Sina ist ein Sonnenschein. Schon als sie auf mich zukommt, strahlt sie und versprüht eine fröhliche Aura. Wir begrüssen uns herzlich und schon sprudelt es aus ihr heraus.
„Meine Geschichte ist kurz, knackig, lustig und Zeit habe ich auch nicht so viel.“
„Dann schlage ich vor, dass wir uns auf die nächste Bank unter einen Baum setzen und Du zu erzählen beginnst.“
„Seit Jahrzehnten spiele ich regelmässig Euromillions. Das muss niemand verstehen. Ich bin absolut überzeugt, dass ich eines Tages gewinne und reich werde. Ausserdem kann nur gewinnen, wer auch mitspielt. Diese Diskussion führe ich oft mit Leuten, die mich deswegen belächeln. Aber ich gebe nicht auf, solange ich nicht die Million(en) abholen kann. Daran gibts nichts zu rütteln.
Vor einigen Jahren habe ich meine Tochter mit diesem Euromillions-Fieber angesteckt, auch sie spielt wöchentlich zwei Mal.
Wir spielen auf der Handyapp, das ist super einfach. Heute zeigt es oben in einer Leiste jeweils den Gewinn an. Da weisst Du sofort, ob Du etwas gewonnen hast.
Früher war die Übersicht anders und man musste einen zusätzlichen Klick investieren um zu sehen, ob und wieviel man gewonnen hatt. Das wusste ich damals leider nicht, denn ich ging davon aus, ein Gewinn würde gross angezeigt werden oder ich würde ein E-Mail erhalten. Aber meine Tochter wusste es sehr wohl.
Eines Tages sassen wir mit einem Glas Wein auf dem Balkon und plauderten. Es kam uns in den Sinn, dass wir unbedingt noch Euromillions spielen mussten. Klick-klick auf unseren Handys und die Sache war erledigt.
Da fragte sie mich, wieviel ich die letzten Wochen denn so gewonnen hätte. Zähneknirschend musste ich ihr antworten, dass ich nie etwas gewonnen hätte. Sie meinte, das könne fast nicht sein, ob ich denn auch immer nach der Ziehung nachsehen würde. Nein, das tat ich nie, weil ich eben annahm, dass mir das System einen allfälligen Gewinn automatisch anzeigen oder mitteilen würde.
Sie sah mich mit dem „Mama, das ist jetzt nicht Dein Ernst Blick“ an, die Augen gen Himmel gerollt. Klar war das mein Ernst, wie sollte ich es denn wissen, wenn ich nicht benachrichtigt würde? Diese Frage fand sie dann noch dümmer, als das nicht nachschauen. Sie setzte sich neben mich, nahm mein Handy und erklärte mir, wo ich drauf tippen müsse, um es zu erfahren. Tatsächlich! Da stand es.
Fieberhaft scrollten wir durch die letzten sechs Monate um zu suchen, ob irgendwo ein Gewinn war, den ich übersehen hatte. Denn bei einem allfälligen Grossgewinn, musste man sich bei der Swisslos melden, mit einem amtlichen Ausweis und seinen Kontoangaben. Leider konnte man nur ein halbes Jahr zurück abfragen.
So haben wir nie erfahren, ob ich die Million(en) verpasst hatte. Denn nach 180 Tagen, also dem besagten halben Jahr, verfällt der Anspruch auf den Gewinn und das Geld fliesst in gemeinnützige Zwecke oder Sonderjackpots. Schade – sehr schade.
Deshalb spiele ich auch heute noch zweimal in der Woche und überprüfe nun minutiös, ob ich etwas gewonnen habe.
Vor einigen Tagen sassen meine Tochter und ich gemütlich beim Mittagessen. Sie fragte mich mit leicht argwöhnisch hochgezogenen Augenbrauen, ob ich nun wirklich immer nachschaue. Schliesslich würde sie schon gerne und vor allem zeitnah wissen, ab wann ich reich sei und sie später erben könne.“
„Autsch… aber wo sie recht hat, hat sie recht.“