Uf em Bänkli mit Andrea S. (45) in Zürich

Als ich mich mit Andrea traf, war sie etwas verlegen, was ihre Geschichte betraf. Sie fand es sei eher eine Anekdote und nicht eine Geschichte. Ich konnte sie dann davon überzeugen, dass nicht alle Geschichten lang oder dramatisch sein müssen. Sie dürfen auch kurz und oder lustig sein. Eigentlich dürfen sie fast alles. Das ist ja das Schöne an den Bänkli Geschichten.

„Vor einigen Jahren war ich im Spital wegen einer Schulteroperation. Ich lag in einer sehr schönen Privatklinik am Zürichberg, die keine Wünsche offen liess. Ich war bestens versorgt, meine einzige Sorge war, ob noch jemand neben mir im Zimmer liegen würde. Ich musste nicht lange warten, da wurde ein Bett ins Zimmer geschoben. Darin lag eine frisch operierte Frau. Ihr Alter konnte ich nicht gut einschätzen, denn noch halb in Narkose und frisch operiert sehen wir alle nicht taufrisch aus (verzeih mir liebe Claudia).

Die Frau wurde bald wach und stellte sich mir vor. Sie war wegen einer Knieoperation im Spital. Sehr schnell verstanden wir uns gut, hatten den gleichen zynischen Humor und waren beide leidenschaftliche Krimi und Thriller Leserinnen. Die meiste Zeit unseres Spitalaufenthaltes verbrachten wir dann auch genau damit. Zwischendurch plauderten wir miteinander und verstanden uns immer besser.

So eine Zimmergemeinschaft im Spital ist eine ganz eigene Welt. Man ist im besten Fall immer im Pyjama, sicher aber nie gut frisiert und dauernd müde, weil kein Mensch im Spital gut schläft. Die täglichen Herausforderungen und Beschäftigungen sind die Toilettengänge, die tägliche Dusche und die drei, auf die Minute genau zur selben Zeit servierten Mahlzeiten. Bei uns beiden kamen noch die interessanten Gespräche und natürlich das stundenlange Lesen dazu.

Am Tag nach Ihrer OP fragte sie den diensthabenden Pfleger, wie sie denn mir ihrem Riesengips am Knie duschen solle. Das sei kein Problem meinte dieser, einfach normal duschen und fertig. Sie fragte ihn noch, ob er sicher sei. Ja natürlich sei er sicher, das sei heutzutage wirklich ganz einfach. Gesagt getan. Claudia stieg mit dem monströsen Gips, der zusätzlich noch Stoff und Klettverschlüsse rundum hatte, in die Dusche. Als sie rauskam rief sie sehr schnell und laut nach mir. Ich ahnte nichts Gutes. So schnell es mir möglich war eilte ich in unser Badezimmer. Dort konnte ich mich kaum mehr einkriegen vor lauter Lachen. Das Chaos war perfekt. Claudia, halbnackt und halb mit Badetuch verhüllt, schaute mich mit schreckgeweiteten Augen an. Sie zeigte auf den Boden. Ich musste noch mehr lachen. Da war eine schmierige, milchige, eklige Sauce um sie verteilt, die immer grösser wurde. Es triefte unter ihrem Gips hervor, der sich wohl in der Phase seiner Auflösung befand. Ich konnte nicht mehr… ich fand es so lustig und es war so klar, dass genau das passieren musste. Ein Gips musste doch eingepackt werden, wenn man duschte.

Sie fand das alles nicht so lustig wie ich und fragte mich verzweifelt, was sie jetzt tun solle. Natürlich klingeln, damit uns jemand helfen konnte. Nein! Auf keinen Fall meinte sie, denn erstens sei sie noch nackt und zweitens sei das zu peinlich. Es blieb uns aber nichts anderes übrig, denn wir konnten die Situation nicht alleine retten. Also klingelte ich und der nette Pfleger kam. Als er das Badezimmer betrat, verschwand sein sonst so sympathisches Lächeln und es folgte ein filmreifer Augenverdreher. Echt jetzt? Fragte er uns und schenkte uns den „es darf doch nicht wahr sein“ Blick. Wir sahen ihn unschuldig an und ich ging sofort in die Verteidigung. Er hätte ganz klar gesagt, normal duschen sei kein Problem. Nichts anderes hätte Claudia gemacht. Es folgte der „ich hätte es mir denken können“ Blick und er verschwand so rasch wie er gekommen war, mit den Worten er sei gleich zurück.

Wir beide standen wie begossene Pudel dort und wussten nicht, was wir jetzt tun sollten. Wobei eine von uns zweien etwas mehr begossen war. Der Pfleger kehrte mit allem zurück, was notwendig war. Tücher, Föhn, Putzzeug. Geduldig versorgte er zuerst Claudia und ihren Gips. Er tupfte, zupfte, föhnte was das Zeug hielt. Zugegeben, er machte ein etwas weniger fröhlichen Eindruck, als auch schon. Aber er erledigte seinen Job gewissenhaft und professionell. Er war sogar so fürsorglich, dass er ihr warme Tücher brachte, weil sie (immer noch feucht von der Dusche) erbärmlich fror. Als sie versorgt war, putzte er das Badezimmer und fragte uns zum Schluss sogar noch, ob er etwas für uns tun könne. Wir verneinten und er verliess uns.

Danach brachen wir beide in schallendes Gelächter aus. Wir konnten kaum mehr aufhören zu lachen und waren überzeugt, dass er uns und wir ihn nie mehr vergessen würden.

Nach einigen Tagen wurden wir beide aus dem Spital entlassen. Unsere Freundschaft blieb bis heute bestehen, ebenso die Leidenschaft für Krimis und Thriller und natürlich der zynische Humor.

Drei Jahre später war ich Gast an einem wunderschönen Anlass im Schloss Sihlberg. Am Eingang standen security Mitarbeiter. Ich stutzte, einer von ihnen auch. Wir schauten uns an und sagten gleichzeitig: ich kenne Dich. Wir rätselten, der Name sagte uns nichts, der Anlass dort verband uns auch nicht. Er fragte mich was ich beruflich machte, auch das half nicht. Ich fragte ihn was er denn sonst beruflich mache. Er sei Krankenpfleger im Spital. Klick. Ich fragte ihn, ob er vor ungefähr drei Jahren in der Schulthess Klinik tätig war. Und da war es wieder. Sein fröhliches Lachen und Strahlen. Dann ein kurzes Stirnrunzeln gefolgt von den Worten: das waren Sie und ihre Bettnachbarin mit dem geduschten Gips. Ja, das waren wir tatsächlich.“

„Herrlich liebe Andrea, wie klein die Welt doch manchmal ist. Vielen Dank für diese tolle Geschichte.“

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