„Das Drama ereignete sich vor ungefähr fünfzehn Jahren“, beginnt Anna mit einem tiefen Seufzer und macht eine kurze Pause. Ich merke, dass es ihr immer noch schwer fällt, darüber zu sprechen. Sie hatte mich diesbezüglich bereits vorgewarnt. Ich gebe ihr die nötige Zeit, um zu sich zu sammeln.
„Zu dieser Zeit waren Markus und ich bereits kein Paar mehr, zum Glück. Wir waren noch befreundet und sahen uns regelmässig.
Markus und ich waren ungefähr zehn Jahre zusammen. Anfangs waren wir verliebt, alles war wunderbar, romantisch, schön und der Himmel hing voller rosa Wolken. Wir hatten viele gemeinsame Interessen, hatten beide keinen Kinderwunsch. Wir haben viel unternommen und seine Leidenschaft für teure, schnelle Autos hielt ich zu Anfang noch für sexy und männlich. Dass er sich seine Hobbys und Mätzchen gar nicht leisten konnte wusste ich damals noch nicht. Er wirkte souverän, hatte einen gut bezahlten Job als Chauffeur.
Schon bald zogen wir zusammen und lebten ein gemütliches, ruhiges gemeinsames Leben. Ich war sicher etwas unternehmungslustiger als er, aber auch ich mag keine Hektik und dauerndes Rum Gerenne.
Bald fiel mir auf, dass Markus, egal um was es ging, einen starken Hang zum Übertreiben hatte. Sei es beim Essen, Alkoholkonsum, Rauchen, Einkaufen, Autofahren etc. Ausserdem war er ein furchtbarer Choleriker. Er konnte in einem Moment begeisterungsfähig und lustig sein. Im nächsten dann aber schnell aufbrausend, laut, aggressiv bis hin zu explosiv. Das war oft schwierig einzuordnen, denn wenn von einer Sekunde auf die andere die Stimmung und das Verhalten derart ändert, verunsicherte mich das schon. Er war auch immer der Ärmste, beim kleinsten was nicht in seine Welt passte, fiel er in die Opferrolle und fand kaum mehr heraus. Erst wenn er wieder ordentlich Dampf ablassen konnte wurde er wieder erträglich.
Diese Schwankungen haben mich geärgert und Energie gekostet. Doch ich versuchte jeweils ruhig zu bleiben. Ich wusste ja, mit dem gleichen Gesicht wie er zu spinnen beginnt wird er auch wieder normal. Es war nicht so, dass seine Aggressionen gegen mich gedacht waren, ich war eher seine Klagemauer und die Einzige die verfügbar war. Seine Anfälle und Phasen hatte er interessanterweise nie in Gesellschaft. Deshalb verstand mich auch niemand, wenn ich darüber redete. Alle fanden ihn einen so netten, ruhigen und gemütlichen Mann. Er lacht doch so gern und ist ein lustiger meinten alle. Ja, das stimmte tatsächlich, aber nicht nur.
Es kam der Tag an dem er in seiner aggressiven Stimmung in eine Verkehrskontrolle kam. Mit 100 km/h durch ein Dorf zu fahren ist nicht nur gefährlich und dumm sondern auch teuer. Dazu kam der Umstand, dass er als Chauffeur auf seinen Ausweis angewiesen war. Da habe ich dann auch erfahren, dass dies nicht das erste Mal war, dass er wegen überhöhter Geschwindigkeit und aggressivem Verhalten im Verkehr seinen Führerausweis verlor. So kam er nicht mit ein oder zwei Monaten Entzug davon. Diesmal waren es sechs und das kostet ihn seinen Job. Auch hier wusste er alles besser und nahm einen Gelegenheitsjob als Chauffeur an. Du kannst jetzt gerne raten, wer dann diese Fahrten für ihn an Wochenenden und in der Nacht übernahm. Jawohl, ich die dumme, gutmütige Freundin.
Irgendwann waren diese sechs Monate auch überstanden und erstaunlicherweise fand er relativ rasch wieder eine Anstellung als Chauffeur. Da er ein halbes Jahr kein Einkommen hatte, habe ich alle Ausgaben für ihn gedeckt. Das war nicht wenig, es musste Miete, Versicherungen, Steuern, Lebensunterhalt bezahlt werden. In dieser Zeit kam er auf die Idee, dass er ein neues Auto brauche. Ich war zwar ganz anderer Meinung aber er war ein erwachsener Mann und konnte selbst entscheiden.
Habe ich schon erwähnt, dass er kein Geld für ein neues Auto hatte? Leasen konnte er keines ohne Einkommen. Aus demselben Grund bekam er bei der Bank auch keinen Kredit. Er redete so lange auf mich ein und bettelte, bis ich ihm das Geld vorschoss. Er versprach mir hoch und heilig, alles zurück zu zahlen. Er liess sich sogar auf einen Abzahlungsvertrag mit mir ein. In dem haben wir auch noch die zehntausend Franken Busse eingerechnet, die selbstverständlich auch ich bezahlt hatte. Das waren dann insgesamt 80‘000 Franken die er mir schuldete. Alle anderen Ausgaben während der Arbeitslosigkeit habe ich ihm erlassen. Das war für mich selbstverständlich, dass man füreinander sorgt, wenn einer einmal in Not ist.
Das Leben ging weiter, er begann immer mehr zu Rauchen und Trinken. Drei Päckchen Zigaretten waren an einem Tag normal, am Wochenende konnten es schon mehr sein. Es gab keine Tage ohne Alkohol und das machte mir Sorgen. Er war Chauffeur und durfte so nicht fahren. Doch ihm war es egal. Oftmals nannte er mich überängstlich oder hysterisch. Auch dieses Mal kam es wie es kommen musste. Er verursachte betrunken einen Unfall, das Auto war Totalschaden und der Ausweis für ein Jahr weg. Diese Busse war noch saftiger als die letzte.
Es war alles wie beim letzten Mal. Der Mann war zu feige um aufs Arbeitsamt zu gehen, lieber nahm er ganz komische kleine Jobs an. Einmal verkaufte er Vitaminpräparate, dann wieder Putzmittel, danach Aloe Vera Produkte usw. Ein Wunder, dass er keine Tupperware Partys veranstaltete. Der Erfolg war überschaubar, denn schnell merkte er dass er sich richtig anstrengen musste, um ordentlich Umsatz zu machen. All diese Jobs waren auf dem Schneeballprinzip aufgebaut. Da er kein grosses Netzwerk hatte und selbst faul war, blieb das grosse Geld aus. Seine jeweils anfängliche Euphorie verflog so rasch wie ihm das Geld ausging.
Nach diesem Jahr wollte er sich als Chauffeur selbständig machen. Dann sei er sein eigener Herr und Meister und niemand könnte ihm mehr reinreden. Er könne sich die Arbeitszeiten selbst organisieren und hätte auch mehr Zeit für mich. Aha. Dann schauen wir mal wie das zum klappen kommt. Nur, ohne Auto, kein Chauffeur, keine Firma, kein Lohn. Ich half ihm wieder und seine Schulden bei mir waren nun mehr als zweihundert Tausend Franken. Manchmal streifte mich der Gedanke, dass er vielleicht noch an anderen Orten Schulden hatte. Alles was ich wusste war, dass er sich manchmal eine blaue Note bei seiner Mutter borgte. Diese hatte dann natürlich immer Mitleid mit dem Buben und schenkte sie ihm.
Meine finanziellen Reserven waren geschrumpft. Ich hatte schon ganz jung damit begonnen, monatlich Geld aufs Sparbuch zu legen, damit in schlechten Zeiten oder im Alter ein Polster verfügbar war. Die Meinung war aber nicht, dass mein geliehenes Geld nicht mehr zurück kam.
Unser soziales Netzwerk beschränkte sich mit der Zeit nur noch auf die Familie. Freundschaften zu pflegen wurde immer schwieriger. Einerseits wegen seinem cholerischen Verhalten, anderseits wegen den unregelmässigen Einsätzen als Chauffeur.
Was das Abzahlen der Schulden bei mir anging – das war eher schleppend. Er hatte immer eine Ausrede, warum er wieder nicht zahlen konnte. Ein schlechter Monat, hohe Rechnungen für Benzin und das Auto allgemein, Steuern, Versicherungen. Er zahlte nie regelmässig und auch oft nicht den vereinbarten Betrag.
Irgendwann hatte ich so sehr die Schnauze voll, von allem. Von ihm, seinem Verhalten, den Schulden, seiner sturen Haltung. Er wollte sich nicht ändern, er wollte gar nicht dass etwas besser wurde. Denn für ihn lief es ja glatt und er machte nur was er wollte, schaute nur auf sich. Da verliess ich ihn. Nicht einmal das erschütterte ihn. Er verstand es überhaupt nicht. Es sei doch alles in Ordnung, wir hätten doch ein gutes gemeinsames Leben. Ziemlich schnell fiel er in seine Opferrolle um dann genau so schnell mit Wutausbrüchen zu reagieren.
Ich suchte mir eine Wohnung und zog aus. Das brachte Ruhe in unsere „Beziehung“. Er akzeptierte meinen Entscheid und allmählich konnten wir einen normalen Umgang miteinander pflegen. Wir waren kein Paar mehr, aber sahen uns doch etwa einmal in der Woche. Sei es um zusammen zu essen oder einen Film zu schauen, einen Spaziergang zu machen oder uns mit jemandem aus der Familie zu treffen. Jeder hatte einen Zweitschlüssel zur Wohnung des anderen.
Als wir nicht mehr zusammenwohnten, bekam ich seine Anfälle nicht mehr mit. Ich wurde dadurch ruhiger, ausgeglichener. Ich schlief wieder viel besser und begann mit Aktivitäten die ich vermisst hatte. Ich trieb wieder regelmässig Sport, traf mich mit Freundinnen, machte Ferien an verschiedenen Orten. Es ging mir definitiv besser ohne ihn an meiner Seite.
Eines Tages teilte er mir während einem Nachtessen mit, dass er zu seiner Mutter ziehen würde. Wie bitte? Schuld daran sei ich. Da ich ihm monatlich das Geld aus der Tasche ziehe, weil ich so stur sei und auf dem Abzahlungsvertrag bestünde. Ausserdem würde das Geschäft nicht so viel abwerfen wie er sich das erhofft hatte. Das wunderte mich nicht, denn mit 4 Stunden rumfahren kommt nicht viel rein. Anders ging es nicht, da er am Morgen nicht aus den Federn kam und abends schon früh zu trinken begann.
So zog er bei Mama ein. Diese war natürlich hoch erfreut ihren Lieblingssohn um sich zu haben und ihn von hinten bis vorne zu verwöhnen und betüteln. Das brachte etwas Leben und Farbe in ihr langweiliges Rentnerleben. Es war kaum auszuhalten. Ich sagte mir aber, das geht mich nichts mehr an, so kann er mir wenigstens die Schulden zurückzahlen. Denkste! Mama hatte täglich Verständnis warum der Junge nicht arbeiten konnte. Es gehe ihm nicht gut, er hätte keine Energie dazu. Er sei immer müde. Etwas anderes könne er nicht machen, weil er nichts gelernt hätte. Meine Rede…
Es blieb mir nichts anderes übrig als ihn zu betreiben. Das kam selbstverständlich sehr schlecht an. Ab diesem Tag wurde ich sonntags nicht mehr zu Mamas Braten mit Kartoffelstock eingeladen. Tja dann eben nicht. So kam es, dass wir uns nicht mehr sahen. Auch die bis anhin regelmässigen, freundschaftlichen Anrufe oder sms blieben aus.
Dank der Betreibung zahlte er anfangs tatsächlich regelmässig etwas zurück. Es würde zwar etwa zehn Jahre dauern, bis alles getilgt war, aber das war ok.
An einem Dienstag Morgen um fünf Uhr klingelte es an meiner Tür. Ich tappte in Shirt und Slip verschlafen zur Tür und davor stehen vier bewaffnete Kantonspolizisten. Mit sehr ernster Miene und klaren Worten wurde ich aufgefordert, mich unverzüglich anzuziehen und sie zu begleiten. Ausserdem fragten sie mich, ob ich alleine in der Wohnung sei, um diese dann Raum für Raum mit gezogener Waffe abzusuchen. Mir wurde keine einzige Frage beantwortet. Ich war total verstört und lief in mein Schlafzimmer zurück. Sofort stand der eine Polizist neben mir und erklärte mir meine Rechte. Da sah und hörte ich, dass es eine Polizistin war. Sie erklärte mir, dass ich die Türe nicht schliessen dürfe, nicht mal auf der Toilette. Sie stand vor der offenen Türe als ich mich anzog und die Handtasche musste ich ihr zur Kontrolle überlassen.
So ganz langsam aber sicher wurde mir sehr komisch zu mute. Was war los? Was ist passiert? Ich hatte keine Ahnung. Und Antworten bekam ich weiterhin keine. Wir stiegen ins Polizeiauto und fuhren los. Ich sass auf dem Rücksitz, flankiert von je einem Beamten. Ich wurde in einen Vernehmungsraum gesetzt und verhört. Es war wie in einem Krimi, aber in einem ganz schlechten. Wo waren Sie gestern den ganzen Tag, was haben Sie gemacht. Jede verdammte Minute musste ich rapportieren. Ich musste Zeugen, Namen, Telefonnummern vorbringen es war furchtbar. Da kam mir mit Schrecken in den Sinn dass ich um acht Uhr im Büro sein musste. Netterweise durfte ich unter ihrer Aufsicht den Anruf machen und fürs erste habe ich mich einfach krankgemeldet. Ich hatte ja keine Ahnung wie lange dieser Spuk noch dauern würde.
Weiter ging es. Ob ich eine Waffe besitzen würde. Ja, ich besass tatsächlich eine registrierte SIG SAUER, einen gültigen Waffen- und Trageschein, da ich früher als Personenschützerin gearbeitet hatte. Wo ich meine Waffe aufbewahren würde. In einem abschliessbaren Tresor mit Code. Die Munition separat in einer abgeschlossenen Box im Keller. Sie liessen sich von mir den Wohnungsschlüssel geben, fuhren zurück und überprüften meine Aussage. In dieser Wartezeit kam der Moment wo sich meine fieberhaften Überlegungen und meine tausend Fragen in eine üble Ahnung verwandelten. Ich wusste ja, dass ich gar nichts unrechtes getan hatte. Also musste es jemand aus meinem näheren Umfeld sein. Und da kam mir spontan wirklich nur jemand in den Sinn und das war Markus. Meine Güte, was hatte er angestellt? Es musste etwas sehr Schlimmes sein, dass sie mit derart heftigem Geschütz auffuhren.
Ich begann zu zittern und schluchzen. Eine Beamtin brachte mir mehr Kaffee und Wasser sowie ein Sandwich. Ausser dem Kaffee konnte ich nichts herunterwürgen. Ich versuchte meine Gedanken zu sortieren und irgendeine Struktur reinzubringen. Die Frage nach der Waffe konnte gar nichts gutes bedeuten. Aber sie war seit Jahren im gut verschlossenen Tresor verstaut. Scheisse… der Code war immer noch derselbe wie früher als ich noch mit Markus zusammenwohnte. Ganz sicher habe ich ihm den Code nie mitgeteilt. Aber vielleicht hat er mich einmal beobachtet, wenn ich Geld oder Dokumente aus dem Tresor nahm. Das war zwar eine eher verrückte Theorie, aber nicht unmöglich.
Nach einiger Zeit kamen sie zurück und berichteten mir, der Tresor sei leer. Ausser Dokumenten sei nichts mehr drin. Die Box mit der Munition fehlte gänzlich. Das kann doch nicht wahr sein! Waffe weg, Geld weg? Bitte nicht. Bitte beides nicht. Doch es war so.
Ich verlor vollends die Nerven. Ich war am Ende und habe nur noch geweint, gezittert, Fragen gestellt. Diese wurden mir jetzt beantwortet, offenbar erschien ihnen mein Alibi wasserdicht. Es war ja auch wasserdicht.
Einen Tag zuvor fand in einem Nachbarskanton ein bewaffneter Banküberfall statt. Der Täter wurde von der Sicherheitskamera gefilmt. Es gab glücklicherweise keine Verletzten und der Alarm hat den Täter in die Flucht geschlagen. Sie zeigten mir den Film… ich konnte es nicht glauben. Es war ganz klar Markus. Mit einer Strickmütze auf dem Kopf, aber nicht über dem Gesicht. Wie doof muss man sein, dass man der Kamera sein Gesicht zeigt? Wie arrogant und von sich selbst überzeugt muss man sein, um zu glauben dass man damit durchkommt? Zu guter Letzt wie feige und unfähig muss man sein, dass man ohne Beute flüchtet? Ich fasste das alles nicht.
Langer Rede, kurzer Sinn. Irgendwann einmal hat mir Markus meine Waffe und die Munition gestohlen. Dabei hinterliess er selbstverständlich keine Spuren. Er hatte ja einen Wohnungsschlüssel und offenbar den Code. Immerhin war er so besonnen, Handschuhe zu tragen. Mit der Waffe wollte er die Bank überfallen, da seine Schulden noch viel grösser waren als ich mir vorstellen konnte. Das war sein Plan um seine Probleme zu lösen. Ab jetzt würde er immerhin für einige Zeit Kost und Logis umsonst bekommen. Und ich kein Geld mehr.
Seine Haftstrafe war nicht allzu lang, da niemand zu Schaden kam. Danach kroch er zurück in Mamas Schoss. Er hatte kein Geld, dafür sehr hohe Schulden, keinen Job, keine Freunde, nichts mehr. Damit konnte er nicht umgehen. Eine Woche später warf er sich im Nachbarsdorf vor einen Schnellzug. Das ist das Ende der Geschichte.“
„Phuuu… das war heftig. Ich danke Dir sehr für Dein Vertrauen und Deine nicht alltägliche Geschichte liebe Anna.“
Ich schreibe Geschichten über fast alles. Verbrechen gehören nicht dazu, ausser sie wurden vor Gericht verhandelt und die Strafe ist vom Täter abgesessen. Das macht das Verbrechen nicht besser oder ungeschehen. Doch dann gilt man juristisch gesehen rehabilitiert. Oder der Täter lebt nicht mehr, das macht mich dann nicht zur Mitwisserin. Hier ist beides der Fall. Der Täter hatte seine Strafe abgesessen und lebt mittlerweile nicht mehr.