emotionslos darüber sprechen.
Zuerst war ich ungefähr acht bis zehn Tage im Koma, und danach komplett mit Medikamenten vollgepumpt. Eine genaue Prognose konnten die Ärzte nicht abgeben. Sie konnten bereits mitteilen, dass ich querschnittgelähmt war und bleiben würde und dass ich weiterhin um mein Leben am kämpfen sei.
Meine Frau baute eine Schutzmauer um sich auf und hatte von Anfang an im Gefühl, dass ich es schaffen würde. Dass sie damit würde umgehen können, dass ich querschnittgelähmt blieb. Für sie war es ganz wichtig, dass der Kopf genesen würde und keine Folgeschäden hätte. Mit allem anderen konnte sie sich sofort arrangieren. Sie wusste auch, dass wenn ich geistige Folgeschäden hätte, alle Apparate abgestellt und die Medikamente abgesetzt werden mussten. Das haben wir schon früher besprochen und gemeinsam vereinbart. Sie wusste, dass ich dann sterben wollte. Glücklicherweise war das aber kein Thema.
Heute kann ich sagen, scheiss aufs Gehen. Ich bin von der Brust an aufwärts intakt. Ich bin zwar noch ein ganzer Mensch, aber alles unterhalb der Brust ist nur noch vorhanden aber nicht mehr funktionierend. Ich spüre nichts, kann nichts bewegen, kann nichts steuern. Eben – es ist nur noch vorhanden. Der Darm arbeitet noch (übrigens bei allen Gelähmten) aber dreimal langsamer als beim gesunden Menschen. Die Entleerung von Darm und Blase funktioniert nicht mehr. Da muss ich eben mit Hilfsmitteln dahinter gehen. Aber hey, ich sehe das positiv ich spüre ja nichts, wenn ich mir den 568. Katheter lege. Dem Gesunden tut das weh, mir nicht mehr.“
„Aber hallo… Deinen Humor möchte ich gerne haben, mir zieht sich alleine beim Gedanken daran schon alles zusammen.“
„Ich kann das noch toppen, ich erzähle meinen Kollegen immer seit ich gelähmt bin, habe ich kein Problem mehr mit den urologischen Untersuchungen. Das ist mir heute völlig egal, während alle andern etwas anders erleben. Die können mir in den Arsch schieben, was immer sie wollen. Ich sage jeweils nur, denkt daran alles wieder raus zu nehmen, was ihr reingeschoben habt. Ist ja auch blöd, wenn Du abends ins Bett gehst und Dir noch Schläuche und Drähte aus dem Arsch hängen.“
„So, jetzt aber fertig Heiri, das ist ja kaum auszuhalten, Dein rabenschwarzer Galgenhumor. Auch wenn ich selbst lauthals mitlachen muss. Wenn das so weiter geht muss ich dem Text eine Trigger Warnung oder eine Altersbegrenzung aufdrücken.“
„Heute habe ich überhaupt keinerlei Hemmungen mehr, aber so gar nicht. Mich kann man füdliblutt in den Migros schieben, das ist mir wurst. Das stört nur alle anderen rundherum, mir ist das völlig egal.
Zurück zum Spital, dort war ich vom 9. bis 27. Dezember, danach fuhren wir mit dem Krankenwagen nach Nottwil. Vor meinem Zimmer wartete meine Frau auf mich und ab exakt diesem Moment erinnere ich mich an alles wieder glasklar. Als hätte mir jemand einen Schalter im Gehirn umgelegt. Als wäre der neue Abschnitt der Auslöser gewesen.
Erst dort in Nottwil realisierte ich richtig, dass ich querschnittgelähmt war. Schon sehr früh hatten wir dort eine Sitzung, mit allen Pflegern, Ärzten, meiner Frau, dem Physiotherapeuten, der Psychologin, der Sozialberaterin, das ganze Programm eben. Alle sassen rund um den Besprechungstisch, nur ich lag im Bett. Apropos Bett, wegen den massiven Trümmerverletzungen musste ich viele Wochen lang liegen. Ich wurde dann jeweils mit einem Lift aus dem Bett und ins Bett gehievt und kam mir wahnsinnig fett vor dabei. Immerhin konnte ich meine Arme bewegen, dafür war ich dankbar.
Ah ja, die Besprechung, ich wurde gefragt wie ich die Situation sähe. Meine Antwort war klar, ich wollte an Ostern wieder zu Hause sein. Natürlich wollte ich schon viel früher zurück, wusste aber, dass dies unmöglich war. Der Arzt meinte, das würden wir schaffen. Jedoch nur für ein Wochenende. An Ostern durfte ich dann zum ersten Mal nach Hause. Obwohl meine Beine noch nicht 90 Grad nach unten gebogen werden konnten. Aber ich durfte heim. Heute kann man sie bis maximal 100 Grad biegen. Mehr geht nicht. Auch hier, der Vorteil ist, ich spüre es nicht. Ich möchte mir nicht ausdenken, was das für höllische Schmerzen wären, wenn ich die zertrümmerten Beine spüren würde. Schon wieder etwas Positives, siehst Du? Nichts spüren ist natürlich nicht immer von Vorteil. Aber mir zum Beispiel ganz fies einen Zeh anzuschlagen juckt mich heute nicht mehr.
Glaube nicht, dass ich keine Schmerzen hätte. Ich habe 24/7 Schmerzen in dem Bereich wo der Übergang von sensibel zu nicht sensibel ist. Es gibt keine schmerzfreie Minute. Ich weiss nicht warum und es ist auch nicht medizinisch erklärbar. Es ist einfach diese Zone die permanent schmerzt. Trotz Schmerzmitteln geht der Schmerz nicht weg. Auf der berühmten Skala von eins bis zehn schaffe ich es zu Spitzenzeiten eine neun. An normalen Tagen bin ich bei vier bis fünf. Man könnte es mit Psychopharmaka oder Cannabis versuchen, das könnte allenfalls lindern. Das ist aber nicht so kompatibel mit dem Verein bei dem ich angestellt bin. Weisch wieni mein? Ausserdem brauche ich einen klaren Kopf, da ich privat und beruflich Auto fahre.
Was mir gut hilft ist Sport. Ich fahre Handvelo und mache Krafttraining wie ein Irrer. Danach ist für ungefähr drei Stunden der Schmerzpegel viel tiefer. Das ist dank der ausgeschütteten Endorphine, vergleichbar mit einem Runners High. Ich trainiere täglich exzessiv. Ansonsten schaue ich heute sehr gut zu meinem Körper. Ich trinke keinen Alkohol mehr, rauche nicht mehr. Früher habe ich all das Zeugs wie blöd konsumiert. Das war ein bewusster Entscheid. Meine Frau drohte mir, wenn ich im Rausch einmal aus dem Bett fallen würde, liesse sich mich liegen. Das hat gewirkt. Ausserdem wäre es eine Faust ins Gesicht meiner Frau, wenn ich jetzt nicht gut zu mir schauen würde. Sie hat so viel meinetwegen durchgemacht, das reichte wirklich. Ich hatte so viel Glück, dass ich heute noch hier sitzen darf. Es haben so viele Menschen so viel für mich getan in dieser schweren Zeit. Ich bekam so viel geschenkt, was nicht manchem vergönnt ist. Wenn ich diesem Geschenk nicht sorge tragen würde, wäre ich ein richtiges Arschloch und das möchte ich nicht sein.
Meine Frau ist so sehr für mich da, es ist mehr als man sich wünscht. Sie ist immer da, sie macht alles. Wer möchte schon von seiner Frau den Arsch geputzt bekommen? Niemand. Wenn ich Durchfall habe ist das im wahrsten Sinne eine beschissene Angelegenheit. Ich bin auf sie angewiesen und sie macht klaglos alles für mich und unsere Familie. Mir ist sehr bewusst, dass dies nicht selbstverständlich ist.
Man ist als Paraplegiker nicht nur alleine betroffen. Das ganze Umfeld ist immer mitbetroffen.
Viele Leute würden sagen das ist doch alles ein Albtraum. Nein das ist es nicht. Manchmal gibt es Situationen die sind kleine Albträume, wie zum Beispiel eine Lebensmittelvergiftung während einer Autoreise. Du kannst Dir nicht vorstellen was das bedeutet. Es war grässlich. Für alle. Ich spürte es ja nicht kommen, ich merkte nicht was sich alles entleerte, ich konnte es nicht halten verstehst Du? Kurz zusammengefasst habe ich mir dort überlegt, das Auto in den Wald zu steuern und anzuzünden. Dann wäre wenigstens dieses Problem erledigt gewesen. Nein, das habe ich natürlich nicht gemacht. Eine komplett Reinigung und Renovierung des Wagens war aber notwendig.
Mittlerweile sind wir auf alle Eventualitäten vorbereitet, wir haben sämtliche medizinische Hilfsmittel, Medikamente, auch Antibiotika denn oft eilt es sehr etwas zu behandeln. Wir können sagen, wir haben unseren Alltag im Griff. Wir reisen wieder und geniessen unser Leben sehr bewusst. Wir gehen in die Oper, ins KKL und machen ganz viele tolle Sachen miteinander. Wir waren in London, Paris, Amsterdam und erlebten so schöne Momente.
Ich hatte auch das grosse Glück, dass ich nach acht Monaten wieder in meinen alten Job zurückdurfte. Es war natürlich nicht ganz der alte Job weil ich nicht mehr gehen konnte und nicht mehr Hundeführer sein konnte. Mir fehlen viele Kontakte die ich früher beruflich hatte. Aber ich weigere mich, zu klagen. Es ist, wie es ist und ich hatte riesengrosses Glück. Ich muss nicht traurig darüber sein, was ich nicht mehr habe oder was nicht mehr geht. Ich bin sehr glücklich über alles was ich habe und dazugewonnen habe. Ich bin auch überzeugt, dass noch ganz viele coole Sachen auf mich und uns zukommen. Ich freue mich auf jedes neue Projekt und jede neue Aufgabe die noch vor mir liegt.
Mein Ziel ist es sagen zu können, wenn es Dich im Leben so richtig durchgeschüttelt hat, verzage nicht. Es kommt wieder anders, ganz bestimmt. Es kommt neues, besseres, schöneres für Dich. Wenn ich mit meinen Projekten, Auftritten, Vorträgen etwas bewirken kann, dann freut mich das, dann hat es sich gelohnt. Ich möchte, dass jeder, der von mir hört, liest, mich erlebt, etwas Positives mitnehmen kann und es ihm dadurch besser geht. Dann macht das für mich alles einen Sinn. Diese Lebenseinstellung hatte ich übrigens auch schon vor dem Unfall. Die Erde dreht sich immer weiter, ob mit oder ohne uns. Ob ich mitmache oder nicht. Hätte ich und alle anderen nicht mitgemacht, würde es mich heute hier und jetzt nicht mehr geben. Das geschah nicht weil ich so ein Überflieger und en geile Siech war. Sondern weil alle mitgemacht und mich mitgetragen haben. Sie haben mir geholfen mich wieder zu dem zu machen, der ich vorher war. Nun bin ich hier und möchte jeden Tag ein ganz kleines bisschen die Welt verbessern. Wenn mir jemand sagt, dass es ihm besser geht, wenn er sich mit mir ausgetauscht hat, dann macht mich das glücklich.
Es geht mir nicht schlechter oder besser wie jedem Fussgänger. Uns alle treffen Dinge wie eine Grippe, Liebeskummer, Krebs, ein Unfall, was auch immer. Ich bin zufrieden. Das habe ich übrigens in Nottwil ganz krass erlebt. Dort sind alle schwer verletzt, aber zufrieden, dankbar. Das ist sehr eindrücklich. Von mir muss niemand beeindruckt sein, aber mein Leben wäre nicht so wie es heute ist ohne meine Familie. Das ist für mich das wichtigste. Du bist nicht alleine und musst nichts alleine machen. Du musst nur wissen, mit wem Du reden sollst, damit Du Hilfe bekommst.“
„Wow. Vielen herzlichen Dank lieber Heiri für diese ungewöhnliche, dramatische und doch schöne Geschichte. Magst Du mir noch Dein Lieblingszitat mitgeben?“
„Irgendwann ist (es) zu spät.“
Hier gehts zu Heiris Lieblingsessen.