Rosmarie. Sie ruft mich eines morgens an und sagt, dass sie meine Visitenkarten von einer gemeinsamen Bekannten erhalten hat. Sie sei 87 Jahre alt und würde gerne so ein Bänkligespräch mit mir machen.
Wie goldig – Rosmarie hat eine liebe und freundliche Stimme. Ich erkläre ihr, dass wir sehr gerne einen Termin ausmachen können, jedoch abends, da ich unter Tags arbeite. Drei Tage später besuchte ich sie.
Ich wusste nicht, was mich erwartet, stand vor Ihrer Tür und klingelte. Diese öffnete sich und zwei ältere, lachende, plaudernde Damen standen vor mir. Oha – welche ist wohl Rosmarie, fragte ich mich. Das war schnell geklärt und Rosmarie verabschiedete ihre Besucherin.
Meine Vorstellung war, ich besuche sie und sie erzählt mir eine Geschichte, dann gehe ich wieder. Weit gefehlt. Als erstes fragte sie mich, ob ich von der Arbeit komme und ob ich auch ordentlich Zvieri gegessen hätte. Hatte ich nicht. Ja das hätte sie sich schon gedacht, ich solle mich erstmals setzen. Sie hätte einen frischen Speckzopf und ein Früchtebrot gebacken. Dazu gäbe es Käse (Blümchen) und eine frisch angesetzte Limonade. Es sah wunderbar aus, und genau so schmeckte es auch. Ich habe noch nie im Leben so etwas getrunken. Eiskaltes Wasser mit Minze, Melonenkugeln, und Zitronenscheiben. Perfekt nach einem Tag im 30 Grad heissen, stickigen Büro. Rosmarie hatte für uns auf ihrer kleinen, zauberhaften Terrasse gedeckt. Da sassen wir nebeneinander und ich war tief beeindruckt und dankbar. Für diese Frau, die mir ihr Heim anbot, und mich verköstigte.
Sie wohnt in einer wunderhübschen Alterswohnung, es grünt überall. Als ehemalige Bäuerin hat sie ein gutes Händchen für alles was man pflanzen und erblühen lassen kann.
Ganz natürlich verfielen wir in ein Gespräch. Sie erklärte, dass sie zwei Geschichten zur Auswahl hätte aber nicht sicher sei, welche sie erzählen solle. Ob ich denn einen Wunsch hätte. Nein, den hatte ich nicht. Es sei ihre Geschichte, ihre Entscheidung, erklärte ich. Sie wurde ganz ruhig, schloss die Augen und ging in sich. Dann begann sie. Anfangs war ich nicht sicher, ob das bereits die Geschichte war.
„Ich wuchs auf einem kleinen Bauernhof, etwas ausserhalb eines Dorfes auf. Es war ein guter Start in ein gutes, schönes Leben. Ich hatte keine rebellische, schwierige Teenagerzeit. Wir wuchsen in einer Familie auf, da benahm man sich ganz natürlich. Wir vier Kinder hatten keine Gründe aufmüpfig zu sein. Das meine ich nicht urteilend oder mit dem Finger auf andere zeigend. Aber es war wirklich so.
Wir halfen anderen Menschen, die sozial nicht gut gestellt waren. Mein Vater begleitete viele Männer, die auf dem Weg zur Resozialisierung waren. Zum Beispiel, nach einem Aufenthalt in der Trinkheilanstalt. Wir Kinder waren nie der Mittelpunkt, gehörten aber ganz selbstverständlich dazu. Wir waren Teile des Ganzen und das auf eine natürliche Art und Weise. Das hat mich für den Rest des Lebens geprägt. Es gab mir immer Halt. Ich spür(t)e das immer wieder. Heute nenne ich es ein natürliches Lernprogramm.
Ich mache jetzt einen grossen Zeitsprung. Nach meiner Schulzeit, der Haushaltslehre und meiner bäuerlichen Ausbildung, sagte ich zu meinem Vater: ein Bruder durfte Lehrer werden, die Schwester ist bereits ausgezogen und darf machen, was sie möchte. Dürfte ich allenfalls die Hauspflegerinnen Schule besuchen, damit ich später Familienhelferin werden könnte? Ich wollte nicht warten, bis ich irgendwann doch noch einen Bauer als Mann erwische. Mein Vater lächelte und erlaubte es mir, da ich es mir so sehr wünschte. So besuchte ich nach der Bäuerinnen-Schule die Hauspflegerinnen-Schule. Während drei Jahren habe ich bei Familien welche in Not waren, mitgeholfen. Zum Beispiel, wenn ein Mann oder eine Frau ausfielen, im Spital waren, dann half man wo Hilfe gebraucht wurde. Ich arbeitete im Haushalt, betreute die Kinder, half bei der Pflege, was eben so anfiel. Die Arbeit war damals zwei bis drei Wochen am Stück, danach hatte man ein paar Tage frei. Das gefiel mir sehr. Ich erlebte in dieser Zeit viel Gutes und Schönes, aber auch einige schwierige Situationen, die mir fremd waren. Ich war noch etwas blauäugig und lebte hinter dem Mond. Bis anhin wurde ich von Schicksalsschlägen verschont. Ich war 20 und diese Arbeit tat mir gut. Es hat mich nichts davon verschreckt, aber auf eine gesunde Art geprägt und aufs Leben vorbereitet.
Mit ungefähr 25 Jahren lernte ich meinen Mann kennen. Eigentlich wollte ich noch nach England reisen, zum englisch lernen. Doch er fand, er sei mit 34 schon so alt, dass er nicht auf mich warten wolle. Also fingen wir an, uns Liebesbriefe zu schreiben. Weisst Du, ich wollte nicht einfach so dreinschiessen, sondern das ganze sachte angehen. Ein ganzes Jahr lang schrieben wir einander, dann haben wir uns verlobt. In einem kleinen Tal, rechts und links Wälder, einen kleinen See in der Nähe, es war zauberhaft.
Ich zog zu ihm und freute mich riesig an dem wunderschönen, grossen Bauernhaus mit sieben Zimmern. Allerdings wohnten die Eltern meines Mannes auch noch auf dem Hof. Das war damals normal. Es war das Einzige, was ich mit der Zeit als eine kleine Bürde empfand. Nach sechs Wochen starb die Mutter und der Vater integrierte sich dann vollständig in unsere junge Familie.
Mit der Zeit wurde die Situation immer schwieriger, weil er sich stets in alles eingemischt und reingeredet hatte. Ich muss aber zugeben, er war ein gerechter, netter Mann. Seine Art war einfach schwierig. Er verstand seinen Sohn nicht, dafür hatte es gut mit unseren Kindern. Und diese mochten ihn gerne.
Unser Bauernhof war ein kleines Gewerbe mit zehn eigenen und fünf fremden Hektaren Land. Wir hatten vierzehn Kühe und viele andere Tiere, die bei und mit uns lebten. Katzen, Hunde und ein Miniferkel, das Röbeli hiess. Als es zwei Jahre alt war, sollte es geschlachtet werden. Da bot uns eine Bekannte vierhundert Franken, mit der Bedingung, Röbli nicht zu essen. Doch da half alles nichts. Der liebe Röbli wurde geschlachtet und machte viele Bäuche satt. Würste haben wir auch noch gemacht und verteilt. So hatten alle etwas von Röbeli. So ist das Leben eben auf einem Hof.
In den Schulferien durfte ich immer mindestens vier Kinder zu uns auf den Hof einladen. Sie wurden durch das Sozialamt vermittelte und brauchten dringend eine Auszeit. Dieser Kontakt zum Sozialamt ging zurück in die Zeit, als ich bei den Familien aushalf. Wenn die vier jeweils bei uns waren, gab dass mit unseren dreien ein schönes „Gscherli“. Wir hatten immer eine wunderbare Zeit mit den sieben Rackern auf dem Hof.
Dafür hatte mein Mann extra über den Kühen mit Heuballen und 10 Zentimeter Stroh Betten gebaut. Ich habe fünf Leintücher zusammengenäht, damit das Stroh die Kinder nicht piekste und es nicht so eine Sauerei gab. Herrlich war es. Die Kinder hatten dort ihre Schlafstätte. Sie fanden das toll. Eigentlich schrieb die Fürsorge vor, dass jedem Kind ein eigenes Bett zusteht. Diese wären natürlich auch bereit gestanden.
Wir erlebten viele fröhliche und wenige schwere Stunden mit diesen Kindern. Wir wussten, sie hatten viel erlebt. Sie hatten kein Selbstbewusstsein, das Leben im Kinderheim war schwierig und rauh. Ich hatte nicht die Zeit, um all diese Schicksale zu besprechen oder im Detail auf alles einzugehen. Das wollten sie aber auch nicht. Sie wollten keine Sonderbehandlung sondern in unsere Familie integriert werden und dazugehören. Sie brauchten den normalen Familienalltag. Den konnten wir ihnen bieten. Sogar der Grossvater brachte sich oft ein, hat viel mit ihnen gespielt und sich mit ihnen unterhalten.
Viermal im Jahr kamen immer die gleichen Kinder zu uns. Frühling, Sommer, Herbst und Weihnachten. Da wächst man zusammen, da entstehen Banden. Es waren liebenswürdige, feine Kinder. Umso mehr, wenn man bedenkt, was sie alles schon erleben mussten. Ich könnte manch lustige Geschichte über die Zeit mit ihnen erzählen.
Die Jahre vergingen so schnell und unsere drei Kinder zogen nacheinander aus. Eine Tochter wurde Krankenschwester, die andere Hauspflegerin und der Sohn wurde Bauer.
Jetzt erzähle ich Dir den Teil mit Servas International.
Servas ist ein internationales Netzwerk von Reisenden und Gastgebern, welches während Reisen Kontakte zu Menschen aus anderen Kulturen ermöglicht. Sie bieten Reisenden die Möglichkeit, bei privaten Gastgebern unterzukommen oder diese tagsüber zu treffen und so die Gepflogenheiten und den Alltag der lokalen Bevölkerung besser kennen zu lernen.
Dieses Miteinander unterscheidet Servas von anderen Angeboten und bietet eine alternative, nachhaltige Art zu reisen. Ziel der Organisation ist die Förderung von Frieden, gegenseitiger Unterstützung und Anerkennung sowie Verständnis für einander. Servas ist konfessionell unabhängig und hat als eingetragene NGO einen Beobachterstatus im UNO-Menschenrechtsrat. Heute ist Servas in 127 Ländern weltweit vertreten.
In unserer Gegend hatte es Austauschstudenten aus Amerika. Für diese fand man damals zu wenig Bauernfamilien, die sie für einige Wochen aufnehmen konnten. Wir wurden angefragt, ob wir für die Studenten Kapazität hätten. Ja, das hatten wir.
Das gab eine ganz tolle Sache. Stell dir vor, die Amerikaner dachten, wir Schweizer bestünden nur aus Käser, Bauern oder Banker. Sie wollten natürlich immer die kleine Farm bei uns anschauen. Im Gegensatz zu den gigantischen amerikanischen Farmen war unsere wirklich eine kleine. Sie freuten sich immer und waren gerne hier. Es gab in all den Jahren nie eine negative Erfahrung mit Servas Besuchern. Wir erlebten viele tolle Momente, hörten manch interessante Geschichte, es ergaben sich Freundschaften.
Ausser die beiden Männer die direkt nach einem Kriegseinsatz hier waren. Das waren arme Kerle, komplett traumatisiert vom Krieg. Das kann man sich kaum vorstellen. Sie waren müde, kaputt, völlig fertig. Da kamen wir an unsere Grenzen. Sie hätten an einen Ort gehört, wo sie über ihre Kriegszeit reden konnten. Eher einen therapeutischen Ort, und nicht auf einen kleinen Bauernhof.
Jedes Land hatte ein Adressbuch, wo man sich als Mitglied eintrug. Leider mussten wir dort deklarieren „nur german and a little bit french“. Englisch sprachen wir nicht. Das war nicht förderlich für Gäste aus dem englisch sprachigen Raum. So begann ich mit 45 englisch zu lernen. Das musste sein, weil es vor der Hochzeit nicht möglich war.“
Rosmarie lacht spitzbübisch. Nicht nur jetzt, sondern immer zwischendurch, wenn sie in ihren Erinnerungen schwelgt. Ihr Gesicht und ihre Augen erzählen ihre Geschichte mit. Es ist herrlich. Sie hat eine wunderbare Ausstrahlung und ich habe das Gefühl mitten in ihrem Leben zu sein. Sie reisst mich mit ihrer authentischen, gütigen und wissenden Art mit. Ich bin fasziniert.
„Im November 1989 kamen unsere drei Kinder zu Besuch. Sie kündigten an, dass sie etwas Ernstes mit uns besprechen müssten. Wir konnten uns nicht vorstellen was das sein sollte. Es musste ernst sein, wenn sie gemeinsam anreisten.
Sie hatten einen Plan. Im nächsten September müssten wir für sechs Wochen nach Amerika reisen. Eine Tochter würde unseren Haushalt und die Ferienkinder betreuen. Die andere würde mehr an die Reise bezahlen und der Sohn würde den Hof und die Tiere betreuen. Dies sei Regel Nummer eins.
Regel Nummer zwei war, dass mein Mann bis dann englisch lernen müsse. Sonst sei die Situation die gleiche wie zu Hause. Dass in Amerika auch wieder ich mehr reden würde als er.
Die dritte Regel war, gesund heimzukehren.
Sie haben gemeinsam zehntausend Franken auf unser Bankbüechli eingezahlt, das war unser Ferienbudget. Sie haben uns verboten, das Geld für eine Badezimmer Sanierung oder ein neues Dach zu nutzen. Dann würde der ganze Betrag sofort wieder an die Spender zurück gehen.
Mein Mann begann mit der Abendschule. Wie ein wilder hat er gelernt und geschrieben, da er nur neun Monate Zeit hatte.
Im nächsten September reisten wir nach Amerika. Dort kam uns die Mitgliedschaft von Servas sehr zu gut. Wir kannten mittlerweile viele Leute auf der ganzen Welt. Eine amerikanische Familie war uns speziell ans Herz gewachsen, bei denen durften wir auch wohnen. Von 42 Nächten waren wir nur zehn in einem Motel. Alle anderen Nächte wohnten wir bei Servas Mitgliedern. Das brauchte zwar mehr Zeit, denn eine Regel von Servas besagt, dass man sich mit den Gastgebern und Gästen austauscht.
Wir waren als erstes in Quebec, dort besuchten wir einen ehemaligen Nachbarn. Dann fuhren wir mit dem Mietauto durch Kanada bis nach Vancouver wo wir drei Familien kannten und besuchten. Danach fuhren wir mit dem Greyhound Bus nach Kalifornien. Unser Bus hatte dort eine Panne und wir mussten bei grösster Hitze einen halben Tag sitzen bleiben und warten. Es kam ein neuer Bus und unsere Reise konnte weitergehen. Wir waren in San Francisco, in Tempe, am Crand Canyon, wo wir weitere Familien besuchten.
In New York und Indiana waren wir ebenfalls, Ohio und Richemont waren weitere Stationen. Von dort aus durften wir mit einer kleinen Piper über die Küste fliegen. Das war ein ganz besonderes Erlebnis.
Einmal waren wir bei einer gut betuchten Familie. Die Angestellten und der Gärtner wohnten in einem separaten kleinen Haus nebenan. Als wir uns zum Essen an den Tisch setzten, fragten wir wo die Angestellten seien. Das sei bei Ihnen nicht erlaubt. Wir mussten uns sehr zusammenreissen damit wir nichts sagten. Das waren wir nicht gewohnt. Bei uns zu Hause sassen immer alle gemeinsam am Tisch. Es kam uns fast ein bisschen vor wie zu Zeiten der Sklaverei, wo die Schwarzen und Mexikaner weniger wert waren. Das machte uns wütend und traurig. Es war eine Zweiklassen Gesellschaft.
Es war speziell mit zu erleben, dass Kinder die in Städten wohnten ein ganz anderes Leben führten als wir zu Hause auf dem Land. Dass es in fast allen Schlafzimmern immer eine Klimaanlage gab war uns auch fremd. Was für ein Luxus.
Eine Bekannte lud uns in Manhattan in ein Restaurant im 36. Stockwerk ein. Die Aussicht war absoluter Wahnsinn. So etwas hätten wir uns vorher nicht vorstellen können. Sie schlug uns vor, am nächsten Tag ein Kunstmuseum zu besuchen. Auf dem Weg dorthin müssten wir uns unbedingt an den Händen halten. Das verstanden wir nicht, obwohl wir gerne händehaltend spazieren. Sie erklärte, dass Paare viel weniger überfallen würden, als einzelne Personen. Gut zu wissen. Der Besuch im Museum war ebenfalls phantastisch.
Als wir durch Brooklyn liefen erlebten wir die Armut der Menschen dort. Sie hatten Einkaufs- oder Kinderwagen mit dabei, darin lag ihr ganzes Hab und Gut, ihre Kleidung. Es sah nicht schön aus und roch auch entsprechend in den Strassen. Wir kamen uns komisch vor, als wir essend in einem Strassenkaffee sassen und zusahen, wie rundum die Armut grassiert. Das hat uns sehr nachdenklich gestimmt. Wir waren umso dankbarer, dass es uns so gut ging.
Wir lernten auch Bauern kennen. Diese lebten ein komfortableres Leben als wir in der Schweiz auf dem Hof. Ich hätte das gar nie gewollt, aber es fiel uns als Besucher eben auf. Andere Länder, andere Sitten.
Ah, das habe ich jetzt fast vergessen. An einem Ort wo wir waren kam ein Brief von unseren Kindern für uns an. Sie lägen auf dem Liegestuhl mit Sicht auf den Piz Palü und würden die herrliche Bergwelt bestaunen. In 14 Tagen würden sie nach Australien fliegen, sie hätten unseren Hof verkauft. Fritz, mein Mann blieb ganz ruhig und sagte zu mir: das ist kein Problem dann fliegen wir eben einen Umweg nach Australien. Der Scherz war gelungen, wir haben noch oft darüber gelacht, so wie jetzt gerade auch.
Nach sechs Wochen flogen wir gesund nach Hause und haben somit die dritte Regel erfüllt.
Dass wir diese Reise erleben durften, war ein Hit. Diese Zeit war unvergesslich. Dass unsere Kinder uns dies ermöglichten, war so lieb. Die Organisation und Planung der Reiseroute hatten sie zusammen mit Fritz’s Bruder ausgeheckt.
Wir hatten nie das Bedürfnis zu reisen. Wir hatten ja alles, uns, den Hof, die Tiere, die Servas Gäste und Ferienkinder. Uns fehlte es an nichts. Wir waren rundum glücklich. Doch sie wollten uns ein Tor zur Welt öffnen und das ist ihnen gelungen. Wir waren unglaublich dankbar für diese Erfahrung. Und wie Du wahrscheinlich gerade merkst, fühle ich heute noch so.“
Ich erkenne eine aufsteigende Träne in ihren Augen.
„Später sind wir nicht mehr gereist. Wir bauten auf dem Hof für uns ein Stöckli oberhalb des Pferdestalls. Eigentlich durfte man nur drei Zimmer im Stöckli bewohnen. Da der Grossvater noch bei uns lebte und wir in den Ferien jeweils zwei Gäste mit Handicap beherbergten, konnten wir etwas grosszügiger umbauen. So entstand auf dem gleichen Grundstück unser Stöckli. Wir durften noch 13 Jahre gemeinsam dort leben.
Unser Sohn übernahm den Hof und bewirtschaftete diesen über 27 Jahre lang bestens. Unsere Töchter haben in verschiedenen sozialen Berufen gearbeitet. Allen dreien geht es bis heute gut, worüber ich sehr froh und dankbar bin.
Fritz und ich waren begeisterte Velofahrer und haben viele Touren gemeinsam gemacht. Alle zwei Jahre verbrachten wir mit der Pro Senectute Ferien in der Schweiz.
Eines Tages musste Fritz den Blinddarm operieren lassen und hat dabei einen Spitalkäfer eingefangen. Das war schlimm. Lange Zeit hat die Wunde geeitert, es brauchte viel Geduld bis er wieder auf den Beinen war. Wir meinten dann, alles sei wieder gut. Er musste noch die Hüfte operieren lassen. Nach sechs Wochen haben sich die Nähte wieder geöffnet und entzündet. Alles ging wieder von vorne los. Es war immer noch derselbe Käfer wie beim Blinddarm, der offenbar nie ausgeheilt war. Er musste noch zwei Nachoperationen über sich ergehen lassen. Danach war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte keine Kraft mehr, seine Muskeln hatten sich zurückgebildet. Die Ärzte verboten ihm für die Zukunft Velo zu fahren. Am Schluss hatte ihn noch ein Pilz befallen, weil er auf das Antibiotikum allergisch war.
Da er auf dem Hof nicht mehr mithelfen und kaum mehr über die Wiese gehen konnte, mussten wir eine Lösung finden. Fritz bat mich, uns für eine Alterswohnung anzumelden. Das erstaunte mich sehr. Er hielt es nicht mehr aus, auf dem Hof nicht mitarbeiten zu können.
Nach 13 Jahren verliessen wir unser Stöckli und den Hof. Wir zogen in eine Alterswohnung, die viel schneller frei wurde als wir uns vorgestellt haben. Innert weniger Monaten nach der Anmeldung zogen wir dort ein.
Meine Freundinnen zogen mich auf, dass ich mit 68 zu jung für die Alterssiedlung sei. Ich wusste es besser. Wenn der Mann schon ohne Knurren mitmacht, dann machen wir das jetzt und tun gut daran, dies nicht hinaus zu schieben.
Wir hatten es hier zusammen gut. Da wir direkt beim Bahnhof wohnten, verkauften wir unser Auto. Zwar hatten wir für alles viel länger, aber das war egal wir hatten ja genügend Zeit und mussten nicht mehr hetzen.
Seit fünf Jahren ist Fritz nicht mehr bei mir, er starb mit 88 Jahren.
Ich blieb noch ein Jahr in der Wohnung, dann wechselte ich in diese kleinere hier. Es gefällt mir so gut, ich haben einen freien Blick ins Grüne. Ich wohne im Parterre ohne Angst. Schliesslich haben wir auf dem Hof auch keine Alarmanlage gehabt. Meine Terrasse hier ist voller wunderschöner Pflanzen, Blumen und Kräutern. Ich führe hier ein eigenständiges, schönes Leben. Ich schlafe wunderbar in der Nacht und vermisse nichts.“
„Ich habe das Gefühl, dass Du tief in Dir verankert ein ganz starkes Urvertrauen hast.“
„Ja, das ist so. Ich darf auf Gott vertrauen. Das ist für mich etwas wichtiges und schönes. Es gibt mir sehr viel und ist mir eine Hilfe.“
„Wunderschön, liebe Rosmarie. So ein schönes Schlusswort, ich danke Dir von Herzen für Deine Geschichte, die mich sehr berührt. Ebenso wie Du.“