„Es ist ziemlich genau 42 Jahre her, was ich Dir erzähle. Heute kann ich darüber lachen und bin sogar sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung so gemacht habe.“
„Das klingt jetzt schon interessant, Loris. Lass uns teilhaben…“
„Damals, 1984, besuchte ich die dritten Oberstufe. Ich war nicht gerade das, was man ein cooler Typ nennt. Auch nicht ein Aussenseiter oder Looser. Aber sicher nicht ein It-Boy. Weisst Du noch? Damals in der Schule gab es in jeder Klasse ein It-Girl und oder einen It-Boy. Das waren die richtig beliebten, coolen. Die mit den modernsten Kleidern. Bei den Mädchen waren es diejenigen, die schon früh perfekt frisiert und geschminkt waren. Selbstverständlich mit einer von Natur aus guter Figur. Die Jungs waren lässig, locker, mit coolen Sprüchen, sportlich erfolgreich, hübsch. Sie rauchten alle mit einer Selbstverständlichkeit und Coolness, die mich neidisch machte. Wie konnten sie sich das leisten? Das frage ich mich übrigens heute noch umso mehr, vergleicht man die Preise.
Eines Tages entschloss ich mich cooler zu werden. Weder konnte ich mit einer sportlichen Physis, noch mit dangesagten, teuren Klamotten punkten. Ich musste also kreativ werden. So entschloss ich mich, mit dem Rauchen anzufangen. Das konnte so schwierig nicht sein, wenn es Millionen Menschen auf dieser Welt taten. Dachte ich. Hoffte ich. Denn, wenn ich ehrlich war, fand ich Rauchen etwas unglaublich Grässliches. Alles daran störte mich, alles daran fand ich eklig. Es kostete viel Geld, es roch übel, es gefährdete die Gesundheit. Das einzig im Ansatz Positive war, es sah schon cool aus, wenn man rauchte. Ich empfand es damals genau,so, wie es in einer Zigaretten Werbung suggeriert wurde. Mit dem wilden Pferd in der Prärie, Freiheit, wild sein, unabhängig sein. Übersetzt: cool sein.
Mein Plan stand schnell und war klar. Jeweils Freitag morgens um 7.00 Uhr war Gesangsunterricht in der Schule. In den Wintermonaten war es um diese Zeit noch dunkel. Auf dem Weg zum Schulhaus hatte es einen Kiosk, wo ich meine Zigaretten kaufen würde. Ich wusste auch bereits genau welche. Nicht diese aus der Pferdewerbung. Es gab da noch eine Marke, mit einem cleanen weiss, blau, roten Logo, die wirkten viel schicker auf mich. Eigentlich wäre es viel einfacher gewesen, bei meinen Eltern, die beide starke Raucher waren, eine Zigi zu klauen. Nein, ich wusste es natürlich besser und wollte meine eigene Schachtel kaufen. Schliesslich wäre ich danach auch Raucher und brauchte dann meine eigene Packung. Wie gesagt – so war mein Plan.
An besagtem Freitag Morgen machte ich mich also auf den Schulweg. ich wusste zwar nicht wieviel Zigaretten überhaupt kosteten würden, hatte aber mein Portemonnaie dabei. Das Einzige was ich wusste, sie waren teuer. Um nicht aufzufallen, hatte ich meinen Text minutiös einstudiert um meine gewünschte Marke zu kaufen. Da stand ich dann, der kleine semicoole Loris und erstand meine ersten Zigis. Das lief total glatt und ich war ziemlich stolz. Ich setzte meinen Schulweg fort und das war der Moment, wo ich rauchen lernen wollte. Ich öffnete die Zigipackung, steckte mir eine in den Mund (igitt, war das bereits eklig) und…. hatte weder Feuerzeug noch Streichhölzer dabei. Das war dann richtig blöd. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht, als Nichtraucher.
Eine Woche später, wieder Freitag Morgen, kaufte ich mir am Kiosk auf dem Schulweg ein Feuerzeug. Da war ich dann doch tatsächlich ein bisschen nervös. Denn nun galt es ernst. Ich entfernte mich vom Kiosk, zog erneut das Päckchen Zigaretten hervor, steckte mir eine zwischen die Lippen. Wäääk, es war immer noch eklig. Doch das war der Preis, den ich zahlen musste, wollte. Ich wollte mir beim Gehen rasch die Zigi anzünden um zu merken, das geht so nicht. Es windete. Es nieselte. Also blieb ich stehen und zündete sie an. Nicht wirklich. Nur so ein ganz kleines Bisschen. Um zu merken, dass auch das nicht funktionierte. Ich musste doch an dem Ding ziehen, damit es brennt und die Glut hält. Ich versuchte es wirklich. Ich gab alles. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich habe mein Bestes gegeben. Es ging nicht. Immer, wenn ich auch nur ein ganz klein wenig an dem Gruselstängel zog, hob sich mein Magen, meine Atmung versagte, die Augen tränten.
Ich hatte ungefähr eine Zigarettenlänge lang geübt, um dann ganz ehrlich zu mir zu sein und aufzugeben. Was war ich für eine Lusche. Nicht mal rauchen konnte ich. Aber weisst Du was? Ich war auch sehr erleichtert. Ich hatte es versucht und war gescheitert. Ich war froh. Denn der Ekel war grösser als je zuvor. Jetzt wusste ich es mit Sicherheit, rauchen ist nicht mein Ding. Punkt. Ende der Geschichte. Danke, danke danke an alle Götter, das Universum, an meinen Urinstinkt. Heute, 42 Jahre später, bin ich immer noch Nichtraucher und so froh und dankbar darüber. Es gab in diesen vielen Jahren nicht einen einzigen Moment, wo ich versucht war, doch noch mit dem Rauchen anzufangen.
Vielleicht sollte ich einmal hochrechnen, wieviel Geld ich gespart und wie viele Krebszellen ich nicht gezüchtet habe.“
„Herrlich… vielen herzlichen Dank lieber Loris, das war mutig, lustig, genau richtig und Du darfst stolz auf Dich sein. Verrätst Du mir noch Dein Lieblingszitat?“
„Eigentlich habe ich gar keines. Aber mir kommt spontan folgendes in den Sinn: Wo Rauch ist – ist auch Feuer.“