Uf em Bänkli mit Thomas K. (46) – in Dübendorf

Thomas und ich sitzen bei Sonnenschein und über 30 Grad im Schatten schwitzend auf einem Bänkli. Schön, nimmt er sich trotzdem die Zeit und erzählt mir seine Geschichte. Ich kenne Thomas als einen fröhlichen, lebensbejahenden Mann im besten Alter. Das bewundere ich an ihm immer wieder, denn er hätte einen guten Grund anders zu sein. Heute wirkt er ernster als sonst.

„Es beginnt im Jahr 2011. Damals habe ich Silvia kennen gelernt. Unser erstes Date war am Tag der „kalten Sophie“ in Rapperswil. Wir trafen uns um etwas trinken zu gehen. Lustigerweise sagte sie zu mir, wenn sie mit einem Mann eine Beziehung eingehen würde, hätte sie folgende Grundbedingungen: Keine Katzen, kein Motorrad, kein Zürcher, kein Raucher. Kurz zusammengefasst ich passte zu 100% nicht in ihr Beuteschema. Ich war zum vornherein schon untauglich.

Dennoch trafen wir uns ein zweites Mal. Ich bekam tatsächlich noch eine Chance. Sie startete den ultimativen Testlauf mit mir, nämlich einmal kreuz und quer durch IKEA. Das war ihr Männertest. Offenbar habe ich auch diesen bestanden, denn danach gingen wir gemeinsam ins Kino. Dort gab es dann auch den ersten Fischkuss“.

„Fischkuss?“

„Ja weisch, so mit gspitzte Lippe, sölli sölli nöd und ganz oberflächlich.“

„Alles klar.“

Wir lachen beide lauthals…

„Es gab ein drittes Date zum brunchen ganz unromantisch im Restaurant der Autobahnraststätte Glarnerland. Danach flüchteten wir vor dem Regen entlang des Zürichsees und landeten in Zürich. Dort besuchten wir eine Vorstellung des Zirkus Knie. Am Abend fuhr ich sie nach Freienbach wo sie wohnte. Ich durfte sie aber nicht direkt vors Haus fahren, sondern musste sie eine Strasse vorher aussteigen lassen. Denn ihre Eltern wohnten im Haus nebenan und waren oft draussen. Sie wollte nicht von Ihnen ertappt werden, dass sie in meiner Begleitung war.

Ab dann waren wir ein Paar.

Seit längerem hatte sie eine Florida Reise mit Freunden und ihrem (mittlerweile) Expartner geplant. Alles war organisiert und bezahlt. Sie wollte diese Reise noch machen, ohne Ex, aber mit ihren Freunden. Sie war dann zwar das fünfte Rad am Wagen, trotzdem verbrachte sie tolle Ferien in Amerika. Um in Kontakt zu bleiben haben wir oft telefoniert und unzählige Whatsapp ausgetauscht.

Sie kam zurück in die Schweiz und wir blieben ein Paar. Für uns war alles klar, wir passten zusammen und liebten uns.

Silvia wohnte nun alleine in der Wohnung, die sie vorher mit ihrem Expartner geteilt hatte. Die Wohnung war für die dortigen Verhältnisse günstig, aber für sie alleine zu teuer. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt auch noch in der Wohnung, die ich mit meiner Exfrau geteilt habe. Diese konnte ich mir glücklicherweise auch alleine leisten. Wir beschlossen bald, zusammen zu ziehen. Entweder es funktioniert, oder eben nicht. Sie zog zu mir und hatte nun täglich einen längeren Arbeitsweg zur KITA in Oberarth wo sie arbeitete. An dieser Arbeitsstelle musste sich noch bleiben, da man ihr eine Ausbildung finanziert und sie verpflichtet hatte. Irgendwann konnte sie dann kündigen und fand in Uster eine neue Stelle in einem KITA Hort. Das bedeutete einen viel kürzeren Arbeitsweg für sie.

Wir waren glücklich und zufrieden in der gemeinsamen Wohnung jedoch waren wir beide der Meinung, dass es längerfristig etwas anderes sein sollte. Eine Wohnung in der niemand Altlasten mitbringt und die sich jeder von uns auch ohne den anderen leisten konnte, falls es zu einer Trennung kommen würde.

2012 erkrankte meine Mutter schwer. Die Diagnose war ein malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs). Silvia war mir und meiner Mutter in dieser Zeit eine riesige Stütze. Schon bald darauf im Juli 2012 starb meine Mutter.

Nach dem Tod meiner Mutter konnten wir uns vorstellen, in deren Eigentumswohnung zu ziehen. Meine Schwester lebte in England und ich hatte keinen Bezug zu dieser Wohnung, da ich nie darin gewohnt habe. Wir setzten den Plan in Wirklichkeit um. Die Bank gab grünes Licht für die Finanzierung, ich zahlte meine Schwester aus und wir zogen im September 2012 ein.

Im Laufe des Jahres 2013 beklagte sich Silvia über einen störenden Schatten im Auge. Sie vereinbarte einen Termin beim Augenarzt. Dieser diagnostizierte ihr eine Augenmigräne. Zur Sicherheit wurde jedoch trotzdem noch ein MRI gemacht. Da wurde auch etwas entdeckt. Zuerst wurde vermutet, dass die Hirnanhangdrüse die Ursache sein könnte, was auf MS gedeutet hätte. Das war es dann aber nicht. Nach diversen weiteren Untersuchungen in der Augenklinik der UNI Zürich stellte sich heraus, dass sie ein Aderhaut Melanom im Auge hatte. Ein Aderhautmelanom ist ein seltener, bösartiger Tumor im Auge. Er entsteht aus Pigmentzellen der Aderhaut. Diese versorgen das Auge mit Blut. Der Tumor ist der häufigste Augenkrebs bei Erwachsenen. Dieses Melanom ist sehr nah verwandt mit dem malignen Melanom (an dem meine Mutter starb), hat aber ganz andere Ursachen. Das maligne Melanom wird häufig von zu viel Sonne, Sonnenbrand etc. begünstigt. Die Herkunft des Aderhaut Melanom ist meist unklar. Die Behandlung und die Folgen sind jedoch sehr nah beieinander.

Es gab in der Schweiz eine Klinik, die diese Krebsart behandelte und die war leider nicht in Zürich sondern in Lausanne. Ganz Europa reiste dorthin um sich behandeln zu lassen, weil dort die absoluten Koryphäen und Spezialisten arbeiteten. In dieser Augenklinik werden alle Termine auf morgens um neun Uhr vereinbart, die Wartesäle sind voll. Dann wird ein Termin am anderen abgearbeitet, es machte jeweils den Anschein einer Massenabfertigung. Wenn man dort einen Termin bekam, war man den ganzen Tag beschäftigt. Da folgt ein Untersuch dem nächsten. Den Professor sieht man erst zum Schluss am Abend, wenn er alle Ergebnisse erhalten hat. Dann macht er höchst persönlich noch einen Augen Ultraschall. Er entscheidet, ob eine Bestrahlung des Tumors (noch) möglich ist, oder ob das erkrankte Auge entfernt werden muss. Der Tumor selbst kann nicht entfernt, sondern nur bestrahlt werden. Wenn irgendwie möglich, wird versucht zu bestrahlen.

Da dieser Tumor oft auf die Leber übergeht, werden noch CT’s und weitere Untersuche gemacht um dies auszuschliessen. Leider waren bei Silvia dort bereits Schatten sichtbar. Sie stellten sich glücklicherweise als ungefährliche Blutschwämme heraus. Die gute Botschaft war, dass der Professor grünes Licht für die Bestrahlung gab, ohne dass Silvia ein Auge verlieren würde.

Silvia reiste kurz darauf mit dem Zug wieder nach Lausanne. Da wurden ihr in einer schmerzhaften Operation Tumormarker aufs Auge genäht. Das sind kleine Metallplättchen, die den Umriss des Tumors anzeigen, damit dieser auf dem Röntgenbild gut ersichtlich ist. Am nächsten Tag durfte ich sie wieder nach Hause holen. Für die folgende Bestrahlung fuhren wir für eine Protonentherapie (Bestrahlung) ins Paul-Scherrer-Institut nach Villigen. Diese Therapie ist eine sehr komplexe, zeit- und kostenintensive Bestrahlungsform. Dieses Zentrum für Protonentherapie ZPT ist bis heute die einzige Einrichtung in der Schweiz, die diese Art der Behandlung von Krebserkrankungen anbietet.

Die Behandlung dauerte eine Woche. Am Montag fand der Probedurchlauf statt, Dienstag bis Freitag wurde täglich bestrahlt. Ihre Eltern, Schwester und ich haben sie täglich abwechslungsweise nach Villigen und wieder zurück nach Hause gefahren.

Nach einer gewissen Zeit fuhren wir wieder nach Lausanne in die Klinik. Es wurde ein PET CT gemacht um diverse Organe wie die Leber, Lunge etc. zu untersuchen. Es ist bekannt, dass diese Tumorart gerne in diese Organe streut. Zum Glück wurde bei Silvia nichts Auffälliges gefunden. Man kann sich vorstellen, wie gross die Erleichterung bei uns allen über diesen positiven Befund war. Jährlich wird dieses PET CT des ganzen Körpers wiederholt um allfällige Ableger frühzeitig erkennen zu können. Das war natürlich auch bei ihr der Plan.

Silvia ging es nach der Operation und der Bestrahlung gut. Sie brauchte keine Chemotherapie oder weitere Behandlungen, einzig die jährlichen PET CT’s.

Eine erneute Veränderung stand an. Es wurde entschieden, dass die KITA, wo Silvia arbeitete, geschlossen wird. Bereits vor einigen Jahren hegte Silvia den Wunsch sich mit einer Kollegin mit einer eigenen KITA selbständig zu machen. Das scheiterte jeweils an den Finanzen. Nicht so dieses Mal. Sie konnten der alten KITA die gesamte Einrichtung für einen symbolischen Franken abkaufen.

Sie durften alle Kinder übernehmen und dank der Unterstützung einer Stiftung konnte das Projekt umgesetzt werden. Sie konnten sofort aktiv starten und sich sogar von Anfang an einen Lohn auszahlen.

An Pfingsten 2013 fuhren wir gemeinsam nach München und besuchten unser zweites gemeinsames Bon Jovi Konzert. Das erste sahen wir damals einen Tag vor Ihrer Reise nach Florida. Danach verbrachten wir wunderbare, erholsame Tage in der Steiermark. Silvia und ich genossen diese Reise sehr, auch wenn ich immer Autofahren musste. Da sie zu dieser Zeit erst über ca. 60% Sehkraft verfügte, konnte sie noch nicht Autofahren.

Nach dieser Reise entschied sie sich, dass sie auch Töff Fahren lernen wolle. Sie beantragte im Frühjahr 2014 den Lernfahrausweis und das Abenteuer begann. Nach unzähligen gemeinsamen Übungsfahrten bestand sie im September die Fahrprüfung beim ersten Mal mit Bravour. Sie freute sich riesig darüber und ich war sehr stolz auf sie.

Danach überschlugen sich die Ereignisse. Ein weiteres PET CT war fällig. Dabei wurden Ableger auf der Leber entdeckt. Trotz diesem Befund machten wir noch eine bereits geplante Reise mit Freunden nach Istanbul. Das hat uns beiden gutgetan.

Danach ging es los. Wie würde sie ab jetzt behandelt und wie würde es weiter gehen? Silvia hatte das Glück, im Uni Spital in der Onkologie untergebracht zu sein. Dies obwohl eigentlich die Dermatologie dafür zuständig gewesen wäre, da dieser Tumor eben eng verwandt mit dem schwarzen Hautkrebs ist. Silvia hatte sich mit Händen und Füssen gegen die Dermatologie gewehrt, weil zwei Jahre zuvor meine Mutter dort starb. Die Behandlung wurde vom Chefarzt geleitet, dieser war glücklicherweise bilingue und im engen Austausch mit der Klinik in Lausanne. Er kannte die Ärzte dort sehr gut. Diese wiederum versicherten Silvia, dass sie bei Professor Stupp in allerbesten Händen sei. Es ging sogar so weit, dass er ihr manchmal aus den Ferien schrieb um sich nach ihr zu erkundigen.

Ihre behandelnden Ärzte haben vorgeschlagen es mit einer Immuntherapie zu versuchen. Eine Immuntherapie ist nicht eine Chemo im eigentlichen Sinn. Es wird nicht das ganze Immunsystem auch noch runtergefahren. Die Therapie schlug leider nicht an. Man beruhigte sie, auch wenn die Therapie nicht gewirkt hätte, könne es jeden Tag ein neues Medikament auf den Markt kommen das wirken könnte. Die Forschung dazu war in vollem Gange.

Silvia entschieden sich, es doch mit einer Chemo zu versuchen. Das war der Moment, wo sie nebst der Schulmedizin auch andere Wege und Möglichkeiten ausprobierte. Zum Beispiel mit einem Medium. Sie kam in eine Gruppe wo ich anfänglich sehr skeptisch war. Doch ich merkte, wenn es ihr gut tut, dann war es auch für mich gut. Sogar ich ging einige Male zu diesem Zirkel. Sie versuchte es auch noch auf dem anthroposophischen Weg. Ganz kurz begab sie sich auf den Pfad der Geistheilung. Da war ich aber nicht bereit dafür. Ich sagte ihr, sie könne das machen, aber dann könne ich ihr keine Stütze sein wie bis anhin. Da konnte ich nicht dahinterstehen. Das war ein ganz schwieriges Gespräch. Sie akzeptierte meine Meinung und liess davon ab.

Im Dezember 2014 hatten wir eine Sitzung mit den Viszeral Chirurgen im Uni Spital. Alles was auf diesem Gebiet Rang und Namen hatte war vertreten. Sie erklärten uns, aufgrund der Bilder, der Lage der vielen Ableger auf der Leber wäre allenfalls eine operative Entfernung der Ableger eine Möglichkeit. Denn die Leber ist das einzige Organ, das selbst wieder regeneriert, auch wenn man einen Teil davon entfernt. Gleichzeitig sah man, dass sie Gallensteine hatte. Diese und die Gallenblase könnte man während dieser OP entfernen. Das sei sogar für die darauffolgende Immuntherapie besser.

Der OP-Termin war Mitte Dezember geplant und bedeutete, dass sie Weihnachten im Spital verbringen musste. Das wollte sie nicht, weil sie mich nicht alleine lassen wollte über die Festtage. Ich war ganz klar der Meinung, ihre Gesundheit gehe vor. Ausserdem hatten wir noch Skiferien geplant und gebucht. Auch wenn sie nicht mehr Skifahren konnte, wollte sie diese Ferien mit mir verbringen. Die OP fand statt, wenn auch nicht wie geplant. Der Chirurg rief mich nach dem Eingriff an und teilte mir mit, dass man nur die Gallenblase und -Steine entfernt hatte. Die Leber könne man nicht mehr operieren. Es hatte bereits zu viele Metastasen. Er schlug vor wieder mit Chemo- oder Immuntherapie weiterzufahren um allenfalls zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu operieren versuchte.“

Thomas sitzt für einen Moment ganz still und in sich gekehrt da. Er ist sichtlich bewegt. Ich sehe ihn an und merke, dass er sich dessen nicht bewusst ist. Dann atmet er tief durch und erzählt weiter…  

„Silvia konnte kurz darauf nach Hause und wir sind in die geplanten Skiferien gefahren. Sylvester haben wir gemeinsam in Österreich verbracht. Ich fuhr Ski und sie ging je nach Verfassung spazieren.  

Eines Abends führten wir ein ebenfalls schwieriges Gespräch. Was passiert, wenn ich nicht mehr vom Töff Fahren heimkomme, weil ich tödlich verunglückt bin. Dann wäre ich nicht mehr da. Ich brachte es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass sie so schwer krank sei, dass ich sie mit Bestimmtheit überleben würde. Das ging einfach nicht.

Was würde mit meiner Wohnung passieren. Wir fragten Google und die Antwort war klar. Entweder ich setzte sie als Alleinerbin im Testament ein und ein kleiner Teil würde mein Vater noch erben. Das würde aber bedeuten dass, sie hohe Erbschaftssteuern bezahlen müsste. Das konnte sie sich nicht leisten, ausser wenn sie die Wohnung verkaufen würde. Das war aber nicht der Sinn und Zweck. Oder wir würden die einzige verlässliche Möglichkeit wählen, nämlich heiraten. Das klingt jetzt schrecklich unromantisch, ich weiss. Natürlich liebten wir uns. Mit einer Heirat wäre es aber noch nicht getan, wir mussten zuerst noch unsere Eltern enterben. Beide hatten wir etwas zu vererben, ich die Wohnung und sie ihren Firmenanteil. Wir liessen das Thema an diesem Abend erst mal so stehen und wirken.

Sehr bald darauf entschlossen wir uns zu heiraten. Romantik hin oder her. Wenn es für uns gefühlsmässig nicht gepasst hätte, wäre es nicht dazu gekommen.

Silvia schöpfte zu dieser Zeit wieder Hoffnung, trotz der Metastasen und wollte nach der Chemo eine erneute Immuntherapie machen. Vielleicht gäbe es ja doch schon bald neue Mittel auf dem Markt die allenfalls helfen konnten. Sie war überzeugt, dass alles wieder gut käme.

Wir begannen, die Hochzeit zu planen. Zwischen zwei Chemozyklen, haben wir am 6. März 2015 auf dem Standesamt ganz schlicht geheiratet. Sie in einem hübschen violetten Kleid, ich in Anzugshose, Sakko, Hemd ohne Krawatte. Wir hatten beide den Wunsch, einfach und ohne Schnickschnack zu heiraten und feiern. Wir luden lieber einige Gäste mehr ein, die mit uns feierten, dafür in ganz schlichtem Rahmen. Am Mittag gingen wir mit den Trauzeugen in einem Restaurant essen, das für Hochzeiten bekannt war. Danach fuhren wir mit einem Mercedes 500 SL weiter in ein Waldhaus. Dort gab es einen ausgiebigen Apéro und zum Essen Spaghetti Plausch. Das Motto war casual friday (dieser Tag war ein Freitag). Das fanden wir passend. Jeder der mit einer Krawatte ankam musste sie ausziehen oder ich habe sie ihm abgeschnitten.

Es war wunderschönes Wetter, wir haben viele tolle Fotos am See gemacht und alles sehr genossen. Obwohl Silvia bereits deutlich von ihrer Krankheit gezeichnet war, an diesem Abend merkte man ihr nicht an, dass sie in Wirklichkeit todkrank war. Die nächsten Tage musste sie sich aber schonen und erholen weil es zu viel für sie gewesen war.

Leider zeigten auch diese Chemo- und Immuntherapie nicht die gewünschte Wirkung. Das PET CT zeigte uns die traurige Tatsache. Der Professor informierte uns, dass es noch eine Möglichkeit gäbe. Eine ganz neue, in der Schweiz noch nicht zugelassene Immuntherapie. Er könne Silvia intern an die Dermatologie überweisen, dort gab es eine laufende Studie. Wir waren skeptisch. Denn in einer Studie werden auch Placebo abgegeben, das wäre in Silvias Fall fatal. Er versicherte uns, dass ihr garantiert das Medikament verabreicht würde. Die Therapie würde ambulant durchgeführt. Doch sie wollte auf keinen Fall in der Dermatologie behandelt werden. Das war zu einem Teil auch mir zuliebe, wegen der Geschichte meiner Mutter.  Ich wehrte mich vehement, weil es wirklich nur noch um Silvias Überleben ging.

Kurze Klammer auf: Meine Mutter lag damals aufgrund ihres Hautkrebses in der Dermatologie. Zum Schluss war sie nicht mehr ansprechbar. Sie wollten sie deswegen in ein Hospiz verlegen, was ich verweigerte. Für die letzten zwei, drei Tage wollte ich ihr diesen Stress ersparen. Sie hatte damals noch ein neues Buch angefangen zu lesen. Ich war der Meinung, sie könne nicht sterben, bevor sie das Buch fertiggelesen hätte. So wechselten Silvia und ich uns ab, ihr das Buch bis zu Ende vorzulesen. Auch wenn ich heute keine Ahnung mehr habe was ich gelesen habe. Hauptsache und Ziel war für mich, dass meine Mutter das Buch bis zum Schluss hören durfte. Am Tag darauf starb sie.

Meine Schwester kam extra aus England angereist und blieb bis am Sonntag Mittag bei ihr. Am Sonntag Abend kam der Anruf, sie sei verstorben. Als hätte sie noch auf das Buchende und ihre Tochter gewartet. Klammer geschlossen.“

Wieder hält Thomas einen Moment mit traurigem Blick inne…

„Silvia nahm an der besagten Studie teil, doch diese hatte ebenfalls nicht den gewünschten Effekt. Es war mittlerweile Juli 2015 und ihr ging es zunehmend schlechter. Man sah sogar von aussen, dass die Leber vergrössert war und sie litt grosse Schmerzen. Sie musste ins Spital, wieder in die Dermatologie. Es war verrückt, das Personal kannte uns beide noch, wir waren dort wohl zu oft Gast. Zuerst mit meiner Mutter und nun mit Silvia.

Wie bereits vorher erwähnt, ging sie oft zu diesem Zirkel und ich ebenfalls einige Male. Dann war es umgekehrt, das Medium des Zirkels kam zu ihr ins Spital. Sie durfte mit ihm im Sitzungszimmer einen Gesprächstermin abhalten. Diese Termine haben ihr gutgetan. Es schien sogar als würde es ihr besser gehen. Wir planten, dass sie wieder nach Hause kommen würde. Ein weiteres Gespräch mit dem Professor ergab, dass es eine weitere Möglichkeit gab. Nämlich eine zusätzliche punktuelle Bestrahlung der Leber. Das war eine ganz neue Methode aus den USA. Wir willigten ein. Dabei musste sie ganz ruhig liegen, was ihr mit den enormen Schmerzen nicht möglich war. Man musste die Bestrahlung deshalb zwei Mal abbrechen. Erst unter Narkose konnte sie durchgeführt werden. Das war ihre letzte Chance.

Nach Hause wollte Silvia noch nicht, darum ging sie zuerst in die Reha. Dann ging alles ganz schnell. Es ging ihr radikal schlechter. Ihre Nieren versagten. Sofort wurde sie ins UNI Spital zurückverlegt. Dort stellte man eine Tumorlyse fest. Das ist ein onkologischer Notfall, bei dem eine grosse Anzahl von Krebszellen rasch abstirbt und ihren Inhalt in den Blutkreislauf freisetzt. Die Nieren konnten dies nicht mehr verarbeiten und verstopften. Die Behandlung wäre die richtige gewesen. Doch es ging zu schnell und die Nieren konnten nicht mehr und versagten. Ich schlug vor, Silvia an die Dialyse anzuschliessen. Die Ärzte erklärten mir, dass dies nicht mehr möglich sei, ihr Körper sei zu geschwächt und geschädigt. Man verlegte sie wieder zurück in die Reha.

Am Samstag, 31. August 2015 war in der KITA Tag der offenen Tür. Leider konnte sie nicht mehr mitkommen. Am Abend kam ihre Geschäftspartnerin mit mir in die Reha um sich von Silvia zu verabschieden. Ich selbst weigerte mich, bereits Abschied zu nehmen. Ich hatte immer noch meine Mutter und ihren Krankheitsverlauf im Kopf. Ich war der Meinung, Silvia ginge es noch besser als meiner Mutter, sie war ansprechbar. Ich konnte und wollte mich noch nicht verabschieden, war überzeugt, dass dazu noch genügend Zeit war. Dass vielleicht ein Wunder geschehen würde, auch wenn ich nicht blauäugig war aber das gab es alles schon auf dieser Welt. Ich war überzeugt, wenn der Verlauf ähnlich wäre wie bei meiner Mutter hätten wir noch vier oder fünf Tage Zeit. Ich fuhr nach Hause. Morgens um zwei rief man mich an und teilte mir mit, dass Silvia gestorben sei.“

Thomas schweigt, in seinen Augen schimmern Tränen. Er scheint mir ganz weit weg und wieder habe ich das Gefühl, dass er sich dessen nicht bewusst ist. Einen tiefen Atemzug später…

„Ich rief ihre Eltern an und ihre Geschäftspartnerin. Morgens um sechs trafen alle bei mir zu Hause ein und wir fuhren gemeinsam zu Silvia. Am Schluss ging ich alleine zu ihr ins Zimmer um Abschied zu nehmen. Ich war traurig, noch nicht ganz dazu bereit, fassungslos.

Danach musste ich die Beerdigung organisieren, es war sehr schwer für mich. In dieser Zeit war mir der Zirkel eine grosse Stütze. Es tat mir gut, so dass ich noch bis 2016 regelmässig, wöchentlich dort hingehen konnte um zu reden.

Zu Hause passierte etwas ganz Schräges. Wir haben zur Hochzeit zwei Fliederbäume geschenkt bekommen. Nach ihrem Tod ist einer der Bäume ebenfalls gestorben. Ist das nicht krass?

Es wurde Herbst 2015 und ich wusste es musste in meinem Leben weitergehen. Ich mache jetzt eine Rückblende:

Nachdem Silvia die Töff Prüfung bestanden hatte, wollten wir unsere Hochzeitsreise mit dem Töff machen. Wir wollten zum Nordkap fahren. In einer Auswanderer Sendung haben wir so eine Reise zum Nordkap gesehen. Das war es! Das wollten wir zusammen machen. Was eignete dafür sich besser als die Hochzeitsreise?

Auf der Hochzeitswunschliste stand dann Geld und Reisematerialien zu oberst. Es kam ziemlich viel zusammen und das zahlten wir auf ein separates Konto ein.

Zurück zum Herbst 2015. Ich entschied mich, unsere Hochzeitsreise alleine zu machen. Ich plante, buchte und beantragte im Geschäft die Ferien. Ich bestellte eine neue ID und einen neuen Pass und kaufte alles ein, was es für diese Reise in die Kälte brauchte.

Im Juni 2016 fuhr ich los ins grosse Abenteuer. Viele haben nicht verstanden, dass ich alleine fuhr. Mir war es egal. Es fühlte sich für mich richtig an. Die Hinfahrt hinauf in den Norden war für mich das Abschied nehmen. Die Rückfahrt nach Hause war mein Neuanfang. Dieses Bild war in mir drin. Ich stellte mir einen alten Schrank mit vielen kleinen Schubladen vor. Auf der Hinreise waren alle Türen offen und ich schloss eine um die andere. Auf der Heimfahrt war alles erledigt, alle Schubladen waren geschlossen – ich konnte neu beginnen.

Silvia hatte ein kleiner Bär als Schlüsselanhänger und diesen habe ich auf die Reise mitgenommen. Ich stand am Nordkap mit dem Bärchen und ihrem Ehering in der Hand. Meinen Ring trug ich noch. Der Bär und der Ring mussten am Nordkap bleiben. Ich war bereit sie über die Klippen zu werfen. Der Bär flog über die Klippen, der Ring blieb bei mir. Es war der Moment, wo ich meinen Ring abgezogen und an meine Halskette gehängt habe. Ihren Ring nahm ich wieder mit nach Hause. Die Ringe gehörten zusammen, sie mussten zusammenbleiben. Heute liegt er in einem Schrank bei mir und das ist gut so. Der Bär hatte mit mir nichts zu tun – die Ringe schon.

Auf der ganzen Reise habe ich oft Musik aus einer unendlich langen Playlist gehört. Auf der Rückfahrt, im Tunnel, der 200m unter dem Meer verläuft, lief plötzlich „always“ von Bon Jovi. Es war das Lied das an ihrer Beerdigung in der Kirche abgespielt wurde. Es war verrückt. Auf der ganzen Reise lief es nie. Bon Jovi begleitete uns oft, wir waren an diversen Konzerten, deshalb auch dieses Lied an der Beerdigung. Und dann per Zufall im Tunnel unter dem Meer. Das war für mich ein Zeichen. Das ist das letzte Lied, es ist der Abschied, ich darf mich nun wieder dem Leben öffnen und neu beginnen.“

„Phuuu Thomas, was für eine wahnsinnig bewegende Geschichte. Vielen herzlichen Dank dafür und Deine Offenheit. Hast Du noch ein Lieblingszitat, das Du mitteilen möchtest?“

„Wenn Du bis zum Hals in der Scheisse steckst, lass den Kopf nicht hängen.“

Ich muss schmunzeln, obwohl mir zum weinen ist… denn so ist Thomas nun mal.


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