Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, das Bänkli steht gäbig im Schatten. Hier treffen wir uns. Elisa möchte sich etwas von der Seele reden. Wenn ich diesen Satz höre, werde ich hellhörig. Denn Uf em Bänkli mit… ist eine Plattform um Geschichten zu erzählen, eigene oder von jemand anderem.
Mir ist bewusst, der Grat ist schmal. Es kann sehr befreiend oder belastend sein, eine Geschichte zu erzählen. Vor allem wenn es die eigene ist. Vielleicht schlummert sie schon lange in einem und man trägt sie über Jahre in sich. Es darf aber nicht sein, dass das Bänkli eine Fachperson, einen Therapeuten ersetzt. Im Ansatz vielleicht ein ganz kleines bitzeli. Weisch, so chli Chuchi Psychologie, aber niemals mehr.
Ich entscheide, mich auf Elisa und ihre Geschichte einzulassen.
„Weisst Du, noch heute fühle ich mich mitverantwortlich und schuldig was vor zwei Jahren geschah. Heute ist mir bewusst, dass dies falsch ist. Trotzdem begleitet mich dieses Ereignis und kommt mir immer wieder mal hoch.
Ich habe voller Freude und Euphorie eine neue Stelle bei einer Lebensversicherung angetreten. Es gefiel mir dort sehr gut. Diese Branche war seit meiner Ausbildung die richtige Wahl. Das Team war freundlich, offen, die Atmosphäre locker. Meine Vorgesetzte war eine tolle Frau im besten Alter und durch nichts zu erschüttern. Sie war fair und hilfsbereit, der Lohn gut, was wollte ich mehr?
Meine dreimonatige Probezeit neigte sich dem Ende zu, ich hatte nur noch zwei Wochen vor mir, bis sie vorbei war. Von meiner Seite her war es klar. Wenn man mit mir so zufrieden war wie ich mit dem Job und der Firma würde ich gerne weiterhin dort arbeiten.
Eines Morgens rief ein Kunde an, wegen der Auszahlung seiner Rentenversicherung. Da ich noch nicht sattelfest in allen Themen war, bat ich, ihn zurückrufen zu dürfen. Ich wollte erst alles sauber abklären und ihm danach antworten. Da meinte er, das sei nicht nötig. Er wolle uns nur mitteilen, dass er die Auszahlung nicht mehr beantrage, da er sich nach diesem Telefongespräch umbringen würde. Er sässe in der Badewanne mit einer geladenen, entsicherten Pistole.
Wie bitte? Mein Hirn schaltete in den Notfallmodus, ich bekam heisse Wangen und feuchte Hände. Ok, ok, Elisa jetzt ruhig bleiben und klar denken was Du zu diesem Thema gelernt hast. Einen kühlen Kopf bewahren, die direkte Vorgesetzte informieren, welche die Polizei aufbietet. Uns Sachbearbeitern war das gemäss einer internen Weisung nicht erlaubt.
Genau so machte ich es, versuchte ihn so lange wie möglich ins Gespräch zu verwickeln und versprach ihm, mich umgehend zurück zu melden. Sofort rief ich meine Chefin an und erklärte die Situation. Mein Herz schlug wie wild und ich betete, dass sie sofort handeln würde.
Weit gefehlt! Sie lachte nur und sagte: Ach Elisa, sei doch nicht so naiv, solche Anrufe haben wir oft. Wir können nicht jedes Mal die Polizei hinschicken, nur weil sich wieder ein Psycho einen Scherz mit uns erlaubt. Du weisst, Du darfst selbst nichts unternehmen, also geh wieder zurück an die Arbeit und vergiss das ganze.
Nein! Das konnte und wollte ich nicht. Ich erzählte ihr nochmals akribisch genau, was der Mann zu mir gesagt hatte, jedes Detail. Ich hatte seine traurige Stimme im Ohr, sein schweres Seufzen ebenfalls. Ich fühlte seine Verzweiflung so sehr, dass ich meine Chefin anflehte zu handeln. Sie rollte die Augen und sagte mir nochmals ich solle es nun gut sein lassen und wieder arbeiten.
Ich war absolut fassungslos. Hin- und hergerissen was ich nun tun sollte. Ich war hier neu, konnte mir keinen Fehler erlauben. Doch da war dieser Mann der sich töten wollte. Man muss sich das mal vorstellen, er wollte sich in der Badewanne erschiessen. Das war nicht irgendein Scheiss Krimi im Fernseher sondern echt und jetzt. Wie paralysiert sass ich auf meinem Stuhl vor dem Computer. Tausend Gefühle und Gedanken rasten durch mein Herz und meinen Kopf. Wenn ich eigenständig handle fliege ich hier raus. Wenn ich nicht handle stirbt vielleicht ein Mensch. Mein Gott ich war 23 hatte null Lebenserfahrung und war völlig überfordert.
An diesem Tag ging ich früher nach Hause und entschuldigte mich mit Kopfschmerzen. Als ich am Abend noch einmal alles Revue passieren liess war mir klar, es gab nur eine Möglichkeit. Ich – musste – dort – raus und zwar sofort. Am nächsten Tag reichte ich meine Kündigung ein, drei Tage später war ich weg.
Den armen Mann konnte ich nicht mehr retten, aber eine Firma mit so einer Kultur wollte ich keines Falls unterstützen. Die Bewunderung und der Respekt für meine Chefin hatten sich in Luft aufgelöst. Meine Überzeugung war (und ist bis heute), so geht man nicht mit Menschen um. Selbst wenn es blinder Alarm gewesen wäre. Allein der Gedanke, dass jetzt vielleicht ein Mensch durch mein Nichthandeln gestorben war, durfte nie, nie wieder geschehen.
Ich schäme mich heute noch, auch wenn ich weiss, dass ich aus Firmensicht korrekt gehandelt habe. Dass ich viel zu jung für so eine Situation war. Dass meine Chefin mich unterstützen und das Ruder hätte übernehmen müssen. Es wäre ihre verdammte Pflicht und Aufgabe gewesen. Sie war es, die keine Verantwortung übernahm und damit die Weichen stellte. Für diesen verzweifelten Mann und auch für mich.
Dort, wo ich herkomme, trägt man Sorge zueinander. Die ältere Generation wird unterstützt und respektiert. Wer in Not ist, dem wird geholfen. Man steht zusammen, ist füreinander da. Mit diesen Grundwerten wurde ich erzogen.
Leider habe ich die Nachricht über seinen Tod noch miterlebt. Das hat mich zutiefst erschüttert. Ich konnte deswegen lange kaum in den Spiegel blicken. “
Wir sitzen schweigend nebeneinander. Langsam nehme ich ihre Hand in meine, drücke sie kurz und lasse sie nicht los. Sie lässt es geschehen, ein tiefer Seufzer kommt aus ihrer Kehle, eine einzige, dicke Träne kullert über ihre Wange. So bleiben wir noch einen Moment beieinander. Dann sagt sie nur: „Danke.“ Ich bin froh, dass ich mir die Zeit für Elisa und ihre Geschichte genommen habe. „Ich habe Dir zu danken.“ antwortete ich ihr.