Uf em Bänkli mit Jakobs Frau (90) – in Höngg

Es ist eine sehr alte, schöne Geschichte die mir Jakobs Frau erzählt hat. Wir sitzen gemütlich auf einer Holzbank im Grünen. Sie ist tiefenentspannt und lässt sich beim erzählen alle Zeit der Welt.

„Der Vorname meines Mannes war Jakob. Er war ein guter, ein braver Ehemann…“ beginnt sie und ein verklärtes Lächeln erscheint auf ihrem runzeligen, liebenswerten Gesicht.

„Er hat sein ganzes Leben lang am gleichen Ort gearbeitet, im Büro in Zürich. Obwohl er viel lieber etwas anderes gelernt hätte, so gescheit wie er war. Stell Dir vor, er beherrschte vier Sprachen in Wort und Schrift. Es war halt damals eine andere Zeit, man konnte nur selten wählen und war dankbar überhaupt eine Arbeitsstelle zu bekommen. Jögg, wie wir ihn alle liebevoll nannten war ein sehr ruhiger, zufriedener, fleissiger und bescheidener Mann. Wir passten hervorragend zusammen. Ich war die laute, quirlige. Der Fleiss und die Bescheidenheit jedoch waren uns beiden gegeben.

Während er in jeder freien Minute las, habe ich im Garten gewerkelt, gekocht, gebacken, genäht, gebastelt. Meine Hände waren nie ruhig und mein Mundwerk ebenso selten…“ sprudelt es aus ihr heraus. Sie muss selber lachen, als sie sich so beschreibt.

„Merkst Du, wenn ich anfange zu reden, dann hört es fast nicht mehr auf. Was Jögg und ich unser Leben lang waren – immer für alle und jeden da. Wir hatten stets ein offenes Ohr, eine offene Türe und wer mit seinen Sorgen und Nöten zu uns kam, dem wurde geholfen. Und ich meine immer. Oft sass jemand mehr am Esstisch, das Gästezimmer wurde gern und oft genutzt. Auf unserem Wohnzimmersofa wurden viele Geschichten erzählt und Tränen getrocknet.

Eines Tages, Jögg war bei der Arbeit und ich zu Hause am Wäsche bügeln. Bis heute weiss ich noch ganz genau was auf dem Bügelbrett lag. Eines unserer unzähligen schneeweissen Leintücher. Ich liebte es zu bügeln, jaja Du musst mich gar nicht komisch ansehen. Es war für mich eine beruhigende, meditative Arbeit die sowieso getan werden musste. Am Schluss war alles akkurat, Naht auf Naht und platt. Das liebte ich. Heute würde man mir deswegen wahrscheinlich eine Neurose oder einen Knacks diagnostizieren. Wie auch immer.

Ich bügelte also hingebungsvoll, da schrillte das Telefon. Ja, weisst Du früher schrillten diese Dinger tatsächlich. Es waren klobige Geräte, entweder an der Wand befestigt, oder auf einer Ablage. Sie hatten die hässlichste Nicht-Farbe von vergilbtem Weiss, dazu dieses störrische Spiralkabel mit dem man sich maximal 50 Zentimeter vom Apparat wegbewegen konnte.

Genervt stellte ich das Bügeleisen zur Seite, nahm den Hörer von der Wand, meldete mich mit meinem Namen. Aus dem Hörer kam kein Ton. Noch einmal nannte ich meinen Namen und fragte wer anrufe. Da hörte ich einen verzweifelten Seufzer und ein unterdrücktes Schluchzen. Oha, dachte ich. Das beruhigende Bügeln kann ich wohl für den Moment vergessen. Ich fragte noch einmal nach, wer denn am anderen Ende sei. Ich bekam keine Antwort aber eine männliche Stimme fragte mich ob Herr Jakob hier sei. Nein, der sei bei der Arbeit und erst am Abend wieder hier antwortete ich. Er müsse ihn aber dringend sprechen, jetzt sofort. Ich wiederholte mich und entschuldigte mich für Jakobs Absenz. Ob ich denn irgendwie helfen könne oder etwas ausrichten fragte ich. Nein, es sei ganz dringend und gehe um Leben und Tod.

Da wurde ich doch etwas stutzig und somit gleich freundlicher. Was solls, das Bügeln kann warten. Da war jemand ganz offensichtlich emotional in Not. Der Mann am anderen Ende wollte sich verabschieden. Seine Stimme klang so traurig und verzweifelt dass ich ihm sofort ins Wort fiel. Nein, bitte nicht auflegen sagte ich zu ihm. Auch wenn Jakob nicht hier ist, ich habe Zeit für sie. Vielleicht kann ich ihnen ja helfen oder etwas Gutes tun. Es war eine Weile still, ich hörte ihn atmen. Gott sei dank, er hatte nicht aufgelegt. Ich liess ihm die Zeit, die er brauchte um sich zu sammeln. Dann begann er zu erzählen. Nach zehn Minuten endete er mit den Worten, deshalb hätte er Herr Jakob gesucht. Weil er nicht mehr weiterwisse und sein Leben nun beenden wolle. Er sähe keinen Sinn mehr und auch keine Lösung. Herr Jakob sei immer so gut zu ihm gewesen, geduldig, hätte ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Da hätte er gehofft, vor dem Ende noch einmal mit ihm zu reden.

Verdammt, dachte ich. Ich musste ihn irgendwie dazu bringen weiter zu reden, bis mir etwas einfällt um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Ich kannte seinen Namen nicht, ich wusste nicht wer und woher er war oder wohnte. Ich wusste nichts. Ausser seiner sehr tragischen Geschichte. Ich erkannte seinen Schmerz und seine Verzweiflung.

Ich bat ihn, mir zu erzählen woher er Jögg kannte. Er nahm glücklicherweise meine ausgestreckte Hand. Er erklärte mir, dass er noch nie im Leben einem so tollen, menschlichen, wertfreien und offenen Pfarrer begegnet sei. Er fände, er sei es Herr Jakob schuldig ihm mitzuteilen, dass er sich heute umbringen und erlösen werde. Er fände es nicht fair, sich nicht von seinem Lieblingspfarrer zu verabschieden.

Pfarrer? Mein Jögg? Wohl eher nicht. Das war wohl eine fatale Verwechslung. Der arme Mann hatte sich in der Nummer verwählt und ich habe es nicht bemerkt, weil ich den Namen Jakob mit meinem Jögg in Verbindung brachte. Was nun?

Ich schlug ihm vor, dass er mir mehr von seinem Schicksal erzählen solle. Dass ich gerne stellvertretend für Herr Jakob zuhören wollte. Das wäre sicher auch im Sinne des Herrn Pfarrers. Ich klärte ihn nicht über die Verwechslung auf, ich war überzeugt, dann würde er das Gespräch umgehend beenden.

Langer Rede kurzer Sinn, zwei Stunden später, mit glühendem Ohr, heissen Wangen, Tränen in den Augen und etwas mutlos fragte ich ihn was ich für ihn tun dürfe. Ob er sich etwas von mir wünschte.

Da wendete sich das Blatt und er sagte zu mir: danke, vielen, vielen herzlichen Dank, dass Sie mir zugehört haben. Sie sind genau wie Herr Jakob. Gütig, geduldig und eine fantastische Zuhörerin. Mit einem Mal ist mir etwas leichter ums Herz. Alle meine Probleme sind immer noch da, aber sie erdrücken mich nicht mehr mit dieser Wucht wie vor zwei Stunden. Bitte richten Sie Herr Jakob auch meinen innigsten Dank aus und ich verspreche, mein Vorhaben nicht in die Tat umzusetzen. Gerne melde ich mich in einigen Tagen bei Herr Jakob, wenn ich mich etwas gesammelt und beruhigt habe. Gott segne Sie, Sie sind ein wunderbarer Mensch. Und grüssen Sie ebenso herzlich Herr Jakob.

Da sass ich nun und staunte. Irgendetwas in mir drin sagte mir, dass er mich nicht anlog. Dass er weiterleben wollte.

Selbstverständlich kam dieser Anruf nie zu uns. Denn er hatte sich ja in der Nummer vertan. Ich bin bis heute der Überzeugung, dass es ihm ernst war, am Anfang und am Schluss des Gespräches. Dass er sich später bei Pfarrer Jakob gemeldet hatte, und dieser ihn weiter auf seinem schwierigen Weg belgeiten konnte. Ich habe es nie erfahren.

Jögg habe ich diese Geschichte nie erzählt, sie war so traurig und ich wollte ihn damit nicht belasten. Es musste wohl so sein, dass ich genau dann zu Hause war, als dieser Anruf kam.“

Jakobs Frau und ich sitzen eine Weile ganz still nebeneinander, jede in die eigenen Gedanken und Gefühle vertieft.

„Danke vielmals für diese berührende Geschichte. Ich teile Deine Meinung, es fühlt sich sogar nach so vielen Jahren beim Zuhören an, als hättest Du ihn von seinem Vorhaben abgebracht.“

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