Uf em Bänkli mit Lukas W. (48) in Frauenfeld

Lukas und ich haben beschlossen, uns trotz des kalten Wintertages, draussen auf einer Bank zu treffen. Wir sind beide warm eingepackt und er hat mir versprochen, dass seine Geschichte kurz und knackig sei, wie die vorherrschende Kälte draussen. Also los gehts.

„Ich beichte Dir etwas sehr peinliches.“

„Oha, ich will jedes Detail wissen…“

24 Jahre habe ich bei einer Bank gearbeitet. 24 Jahre meines damals 45-jährigen Lebens. Ich finde das ist richtig lang. Dann fiel der Hammer. Fünf Tage vor Weihnachten wurden alle Mitarbeitenden ins grosse Auditorium zitiert. Fünf – Tage – vor – Weihnachten. Die Informationen, welche sonst üblicherweise im Auditorium kundgetan wurden, waren Ziele, Werte, neue Marketingstrategien usw. An diesem Tag nicht.

Alle fanden sich um 16.00 Uhr ein und warteten gespannt. Rebranding? Umzug? Neue Geschäftsleitung? Umstrukturierung? Fusion? Alles konnte sein. Doch – weit gefehlt. Die Geschäftsleitung stellte den Beamer ein, auf der Leinwand erschien ein einziges Wort: Massenentlassung.

Wie jetzt? Massenentlassung? Das klang nicht nur ernst, sondern bedrohlich. Mein erster Gedanke galt meinen Kindern und unserer Zukunft. Wie sollte ich damit umgehen? Ich war geschieden, hatte drei entzückende, wilde Jungs zu Hause. Das Sorgerecht teilte ich mit meiner Frau und Geld war deshalb eher Mangelware.

Der Rest des „Events“ ist nur noch schemenhaft in meinem Gedächtnis. Klar war, dass es nur vereinzelte Mitarbeiter gab, die noch einen Job hatten. Der nächste Schritt war, sich draussen in zwei Reihen zu stellen. Links diejenigen mit den Anfangsbuchstaben A-L, rechts diejenigen mit M-Z. Dort wurde uns ein grosser Umschlag in die Hände gedrückt mit allen notwendigen Informationen. Ich nahm meinen Umschlag entgegen, fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage, stieg in mein Auto.

Dort musste ich erst einmal tief durchatmen. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Film oder in einem Albtraum. War das wirklich soeben passiert? Hatte ich in drei Monaten keine Arbeit und somit kein Einkommen mehr? Naiverweise dachte ich bis anhin ja immer, man werde nur entlassen, wenn man nicht gut gearbeitet hatte. Wenn man seine Ziele nicht erreichte oder etwas verbrochen hatte.

Wie in Trance fuhr ich nach Hause und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Das fiel mir nicht nur schwer, sondern war unmöglich. Alles purzelte in meinem Kopf durcheinander. Stelle suchen, Weihnachten in fünf Tagen, was sage ich wann meinen Jungs, wie geht es weiter. Das Gedankenkarrussell drehte sich immer schneller und schneller. Plötzlich war ich zu Hause, ich parkierte mein Auto und fürchtete den Moment wo ich meine kleinen Racker sah.

Ich mache hier einen Schnitt, denn was dann in den nächsten eineinhalb Jahren geschah, reicht für eine weitere Geschichte auf einem Bänkli mit Dir.

Am nächsten Morgen stand ich wie gewohnt auf, fuhr zur Arbeit und hatte ein Gefühlschaos in mir, wie ich es nicht kannte. Ich war wütend, enttäuscht, ängstlich und rachsüchtig. Im Geschäft angekommen, nahm ich meinen Rucksack vom Beifahrersitz und wusste, ich will Rache. Doch wer bin ich, dass ich mich an einer Bank rächen kann, vor allem wie sollte ich das überhaupt anstellen. Da kam mir die Idee der „Rache des kleinen Mannes“. Ich würde von heute an täglich alles was ich gebrauchen konnte mitgehen lassen.“

„Hast Du nicht?!?“

„Hab ich doch. Und das mit einem eiskalten Lächeln im Gesicht. Ich hatte nichts in der Hand, konnte mich nicht wehren, war nach 24 Jahren von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert. Die sollten wenigstens im Kleinen bezahlen. Wir alle wissen von den horrenden Zahlen, von Boni der Geschäftsleitung, von teuren Dienstwagen und Dienstreisen. Also, klein Luki schrieb sich die Rache des kleinen Mannes auf die Fahne und schwor sich, dies durchzuziehen. Täglich packte ich eine Rolle Klopapier ein und dies konsequent bis zum letzten Arbeitstag. Jeden Freitag klaute ich eine Flasche Kaffeerahm in der Kaffeeküche. Lagen Servietten, Zuckertütchen, gewaschene Tupperware Behälter herum, waren sie ab sofort meine. Übrig gebliebene Bierflaschen eines Aperos? Zack im Rucksack. Rollen mit Abfallsäcken, Papiertücher zum Hände trocknen, Abwaschmittel, feuchtes Klopapier – alles meins.

Ich zähle mich zu den ehrlichsten und korrektesten Menschen, die nicht lügen können, die einen erhöhten Puls haben, wenn ein Polizeiauto in der Nähe ist. Ich war noch nie schwarz gefahren in den öffentlichen Verkehrsmitteln, habe nie ein Gesetz gebrochen, zahlte jede Rechnung pünktlich. Aber diese Kündigung hatte temporär einen Schalter in mir umgelegt. Ich wurde für die restliche verbleibende Zeit wo ich noch dort arbeitete zu einem regelrechten Kleptomanen. Mit dem letzten Arbeitstag hat das glücklicherweise abrupt aufgehört.“

„Krass, irgendwie. Verständlich aber auch verstörend finde ich das.“

„Ja, Du hast recht. Wenn ich mich heute erzählen höre, dann denke ich wirklich, das war sehr peinlich, gesetzeswidrig und infantil. Aber ich konnte nicht anders. Zum Glück hat sich das nie mehr wiederholt. Und zu meinem noch grösseren Glück wurde ich nie erwischt. Nicht auszudenken, was das für Folgen für mich gehabt hätte. Wo ich doch so schon bald auf der Strasse stand.“

„Vielen Dank lieber Lukas für diese spezielle Geschichte. Magst Du uns noch Dein Lieblingszitat verraten?“

„Not macht erfinderisch.“

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