Es herrscht eine Affenhitze als Evelyn und ich uns aufs Bänkli setzen. Alles klebt, wir schwitzen, doch Evelyn strahlt mich an und übergibt mir erstmal einen Sonnenblumenstrauss. Das sagt bereits alles über sie aus. Sie ist eine herzensgute, fleissige, tapfere, kämpferische, liebenswerte Frau.
„Ich habe ganz viele Geschichten zu erzählen. Viele davon handeln von Liebe, enttäuschter Liebe und anderen Beziehungskisten. Doch, ich habe mich für eine andere entschieden.“
„Da bin ich gespannt. Ich hätte nämlich einen Hunderter verwettet, dass Du mir eine Liebesgeschichte erzählst.“
„Meine Geschichte nenne ich: wie kam ich von A nach B.
Man kommt auf die Welt und hat ein Geburtsgewicht. Dann kommen viele prägende Lebensstationen…
Ich erinnere mich, dass ich als kleines Kind zu dünn, zu leicht war. Ich war im Turnen nicht gut, alle hatten Angst, dass ich auseinanderfallen würde. Dann begaben sich Situationen in meinem Leben, die mich und mein Gewicht massgeblich veränderten. Ich habe diverse seelische Traumata erlebt, die mich und meinen Körper veranlassten, ein (physisches) Schutzschild aufzubauen. Das habe ich erst als Erwachsene erkannt.
Als ich vier Jahre alt war, kam meine Schwester zur Welt. Ab diesem Moment hatte niemand mehr Augen oder Gehör für mich. Es gab nur noch das neue Baby. Was machte ich, das vierjährige Kind? Ich habe mich befuttert – regelrecht befuttert. Egal, ob es dieses Wort gibt oder nicht. Heute weiss ich, damit wollte ich grösser, präsenter sein, damit man mich wieder wahrnahm.
Heute, beim überlegen, wie ich diese Geschichte erzählen soll, habe ich festgestellt, dass in meinem Elternhaus nie eine Esskultur herrschte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es je Regelmässigkeiten gab, um in Ruhe, gemeinsam als Familie zu essen. Nicht als ich klein war und auch nicht später.
Als 8-10 Jährige musste ich bereits viel Verantwortung übernehmen. Meine Eltern liessen sich scheiden. Meine Mutter hatte ein Alkoholproblem, die Obhut für meine kleine Schwester lag ab dann bei mir. Gummibärchen und Chips waren nicht nur meine besten Freunde, sondern meine stetigen Begleiter, meine Seelentröster. Ich erinnere mich, bei Migros gab es saure Gummidinger. Die kaufte ich mir jeweils von meinem Taschengeld, das war super und machte mich glücklich.
Viel Geld hatten wir nicht. Ich kann mich noch gut erinnern, wir liessen Milch sauer werden und leerten entweder Sirup oder Ovomaltine-Pulver rein. Das war nahrhaft, süss und eine sehr ungesunde Mahlzeit. Heute würde ich dies nicht mehr essen.
Meine Mutter hatte mein Unglück nie bemerkt, sie war zu sehr mit arbeiten, sich selbst und dem Alkohol beschäftigt. Sie hatte diverse Tagesmütter engagiert, eine um die andere lief schon bald wieder davon. Meine Schwester war bei ihnen nie brav, gehorchte nie. Es gab viele Wechsel und das war für alle sehr anstrengend. An eine der Tagesmütter kann ich mich besonders gut erinnern. Sie kochte Polenta Würfel. Ich hasste es. Sie zwang mich fünf Tage lang, diese aufzuessen, zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen. Sie war erst zufrieden als ich alle in mich hineingestopft hatte. Später habe ich sie in der Toilette entsorgt.
Einmal hatten wir eine englische Tagesmutter, sie hatte erwachsene Kinder, die studierten. Da blieb die ganze Arbeit wieder an mir hängen, weil ihre Kinder schliesslich fürs Studium lernen mussten. Ich musste den ganzen Haushalt alleine bewältigen. Eines Tages war ich krank, hatte hohes Fieber und musste trotzdem für sie einkaufen gehen. Weil sie ums verrecken ein vierer Pack Orangensaft von Migros haben wollte. Also zog ich zu Fuss los und brach mitten in der Migros zusammen. Ich war damals elf jährig. Das war der Moment als ich beschloss, wir bräuchten keine Tagesmutter. Denn ich machte sowieso alles selbst.
Das tat ich meiner Mutter kund und sagte ihr, dass ich ab sofort alleine auf meine jüngere Schwester aufpassen und den Haushalt schmeissen könne. Das viele Geld für die Tagesmütter könnten wir uns sparen.
Als ich zwölf war, zogen wir nach Bülach. Dort kannte mich niemand. Ich war vom ersten Tag an die Dicke. Ich war nicht wirklich dick, aber mollig. Es war nicht zu leugnen, Essen war mein Freund, mein Tröster. Wann immer es mir möglich war, habe ich gegessen. Meine Mutter interessierte es weiterhin nicht, sie war immer noch zu sehr mit sich beschäftigt.
Mein Vater hatte mittlerweile eine neue, sehr liebe Frau. Sie war eine phantastische Köchin. Bei ihnen habe ich zum ersten Mal so etwas wie eine Esskultur erlebt. Bei meinem Vater war ich übrigens auch immer die Dicke.
An einem Samstag Abend waren wir bei ihnen zum Essen eingeladen. Seine Frau hatte wunderbar gekocht. Ich wollte mir ein zweites Mal nachschöpfen. Mein Vater sagte zu mir, ich solle doch noch mehr essen, damit ich noch dicker würde. Das war sehr erniedrigend, peinlich und ich habe mich geschämt. Selbstverständlich habe ich nicht nachgeschöpft. Am Tag danach, gingen wir ins Restaurant zum Sonntagsbrunch. Ich trank eine Ovomaltine und ass ein Gipfeli. Da schnauzte mich mein Vater an, ob das alles sei, was ich esse. Der Brunch sei teuer und da sollte ich auch ordentlich zulangen, damit es sich lohne. Er müsse dies schliesslich bezahlen.
Was für ein krasser Gegensatz, keine 24 Stunden zuvor durfte ich nicht nachschöpfen, weil ich zu dick war und jetzt sollte ich möglichst viel essen, da er dafür bezahlte. Es war einfach nur krank. Solche Momente gab es immer wieder.
Zurück nach Bülach. Ich ging dort zur Schule. Eines Tages war ich krank und mit dem Schulstoff im Rückstand. Da fragte mein Lehrer in die Runde ob jemand mit mir lernen würde, damit ich wieder aufholen könne. Ich durfte mit einer Schulkollegin zu ihr nach Hause zum lernen. Als wir ankamen, war ihre Mutter dort und zuerst setzten wir uns an den Tisch. Es wurde in Ruhe Zvieri gegessen. So etwas kannte ich nicht. Es gab ein Stück Maisbrot für jede und ein Glas Milch. In Ruhe und in einer Selbstverständlichkeit fand dies statt. Das war für mich etwas völlig Neues, Fremdes und Wunderbares. Es war das erste Mal in meinem jungen Leben, dass jemand zu Hause auf mich gewartet, mich erwartet hatte. Die Mutter sass mit uns am Tisch, fragte uns wie unser Tag verlaufen sei und nach dem Zvieri wurde gelernt. Wir hatten für ein Diktat geübt.
Das Highlight dieses Nachmittags war einerseits das mit viel Liebe selbst gebackene Maisbrot. Das andere war eine Woche später, als wir in der Schule das Diktat hatten. Da sagte der Lehrer zur Klasse, alle müssten aufstehen. Jeder, der sein Diktat zurück bekomme, müsse sich wieder hinsetzen und seine Verbesserungen machen. Wer am Schluss noch stand, durfte nach Hause gehen. Es war ein Wunder. Ich war die Einzige, die nach Hause gehen durfte. Ich hatte tatsächlich zum ersten Mal ein Diktat ohne Fehler geschrieben. Der Lehrer musste mir einen Schubs geben und mir nochmals sagen, ja Evelyn Du darfst jetzt gehen, Du bist die einzige ohne einen Fehler im Diktat. Du hast es richtig gut gemacht!“
Evelyns Stimme bricht, ihre Lippen zittern ihr kommen die Tränen.
„Das hatte ich der Mutter meiner Schulkollegin, dem Zvieri und dem gemeinsamen Lernen zu verdanken.
Die nächste Station im Leben war dann die Ausbildung nach der Schule. Ich habe „nur“ Verkäuferin gelernt, weil mein Vater mir immer sagte, ich sei dick und dumm. So jemand fände sowieso keine gute Lehrstelle. Dies, obwohl er anfangs Oberstufe meinen Lehrer besuchte und ihm sagte, seine Tochter sei nicht dumm und müsse in die Sekundarschule kommen. Da mein Lehrer wusste, dass ich diese Prüfung nicht bestehen würde, hatte er meine Noten etwas angehoben. So kam ich prüfungsfrei in die Sek. Nach acht Wochen sanken meine Noten in den Keller, ich flog raus, beziehungsweise musste in die Realschule wechseln. Als das passierte gab mir mein Vater vor allen Anwesenden mitten in einem Restaurant eine Ohrfeige, weil ich so dumm sei.
Zurück zur Lehrstelle. Ich hätte liebend gerne Kleinkindererzieherin werden wollen. Das war aber nicht möglich. Eine Ausbildung hätte ich machen können. Doch zu dieser Zeit hatte es zu wenig Arbeitsstellen und ich wusste ja, dass ich arbeiten musste um Geld zu verdienen. In meinem Frust fragte ich dann bei Migros an ob man mir eine Lehrstelle als Verkäuferin geben würde. Das klappte dann tatsächlich.
Die (Fr)esserei stand auch während meiner Lehrzeit immer an erster Stelle.
Nach der Lehrzeit wohnte ich zum ersten Mal alleine, schaute alleine für mich und zu mir. Zu dieser Zeit hatte ich bereits deutliches Übergewicht. Ich lernte meinen zukünftigen Mann kennen, auch er war ziemlich übergewichtig. Gemeinsam versuchten wir unzählige Male abzunehmen. Mit Erfolg haben wir jeweils viel ab- und noch mehr zugenommen. Man kennt ihn zu gut, den sogenannten Jojo-Effekt. Trotz allem, essen war etwas Schönes.
Meine Mutter und meine Schwester waren beide sehr schlank, das hatten sie sich auch hart antrainiert. Sie fanden, man sei angesehener, mehr wert wenn man schlank war und somit besser aussah.
Als ich 27 Jahre alt war kam mein erster Sohn zur Welt. Während der Schwangerschaft habe ich mehr als 25 Kilo zugenommen, zum Schluss hatte ich eine Schwangerschaftsvergiftung. Es war klar, das einzige und vor allem bequemste was ich tragen konnte, waren Leggins. Sie waren praktisch und unheikel mit einem Kleinkind. Die ganze Zeit wirst Du besabbert, spielst am Boden mit dem Kleinen.
Meine Mutter und meine Schwester meinten es gut und wollten mir etwas zu Ostern schenken. Meine Schwester arbeitete damals bei Feldpausch und konnte die Kleider einfach mitnehmen. Sie musste diese vorab nicht bezahlen sondern erst später. Sie brachten mir ein knallrotes Deux-Piece nach Hause. Mit Hosen. Wer bitte schön kann so etwas tragen? Niemand der mehr als Kleidergrösse 34 trägt. Dazu eine knielange Bluse. Stell Dir das mal vor. Knallrot von oben bis unten stand ich vor dem Spiegel. Ich drehte mich zu den beiden um und fragte sie, wo denn die Clown Nase sei, die fehle noch. Das kam gar nicht gut an. Sie waren wütend und enttäuscht, warfen mir vor dass diese Kombi vierhundert Franken kosten würde. Ausserdem hätten sie mir etwas Gutes tun wollen, damit ich nicht immer in Leggins rumlaufe und wie eine alte Frau aussähe. Hallo? Habe ich darum gebeten? Ich packte alles wieder ein, drückte es ihnen in die Hände und warf sie aus der Wohnung mit den Worten sie könnten mir gerne einen Gutschein schenken.
Als ich 28 war, hat sich mein Vater zu Hause im Keller mit dem Sturmgewehr erschossen. Eine riesige Schweinerei war es. Furchtbar. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich.
Später kam mein zweiter Sohn zur Welt. In dieser Schwangerschaft nahm ich erstaunlicherweise nur sechs Kilo zu, übergewichtig war ich natürlich vor- und nachher immer noch. Danach ging es weiter mit den Versuchen abzunehmen. Von Weight Watchers über Blutgruppendiät, FdH, Dr. Rohner… egal was, ich habe alles ausprobiert. Bei jedem Versuch das gleiche, ich habe viel ab- und danach noch mehr zugenommen. Mit dem vielen Geld welches ich dafür ausgegeben habe, hätte ich tolle Ferien machen können.
Dazwischen liessen wir uns irgendwann scheiden. Warum? Eines morgens erwachte ich und dachte, ich möchte mit 80 nicht auf dem Sterbebett liegen und nichts erlebt haben. Ich möchte gerne auf ein erfülltes Leben mit vielen Eindrücken und Erlebnissen zurückblicken. Ich wollte etwas vom Leben haben, die Kinder zog ich sowieso bereits mehrheitlich alleine auf.
Die Jahre zogen vorbei, das Gewicht ging runter und rauf. Irgendwann merkte ich, dass mein zu grosser Busen für mich ein riesiges Problem war. Ein noch grösseres als mein Übergewicht. Der Busen machte mich noch unförmiger. Wenn ich abnahm, blieb er gleich, es war so gemein. Ich musste etwas dagegen unternehmen. Die Sprüche der Leute um mich, fand ich weder lustig noch beruhigend. Oft musste ich hören, dass mein Mann doch sicher viel Freude daran hätte. Ja, aber ich musste ihn (den Busen nicht den Mann) tagtäglich spazieren führen und ertragen. Ausserdem bereitete er mir zeitweilen gesundheitliche Probleme.
Es kam eine Chat Zeit in meinem Leben und ich habe gemerkt, wie wichtig den Männern die Körbchen Grösse war. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich danach gefragt wurde. Es war unglaublich. Ich antwortete jedes Mal, mir schaut man in die Augen, nicht auf den Busen. Ich habe wunderschöne blaue Augen, die sind wichtiger. Diese Diskussionen fand ich abstossend und widerlich.
Ich bekam mit der Zeit immer mehr Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen. Das veranlasste mich zu einem Spezialisten zu gehen. Nach dem Untersuch und Gespräch erhielt ich eine Offerte. Für satte zwölftausend Franken würde er meine Brüste verkleinern. Ich stellte ein Gesuch bei der Krankenkasse. Die Antwort war, ich könne mich wieder melden, wenn ich nur noch 75 Kilo schwer sei, dann würden sie die Kosten übernehmen. Ich übergab den Fall der Rechtsschutz-Versicherung. Diese fragte die Krankenkasse an, ob sie ein Magenband bezahlen würden. Auch dieses wurde abgelehnt, weil ich zu leicht dafür war. Zu schwer für die Brust OP, zu leicht für ein Magenband. Das bedeutete, wenn ich weitere 15 Kilo zunehmen würde, durfte ich eine Magenband erhalten um abzunehmen. Hätte ich genug abgenommen würden sie auch die Brust-Verkleinerung bezahlen. Völlig gaga, oder? Ich konnte nicht mehr und resignierte. Dann blieb ich eben dick und fett. Mittlerweile fand ich mich selbst fett. Ich gab (mich) auf und machte mir keine Mühe mehr abzunehmen, im Gegenteil. Ich frass, weil ich es wollte. Es war mir scheissegal.
2014 begann ich mich intensiv mit den Themen, die mich schon immer begleiteten, zu befassen, blickte zurück, arbeitete daran.
2015 begegnete ich meiner grossen Liebe. Er lernte mich mit sehr viel Gewicht kennen und lieben. Wir hatten eine gute Zeit miteinander. Eines Tages war ich bei meiner Nagelfrau und stellte fest, dass sie ganz viel abgenommen hatte. Sie erzählte mir, dass sie bei einem Arzt war. Dieser hätte ihr einen Magenbypass operiert, das habe ihr Leben gerettet. Während sie mir die Nägel hübsch machte erzählte sie mir den Rest ihrer Geschichte. Da wusste ich, das war mein Weg.
Ich fuhr nach Hause, googelte den Arzt, ein Endokrinologe mit gutem Ruf. Er operierte in Zürich in der Klinik Hirslanden. Sofort schrieb ich ihm eine E-Mail. Es war Juli, er war gerade im Urlaub. Im August schrieb er mir zurück, wir vereinbarten einen Termin. Ich ging hin, liess mich untersuchen und beraten. Er meinte, das machen wir beide gemeinsam. Alleine die Vorbereitung dazu war ein langer, mühsamer Weg. Wir haben es gemeistert. Am 25. Januar des darauffolgenden Jahres war meine OP. Schnell habe ich sehr viel abgenommen. Im März hatte ich dummerweise einen Bandscheibenvorfall, ausgelöst durch den raschen Gewichtsverlust. Mein Körper, die Muskeln kamen gar nicht mit, so schnell ging es.
Mein Liebster hat alles mit mir mitgemacht, stand hinter mir, unterstützte mich in allem. Er war immer für mich da, als Mensch, Partner, finanziell, im Alltag – einfach grossartig. Zwei Jahre später hatte ich eine akute Gallenkolik und innerhalb weniger Stunden wurde meine Gallenblase notfallmässig entfernt.
Es kam der Tag an dem herauskam, dass mein Partner sich ein Nebengeräusch zugelegt hatte. Man stelle sich das vor, er hatte mich betrogen, ich merkte es nicht. Er hatte nicht mal so viel Rückgrat, mir dies selbst zu sagen. Ich spürte es, weil von ihm keine Nähe, keine Zärtlichkeit, keine Innigkeit mehr da war. Ich habe ihn direkt gefragt, ob er eine andere hätte. Ja das hätte er, doch das bedeute nichts, lieben würde er mich und nicht sie. Das bitterste daran war die Begründung. Er wolle keine schlanke Frau, er würde auf dicke Frauen stehen.
Das wusste ich nicht. Das hat er mir so nie gesagt. Es war sogar noch perfider. Er verpackte seine Unlust in Erklärungen. Dass ihm, die durch die grosse Gewichtsabnahme entstandene, überzählige Haut an mir, nicht gefalle. Dass jetzt nichts mehr prall und straff war. Dass ich nicht mehr gut riechen würde. Er ging sogar so weit, dass er mir angeboten hatte, die Kosten für eine Operation zu übernehmen, falls die Krankenkasse diese nicht bezahlen würde. Weil er wisse, wie sehr ich unter meinem Busen und der vorigen Haut litt. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Frau hatte. Was habe ich dumme Kuh gemacht? Ich liess eine Bauchdeckenstraffung und Brustverkleinerung über mich ergehen. Natürlich hatte ich es auch für mich gemacht. Aber wegen ihm hätte ich mir den ganzen Aufwand, die Schmerzen, die Komplikationen sparen können. Du glaubst es nicht, während der ganzen Genesungszeit hat er für mich gesorgt, hat mir täglich die Verbände gewechselt, weiterhin alles für mich gemacht. Um abends dann zu seiner neuen Flamme abzurauschen. Es war so widerlich.
Wie auch immer. Es half alles nichts. Ich musste mir eingestehen, dass ich wegen einer Äusserlichkeit nicht mehr in sein Schema passte. Ich habe bei dieser Trennung furchtbar gelitten. Es war kaum auszuhalten. Es ging mir so miserabel, dass ich nur noch 68 Kilo wog. Kurze Rückblende, bei der Bypass OP war ich 118 Kilo schwer. Da sprachen mich sogar nicht nahestehende Personen an, dass ich schlecht aussehe.
Es war eine ganz schwierige Zeit, es fiel alles zusammen. Zur selben Zeit war Corona Lockdown, also Arbeitslosigkeit und oben drauf noch diese Trennung. Ich war fast nur alleine zu Hause. Ich konnte kaum mehr essen. Was immer ich versuchte, ich konnte nichts herunterwürgen. Um nicht zu verhungern, trank ich nur noch Säfte und Shakes. Es war schlimm, ich finde gerade keine passenden Worte.
Heute kann ich sagen, das alles musste passieren. Damit ich vieles über mich lernen konnte. Damit ich heute bin wer und wie ich bin. Dass ich heute zu mir stehen kann. Egal ob ich zehn, zwanzig oder siebzig Kilo zu viel auf der Waage habe. Manchmal wirft es mich noch in meine alten Muster zurück. Zum Glück nicht mehr oft. Ich habe so viel Arbeit in meine Themen gesteckt, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Ich habe Bücher gelesen, Therapien gemacht. Ich habe Briefe an meine Eltern geschrieben, an meinen Ex, um sie danach zu verbrennen. Eines Sonntags habe ich alle Briefe mitgenommen um sie an einem Fluss zu verbrennen. Obwohl ich drei Feuerzeuge dabeihatte, entzündete sich kein Feuer. Als ob es nicht sein sollte. So lief ich wieder nach Hause, nahm ein heisses Bad. Als ich mich aufgewärmt hatte zog ich wieder los an den Fluss und dann klappte es. Ich verbrannte die Briefe und übergab die Überreste dem Fluss. Dabei habe ich furchtbar geweint, so sehr wie selten. Das Loslassen hatte in mir unglaublich viel bewegt. Doch es war gut.
Danach zog ich bei ihm aus und fand glücklicherweise sofort eine neue Wohnung. Es überraschte ihn, dass ich so ratzfatz ging. Wir hatten anfänglich noch Kontakt miteinander, doch das tat mir nicht gut. Ich konnte weiterhin kaum essen und war ein Schatten meiner selbst. Erst mit mehr Abstand, erholte ich mich langsam. Mit der Unterstützung meines Arztes konnte ich langsam wieder anfangen normal zu essen. Ich spürte, ich muss den Aargau verlassen. Ich muss mich komplett lösen, um mich wieder ganz zu fangen. Neu anfangen zu können. Deshalb zog ich zurück ins Zürcher Unterland. Neue Wohnung, neues Leben, neuer Job.
Was geschah? Ich nahm wieder zu. Ich konnte wieder essen, essen, essen und noch mehr essen. Herrlich! Ich hätte den ganzen Tag problemlos essen können. Ohne irgendwelche Nebenwirkungen, die es mit einem Bypass oft gab. Was sich plötzlich einstellte waren Krämpfe und Schmerzen am ganzen Körper. Ganz furchtbar langanhaltende Krämpfe. Das Einzige was etwas half war Magnesium.
Das Gewicht ging nur noch rauf. Wie früher. Egal ob ich ass oder nicht. Als hätte es ein Eigenleben, das nicht von Nahrung gesteuert wäre. Als hätte der Körper vergessen, dass er einen Bypass hatte und auf Zunahme programmiert war. Die alten Muster und körperlichen Vorgänge waren wieder voll da. Das neue Programm gelöscht. Da konnte ich auch weiteressen, weil sowieso nichts mehr half zum abnehmen.
Ich wusste, ich musste etwas unternehmen. Ich besprach das Thema mit meiner Frauenärztin, die mir empfahl, Ozempic zu spritzen. Viele Leute um mich herum spritzen Ozempic und ich wusste, dass wäre niemals etwas für mich. Da ziehe ich den Bypass tausendmal vor. Ich vereinbarte einen Termin im Spital Bülach, um mich beraten zu lassen. Das war ein Reinfall. Die Pflegefachfrau sah mich mitleidig an, schickte mich auf die Waage, nahm mir Blut. Danach sagte sie, es ist ganz einfach, machen Sie mehr Sport und essen sie weniger. Halllooo????? An diesem Punkt war ich schon viele Jahre zu vor und wusste, DAS ist NICHT die Lösung. Ich fühlte mich total unverstanden und fand ihr Verhalten sehr unprofessionell. Von einem Adipositas Zentrum erwarte ich mehr, viel mehr. Es ist bekannt, dass es sehr lange geht, bis sich ein Patient dorthin wendet. Das Ganze war mit vielen Gefühlen und Scham behaftet. Das versteht nur, wer es erlebt hat.
Ich schaute sie an und sagte ihr, ich habe das alles schon zigfach durchlaufen. Testen Sie bitte mein Blut und ich hätte gerne eine Magenspiegelung. Die Spiegelung wurde mir verweigert. Der Bericht zeigte, dass mein Blut in Ordnung war, es lag zynischerweise noch eine Überweisung für die Ernährungsberatung mit dabei. Das war der Gipfel der Frechheit. Drei Monate später könne ich mich wieder melden. Nein – ich habe doch gelernt, dass ich mir jetzt wichtig bin und auf mein Gefühl vertrauen darf. So schrieb ich dem Spital Limmattal, um einen Termin zu vereinbaren. Umgehend kam die Antwort, ich solle meine Akten einsenden und würde einen Besprechungstermin erhalten. Dann ging alles ganz schnell. Eine Woche später war ich dort. Ich wurde professionell untersucht inklusive Magenspiegelung und Bauch CT. Der Arzt war entsetzt über die Reaktion des Spital Bülach. Er nahm mich ernst, für ihn war klar, das etwas nicht stimmte. Es könnte nicht sein, dass ich wieder normal essen konnte mit einem Bypass. Man weiss, dass nach etwa 10 Jahren manchmal eine kleine Re-OP nötig ist, um den Mageneingang nochmals etwas zu justieren.
Nach der Auswertung besprach der Arzt mit mir die Resultate. Er habe etwas gefunden. Wir konnten den Termin für die Re-OP vereinbaren.
Die OP habe ich jetzt hinter mir, man hat den Eingang justiert der ums doppelte grösser geworden war und hat eine Mesolücke gefunden. Eine Mesolücke ist eine Operationslücke, die oft nach Baucheingriffen wie einem Magenbypass entsteht. Durch diese Öffnung können Dünndarmschlingen rutschen. Das führt zu einer gefährlichen Klemme oder Verdrehung des Darms (innere Hernie). Im Schlimmsten Fall kann so etwas tödlich enden. So viel zum Thema essen sie weniger und treiben mehr Sport.
Ich bin jetzt sechs Wochen nach der OP und sechs Kilo leichter. Mein persönliches Ziel ist 78 Kilo zu erreichen, dann wäre ich zufrieden. Ich möchte kein schlankes Püppi sein, das wollte ich nie. Ob ich dies erreiche, wird sich zeigen. Das schönste ist, dass ich nicht mehr von diesen grässlichen Krämpfen geplagt bin. Der Arzt erklärte mir, dass ich vorher keine Mineralien mehr aufnehmen konnte, als wäre ich ein Durchlauferhitzer. So kam ich in einen grossen Mangel und der löste die Krämpfe und Schmerzen aus.
Ich habe mich durch die Gewichtsabnahme nicht verändert. Das kann man nicht von allen Betroffenen behaupten. Ich bin dankbar für das was ich bin, was ich erreicht und geschafft habe.“
„Vielen herzlichen Dank, liebe Evelyn für Deine Offenheit und Deine Geschichte. Ich weiss, was Dein Weg bedeutet. Magst Du mir noch Dein Lieblingszitat verraten?“
„Wer im Regen nicht mit mir tanzt, hat mich bei Sonne nicht verdient.“