„Ich möchte dir gerne eine Geschichte aus dem Familien-Nähkästchen erzählen. Besser gesagt von meinem Sohn, der ganz offenbar eine spezielle Verbindung zu Zweifränklern hat. Ja, du hast richtig gehört. Ich spreche hier von einer Münze, die ja doch einen beträchtlichen Durchmesser hat.
„Da ich selbst Mutter bin, habe ich eine gewisse Vorahnung.“
„Nun ja, man glaubt es kaum, aber Tim hat es im zarten Alter von vier bis sechs Jahren dreimal zu einer schwierigen Situation gebracht – und dies jedes Mal wegen einem Zweifränkler.
Das erste Mal wollte er ausprobieren, was passiert, wenn man die Münze in den CD-Player im Auto steckt. Frag mich nicht, was im Kopf eines kleinen Kindes alles vorgeht, aber er hat sogar zuerst den Knopf gedrückt, um die CD herauszunehmen. Und danach hat er die Münze dort reingeschoben und gefragt, ob denn jetzt keine Musik komme. Ich sagte ihm: ‚Nein mein Schatz, es kommt keine Musik mehr, denn jetzt können wir keine CD mehr reinschieben.‘ Er schaute mich skeptisch an und sagte: ‚Doch.‘ ‚Nein, bitte nicht!‘ Ich warnte zu spät, denn schon schob er eine CD ins Laufwerk. Das war dann der Moment, in dem ich auszurechnen begann, was mich das kosten würde. Für Tim war die Sache geklärt, er hatte den Beweis, dass es keine Musik mehr gab. Ich musste dann die 650 Franken bezahlen, um das ganze Cockpit, inklusive CD-Player, ausbauen zu lassen. Den Zweifränkler hat mir der Garagist schmunzelnd übergeben und fügte an, dass der Täter gefasst sei. Sehr lustig.
Der zweite Vorfall war um einiges dramatischer. Niemand bemerkte, dass der Kleine wieder einmal ein Zweifrankenstück in der Hand hatte. Schwupps war es weg. Ich fragte ihn, wo er es denn hingetan habe. Er schaute mich nur mit grossen Augen an und fasste sich an den Hals. Nein, bitte bitte nicht. Ich fragte ihn, obwohl ich es mir wirklich nur schwer vorstellen konnte, ob er es verschluckt habe. Die Münze war zu gross, um heruntergeschluckt zu werden, glaubte ich zumindest. Aber seine Miene und sein Verhalten verrieten mir, dass er es tatsächlich getan hatte. Was für ein Mist. Ich packte das Kind ins Auto und fuhr zum Notfallarzt. Der war ziemlich erstaunt, dass ein so kleiner Junge etwas so Grosses runterschlucken konnte. Ich war in aller höchster Alarmbereitschaft. Ich sah uns vor dem geistigen Auge bereits im Kinderspital, wo sie meinen kleinen Jungen aufschneiden würden. Ich fing an zu weinen, doch der kleine Mann blieb tapfer.
Der Arzt meinte mit beruhigender Stimme, dass die meisten verschluckten Geldstücke auf natürlichem Weg wieder rauskommen, spätestens nach zwei bis drei Tagen. Aha. Das fand ich nicht sonderlich beruhigend. Sobald er aber über Bauchschmerzen klagen würde, müssten wir sofort ins Spital. Dann hätte die Münze sich gedreht und den Darm blockiert. Du lieber Himmel, ich hatte solche Angst. Ausserdem brauchten wir jetzt wirklich keine Not- und Zwischenfälle. Also eigentlich nie. Bevor wir uns verabschiedeten, sagte er mir ganz leise, damit Tim es nicht hören konnte: ‚Bleiben Sie ruhig und sehen zu, dass er normal isst und immer genug trinkt. Animieren sie ihn, zwischendurch öfters auf die Toilette zu gehen. Sie müssen jeden Stuhlgang ganz genau kontrollieren, damit Sie sicherstellen können, dass die Münze ihren Weg nach draussen gefunden hat. Ausserdem können Sie ihn mit einem Trick dazu anregen, so häufig wie möglich aufs Klo zu sitzen. Versprechen Sie ihm, dass er diesen Zweifränkler, wenn er rausgekommen ist, behalten darf. Das wirkt Wunder. Sie werden es sehen.‘ Na danke vielmals. Ich wusste an wem die Sucherei hängen bleiben würde. Ausserdem bedeutete dies, dass wir beide keinen normalen Tagesablauf haben würden, weil ich ihn 24 Stunden am Tag überwachen musste. Also keine Arbeit ausser Haus und für ihn keinen Kindergarten. Ich freute mich auch schon sehr darauf, die Kindergärtnerin zu informieren. Wieder zu Hause erklärte ich Tim, was zu tun sei und dass er eine super tolle Belohnung erhalten würde. Er dürfe mit den zwei Franken auch machen und kaufen, was er wolle. Zwei Tage später wurden wir alle erlöst. Der Übeltäter kam zum Vorschein. Es interessierte Tim überhaupt nicht und er wollte den Bazen auch nicht haben. Ich auch nicht! Ich habe ihn unzählige Male desinfiziert und dann in sein Sparschwein gesteckt.
Auch beim dritten Mal befanden wir uns wieder im Auto. Wir kamen vom Einkaufen zurück und Tim warf den Zweifränkler in die kleine Ablage in der Mittelkonsole. Er verfehlte das Ziel jedoch und das Stück rollte direkt in den winzigen Spalt der angezogenen Handbremse. Ich hörte es klacken und dachte mir nur noch: ‘Wann hört das mit diesen verdammten Münzen endlich auf?’ Wieder fuhr ich zur Autowerkstatt und während ich die Geschichte erzählte, kam mir schallendes Gelächter aller Anwesenden entgegen. Es war noch nicht so lange her, dass der Automechaniker mein Auto von einer Münze befreien musste. Nur, dass es diesmal viel rascher und einfacher erledigt war. Ich solle mir keine Sorgen machen, denn dort könne nichts blockiert werden oder kaputt gehen. Ich könne ja dann beim Verkauf des Fahrzeuges zwei Franken auf den Verkaufspreis draufschlagen. Haha, auch dieses Mal wieder sehr lustig. Ehrlich gesagt, war ich aber schon sehr froh und erleichtert über diese Antwort.
Womöglich fragst du dich jetzt, warum Tim immer Zweifränkler zur Hand hatte. Die Antwort ist sehr simpel. Die Einkaufswagen in der Schweiz muss man mit solchen füttern. Deshalb befinden sich in meinem Auto, im Portemonnaie und in meiner Handtasche immer welche.
„Verrätst du mir noch dein Lieblingszitat?“
„Ratschläge sind auch Schläge.“
„Vielen Dank, liebe Laura, für diese unterhaltsame Geschichte und dein Lieblingsrezept.“